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Krimi Roman

Volker Kutscher – Lunapark

Es konnte doch nicht das, was sie immer für falsch gehalten hatte, auf einmal richtig sein.

Bereits im vorhergehenden Roman um Kommissar Gereon Rath hatte sich abgezeichnet, wie sich die Gesellschaft unter dem Druck der nationalsozialistischen Regentschaft verändert. Diese Richtung wird in dieser Geschichte weiter verfolgt. Besonders bedrückend ist es, zu sehen, wie die politische Lage Familien spaltet. Gereon und Charly haben Fritze als Pflegekind aufgenommen. Während Gereon sich weiterhin Mühe gibt, die Lage vor sich selbst zu verharmlosen und Charly damit beschäftigt ist, ihren beruflichen Weg in der Anwaltskanzlei ihres jüdischen Freundes fortzusetzen, will Fritze unter dem Druck seiner Mitschüler*innen zur Hitlerjugend. Als 13-Jähriger ist er empfänglich für die Botschaften, die unter dem Deckmantel der Gemeinschaft und des Zusammenhalts für das neue Deutschland verbreitet werden. Die Methoden, mit denen Kinder dazu gebracht werden können, selbst ihre eigenen (Pflege-)Eltern zu bespitzeln, werden nur angedeutet, entfalten jedoch trotzdem ihre beunruhigende Wirkung. Das bereits von Anfang der Beziehung an bestehende (und damit nicht politisch induzierte) Misstrauen zwischen Gereon und Charly erreicht einen neuen Höhepunkt. Beide hüten ihre Geheimnisse einerseits stur und andererseits so unvorsichtig, dass Kleinigkeiten sich zu immer größerem Misstrauen anhäufen.

Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch keine Heimlichkeiten.

Nicht nur durch die Familie der Hauptprotagonist*innen zieht sich eine Spaltung entlang der politischen Konflikte. Auch in anderen Familien herrscht Misstrauen zwischen den überzeugten Anhängern des „neuen Deutschlands“ und den Sozialisten und Kommunisten, die sich zunehmend im Untergrund verstecken müssen. Das obige Zitat kann uns daran erinnern, welchen Wert Privatsphäre hat und wie sie in einem totalitären Staat systematisch ausgemerzt wird. Der Gegenpol dazu ist Edward Snowdens Statement, das nicht oft genug in Erinnerung gerufen werden kann:

NSA whistleblower Edward Snowden says people saying they don’t care about rights to privacy because they ‘have nothing to hide’ are no different than people saying ‘I don’t care about freedom of speech because I have nothing to say’.

Die Berlin-Besuche der letzten zwei Jahre haben wohl dazu geführt, dass mir viele der erwähnten Orte nun in Erinnerung sind, ohne dass ich sie erst auf der Karte nachschlagen muss. Das Hedwigkrankenhaus konnte ich zwar nicht vom Namen her zuordnen, jedoch aber von der Nähe zu den Hackeschen Höfen und der Erwähnung im Rahmen eines sehr schön gestalteten Geocaches. Neben dem Stadtpark Lichtenberg ist mir zwar keine Laubenkolonie in Erinnerung, den Park selbst habe ich jedoch auch schon besucht. Und in der Dircksenstraße im Schatten der Stadtbahnbögen habe ich unter anderem das folgende Foto gemacht:

Fernsehturm Alexanderplatz Berlin Abend bewölkt
Fernsehturm Berlin Alexanderplatz, fotografiert von der Dircksenstraße aus mit der Stadtbahn im Vordergrund

Für das zufriedenstellende Leseerlebnis ist diese Lokalkenntnis absolut nicht erforderlich, für mich hat es jedoch einige Szenen noch besser greifbar gemacht. Es gelingt dem Autor wiederum, die historischen Ereignisse mit erfundenen Kriminalfällen zu verweben und somit einerseits Zeit und Ort der Handlung sehr glaubhaft darzustellen und andererseits auch zu fesseln. Die Geschichte hat mich gestern wachgehalten, ich konnte das Buch nicht weglegen.

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Roman

Olivia Laing – Crudo

Maybe you’re dying and you don’t care anymore. You don’t have anything more to say. In the nothingness, the gray, islands almost disappear into the water.

