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Erfahrungsbericht Memoir

Oliver Sacks – On The Move. Mein Leben

CN dieses Buch: Krankheit, Wachkoma, Sterben
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Vor einigen Jahren hatte ich bereits ein Buch von Oliver Sacks gelesen, das sich mit seiner Arbeit mit Wachkomapatienten beschäftigt. Es gelingt ihm dabei, komplizierte Krankheitsverläufe und Patientengeschichten auch für nicht medizinisch ausgebildete Leser:innen zugänglich zu machen. In seiner Autobiografie erzählt er, wie er zur Medizin, bzw. spezifischer zur Neurologie und zum Schreiben gekommen ist, wie ihn seine Familie beeinflusst hat, aber auch von vielen Persönlichkeiten, mit denen er im Rahmen seiner wissenschaftlichen Karriere zusammen gearbeitet hat.

Die deutsche Übersetzung erschien mir nicht so gelungen. Wobei ich mich immer wieder frage, ob das tatsächlich an einer schlechten Übersetzung liegt, oder ob mir der Plauderton, in dem der Autor seine Lebensgeschichte Revue passieren lässt, im englischen Original vielleicht gar nicht negativ aufgefallen wäre.

Nichtsdestotrotz bietet das Buch umfassende Einblicke in das Leben eines forschenden Neurologen, spart aber auch seine privaten Erfahrungen als (mehr oder weniger offen) homosexueller Mann nicht aus. Vielleicht hat mich auch die intensiv positive Grundstimmung irritiert, mit dem Oliver Sacks an seine Lebensgeschichte heran geht. Auch erlebte Rückschläge betrachtet er im Allgemeinen als Lerngelegenheiten. Eine Perspektive, die sich vermutlich erst mit steigendem Alter einnehmen lässt.

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Roman

Felix Mitterer – Keiner von uns

CN dieses Buch: Gewalt, Mord, sexueller Missbrauch von Kindern, Vergewaltigung, Verstümmelung, Folter, Rassismus, Prostitution
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Die obige Liste an Content Notices klingt schlimmer als bei Game of Thrones … Tatsächlich enthält das Buch einige sehr üble Details, ist aber im Großen und Ganzen kaum schlimmer als die Folge einer Krimiserie, wie sie oft schon am Nachmittag im Privatfernsehen zu sehen ist. Nach diesem relativierenden Hinweis nun zum Autor.

Felix Mitterer wird im Allgemeinen als modernes österreichisches Literatur-Nationalgut behandelt. Bereits in meiner frühen Schulzeit lernte ich sein Kinderbuch Superhenne Hanna kennen, in späteren Schuljahren begegneten mir immer wieder seine Theaterstücke wie zum Beispiel Kein Platz für Idioten oder In der Löwengrube. Dass er 2020 seinen ersten Roman veröffentlicht hat, wurde mir jedoch erst durch einen Literatur-Geocache nahe gebracht.

Die Geschichte ist eine Fiktionalisierung des Lebens von Angelo Soliman, seiner Frau Clara und seiner Tochter Josephine. Viele historische Details scheinen korrekt (etwa der Todestag von Wolfang Amadeus Mozart und seine Bestattung in einem Massengrab), die Einblicke in die Gefühlswelten der Protagonist:innen und die Verbindungen zum Kaiserhaus sind genau so offensichtlich Fiktion. Mit Gusto zeichnet der Autor etwa die historisch dokumentierte flapsige Persönlichkeit des berühmten Komponisten nach. Er erfindet auch eine sehr gut in seinen Roman passende Entstehungsgeschichte für das von Mozart unvollendete Requiem, das auch heute noch Stoff für Diskussionen und Mythen bildet.

Mitterer versucht, seine Frauenfiguren stärker darzustellen, als es die damalige Zeit zugelassen hätte (ein Problem, das mich kürzlich auch schon in einem anderen Roman gestört hat). Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die meisten Charaktere eindeutig gut oder böse dargestellt werden. Der grausame Professor, die warmherzige Hure, der treue Krüppel, die kämpferische Tochter … all diesen Figuren fehlt es an Tiefe. Der Ausbruch aus dem Narrenturm zeigt deutliche Züge des Deus-ex-machina-Prinzips.

