Lisa Taddeo – Three Women

What’s wrong with you?

Zuerst einmal zu den Fakten: dieses Buch erzählt die persönlichen Geschichten von drei Frauen. Diese Geschichten hat die Autorin Lisa Taddeo nicht erfunden, sondern in langjähriger Arbeit recherchiert. Dazu hat sie unzählige Gespräche mit Frauen über ihr Verlangen (desire), über ihre persönlichen Wünsche und Bedürfnisse geführt. Sie hat diese Frauen über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleitet, ihre Lebensumstände beobachtet, ihre Familienverhältnisse beleuchtet und aus all diesen Informationen schließlich ein detailreiches Bild gezeichnet.

Who does she think she is.

Auch wenn der Text detailreiche Beschreibungen von sexuellen Aktivitäten enthält, geht es aus meiner Sicht nicht in erster Linie um körperliche Bedürfnisse. Für alle drei Frauen sind ihre sexuellen Wünsche mit emotionalen Aspekten verbunden. Es geht darum, geliebt zu werden, von einem Partner angenommen zu werden, das eigene Selbst und dessen Wert bestätigt zu bekommen.

Women shouldn’t judge one another’s lives, if we haven’t been through one another’s fires.

Die Geschichte von Lina wurde im Rahmen einer Frauendiskussionsrunde erzählt und die Autorin beschreibt an dieser Stelle auch detailliert die Reaktionen der anderen Frauen auf Linas „Geständnis“. Neid paart sich mit Angst, daraus entsteht eine passiv-aggressive Stimmung gegen diese Frau, die aus ihrem Alltag ausbricht, um ihren Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Anstatt Solidarität oder zumindest Verständnis erntet sie Misstrauen und die unmissverständliche Botschaft, dass sie Grenzen überschritten hat, die nicht überschritten werden sollten. Es handelt sich hier um eine geradezu prototypische Beschreibung eines unsolidarischen Verhaltens unter Frauen, das in einem anderen Buch, das ich kürzlich gelesen habe als get back in line definiert wird.

Life has absolutely zero meaning if you’re not living for someone else.

Ein anderer dazu passender Aspekt ist die Tatsache, dass von Frauen nach wie vor erwartet wird, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse für andere Personen zurückschrauben. Selbstverständlich erfordert das Mutter-Sein (eigentlich das Eltern-Sein, aber es geht hier eben konkret um Frauen) ein gewisses Maß an Selbstaufgabe. Die eigenen Bedürfnisse aber auch gegenüber denen des Partners (im besten Fall der andere Elternteil) zurückstellen zu müssen, führt im Allgemeinen zu Unzufriedenheit und zum Zerbrechen der Partnerschaft. In den Augen der Gesellschaft und/oder zum (vermeintlichen) Wohl der Kinder wird diese Partnerschaft dann zumeist am Leben erhalten, obwohl sie längst nur noch eine Hülle ist.

What Sloane wanted more than anything else was to like herself. […] There had always been a sense of personal inadequacy if she was not nailing every single thing.

Während in den Geschichten von Maggie und Lina zumindest oberflächlich eine Art von Opferrolle nicht vollständig abgestritten werden kann, erscheint Sloane auf den ersten Blick als Frau, die alles hat. Sie stammt aus einer reichen, weißen Familie, ist attraktiv, beliebt und erfolgreich. Eine Frau, die von anderen Frauen beneidet wird. Erst zwischen den Zeilen und im Verlauf der Geschichte wird klar, dass auch Sloane ihre eigenen Bedürfnisse hinter die ihres Mannes stellt. Ihr Selbstwertgefühl beruht auf der Kontrolle ihres perfekten Images. Die oben gestellte Frage What’s wrong with you? zerbricht ihr Selbstbild nicht, da sie sich diese Frage ohnehin immer wieder selbst stellt. Die Frage von einer anderen Frau gestellt zu bekommen, zieht diese Selbstzweifel jedoch zusätzlich ins Tageslicht. Hier kommen all die Erwartungen zum Ausdruck, mit denen sich Frauen täglich konfrontiert sehen und die niemals erfüllt werden können.

Even when women fight back, they must do it correctly. They must cry the right amount and look pretty but not hot.