Mit diesem Buch hatte ich so meine Schwierigkeiten. Der Schreibstil gibt mehr oder weniger eine Art Gedankenprozess der Protagonistin wider, ist sprunghaft, folgt keinem offensichtlichen roten Faden; es fiel mir beim Lesen schwer, auch nur eine Art Mitgefühl für die Protagonistin Kathy zu entwickeln. Zu Beginn wirkt sie in ihrer Selbstbezogenheit einfach unsympathisch, erst mit der Zeit fiel mir auf, dass es sich hier eigentlich um ein psychologisches Profil handelt. Sie wirkt getrieben, auf der ständigen Suche nach Ablenkungen, um sich nicht mit ihrem Innenleben befassen zu müssen. Immer wieder tauchen Träume auf; Alpträume von falschen Häusern oder falschen Möbeln, die sich laienpsychologisch als Versagensangst interpretieren lassen.

She was at the middle of her life, going south, going nowhere, stuck between stations like a broken-down engine.

Das Buch ist zeitlich intensiv im Sommer des Jahres 2017 verortet und doch musste ich das erst auf dem Klappentext nachlesen. Präsident Trump in den USA, Brexit in Großbritannien, diese politischen Wirrungen haben wir nicht etwa hinter uns gelassen; sie prägen unseren Alltag nun schon so lange, dass wir sie schon beinahe nicht mehr wahrnehmen. Die Protagonistin Kathy verbringt ihre Zeit damit, panisch die Nachrichten zu verfolgen und nach weiteren Katastrophen zu suchen. Das Verfolgen des Zerbrechens ihrer Weltordnung gibt ihr paradoxerweise das Gefühl, zumindest über einen kleinen Teil der Realität Kontrolle zu erlangen.

Imagine what a process it was to unnumb yourself, he said, to see it as it actually was. That’s the only reason to be an artist: to escape, to bear witness to this.

Das obige Zitat beschäftigt mich noch immer, weil ich darin zuerst einen Widerspruch gesehen habe. Zu entkommen und gleichzeitig Zeuge zu sein erschien mir in diesem Zusammenhang nicht möglich. Im Absatz davor im Buch wird argumentiert, dass der Nationalsozialismus mit einem Taubheitsgefühl (numbness) gearbeitet hat. Den Menschen wurde das Gefühl vermittelt, dass die Ereignisse viel zu schnell gehen und dass sowieso niemand etwas daran ändern kann. Dieses Gefühl hielt sowohl die Insassen als auch die Bewacher der Konzentrationslager in Schach. Zu entkommen meint daher hier, diesem Taubheitsgefühl zu entkommen und die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich waren. Der Bezug zum Heute wird auf den nächsten Seiten aufgelöst: die Welt verändert sich so schnell, dass wir das Gefühl haben, wir könnten ohnehin nichts tun. Das beste Beispiel dafür ist der Klimawandel. Neben den hartnäckigen Leugnern wächst die Gruppe jener, die die Ansicht vertreten, dass wir als Einzelne*r sowieso nichts ändern können, dass wir machtlos sind. Diesem Taubheitsgefühl sollten wir versuchen, zu entkommen und unser Leben und den gesellschaftlichen Wandel selbst in die Hand nehmen.

Immer wieder erinnerte ich mich beim Lesen dieses Buches an My Year of Rest and Relaxation. Nach wie vor habe ich das Gefühl, nicht verstanden zu haben, worum es dabei eigentlich geht. Dieser Artikel auf Lithub setzt das Buch in Beziehung zu anderen Büchern, deren Protagonistinnen durch Erbe zu Vermögen gekommen sind und dieses nun sinngemäß verschwenden. Immerhin hatte ich die Sehnsucht nach Wiedergeburt, nach dem Aufbruch in ein neues Leben richtig verstanden.

A sincere wish for rebirth much like this one lies behind many of the deranged plans launched by recent inheritress characters.

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Krimi Roman

Eva Rossmann – Wahlkampf

Es geht weiter mit der Recherche in Sachen Literatur-Geocaches und auch in diesem Werk wurde ich fündig. Mehr gibt’s da gerade nicht zu sagen, es handelt sich um einen Krimi im Politik-Milieu, lächelnde Menschen ohne jegliche menschliche Gefühlsregung, korrupte Berater, Geldflüsse hinter den Kulissen, Drohungen und so weiter.