Trotz dieser Kritikpunkte habe ich den Roman großteils gern gelesen und mich auch an den Details aus dieser historischen Epoche erfreut. Nicht unerwähnt lassen möchte ich natürlich auch die gesellschaftskritische Komponente, die in nahezu allen Werken von Felix Mitterer tonangebend ist, und auch hier schon im Titel des Werks anklingt. Irgendwie würde mich sehr interessieren, was meine ehemalige Deutsch-Professorin zu diesem Werk zu sagen hätte.

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English Roman

Marie Benedict – The Other Einstein

CN dieses Buch: –
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I had tried my hardest to become his ideal, no matter the toll it took on my studies.

Dieser Roman ist eine fiktionalisierte Erzählung über das Leben von Mileva Marić. Sie war die erste Serbin und eine der ersten Frauen, die ein Mathematik- und Physikstudium absolvierte. Am Polytechnikum in Zürich lernte sie Albert Einstein kennen und wurde später seine erste Ehefrau. Das Buch hält sich in vielen Details an die Fakten, die auch im Wikipedia-Artikel zu Mileva Marić nachzulesen sind. Es erzählt aus der Perspektive von Mileva selbst, die als eine der ersten Frauen in einer Männer-Domäne um Respekt kämpft, jedoch von den Realitäten der damaligen Gesellschaft immer wieder eingeholt wird.

Die Autorin betont in der Author’s Note: „the book is, first and foremost, fiction“. Und gerade deshalb hätte ich mir vielleicht eher eine alternative Version dieser Geschichte gewünscht, in der Mileva sich aus den Fesseln der Gesellschaft befreit und einen anderen Weg einschlägt.

Die von ihrem Vater zu einer selbständigen und willensstarken Frau erzogene Mileva lässt sich von Albert Einstein und seinen progressiven Fantasien vom gemeinsamen Bohème-Leben (hier mit einem Fokus auf die Fortschrittlichkeit der Partnerschaft) schließlich zur Überschreitung der gesellschaftlichen Grenzen verführen und wird prompt mit einer ungewollten Schwangerschaft gestraft. Der Kindsvater lässt sie im Stich. („But Albert never came.“) Nicht nur in Bezug auf die Schwangerschaft, sondern in weiterer Folge auch indem er selbst die Lorbeeren für ihre Leistungen einstreift und ihre Beiträge zu seinen Theorien marginalisiert („What does it matter, Dollie? Aren’t we Ein Stein? One stone?“). Die stolze Mileva will einen anderen Weg für sich und ihr Kind suchen, doch die Mutter besteht darauf, dass Mileva alles tun muss, um die Heirat mit dem abwesenden Albert zu ermöglichen. Selbst wenn sie dafür ihr eigenes Kind zurücklassen muss („Listen to me, Mitza. Do you remember our conversation about making a proper family for Lieserl?“).

Besonders bitter erscheint ein fiktives Gespräch, dass Mileva mit der erfolgreichen Physikerin Marie Curie führt. Diese führt aus, wie ihr Ehemann Pierre Curie ihre Forschung förderte und sie auch in den damals üblichen Männerclubs stets verteidigte und unterstützte. Genau das, was sich Mileva von ihrem eigenen Partner gewünscht hätte und das Gegenteil von dem, was sie bekommen hat.

Mir war der Name Mileva Marić nicht völlig unbekannt, weil im Rahmen einer Veranstaltung, an deren Organisation ich beteiligt war, alle Räume nach bekannten Frauen in der Wissenschaft benannt wurden (das vollständige PDF der Raumbeschilderung ist im Wiki unter Design zu finden). Daher hatte ich mich gefreut, ein Buch über ihr Leben zu finden, fiktionalisiert oder nicht. Vermutlich war es mir in Wirklichkeit zu nahe an der Realität, mit der Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts konfrontiert waren.

Raumschild SE 125 Mileva Marić
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English Erfahrungsbericht Memoir

Juli Berwald – Spineless. The Science of Jellyfish and the Art of Growing a Backbone

CN dieses Buch: Gewalt gegen Tiere
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I’ve left those dreams to others. I turned and walked down the stairs, slipping into the space I’d begun to create for myself.

An diesem einen Abend hat es mich gepackt und ich wollte jetzt und gleich dieses Buch lesen, das irgendwo in der Mitte meiner To-Read-Tabelle seit einiger Zeit herumsteht. Die moderne Technik macht es möglich, tatsächlich ein eBook zu kaufen und sofort loszulesen. Nicht auszudenken, was ich während der aktuellen Situation getan hätte, wenn ich nicht so einfachen digitalen Zugriff auf Unmengen an Büchern hätte. Meistens muss ich sie nicht mal kaufen, weil ich sie digital ausleihen kann. Dankbarkeit für die kleinen Dinge, die uns das Leben erleichtern.

