Stephen King – The Stand

Gerade ist mir aufgefallen, dass es tatsächlich den ganzen Jänner keinen Blog Post auf Booksinthefridge gab. Eine Premiere mit mehreren Gründen. Einerseits viel Erwerbsarbeit, andererseits lese ich gerade viel, das es aus Gründen nicht hier ins Blog schafft und andererseits hatte ich mir nach dem Nicht-Horror-Buch Wächter der Nacht ein echtes Horror-Buch vornehmen wollen. Wenn man nach Horror sucht, kann man immer auf Stephen King zurückgreifen. Der Gedanke The Stand aus erwachsener Perspektive nochmal neu zu lesen (ich hatte es als Jugendliche schon gelesen), war mir schon vor längerer Zeit gekommen. Daher hätte ich auch wissen müssen, was es für ein riesiger Wälzer ist. Damals habe ich sicher nicht so lange dafür gebraucht.

There’s always a choice. That’s God’s way, always will be.

King beschreibt in The Stand die amerikanische Gesellschaft in einer unvergleichlichen Krisensituation. Aus einer militärischen Einrichtung entweicht ein gezüchteter Virus, eine Supergrippe. Das erste Buch beschreibt das langsame Ausbreiten des Virus auf ganz Amerika und natürlich auf die ganze Welt, obwohl sich das Geschehen rein in den USA abspielt. Lange wissen die Betroffenen nicht, wie schlimm das Ausmaß der Katastrophe ist. Regierung und Medien vertuschen und versprechen eine baldige Impfmöglichkeit, die niemals kommt. Denn selbst die Regierungseinrichtungen sind vor dem Virus nicht sicher. Stück für Stück bricht die Gesellschaft auseinander. Viele, die gegen das Virus immun sind, sterben im Verlauf der Katastrophe an anderen Gründen. Unfälle, Brände, Selbstmorde, aber auch Amokläufe reißen viele weitere Menschen in den Tod.

Die Überlebenden sind vorerst auf sich allein gestellt. Sie verarbeiten den Schock und versuchen, sich auf die neue Situation einzustellen. Beinahe alle leiden an Alpträumen von einem schwarzen Mann, der ihnen nachstellt.

There was a dark hilarity in his face, and perhaps in his heart too, you would think – and you would be right.

Stück für Stück finden sich die Überlebenden zu Gruppen zusammen. Als Gegenpol träumen viele von einer alten Frau auf ihrer Veranda inmitten von Kornfeldern. Sie machen sich auf den Weg und finden schließlich Mother Abigail, die Frau aus ihren Träumen. Für viele erscheint sie als eine Art göttlicher Bote, der den Gegenpol zur Bedrohung durch den schwarzen Mann bildet. Damit wären auch die sich gegenüberstehenden Pole Gut und Böse definiert (ja, an dieser Stelle erinnere ich mich wieder an Wächter der Nacht).

The roots are rationalism, and I would define that word so: ‘Rationalism is the idea we can ever understand anything about the state of being.’ It’s a deathtrip. It always has been. So you can charge the super flu off to rationalism if you want. But the other reason we’re here is the dreams, and the dreams are irrational.

Zwei Gesellschaften bilden sich in diesem postapokalyptischen Amerika. Der schwarze Mann schart Verbrecher und Ziellose um sich, die Guten – so scheint es – scharen sich um Mother Abigail. Die Gesellschaft in Boulder wächst und dieser Abschnitt im zweiten Buch, indem versucht wird, eine neue Gesellschaftsordnung aufzustellen und ihre Ursprünge zu klären, bringt tiefe soziologische und psychologische Einblicke. Wenn es keine Gerichte und keine Polizei mehr gibt, die Straftäter verfolgen und bestrafen, ist dann alles möglich? Selbst vermeintlich gute Menschen können zu einem hasserfüllten Lynchmob werden, wenn es kein Gesetz gibt, das sie daran hindert. Hass kann die Menschlichkeit außer Kraft setzen. Eine Lehre, die gerade in dieser Zeit, die einen deutlichen Anstieg rechtspopulistischer Politik erlebt, nicht wichtig genug sein kann.

Im dritten Buch kommt es schließlich zur Konfrontation zwischen Gut und Böse. Es wäre jedoch nicht Stephen King, wenn dieses vermeintlich erwartbare Ende nicht mit einigen Überraschungen aufwarten würde. Er entlässt seine Leser mit einem Gefühl, dass das Gute im Menschen triumphieren kann … um dieses Gefühl dann wiederum außer Kraft zu setzen. Einen Endsieg des Guten über das Böse (oder umgekehrt) wird es nicht geben, so lange noch Menschen auf unserer Erde leben. Es existiert ein schwankendes Gleichgewicht, das mal zur einen, mal zur anderen Seite hin ausschlägt.

Wir schreiben den Beginn des Jahres 2017, den Beginn der Trump-Administration in Amerika, rechte Populisten streben in ganz Europa nach Macht. Gerade in diesen Zeiten sollte es jedem Einzelnen ein Anliegen sein, das Gute in uns selbst zu suchen. So lange die Menschlichkeit unser erstes Ziel bleibt, kann das Böse nicht triumphieren.