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Krimi Roman

Volker Kutscher – Märzgefallene

„Mein Gott, Charly! Du kannst doch nicht den ganzen Tag Trübsal blasen, nur weil jetzt die Nazis regieren. Das ist doch nur Politik! Das Leben geht weiter!“

Schon am Beginn von Volker Kutschers Krimireihe im Berlin der 1920er Jahre hatte ich erwartet, dass es mit der Machtübernahme der Nazionalsozialisten richtig interessant werden würde. Gerade jetzt ist es auch wichtig, diesen Roman zu lesen und zu empfehlen. Er zeigt nämlich sehr deutlich auf, was sich viele Menschen heutzutage nicht mehr vorstellen oder erklären können: wie hat es dazu kommen können, dass die Nationalsozialisten mit all ihrer Grausamkeit so schnell an so viel Macht kamen und kaum jemand etwas dagegen unternommen hat?

Am Beginn dieses Romans ist Hitler bereits Reichskanzler, es steht jedoch eine Wahl bevor, von der viele erwarten, dass die Nationalsozialisten dabei deutliche Verluste hinnehmen werden müssen. Der Wahlkampf wird jedoch von systematischen Erpressungs- und Einschüchterungsmaßnahmen der SA begleitet. Widerstand wird mundtot gemacht, es breitet sich eine Stimmung aus, in dem Arbeitskollegen nicht mehr über ihre politische Einstellung sprechen, weil sie Angst haben, der Kollege könnte ein Anhänger des Nationalsozialismus sein. Diese Anfänge lassen sich aktuell in Österreich beobachten. Es ist kein Zufall, wenn Innenminister Herbert Kickl in vollem Bewusstsein über die brisante Wortwahl davon spricht, Asylbewerber „konzentriert“ unterbringen zu wollen. Damit provoziert er systematisch Widerspruch und gewinnt somit einen guten Überblick über seine Gegner. Dies können er und seine Partei nun weiter nutzen, um die unliebsamen Gegenstimmen gezielt zu bekämpfen.

Die besondere Leistung in diesem Roman ist, dass es dem Autor gelingt, die unterschiedlichen Standpunkte und Reaktionen der betroffenen Personen darzulegen. Sein Kommissar Rath hat als (zumindest auf dem Papier katholischer) Kriminalpolizist nichts zu befürchten und will sich seinen Alltag nicht von Politik verderben lassen. Er gehört zu jenen, die davon überzeugt sind, dass diese Situation vorbeigehen wird und es sich nicht lohnt, sich überhaupt darüber aufzuregen. Diese Einstellung muss er jedoch bis zum Ende des Romans zumindest stückweise revidieren. Seine Verlobte Charly hingegen ist von der NSDAP, deren Politikern und Maßnahmen von Beginn an angewidert. In ihrer Abteilung wird sie damit beauftragt, jugendliche Banden zu verhören, um angebliche Kommunisten zu entlarven. Die Hitler-Verehrung ihrer Kollegin und Vorgesetzten kann Charly nicht verstehen. Sie entscheidet sich schließlich für den Ausstieg aus dem Polizeidienst, da sie für einen Staat in diesem Zustand nicht mehr arbeiten will.

Aber sie hatte keine andere Wahl gehabt. Weil der Staat, für den sie arbeitete, sich nach und nach in ein missgestaltetes Ungeheuer verwandelt hatte, das nur noch in wenigen Äußerlichkeiten an die deutsche Republik erinnerte, entstellt wie die vielen Kriegsversehrten, die auf Berlins Straßen bettelten.

Der tatsächliche Kriminalfall gerät unter dem Druck der politischen Veränderung in den Hintergrund. Dabei spart der Autor auch diesmal nicht mit Leichen und auch nicht mit Mördern, ohne zu spoilern kann ich nur verraten, dass die Spannung bis zum letzten Moment aufrechterhalten bleibt.

Mitnehmen lässt sich der Rat, nicht die Augen zu verschließen, wenn sich politische Veränderungen ankündigen. Es ist wichtig, dass jeder Einzelne die Augen offen hält, mit seinen Mitmenschen spricht (und damit meine ich persönlich und nicht im Internet) und menschlich fragwürdige Haltungen auch zur Diskussion stellt. Eine menschenwürdige Politik ist das Mindeste, was wir von unserer Regierung einfordern sollten.