Beim Lesen dieses Buchs musste ich immer wieder im Internet nach Bildern suchen, weil ich mir die beschriebenen Arten von Jellyfish (das Wort ist einfach viel netter als das deutschsprachige Qualle) auf Bildern ansehen wollte. Da gibt es wirklich lustige Exemplare wie zB fried-egg jellyfish, aber auch riesige wie zB barrel jellyfish. Außerdem erinnerte mich die Beschreibung der sehr giftigen box jellys an Shannon Leone Fowler – Travelling with Ghosts, ein Buch, in dem die Autorin ihren Trauer- und Genesungsprozess nach dem Tod ihres Partners aufgrund eines Zusammenstoßes mit dieser Quallenart beschreibt.

Juli Berwalds Buch enthält viele verschiedene Aspekte zum Thema Jellyfish. Sie betrachtet das Thema aus wissenschaftlichen, ökologischen, ökonomischen Perspektiven. Indem sie sich mit Wissenschaftler*innen weltweit zu diesem Thema austauscht, lernt sie über die Bedeutung der Quallen im Ökosystem des Meeres, was ihre Verbreitung begünstigt aber auch was sie gefährdet (in erster Linie die Erwärmung und steigende Säuerung der Meere). Sie beschreibt ihre Reisen zu verschiedenen Orten, an denen sich Quallen beobachten lassen (Japan, Spanien, Israel, Italien – ich hätte gar nicht gedacht, dass es im Mittelmeer Quallen gibt …) und die Menschen, die sie auf diesen Reisen begleitet, was sie antreibt, warum sie sich mit dieser speziellen Tierart befassen und was sie daraus fürs Leben mitnehmen.

Es ist zugleich ein Sachbuch und ein Erfahrungsbericht. Mir hat dieses Format extrem gut gefallen. Ihr persönlicher Zugang hat dieses Thema für mich spannend gemacht, ich wäre sonst sicher nie auf die Idee gekommen, mir Bilder von unterschiedlichen Quallenarten anzusehen. Es gibt da eine unvorstellbare Vielfalt an Meeresbewohnern (sucht doch mal im Internet nach bloody-belly comb jelly …). Ihre Beschreibungen von rauhen Bootsfahrten mit Quallenfischern am untersten Zipfel von Japan oder Schnorcheltrips in Eilat am Golf von Akaba (die Stadt war mir bisher schon bei einem GeoGuessr-Spiel [ein Fernbeziehungsvergnügen] begegnet) haben in mir großes Fernweh entzündet. Ich hoffe wirklich, dass wir bald wieder reisen können, sonst komm ich nie dazu, all diese Orte zu besuchen, die ich bisher nur aus Büchern und Beschreibungen kenne.

As we age, our fire continues to burn, though sometimes the live coals become buried unter the ashes. The jellyfish helped me dig down to a fire inside.

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English Erfahrungsbericht

Paul Kalanithi – When Breath Becomes Air

What makes life meaningful enough to go on living?

Erstmals habe ich ein Buch gelesen, das im 3 Books Podcast von Neil Pasricha erwähnt wurde. Allerdings erst, nachdem ich auch das Gespräch mit Lucy Kalanithi, der Witwe des Autors, im Podcast von Kate Bowler Everything happens gehört habe. Und dann kam noch ein bißchen Zufall hinzu.

Im ersten Teil des Buchs reflektiert der Autor über seine Entscheidung, Neurochirurg zu werden. Sein Studium der Literatur führte ihn eher zu mehr Fragen als Antworten und sein Streben, „to understand how the brain could give rise to an organism capable of finding meaning in the world“ ließ sich aus Büchern nicht erfüllen. Fragen nach der Bedeutung, nach dem, was unser Leben lebenswert macht, treiben ihn schließlich zum Medizinstudium und bis an den Punkt, an dem er selbst eine Krebsdiagnose erhält.

It would mean setting aside literature. But it would allow me a chance to find answers that are not in books, to find a different sort of sublime, to forge relationships with the suffering, and to keep following the questions of what makes human life meaningful, even in the face of death and decay.