Thomas Glavinic – Das größere Wunder

„Ich glaube, man ist schon jemand“, sagte Jonas. „Jeder ist jemand, und besser als das kann er nicht werden. Er kann nichts anderes werden, und wenn er es doch wird, ist er nicht glücklich.“

Thomas Glavinic lässt seinen Helden Jonas (den wir bereits aus früheren Romanen kennen) den Mount Everest besteigen. Die Romane haben nur bedingte Verbindungen miteinander. Das mag zuerst verwirren, macht aber möglich, dass man die Romane in keiner bestimmten Reihenfolge lesen muss. Ja, man muss sie gar nicht alle lesen. Wer nur eines lesen möchte, sollte dieses nehmen. Und braucht hier nicht weiterzulesen, sondern lieber gleich zum Buch greifen.

Das ist kein heroischer Berg, so wie es keine heroische Art zu sterben ist, da oben für alle Zeit festzufrieren. Hier werden keine Heldensagen geschrieben, jedenfalls nicht von euch.

Auf zwei Erzählebenen verfolgen wir Jonas Weg auf den Mount Everest. Wir erleben Jonas im Basislager des Berges, wo sich sein Körper nur schwer an die Wetterverhältnisse anpasst. Die Höhe macht ihm zu schaffen. Gleichzeitig erleben wir den jungen Jonas, der von seiner alkoholkranken Mutter verlassen wird. Der sich für seinen von Geburt an behinderten Bruder Mike verantwortlich fühlt. Der sich durchs Leben schlägt und Stück für Stück etwas übers Leben lernt.

Manche Dinge findet man nicht, wenn man sie sucht, so schlau und kühn man es auch anstellen mag, denn manche Dinge kommen zu einem, wenn man gar nicht danach verlangt.

Sehr subtil gibt der Autor Jonas Stück für Stück die Möglichkeiten, das Leben zu begreifen. Oder Teile davon. In Das größere Wunder sind die Erkenntnisse wesentlich präsenter und wesentlich existentialistischer. In Die Arbeit der Nacht dauerte es lange, bis der allein gelassene Jonas erkennt, dass ihn das Alleinsein Stück für Stück in den Wahnsinn treibt. Der Leser kann das nicht begreifen, denn niemand hat je so eine große Einsamkeit erlebt. Hier sehen wir Jonas auf einen gefährlichen Berg klettern und verstehen schnell, dass er auf der Suche ist. Sein ganzes Leben war er auf der Suche. Er schwankt zwischen der Sehnsucht nach dem Un-Sinn, dieser Wunsch nach Heimkehr in die Zwecklosigkeit und seinem Wunsch, das Chaos zu beherrschen. Glavinic lässt Jonas nach einem Sinn für sein Leben suchen. Gleich mehrmals betont er, dass ein Leben nur dann Wert hat, wenn man es einem höheren Sinn widmet.

Es waren diese Tage, in denen er vieles begriff. Er würde nie ein erfülltes Leben führen können, wenn er nicht versuchte, es einer Sache zu widmen, die größer war als er.

Ein Leben ist nur dann geschützt, wenn es einer Sache gewidmet ist, die größer ist als der Mensch, der es lebt und der Sache dient.

Der Autor scheut nicht davor zurück, auch ganz banale Motive zu verwenden. Und doch passen sie irgendwie in die Dunkelheit und die Kälte, in denen Jonas schließlich alleine auf dem Berg herumirrt. Man fragt sich, wie das passieren konnte. Wie konnten die Bergführer Jonas gehen lassen, obwohl sie mit seinem sicheren Tod rechnen mussten, wenn er sich zu spät zum Gipfel aufmacht, um noch bei Tageslicht zurückkehren zu können?

Es war bereits hell, was ihn überraschte. Als er auf die Uhr schaute, stellte er fest, dass sie stehengebeblieben war.

Das Ende überrascht. Doch je länger ich darüber nachdenke, umso mehr wird mir klar, dass Thomas Glavinic Recht hat. Nicht anders hätte er demonstrieren können, dass es um diesen Berg nicht geht. Der Berg ist ein Symbol für die größere Sache, für das Wichtigere im Leben, für das größere Wunder. Würde man das Buch nochmal lesen (könnte ich mir durchaus vorstellen), würde man bestimmt noch viele andere Lesemöglichkeiten finden, die die Metapher bereits vorbereiten. Dieses Buch ist voll mit Erkenntnissen und kleinen Andeutungen über Lebensweisheiten, ohne sie plakativ auszuwalzen. Eine absolute Empfehlung.

Jeder Mensch beurteilt sich selbst nach seiner größten Leistung, und zwar so, als hätte es die Tiefen davor und danach nie gegeben, weißt du das? Ich spreche da auch und gerade von moralischen Leistungen. Wir guten Menschen, wir.