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Roman

Iris Hanika – Wie der Müll geordnet wird

Hierbei handelt es sich um ein Leseexperiment. Beim Ausleihen in der Bücherei Wien druckt der Ausleihcomputer immer völlig unnötig einen Registrierkassenbeleg aus. Manchmal findet sich dann so ein Registrierkassenbeleg von anderen Personen in einem Buch. Bisher habe ich die immer weggeworfen, diesmal auch, aber vorher habe ich mir noch eines dieser Bücher ausgeliehen.

Wie weit ist es von mir bis zum Blockwart?, fragte er sich gleich weiter, wo fängt der Faschismus an, und ist Müllaufräumen vielleicht an sich schon eine präfaschistische Tätigkeit?

Und das Ergebnis ist … zwiegespalten. Die erste Hälfte ist so langatmig, dass ich kaum Lust hatte, die wenige Zeit, die mir im Dezember zum Lesen blieb, mit diesem Buch zu verbringen. Der erste Teil erzählt aus der Sicht von Adrian, der ein übersteigertes Bedürfnis nach der Einhaltung der Mülltrennung hat und ansonsten sich bemüht, nur nichts Sinnvolles mit seinem Leben zu machen. Dieser Geisteszustand wird lang und breit erklärt, bis Adrian schließlich eine Art Tagebuch, ein orangefarbenes Heft aus dem Restmüll zieht. Es gehört eigentlich ins Altpapier, doch Adrian nimmt es mit nach Hause, um es zu lesen.

Sie wusste ja nicht, dass Adrian sowieso nicht auf Gesichter reagierte und es darum völlig egal war, welches sie gerade machte. Er sprach mechanisch weiter.

In diesem Heft materialisiert sich nun eine zweite Person, die ihre Geschichte in Bruchstücken erzählt, die von Adrians Kommentaren unterbrochen werden. Es folgt … ein Zeitsprung ins Jahr 1990, Berlin nach dem Mauerfall. Und hier wird die Geschichte plötzlich interessant. Ein paar lebendige Figuren, die tatsächlich einen Charakter und ein Ziel im Leben haben, bevölkern die Geschichte und das Chaos kommt quasi von allein. Die Verbindung wird klar, als der jüngere Adrian auftaucht. In diesem jüngeren Adrian zeigen sich deutlich autistische Züge, die das Verhalten des älteren Adrian, der die Mülltonnen durchsucht, um den Müll zu sortieren, verständlicher macht. Den Geschichten der Nebenfiguren geht es leider nicht so gut, zu viele Fragen bleiben unbeantwortet.

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Krimi Roman

Volker Kutscher – Die Akte Vaterland

Sie ahnte, nein, wusste mit einer plötzlichen Bestimmtheit, dass Worte zu wenig waren angesichts der unglaublichen Unverschämtheit, die sich die Reichsregierung in diesem Augenblick herausnahm. … Die preußische Demokratie hatte soeben ihr Ende gefunden.

Die Bücherei hat es mir angetan. Den Bookworm habe ich zwar noch immer nicht gefunden, aber trotzdem (oder gerade deshalb) gefällt mir die Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz so gut, dass ich mir die Bücher gerade lieber von dort hole, als sie weiterhin in der Onleihe auszuborgen. Einen Teil meiner Bücherliste habe ich kürzlich daraufhin gecheckt, welche der Bücher es überhaupt in der Hauptbücherei gibt. Jetzt brauche ich kurzfristig nur mehr die Verfügbarkeit zu checken. Außerdem darf man die Papierbücher für 4 Wochen ausleihen während man für die digitalen Exemplare bekanntlich zur zwei Wochen Zeit hat. Ein weiterer Vorteil.

Unter anderem habe ich mir den 4. Teil der Gereon-Rath-Reihe ausgeliehen. Mir gefällt nach wie vor der geschichtliche Aspekt sehr gut. Die Geschichte ist im Berlin der 20er-Jahre angesiedelt, die Machtergreifung durch die Nazis steht kurz bevor, in diesem Roman sorgt die Aufhebung des Verbots der SA für Wirbel, ein Putschversuch enthebt die aktuelle Polizeiführung ihres Amtes.