Im zweiten Teil gehen seine Reflexionen noch deutlich tiefer. Er versucht Antworten darauf zu geben, wie sich unser Leben durch die Diagnose einer unheilbaren Krankheit verändert. Er wägt ab: Was würde ich tun, wenn ich wüsste, dass ich noch 6 Monate, 1 Jahr oder 10 Jahre zu leben hätte? Die Antworten auf diese Fragen fallen sehr unterschiedlich aus. Was ist noch wichtig, wenn wir wissen, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt? Der zweite Teil enthält auch eine in meinen Augen sehr ausgefeilte Argumentation, warum sich der Glaube an Gott und der Glaube an Wissenschaft nicht gegenseitig ausschließen. Das folgende Zitat gibt nur den Schluss wieder, die Herleitung ist jedoch in meinen Augen das eigentliche Meisterstück.

It is to say, though, that if you believe that science provides no basis for God, then you are almost obligated to conclude that science provides no basis for meaning and, therefore, life itself doesn’t have any.

Das letzte Kapitel ist von Lucy Kalanithi geschrieben und erzählt von Pauls letzten Tagen und ihrer Erinnerung an ihn und wie er durch das Buch und in der gemeinsamen Tochter und den Erinnerungen der Menschen weiterlebt. Sie beschreibt, dass seine Krankheit tragisch war, aber sein Leben selbst keine Tragödie. Sie erzählt von seinem Versuch, weiterzuleben, nicht auf der Suche nach einer unwahrscheinlichen Heilung, sondern auf der Suche nach einem Leben, dass immer noch Raum für bedeutungsvolle Momente bietet.

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English Memoir

Tara Westover – Educated

In retrospect, I see that this was my education, the one that would matter: the hours I spent sitting at a borrowed desk, struggling to parse narrow strands of Mormon doctrine in mimicry of a brother who’d deserted me. The skill I was learning was a crucial one, the patience to read things I could not yet understand.

Dieses Buch wurde von Parnassus und sicher auch auf Lithub viele Male empfohlen, ich hatte es auf meiner Leseliste in der Overdrive eLibrary App, lange war es nicht verfügbar. Inzwischen wusste ich absolut nicht mehr, was mich überhaupt erwartet und war dann doch eher erstaunt und getroffen von der schonungslosen Erzählung des Aufwachsens einer Mormonin, deren Mutter allein auf die Heilkraft von Kräutern vertraut und deren Vater sich auf den nahenden Weltuntergang vorbereitet.

What was important to me wasn’t love or friendship, but my ability to lie convincingly to myself: to believe I was strong.

Die Autorin berichtet von Manipulation und Gewalt durch einen ihrer Brüder, geduldet durch ihre Eltern und die einzige Möglichkeit, die ihr blieb, um trotzdem zu überleben: sich selbst einzureden, dass nichts sie berühren kann.

I had come to belive that the ability to evaluate many ideas, many histories, many points of view, was at the heart of what it means to self-create.

Als sie schließlich gegen den Willen ihrer Eltern aufs College geht, wird ihr klar, wie klein ihre Welt bisher war und wie viel Wissen ihr vorenthalten wurde. Diese neue Weltsicht entfremdet sie endgültig von ihrer Familie. Sie scheitert an dem Versuch, zuhause eine andere zu sein als sie am College ist. Eine bedrückende und beeindruckende Entwicklungsgeschichte.

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Sachbuch

Emily & Amelia Nagoski – Burnout

Selbsthilfebücher für Frauen gibt es zuhauf. Erst war ich spektisch, als ich die Empfehlung bei Parnassus las, aber dann hat mich das Konzept doch so schnell überzeugt, dass ich das Buch sogar sofort lesen wollte und daher die Kindle-Version gekauft habe.

Die Autorinnen versuchen genau das Gegenteil der traditionellen Selbsthilfe: mit den bekannten Traditionen zu brechen. Ratschläge für Frauen, die sich gestresst fühlen oder allgemein irgendwie unzufrieden mit ihrem Leben sind, orientieren sich oft an materiellen Dingen: (mehr) Sport, Ernährung, mindfulness/Achtsamkeit, Körperpflege, gratitude/Dankbarkeit. Ich hatte in der Vergangenheit des Öfteren das Gefühl, dass viele dieser Dinge nur ein zusätzliches To-Do sind, das wir als Frauen auch noch erledigen sollten und wenn wir das nicht unterbringen, dann sind wir selbst schuld, wenn wir uns nicht wohl fühlen. Diese Sichtweise teilen auch die Autorinnen. Nichts davon ist schädlich an sich, vieles kann uns tatsächlich weiterhelfen, aber meistens nur kurzfristig, wenn sich an den strukturellen Gegebenheiten nichts ändert. Diese strukturellen Gegebenheiten und was wir tatsächlich dagegen tun können, sind das Thema dieses Buchs.