Ich verzichte an dieser Stelle darauf, die Eckdaten der drei Geschichten aufzulisten. Zum Ersten finde ich, dass dies den sexuellen Aspekt zu sehr in den Vordergrund stellt (und damit eine gewisse Sensationslust anspricht, was aber vermutlich verkaufsförderlich sein dürfte). Zum Zweiten gibt eine reine Zusammenfassung der Fakten die Tiefe der Geschichten nicht wider. (Wer trotzdem nicht verzichten kann: Bookmarks. Außerdem beschäftigt sich dieser Lithub-Post, mit der Frage, warum das Thema Verlangen/Begierde überhaupt behandelt werden sollte.) Es geht hier nicht um sexuelle Akte und wie und unter welchen Umständen diese stattgefunden haben. Es geht um die persönlichen Empfindungen und Erfahrungen dieser drei Frauen und die lassen sich nicht in einem Blog Post zusammenfassen.

We don’t remember what we want to remember. We remember what we can’t forget.

 

 

Thomas Glavinic – Das Leben der Wünsche

Vielleicht lag es an ihm. Vielleicht war er zu oberflächlich, um die essenziellen Komponenten der Dinge zu erfassen, die über die philosophischen Seiten der Liebe hinausgingen. Aber dann war es eben so. Sein Intellekt bescherte ihm weder Sinn noch Antworten. In der Liebe zu Frauen lag Sinn und lag das Gefühl einer Antwort. An manchen Tagen, in mancher Minute fühlte er eine Antwort. In Marie zu sein war eine Antwort. In einer Frau, in die er verliebt war, hörte er leise das Universum. In einer Kirche nicht.

Jonas wird auf der Straße von einem Mann angesprochen, der ihm drei Wünsche offeriert. Jonas will ihm nicht glauben, fühlt sich gepflanzt. Schließlich wünscht er sich, zu verstehen. Was er zuerst als harmlose Episode abtut, erweist sich bald als alles verändernder Schnitt in seinem Leben. Jonas stürzt ihn eine Zeit, die ihm alle möglichen menschlichen Emotionen auftischt. Doch versteht er?

Er hob ab. Es ging leicht. Raum, Zeit, Materie waren nichts und eins, und in der Sekunde darauf war er die Zimmerdecke.
Er war Mauer, Fugen, Staub. Obwohl er alles sah, was sich unter ihm befand, hatte er das Gefühl, seine Augen seien geschlossen, ja, in Wahrheit hatte er das Gefühl, keine Augen zu haben. Statt Hitze oder Kälte fühlte er eine Verbindung mit dem Haus und mit den Dingen. Er roch nichts außer sich selbst, den freundlichen Geruch von Stein. Unter ihm das leere Bett. Der Schrank. Der Teppich. Der Nachttisch. Das Fenster. Die Tür. Elemente einer Ordnung, die ihm nun wohlgesinnt war.

Jonas verliert seine Frau. Jonas verliert schließlich auch seine Geliebte. Und bekommt sie zurück.

Nicht Problem, ich finde es schade. Schade, dass nicht die ganze Welt, alle sechs oder sieben Milliarden Menschen, eine Sekunde zugleich bewusst erleben kann. Sagen wir, jedes Jahr am neunten April um zwölf Uhr mittags mitteleuropäischer Zeit besinnen sich alle auf das, was sie gerade tun, verbringen diese Sekunde ohne Ablenkung, denken sich: Das ist hier und jetzt. So ist es, so wird es gewesen sein.

Diese Passage erinnert leicht an Flash Forward (warum diese Fernsehserie nicht weiter produziert wurde, ist mir nach wie vor nicht klar). Irgendwie lässt sich bestimmt auch eine Parallele zu 9/11 drehen. Weil ja jeder weiß, wo er war, als er gehört hat, dass ein Flugzeug ins World Trade Center gerast ist. Auch wenn es nicht in einer Sekunde passiert ist.

Aus dem Nichts, auf schnurgerader Landstraße brach wieder das kurze Gefühl von Entfremdung über ihn herein, das dem Weltverlust voranging. Im Moment darauf schwebte er in haltlosem Nichts.