Von all dem bekommt unser Protagonist Gereon Rath kaum etwas mit, er weilt im masurischen Treuburg, versinkt beinahe im Moor und wird dann von dem des Mordes verdächtigten „Indianer“ gleich mehr als einmal gerettet. Seine Beziehung mit Charly, die nach ihrer Rückkehr aus Paris als Kommissaranwärterin einen holprigen Start ihrer Karriere hinnehmen muss, geht ebenfalls in die nächste Phase.

Sowohl das politische Thema als auch Charlys Probleme, als Frau in der Polizeimannschaft ernst genommen zu werden, thematisiert der Autor nicht mit dem Holzhammer, sondern er lässt die betroffenen Figuren zweifeln und hadern und teilweise auch dazulernen. Zum Glück ist der fünfte Fall auch bereits erschienen und in der Hauptbücherei zu haben ;-)

„Haben Sie vielen Dank, dass wir uns treffen konnten“, sagte Rath, obwohl es ihm widerstrebte, sich bei einem Unterweltkönig wie Marlow zu bedanken. Aber er war auf dessen Hilfe angewiesen und so biss er in den sauren Apfel. Immer mal wieder. Jedes Mal schmeckte der Apfel saurer. Und jedes Mal hatte er sich ein bisschen mehr an den sauren Geschmack gewöhnt.

Reading Challenge: A mystery or thriller
(leider passt nichts anderes …)

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Roman Satire

Timur Vermes – Er ist wieder da

Aber man weiß ja, was man von unseren Zeitungen zu halten hat. Da notiert der Schwerhörige, was ihm der Blinde berichtet, der Dorftrottel korrigiert es, und die Kollegen in den anderen Pressehäusern schreiben es ab.

Inzwischen sind schon wieder einige Monate ins Land gegangen, seit die Medienaufregung Timur Vermes Sozial- und Politsatire auf die Bestsellerlisten gespült hat. Viel ist davon nicht geblieben und ob das Buch tatsächlich irgendjemanden zum Nach- oder Umdenken gebracht hat, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen.

Weitere Lücken im Programm stopfte man mit Gebirgsschützen und Blaskapellen, es war derart dürftig, man hätte nur so dreinschlagen mögen in die Reihen des verlogenen Gesindels.

Die Idee ist nicht schlecht, die durchdachte Ausarbeitung jedoch macht das Buch erst so unterhaltsam: Adolf Hitler erwacht im heutigen Berlin, ohne zu wissen, was passiert ist und muss sich nun ohne jeglichen Background durchschlagen. Er wird umgehend als Comedian wahrgenommen und landet bei einer Fernsehfirma, die in diesem täuschend echten „Hitler-Darsteller“, der auch außerhalb der Sendung niemals aus seiner Rolle fällt, eine Goldgrube sehen. Es stellen sich ihm kaum Widerstände entgegen, unter dem Deckmantel der Satire (was ihm eher passiert, als dass er sich diesen Deckmantel selber ausgesucht hätte), plant der „wiedergeborene“ Hitler natürlich einen erneuten Feldzug, um Europa zu erobern.

Parallel dazu wurde von dem Blatte so gut wie jede demokratisch „legitimierte“ Entscheidung als völliger Unsinn entlarvt. Insbesondere der Gedanke der europäischen Einigung war der herrlichen Hetzschrift komplett zuwider.

Höchst amüsant ist die Analyse der Medienlandschaft. Der Autor entlarvt Schmierblätter und die Jagd der Fernsehleute nach der Quote. Er findet immer neue Missverständnisse, die es den Leuten erlauben, sich irgendwie schönzureden, dass es ja nur Satire sei und damit darauf hingewiesen werde, dass „so etwas“ nie wieder passieren dürfe. Damit gibt er schon im Voraus die Antwort auf die Frage, die in der realen Medienberichterstattung über dieses Buch so oft diskutiert wurde: Darf man „darüber“ lachen? Darf man sich „darüber“ lustig machen? Das Ende des Buches suggeriert nicht die Antwort, die man erwarten würde.

Aber der Deutsche ist nun einmal kein Revolutionär. Man muss es sich auch einmal wieder vor Augen halten, dass ihm selbst die sinnvollste, berechtigtste Revolution der deutschen Geschichte 1933 mit einer Wahl ermöglicht werden musste. Eine Revolution nach Vorschrift sozusagen.