Das Buch betrachtet das Phänomen Burnout durch die Brille der Wissenschaft. Studien zu diversen Themen werden zititert, die Qualität dieser Studien wird naturgemäß variieren und Forschungsergebnisse sind im Allgemeinen auch mit etwas Vorsicht zu genießen. Vertrauenerweckend fand ich jedoch, dass die Autorinnen zu Beginn auch erklären, dass Forschungsergebnisse immer vorläufig sind. Sie stellen kein fertiges Wissen dar, sie „beweisen“ nichts, sie liefern uns nur das, was wir mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft und ihrer Methodik wissen können. Forschungsergebnisse müssen wiederholt geprüft und bisweilen auch verworfen werden. Sie sind niemals endgültig. Weiters weisen die Autorinnen darauf hin, dass die im Buch zitierten Forschungsergebnisse sich auf Frauen in dem folgenden Sinn beziehen: Personen, die in einem Körper mit weiblichen Geschlechtsorganen geboren wurden, in der entsprechenden Geschlechterrolle erzogen wurden und sich auch selbst als Frau in einem psychologischen und sozialen Sinn wohl fühlen. Diese Einschränkung ist notwendig, da es aufgrund zu geringer Fallzahlen nahezu keine Ergebnisse zu Transgender- oder Nonbinary-Personen gibt.

Im Zusammenhang mit Burnout denken vermutlich die meisten Menschen an schwierige und anstrengende Job-Situationen: Lehrkräfte, Ärztinnen und Ärzte, Sozialarbeiter*innen, Menschen, deren Job es ist, für das Wohlbefinden anderer Menschen zu sorgen. Die Doppelbelastung durch Job und Familie belastet Eltern insbesondere. Der Druck des Kapitalismus und des ständigen Vergleichs mit anderen in den sozialen Medien trägt weiters zur Beschleunigung des Alltags bei. Neben diesen äußeren Stressfaktoren können jedoch auch innere Stressfaktoren, die weder für die Betroffenen noch für Außenstehende so einfach wahrnehmbar sind, das Wohlbefinden beeinträchtigen: zum Beispiel Selbstkritik, Identität, Erinnerungen oder Zukunftsängste.

Stressfaktoren sind der Löwe (oder Säbelzahntiger) der heutigen Zeit. Sie erzeugen Stresshormone in unserem Körper, die nicht abgebaut werden, denn wir laufen selten vor unseren Säbelzahntigern davon. Wir müssen uns beherrschen, lächeln, unsere Gefühle unterdrücken, nicht aus der Reihe tanzen. Das beste Mittel, um diese Stresshormone abzubauen, ist laut den Autorinnen Sport (jegliche körperliche Betätigung im Prinzip). Dabei verändern sich Atemrythmus und Herzschlag und wenn die Phase der körperlichen Betätigung vorbei ist, kann sich der Körper entspannen und damit ist der aktuelle Stress fürs Erste abgebaut. Andere Möglichkeiten sind der Austausch mit uns nahestehenden Menschen, der Sicherheit gibt, der uns zeigt, dass wir nicht (mehr) in Gefahr sind (kein Säbelzahntiger in Sicht). Entspannungstechniken, die auf der bewussten Anspannung und Entspannung von Muskeln basieren, können einen ähnlichen Effekt ausüben. Was definitiv nicht funktioniert: sich selbst zu sagen, dass alles in Ordnung ist. Es geht hier nicht um eine Verstandesentscheidung. Stress kann nicht vom Gehirn alleine bewältigt werden, sondern muss vom gesamten Körper verarbeitet werden.

