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Roman

Cory Doctorow – For the win

“What’s the sense in giving up so much if it won’t make any difference?”

In diesem Artikel beschäftigt sich Raph Koster mit dem Erfolg von Pokémon Go und den Auswirkungen, die diese virtuelle Realität als Teil der echten Realität auf eben diese echte Realität haben könnte. Der Artikel ist sehr lesenswert, als Beispiel sei hier genannt, dass etwa die Erreichbarkeit eines Pokéstops von einem Café aus diesem Café möglicherweise einen deutlichen Vorteil verschafft gegenüber dem Café, dass nicht mit einem Pokéstop aufwarten kann. Er erklärt auch kurz die Mechaniken der In-Game-Währung, und empfiehlt unter anderem For the win als Gedankenexperiment zum Thema crossover of virtual and real world behavior.

Cory Doctorow demonstriert in diesem Roman eindrucksvoll, wie viel in der digitalen „Welt“ bereits möglich ist. World of Warcraft-Spieler oder Second Life-Benutzer werden jetzt zweifellos milde lächeln. Mein Spiel der Wahl ist bekanntlich Geocaching und auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint, hat natürlich auch das Geocaching-Spiel eine finanzielle Seite. Da gibt es einerseits die von Groundspeak vertriebene Premium-Mitgliedschaft, die die Finanzierung der Server, die Weiterentwicklung der Webseite und der dazugehörigen Apps ermöglicht. Andererseits hat sich jedoch auch ein Parallelmarkt entwickelt, auf dem Drittanbieter Zubehör zum Platzieren von Geocaches (Petlinge, Logbücher, etc.), Geocoins und andere Devotionalien verkaufen.

“But people like us get hurt every single day. We get caught in machines, we inhale poison vapors, we are beaten or drugged or raped. Don’t forget that. Don’t forget what we go through, what we’ve been through. We’re going to fight this battle with everything we have, and we will probably lose. But then we will fight it again, and we will lose a little less, for this battle will win us many supporters. And then we’ll lose again. And again. And we will fight on. Because as hard as it is to win by fighting, it’s impossible to win by doing nothing.”

In diesem Roman wird die virtuelle Welt aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Mala und Yasmin leben im indischen Dharavi, einem Vorort-Slum. Sie spielen in ihrer Freizeit in einem Internet-Café, werden von einem Mann angeworben, für ihn zu arbeiten. Er erteilt ihnen Aufträge, die sie im Spiel ausführen und bezahlt sie dafür. Zuerst freuen sich die Mädchen und ihre sich bald vergrößernde Anhängerschaft an dem überraschenden Reichtum. Doch Yasmin wird bald klar, in welche Abhängigkeit von ihrem Boss sie sich begeben und dass die Charaktere, die sie in game bekämpfen, genauso arme Kinder und Jugendliche sind wie sie selbst.

Dann kommt ins Spiel, dass die Bosse natürlich die Jugendlichen ausnutzen, ihnen einen Hungerlohn bezahlen und die Gewinne selbst einstecken, es gibt keine Krankenversicherung, ein Aussteigen aus dem Team, um sich selbstständig zu machen, wird mit realer körperlicher Gewalt geahndet. Big Sister Nor und ihre Gefährten versuchen daher, die Arbeiter in den Spielen in einer weltweiten Gewerkschaft zu vernetzen. Da die Arbeit in den Spielen weltweit stattfindet, nutzt ein Streik der Game Worker in China nichts, da die Arbeit jederzeit in ein anderes Land ausgelagert werden kann. Ihre Anhängerschaft und ihre Popularität auch außerhalb der Spiele wachsen enorm, sodass es schließlich zu Streiks und den damit verbundenen Repressionen der Polizei kommt.

Zwischendurch lässt der Autor zwei örtlich und gesinnungsmäßig weit voneinander entfernte Ökonomen die Mechaniken der Game-Währung und der damit verbundenen Futures (ganz grob gesagt: Wetten auf Preisentwicklungen) erklären. Für mich war der Finanzmarkt und alle seine Fantasieinstrumente schon lange ein Spiel mit unverständlichen Regeln. Die Erklärungen in diesem Roman haben mir ein ums andere Mal bestätigt, dass es sich um ein Spiel handelt, bei dem reiche Menschen mit und um Geld spielen, auf Kosten derer, die eigentlich die Arbeit leisten.