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Roman

Milan Kundera – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung. Wie ein Schauspieler, der auf die Bühne kommt, ohne vorher je geprobt zu haben. Was aber kann das Leben wert sein, wenn die erste Probe für das Leben schon das Leben selber ist?

Vor Jahren hatte ich dieses Buch schon einmal gelesen, meine Freundin D. war damals total begeistert davon. Ich erinnere mich noch, dass ich der Geschichte nicht viel abgewinnen konnte, an Näheres erinnere ich mich erwartungsgemäß nicht, dies lag natürlich lange vor dem Beginn meiner Lesenotizen. Heute stelle ich mir vor, dass ich damals die vielen unterschiedlichen Schichten, die dieses Buch untersucht und freilegt, nicht verstehen konnte. Speziell der politische Teil, die Frage nach der Freiheit, dass war mir als junger Mensch bestimmt zu weit weg, um es verstehen zu können. Nun hat mir der liebe Z. dieses Buch zukommen lassen, da er seine eigenen Bestände ausgemistet hat. Eine gute Gelegenheit für eine Neubetrachtung ca. 15 Jahre später.

Wir alle halten es für undenkbar, dass die Liebe unseres Lebens etwas Leichtes, etwas Gewichtloses sein könnte; wir stellen uns vor, dass unsere Liebe ist, was sie sein muss, dass ohne sie unser Leben nicht unser Leben wäre.

Der erste Teil beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Teresa und Tomas. Obwohl von Anfang an klar ist, dass Tomas nebenbei mit anderen Frauen schläft und Teresa darunter leidet, wachsen die beiden zusammen. Tiefenpsychologische Betrachtungen über Teresas Kindheit und das Verhältnis zur Mutter sowie Tomas Beziehung zur Fotografin Sabina erlauben einen Einblick, wie die Beziehung funktioniert (oder manchmal auch nicht funktioniert). Teresas Mutter wird als schamlose Bauersfrau dargestellt und für Teresas gestörtes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper verantwortlich gemacht. Teresa selbst wiederum macht ihren Körper für Tomas Seitensprünge verantwortlich. Ihre Argumentation: Wäre ihr Körper gut genug, bräuchte Tomas keine anderen Frauen. Ihre Alpträume beschreiben diesen inneren Konflikt aus einem weiteren Blickwinkel.

Teresa hatte vor kurzer Zeit erst festgestellt, dass es nicht unangenehm war, von Karenin am neuen Tag begrüßt zu werden. Für ihn war das Aufwachen ein Moment vollkommenen Glücks: naiv und töricht wunderte er sich, wieder auf der Welt zu sein und freute sich aufrichtig.

Mit den späteren Kapiteln habe ich mir zunehmend schwerer getan. Ein dünner Handlungsfaden verbindet Sabina mit Franz. Franz hält sich für einen Gelehrten und beteiligt sich an einem Protestmarsch. Anhand der Intellektuellen, Fotografen, Filmstars wird der (Nicht-)Unterschied zwischen kommunistischem und amerikanischem Kitsch erläutert.

Dieses Lied rührt Sabina, doch nimmt sie ihre eigene Rührung nicht ernst. Sie weiß nur zu gut, dass dieses Lied eine schöne Lüge ist. Und in dem Moment, da der Kitsch als Lüge entlarvt wird, gerät er in den Kontext des Nicht-Kitsches. Er verliert seine autoritäre Macht und ist rührend wie jede andere menschliche Schwäche.

Immer wieder bereitet Kundera scheine scharfsinnigen Schlussfolgerungen über die Natur des Menschen und seine widersprüchlichen Gefühle mit ausgefeilten Gleichnissen vor. Oft kommt dann eine Pointe um die Ecke, mit der absolut nicht zu rechnen war. Es ist geschickt geschrieben und gerade beim Lesen der ersten Kapitel hat es mich mitgerissen, wie Teresa und Tomas nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander sein können. Doch letztlich ist diese Beziehung eine Anhäufung von Unverständnis und unbefriedigten Bedürfnissen. Sind langfristige Beziehungen zum Scheitern verurteilt? Franz trennt sich von seiner Frau Marie-Claude. Sabine trennt sich von Franz. Teresa und Tomas trennen sich nicht und trotzdem ist ihre Beziehung über lange Jahre immer wieder gescheitert. Der versöhnliche Schlussmoment kann auch als Kitsch verstanden werden.