Eine wichtige Begrifflichkeit ist das Human Giver Syndrome. Damit bezeichnen die Autorinnen das Gefühl oder die Vorstellung, den Menschen in unserer Umgebung schuldig zu sein, dass wir in jedem Moment ruhig, glücklich, großzügig gegenüber allen sind. Gelingt uns das nicht, legen wir uns das selbst als persönliches Versagen aus und mindern somit unser Selbstwertgefühl. Dieses Verhalten beruht auf der gesellschaftlichen Struktur, die Frauen jahrhundertelang als Menschen zweiter Klasse behandelt hat, die einzig und allein auf der Welt sind, um zu dienen. In diesem Zusammenhang beklagen die Autorinnen auch einen Mangel an weiblicher Solidarität: Frauen, die aus dem traditionellen weiblichen Rollenbild ausbrechen, aufstehen und ihren eigenen Weg gehen, bekommen oft zu hören, was sie sich eigentlich einbilden, was mit ihnen falsch ist und dass sie sich gefälligst an die Regeln halten sollen (get back in line). Dieses Phänomen basiert oft auf Neid. Wenn ich mich an die Regeln halten muss, dann soll die andere das auch.

In weiteren Kapiteln wird das Thema Körperbild und Selbstwahrnehmung hinterfragt und der Body Mass Index als Messinstrument kritisiert. (Für mich ein interessantes Detail am Rande: Menschen am unteren Ende des BMI-Normalbereichs haben in vielen Bereichen ein höheres Gesundheitsrisiko als Menschen, die laut BMI-Skala als übergewichtig gelten.) Die Bedeutung von Schlaf für das körperliche Wohlbefinden wird ebenfalls thematisiert. Viele andere Themen sind den meisten Leser*innen sicher bekannt (Perfektionismus macht uns unglücklich, self-compassion), werden jedoch von den Autorinnen nicht nur behauptet sondern in ihre Bestandteile dekonstruiert und analysiert.

Der populärwissenschaftliche Zugang in Verbindung mit popkulturellen Themen und dem Erzählen von Geschichten macht das scheinbar trockene Thema lebendig und nahbar. Für mich waren einige neue Blickwinkel dabei und ich kann dieses Buch nur jeder gestressten Frau (und ihren Partnern, Kindern, Bezugspersonen) empfehlen.

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Sachbuch

Barry Swartz – The Paradox of Choice

Der Autor beschäftigt sich in diesem Buch mit der Frage, wie Menschen eine Entscheidung treffen und welche Faktoren diesen Entscheidungsfindungsprozess beeinflussen. Die Ausgangssituation: Noch nie gab es so viel Freiheit für Menschen, zu wählen, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Das beginnt bei der Frage der Ausbildung, des Wohnorts, des Partners und endet bei den kleinen alltäglichen Entscheidungen wie dem Kauf einer Hose oder der Auswahl einer Mahlzeit in einem Restaurant.

Generell scheint es logisch und wird vom Autor auch mit wissenschaftlichen Studien belegt, dass die Möglichkeit, zu wählen, auf Menschen einen positiven Effekt hat. Wir wollen die Kontrolle haben und uns frei entscheiden können. Wenn die Möglichkeiten, die uns zur Auswahl zur Verfügung stehen, jedoch so umfangreich sind, dass wir sie nicht mehr überblicken können, dann kehrt sich diese Möglichkeit der freien Entscheidung in einen negativen Effekt um.

Ein wissenschaftliches Beispiel dazu: Studenten dürfen aus einer Auswahl an Schokoladensorten kosten und bekommen anschließend eine Schokoladensorte ihrer Wahl oder ein anderes Geschenk als Dankeschön. Dabei zeigte sich, dass Studenten, die aus einer kleineren Auswahl an Schokoladensorten auswählen durften, eher dazu neigen, die Schokolade als Dankeschön zu wählen anstatt des anderen Geschenks. Mit ihrer Auswahl waren sie dann auch noch viel zufriedener als jene Studenten, die mit einer größeren Auswahl an Schokoloadensorten konfrontiert waren.

Daraus leitet Schwartz ab, dass eine größere Auswahl eher zu dem Gefühl führt, etwas verpasst zu haben oder möglicherweise die falsche Auswahl zu treffen. Er beschreibt das Konzept der Opportunity Costs: jede Auswahl bedeutet auch, andere Optionen nicht gewählt zu haben, diese entgangenen Möglichkeiten werden als Opportunity Costs (Alternativkosten) bezeichnet.

Comparisons are the only meaningful benchmark.