Wenn man jetzt unbedingt herumkritisieren wollte, dann würde ich sagen, dass ich das Ende nicht sehr befriedigend fand. Irgendwie passt es natürlich dazu, aber ein etwas fahler Nachgeschmack ist mit dabei. Ansonsten fand ich diesen Roman ausgesprochen unterhaltsam, viele interessante Einblicke in unbekannte Welten, soweit ich es beurteilen kann ausgezeichnet recherchiert. Für mich ein Highlight dieses Jahres, absolute Empfehlung.

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Krimi Roman Thriller

Mo Hayder – Tokio

Bei Krimis ist es immer schwer, etwas über das Buch zu schreiben, ohne zu Spoilern. Bei diesem ist es fast unmöglich. Die Studentin Grey ist gerade in Tokyo gelandet. Sie ist auf der Suche nach einem chinesischen Professor, von dem sie vermutet, dass er im Besitz eines Films ist, nach dem sie seit Jahren sucht. Sie ist allein in der Stadt, auf sich gestellt, kennt niemanden und hat kein Geld. Ihr Motiv, warum sie sich diesem Risiko und diesen Strapazen aussetzt, ohne jedwede Garantie auf Erfolg, bleibt bis zu den letzten Seiten im Dunkeln. Eine Meisterleistung. Obwohl Stück für Stück Teile ihrer Vergangenheit enthüllt werden, die letztendlich ein schlüssiges Motiv ergeben, kann der Leser bis zum Schluss nicht erraten, was mit ihr geschehen ist. Natürlich hat sie auf ihrer Reise viel Glück. Aber auch ihre Beharrlichkeit verhilft ihr schließlich zum Erfolg. In einem Hostessenklub verdient sie sich ausreichend Geld, um in Tokio überleben zu können. Die Auflösung am Ende des Buches fügt vieles zusammen, es wirkt aber nie gekünstelt (Deus ex machina), sondern wie von vornherein vorgesehen. Eine Technik (oder nennen wir es Präzision), die nicht viele Krimiautoren so perfekt beherrschen. Das exotische Ambiente von Tokio gemischt mit den Rückblenden aus dem Tagebuch des Professors im kriegsgeschüttelten China machen die Spannung perfekt. Ich weiß schon, wem ich dieses Buch weiterreichen werde.

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Roman

Dai Sijie – Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

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Ba-er-za-ke! Der ins Chinesische transkribierte Name des Autors setze sich aus vier Ideogrammen zusammen. Was für eine Magie, die Übersetzung! Die harten, kriegerischen, aggressiven, kratzenden Laute der zwei ersten Silben klangen mit einem Mal sanfter. Die vier zierlichen. aus wenigen Strichen zusammengesetzten Schriftzeichen reihten sich harmonisch zu einem Wort von ungewöhnlicher Schönheit, das einen exotischen, einen sinnlichen, einen betäubenden Duft ausstrahlte: das warme, volle Aroma eines jahrhundertelang im Keller gelagerten Likörs.

Recht bald wird dem Leser beim Eintauchen in die Geschichte der kleinen chinesischen Schneiderin klar, dass Dai Sijie Wörter liebt. Er liebt auch Frauen, aber Worte liebt er mehr. Der obige Absatz, der den ersten Kontakt des Protagonisten mit einem Roman von Balzac beschreibt. Er und sein Freun Luo wurden von der chinesischen Regierung zur „kulturellen Umerziehung“ in ein Bergdorf geschickt. Aufgrund der Berufe ihrer Eltern gelten sie als Intellektuelle, die dem Regime durch ihre revolutionären Ideen gefährlich werden könnten. Im Bergdorf müssen sie körperlich harte Arbeit leisten und sind abgeschnitten von nahezu jeder Zivilisation.

Balzacs Roman ergaunern die beiden schließlich aus dem geheimen Bücherkoffer des Brillenschang, der ebenfalls zur kulturellen Umerziehung im Nachbardorf einquartiert wurde. Die Bücher sind selbstverständlich verboten, weshalb ihre Existenz auch geheim bleiben muss. Aber auch die kleine Schneiderin verliebt sich in Balzac und so nimmt nicht nur das Schicksal der Burschen seinen Lauf.