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Roman

Jonas Jonasson – Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Selbst wenn man sich den Witterungsverhältnissen entsprechend gekleidet hat, darf man es mit Fug und Recht als kühn bezeichnen, sich mit einer von Hand gezeichneten Weltkarte und einem Kompass zu einer Himalaya-Überquerung aufzumachen. Eigentlich hätte Allan auch am nördlichen Rand des Gebirges entlangwandern können, und danach nördlich am Aralsee und am Kaspischen Meer vorbei. Doch die Wirklichkeit und die handgefertigte Karte waren nicht ganz deckungsgleich.

Der Hype um diesen Roman bei seiner deutschsprachigen Erscheinung hat mich erst abgeschreckt. Jedoch muss man neidlos anerkennen: an dieser Stelle hat der Mainstream recht. Ein absurdes Roadmovie, das einen ständig laut auflachen lässt. Auf zwei Zeitebenen wird erzählt was Allan Karlsson passiert ist, bevor er aus dem Altersheim ausgerissen ist und was ihm danach zustößt. Beide Geschichten sind an Absurdität kaum zu überbieten.

Sein Ansehen in der Gruppe stieg noch weiter, als er beim Warten auf besseres Wetter in Ermangelung einer sinnvolleren Beschäftigung austüftelte, wie man Schnaps aus Ziegenmilch herstellen könnte.

Ein echter Hacker, dieser Allan. Früher sagte man wohl Lebenskünstler. In seinem langen Leben hat Allan mit dem amerikanischen Präsidenten Truman, dem spanischen General Franco sowie Stalin gezecht und am Bau von mehreren Atombomben mitgewirkt. Kein Wunder, dass er sich im Altersheim langweilt.

Von einem englischen Freund und Bischof hatte er den Tipp bekommen, in den Iran zu gehen – ein Land, in dem die herrschende Religionsfreiheit schrecklich missbraucht werde. So könne man zum Beispiel die Anglikaner im Iran an zwei Händen abzählen, während es von Schiiten, Sunniten, Juden und Anhängern reiner Hokuspokusreligionen nur so wimmelte. Wenn es überhaupt Christen gab, waren es Armenier oder Assyrer, und wie jeder wusste, hatten die Armenier und Assyrer die christliche Lehre hoffnungslos in den falschen Hals gekriegt.

Respektlos macht sich der Autor über alles und jeden lustig und schreckt dabei weder vor Politik noch Religion zurück. Nachdem Allan das Altersheim verlassen hat, stiehlt er einen Koffer voller Geld. Deswegen müssen mehrere Gangster dran glauben, wobei deren Todesfälle eher versehentlich passieren. Der Gangsterboss schließt sich schließlich Allahs Truppe an, die er im Laufe der Reise angesammelt hat. Dazu gehören ein Wilderer, ein Imbissbudenbesitzer, eine Rothaarige und deren Elefant. Muss ich noch mehr sagen?

Ob die geschichtlichen Zusammenhänge ansatzweise stimmen können, ist an dieser Stelle definitiv schon egal. Es wäre einfach halb so lustig, würde sich Allan nicht über die Eigenheiten von Stalin oder dem koreanischen Kim-Jong Il (damals noch ein Kind) wundern. Zähneknirschend schließe ich mich dem Mainstream an. Prädikat: sehr unterhaltsam.

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Krimi Roman

Jo Nesbo – Kakerlaken

Das hat er mir selber gesagt. Dass er das Risiko hast, dass er nicht spielt, wenn er sich nicht sicher ist, zu gewinnen.

Für den Urlaub musste „leichte Kost“ her. Als so leicht erwies sich der zweite Fall von Harry Hole dann jedoch gar nicht. Was mit dem Mord an einem Botschafter beginnt, erweist sich schließlich als kompliziertes Ermittlungsgeflecht im Bereich der Kinderpornografie, natürlich wieder mit einem Showdown am Ende.

In nur drei Tagen war ich durch, ich glaube, so schnell hab ich schon lang kein Buch mehr durchgelesen. Aber wozu soll Urlaub sonst da sein? Naja, wir haben immerhin auch Geocaches in drei Ländern gehoben (darunter alle 7 Caches in San Marino an einem Tag). ;-)