Der Autor beschreibt weiters, warum Vergleiche zur Unzufriedenheit beitragen. Einerseits steht uns nur der Vergleich als Möglichkeit zur Verfügung, um die Qualität einer Entscheidung zu bemessen. Andererseits kann ein Vergleich dazu führen, dass wir mit einer Entscheidung unzufrieden sind, die wir ohne Vergleich gar nicht erst in Frage gestellt hätten. Wenn im Restaurant das Gericht, für das wir uns nicht entschieden haben, an den Nebentisch getragen wird und viel ansprechender aussieht als dasjenige, das vor uns steht, dann wird die eigene Entscheidung dadurch erst abgewertet, die entgangene Möglichkeit vor Augen zu haben.

Das Buch schließt mit einigen Empfehlungen, wie wir uns der Fülle an Möglichkeiten und notwendigen Entscheidungen stellen können. Die Zusammenfassung: entscheiden, welche Entscheidungen wirklich wichtig sind. Ein Gericht in einem Restaurant auszuwählen, ist eine Entscheidung, die genau für diesen einen Tag wichtig ist, aber definitiv keine langfristigen Auswirkungen haben wird (potenzielle Salmonellenvergiftungen mal ausgenommen …). Die Entscheidung für eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz hingegen sollte abgewogen und nach rationalen Kriterien bewertet werden.

We must decide, individually, when choice really matters and focus our energies there, even if it means letting many other opportunities pass us by. The choice of when to be a chooser may be the most important choice we have to make.

Für alle, die an Speisekarten nicht nur wegen der Rechtschreibfehler verzweifeln, kann dieses Buch Hilfe auf der Basis wissenschaftlicher Fundierung bereitstellen. Trotz der vielen Beschreibungen von Experimenten ist es nicht trocken geschrieben und bietet viele Beispiele aus der Praxis. Ein deutschsprachiges Werk zum selben Thema habe ich übrigens bereits 2015 gelesen: Bas Kast – Ich weiß nicht, was ich wollen soll. Auch wenn sich die Inhalte teilweise überschneiden, ist es keine Zeitverschwendung, beide Bücher zu lesen, da sich die Zugänge unterscheiden und unterschiedliche Aspekte beleuchtet werden.

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Roman

Claire Vaye Watkins – Gold Fame Citrus

Kürzlich wurde auf Lithub ein Liste mit Romanen zum Thema Klimawandel veröffentlicht. Da mich solche Zukunftsgeschichten immer wieder mal interessieren, habe ich mir die Bücher, die ich in der Overdrive Library finden konnte, zum Lesen markiert. Auch auf der Liste zu finden ist South Pole Station von Ashley Shelby, das ich zu Anfang dieses Jahres gelesen habe. In meinen Augen würde auch das schon etwas ältere Werk Ein Jahr voller Wunder von Karen Thompson Walker auf diese Liste passen.

In Gold Fame Citrus leben AmerikanerInnen in einer Welt, die zunehmend von Wassermangel geprägt ist. Große Teile der USA bestehen nur noch aus einer Wüstenlandschaft. Evakuierung in die kühleren nördlichen Teile des Landes ist für viele Menschen die einzige Möglichkeit, um zu überleben.

Luz und Ray haben bisher in Kalifornien ausgehalten. Mit rationiertem Wasser schlagen sie sich schlecht und recht durch. In der verlassenen Villa eines Filmstars in einem Canyon setzen sie sich gegen Tiere zur Wehr, die mit der Hitze und dem Wassermangel besser zurecht kommen als Menschen. Sie haben Geld und können sich daher auch auf dem Schwarzmarkt Raritäten wie Blaubeeren kaufen.

Die vermeintliche Idylle zerbricht im Rahmen eines Festes, bei dem Luz mit einem kleinen Mädchen Kontakt aufnimmt. Das Alter des Kindes wird niemals genau genannt, sie kann schon alleine laufen und einige Sätze sprechen, wird aber im weiteren Verlauf der Geschichte immer wieder als Baby bezeichnet. Das Kind scheint von seiner Familie vernachlässigt zu werden. Die Entscheidung wird schnell getroffen: Luz und Ray entführen das Kind.

Die Autorin schafft es auf bemerkenswerte Weise, die beiden Kindesentführer so darzustellen, dass sie dem Leser trotzdem sympathisch bleiben. Sie handeln (scheinbar) aus Sorge um das Kind, obwohl sie die Umstände gar nicht genau kennen. Sie nehmen sich nicht die Zeit, Gründe der Familiensituation zu hinterfragen, sie sind sich sicher, das einzig Richtige zu tun. Indem sie ein Kind entführen.