Das Tempo wird schneller. Seit er mit Marie unterwegs ist, brechen die Erkenntnisse nur so über ihn herein. Und er wird auch langsam misstrauisch und wünscht sich die Gesundung seiner Freundin Anne, die an Krebs im Endstadium leidet. Wird er am Ende selbst sterben müssen? Gibt es am Ende nur mehr das eine, was man verstehen kann?

Pierre Franckh: Wünsch es dir einfach – aber mit Leichtigkeit

Wotrubakirche

Disclaimer: Ich bin ein Skeptiker. Ich glaube an Gott und an Wissenschaft. An Homöopathie eher weniger, finde aber, Homöopathie kann vermutlich auch nicht schaden.

Amazon findet wohl, zu Weihnachten wurde noch nicht genug gewünscht und verschenkt daher diese Anleitung zum erfolgreichen Wünschen. Dieser Pierre Franckh scheint ein umtriebiger Mensch auf diesem Gebiet zu sein und ich vermute mal, dass er vermutlich selbst daran glaubt, weil er scheint ja recht weit gekommen zu sein mit seinen Büchern, Vorträgen und so weiter. Im Buch beschreibt er, wie man sich alles Mögliche im Leben wünschen kann, wie man diese Wünsche am besten visualisiert und formuliert. Das Ganze wird angereichert mit begeisterten Leserbriefen von erfolgreichen Wunscheleven. Spannend ist, dass sich die meisten Leute wohl doch hauptsächlich materielle Werte wie Geld, Autos oder Urlaube wünschen. Oder zumindest war es für mich spannend, da ich mir im Normalfall mehr Zeit wünsche, weil der Tag immer zu wenig Stunden hat.

„… dann lehnt man seine Arbeit in Wahrheit ab. Man versucht, die Arbeit zu vermeiden. Man will ihr entkommen und fühlt sich gezwungen, die ungeliebte Tätigkeit zu verrichten, damit man seine Familie ernähren oder die Miete bezahlen kann.

Richtig ist, dass man durch seine eigenen Gedanken seine Wahrnehmung der Welt beeinflussen kann. Wer sich täglich widerwillig ins Büro schleppt, tut sich sicher nichts Gutes. Gleichzeitig ist es sicher schwer, in unserer wohlstandsverwöhnten Welt einen Job zu genießen, der nicht den eigenen Vorstellungen von einer spannenden Tätigkeit entspricht. Dabei habe ich mich jedoch kürzlich selbst erwischt. Obwohl ich meinen Beruf sehr gern mache, gibt es Tage, an denen es schwerfällt, das übliche Pensum zu absolvieren. Mit dem Job ist es wie so oft, man weiß ihn erst zu schätzen, wenn man ihn nicht mehr hat.

In Wahrheit lag es nicht an dem Medikament – das gar keines war –, sondern einzig und allein an unserem festen Glauben daran. Wir waren davon überzeugt, dass die Medizin wirken würde, und dieser starke Glaube hat bewusst und unbewusst all die Selbstheilungskräfte in unserem Körper mobilisiert. Wir haben unserem Körper mitgeteilt, „dieses Medikament wirkt“, und damit begann der Moment der Genesung.

Solange es um die oben erwähnte materielle Welt geht, soll das Wünschen ja für jeden ok sein. Aber in dem Moment, wo er anfängt, zu behaupten oder zumindest anzudeuten, Krankheiten würden durch destruktive Gedanken entstehen und man könnte sich selbst „gesund denken“ ist der Ofen echt aus. (Das Rechtschreibprogramm unterwellt mir übrigens das im obigen Zitat vorkommende Wort „Selbstheilungskräfte“.) Mir läuft es kalt den Rücken herunter, wenn ich mir vorstelle, dass leichtgläubige Menschen möglicherweise Therapien gegen Krankheiten abbrechen, weil sie in ihrer Verzweiflung glauben, sie könnten sich „gesund wünschen“. Sicher ist es besser, positiv zu denken und sich selbst den gesunden Zustand vorzustellen. Aber zu behaupten, man könne sich „gesund wünschen“ ist in meinen Augen pure Scharlatanerie.