Die Realität, für ein Kleinkind zu sorgen, holt die beiden schnell ein. Die Reise in die kühleren Landesteile wird schließlich zur einzigen Option für Luz und Ray. Auf dem Weg landen sie (um Spoiler zu vermeiden hier etwas verkürzt dargestellt) in einer Kolonie von Menschen, die sich der Evakuierung widersetzen. Sie leben am Rand der sich immer weiter ausbreitenden Wüste und haben aus mysteriösen Quellen, die ihr Anführer Levi findet, ausreichend Wasser und Nahrungsmittel zum Überleben. An dieser Stelle wird eine weitere Prognose enthüllt: in schwierigen Zeiten neigen Menschen dazu, einem starken Mann zu folgen, der sie führt und ihnen den Weg zeigt. Wenn die gesellschaftlichen Normen und der bekannte Alltag als Richtlinie für moralisches Handeln nicht mehr ausreichen, wenden sich Menschen einem (mehr oder weniger religiösen) Führer zu, um nicht selbst für ihre Fehler verantwortlich zu sein. Wie von einem Dystopie-Roman nicht anders zu erwarten, endet das Buch in einer dramatischen Wetter-Katastrophe. Und lässt trotzdem die Möglichkeit einer Fortsetzung mit der weiteren Geschichte des Babys offen.

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Roman

Ashley Shelby – South Pole Station

Who needed a mirror when the only thing reflected was loss after loss?

Die Protagonistin Cooper kämpft mit dem Selbstmord ihres Bruders und ihrem Leben allgemein. Sie bewirbt sich für ein Kunststipendium für einen Aufenthalt auf der Wissenschaftsstation am Südpol. Dort findet sie ein interessantes Soziotop aus Ingenieuren, Wissenschaftlern und anderen Künstlern vor. Es entspinnt sich eine Entwicklung auf unterschiedlichen Ebenen, in Rückblenden werden auch die Geschichten erzählt, die andere Bewohner auf die Forschungsstation gebracht haben. Darin enthüllen sich die verschiedenen Motive, die Menschen haben können, um sich für ein Leben in einer derart unwirtlichen Umgebung zu entscheiden.

Der Roman ist deshalb so spannend, weil es der Autorin gelungen ist, nicht nur auf die emotionalen Entwicklungen zu fokussieren, sondern auch zu erklären, warum viele gesellschaftliche Prozesse so funktionieren, wie sie es tun. Ein Klimawandel-Skeptiker kommt ebenfalls auf die Forschungsstation und wird von allen „ernsthaften“ Wissenschaftlern gemobbt. In seiner Vorgeschichte werden dann auch die politischen Hintergründe aufgedeckt, die ihn zu dem gemacht haben, was er geworden ist: ein Wissenschaftler, der sich kaufen lässt, weil ihm keine andere Wahl mehr geblieben ist.

Die Autorin erklärt auch viele Bezüge, die nicht auf der Hand liegen, ohne dabei überheblich zu wirken. Ein Wissenschaftler beschreibt Kunst als einfach: man müsse nur ein Subjekt präsentieren und dann ein Statement dazu machen. Viele selbst ernannte Künstler handhaben das vermutlich tatsächlich so und die Frage bleibt offen, woran sich dann „echte“ Kunst überhaupt noch erkennen lässt. Sie untersucht aber auch die Motive eines weiteren Forschers, der sich auf eine Theorie konzentriert, die von seinen Kollegen angezweifelt wird, jedoch auf wissenschaftliche Art und nicht auf der persönlichen Ebene, auf der dem Klimawandelskeptiker begegnet wird. Hier lässt sich auch der Unterschied zwischen Glauben und Wissen analysieren. So lange eine wissenschaftliche Theorie unbewiesen ist (also entweder bewiesen oder widerlegt), stellt sie kein Wissen dar. Kann sie deshalb wie eine religiöse Glaubensfrage behandelt werden?

„I don’t believe it“, he said. „That’s not how science works. But I find it compelling enough to devote my life to it.

Nachtrag: Eine aktuelle Podcast-Folge zum Thema Klimawandel hat Tim Pritlove beim Forschergeist veröffentlicht.