Weiters bleibt die Frage offen, was der Autor den Lesern erzählt, die NICHT erfolgreich wünschen. Ich nehme mal an, die müssen selbst schuld sein. Entweder sie haben nicht richtig gewünscht, nicht richtig formuliert, nicht richtig losgelassen, nicht mit Leichtigkeit gewünscht (wie der Titel rät). Es muss viel geben, was man falsch machen kann, es bräuchte sonst wohl kaum so viele verschiedene Wunschratgeber von Pierre Franckh.

Für dieses Buch habe ich die neue Kategorie „Schmafu“ auf Books in the Fridge eingeführt. Ich hoffe, Pierre Franchks Leser wünschen sich weiterhin Parkplätze und Urlaube und vertrauen in medizinischen Dingen lieber Spezialisten auf diesem Gebiet. Entbehrlich.

Rüdiger Schache – Die sieben Schleier vor der Wahrheit

Mohnblume(c)ivanmarn/SXC

Sie liegen in einer Frühlingswiese, der Geruch von Gras, Blumen und Erde umgibt Sie und die Geräusche des Windes und der Insekten. Sie sind einfach nur glücklich. Eine Blume fällt Ihnen besonders auf. Der Kommentarmodus setzt ein: „Ach, ist diese Blume schön. Dieses Rot und die Blütenblätter. Fast so schön, wie die Blume, die ich letztes Jahr fotografiert habe … Obwohl … Man soll ja nicht vergleichen. Vergleiche sind nie gut … Jede Blume hat etwas …“

Wie so viele bin auch ich eher skeptisch eingestellt gegenüber Esoterik sowie Selbsthilfebüchern jeder Art und dieses Werk stellt eine Kombination aus beidem dar. Zum esoterischen Touch trägt auch das für mich äußerst Augenkrebs-haltige Layout bei, das mit kitschigen Symbolen glänzt. Der Body-Font erscheint mir jedoch äußerst attraktiv und passt auch sehr gut zur restlichen Aufmachung. Aus eigenem Antrieb hätte ich wohl kaum zu diesem Buch gegriffen, jedoch war ich bei der Lektüre dann positiv überrascht.

Das im ersten Zitat beschriebene Problem des Kommentarmodus kam mir sehr bekannt vor. Was Rüdiger Schache als „Schleier“ beschreibt, sind im Großen und Ganzen Verhaltensweisen, die wir unbewusst immer wieder absolvieren, obwohl sie uns in unseren Entscheidungen und unserem Leben eigentlich behindern und blockieren. Ebenfalls bekannt ist mir das folgende Problem des „Veränderungsmodus“:

Selbst, wenn sie sich vollkommen glücklich fühlen, wird der Verstand früher oder später ein (nur theoretisch denkbares) Problem in Erwägung ziehen, um einen Grund für Veränderung zu finden. Sie könnten an einem Palmenstrand im Paradies sitzen. Alles könnte exakt so sein, wie Sie sich den perfekten Ort und das perfekte Leben immer vorstellten. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der Verstand über Veränderungen Ihrer Situation nachdenkt und ein Problem erschafft.

Die Gegenstrategien, die Rüdiger Schache empfiehlt, sind sicher nicht für jeden und bei jedem Problem anwendbar. Was dieses Buch jedoch leisten kann, ist, das Bewusstsein zu schärfen, für solche blockierenden Verhaltensweisen. Wenn einem während des Vorgangs bewusst wird, was gerade in einem wirkt, ist der Wunsch, etwas zu fotografieren, das man eigentlich einfach nur genießen könnte, vielleicht auf einmal nicht mehr so stark.

Wegweiser für Wünsche: Wenn Sie durch etwas, dem Sie folgen, auf Dauer an Energie, Motivation, Zufriedenheit und Stabilität gewinnen, wenn Ihr Leben durch einen Wunsch wirklich in Fahrt kommt und die Zweifel weniger werden, dann stimmt die Richtung.

Wer seine Bedürfnisse und Motivationen hinterfragt, wird in Zukunft offener durchs Leben gehen und es hoffentlich leichter haben, Entscheidungen über den Fortgang des Lebens zu treffen. Manchmal kann es helfen, die Zeit auf ganz traditionelle Weise totzuschlagen: indem man einfach in die Luft schaut und alles andere sein lässt.