Nach dem Lesen des Buchs kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Liebe zu Wörtern in der Verfilmung aus dem Jahr 2002 auch transportiert werden konnte. Obwohl Autor Dai Sijie selbst Regie führte und der Film beste Kritiken erhielt, möchte ich trotzdem zum Buch raten. Nach meiner Ansicht kann sich die Wirkung der Worte nur dann richtig entfalten, wenn sie auf direktem Wege vom Papier ins Herz gelangen.

Ich erinnere mich, dass ich nie einen so herzergreifenden traurigen Walzer gehört hatte, er war noch trauriger als die Requiems, die man Europäer mit Kerzen in der Hand und Frauen mit Schleiern auf dem Kopf im Fernsehen singen hört …

Die zweite Geschichte in diesem Buch handelt von Muo, der eine unglaubliche Reise unternimmt, um seine Freundin „Vulkan des alten Mondes“ aus dem Gefängnis zu befreien. Zu diesem Zweck versucht er einen Richter zu bestechen, dieser besitzt so viel Vergnügen, dass er sich nur mit einer Jungfrau zufrieden geben will. Wie soll Muo nun eine Jungfrau auftreiben, die auch noch bereit ist, diese zu opfern? Eine haarsträubende Suche beginnt, auf der der „Traumdeuter“ Muo in die bizarrsten Situationen gerät. Unter anderem verliert er dabei selbst seine Jungfräulichkeit mit einer Frau, die er eigentlich für Richter Di bestimmt hatte.

Dabei sind vor allem die Beschreibungen von Gefühlen interessant, denn nicht nur Muos Gefühlen, sondern auch denen der vielen beteiligten Damen widmet der Autor viel Interesse und Details. Innere geheime Gefühle, Träume, die uns aus dem Unterbewusstsein jagen, das sind die Ingredienzien, die Muos surreale Suche nach einer Jungfrau würzen und somit zum Leckerbissen machen.

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Roman Uncategorized

Hong Ying – Der chinesische Sommer

Abend am Westsee (c) Walter Babiak/PIXELIO

„Welche Ehre“, sagte ich, während ich ihm zur Hand ging. „Ich glaube, Avantgardismus hat nichts damit zu tun, sich von den Erfahrungen gewöhnlicher Menschen zu distanzieren. Es ist die Zusammenfassung der Erfahrung aller unserer Leben. Erfahrung ist Besessenheit und Schwärmerei, Kunst ist Einsicht. Schwärmerei hat etwas mit Kenntnissen zu tun, Einsicht mit Weisheit. Zu Schwärmerei und Besessenheit kommst du durch Dinge und Erfahrungen, zu Einsicht durch Vernunft, mit Hilfe deines Verstandes. Die Einsicht der Kunst ist sowohl schwärmerisch als auch Ausdruck höchster Vernunft. Das ist wahre Transzendenz.“

Zwischen Politik und Männern sucht die junge Dichterin Lin Ying ihren Weg durch Peking inmitten der niedergeschlagenen Studentenunruhen des Jahres 1989. Betrogen von ihrem Freund, muss sie bei Freunden unterschlüpfen. Freizügigkeit ist verboten und doch leben die überlebenden Studenten ihre Vorstellungen aus, geschmuggelte Pornos, Alkohol und Drogen sind im Spiel. Sie alle leben den Aufbruch einer neuen Generation.

Jetzt endlich wusste ich eine Antwort auf die Frage, die mir keine Ruhe ließ und über die ich immer ergebnislos nachgedacht hatte: Wieso ich mich Hals über Kopf in die Bewegung gestürzt hatte. Natürlich – weil ich die ewige Heuchelei in dieser Welt nicht mehr ausgehalten hatte.

Einige Längen zeigen sich in den Rückblicken auf Lin Yings Familie, oft scheint die Handlung nirgendwohin zu führen, nicht alle Personen erfahren eine klare Charakterisierung. Für den mit China nicht vertrauten Leser sind nicht alle Verbote nachvollziehbar, ein Glossar erklärt Begriffe, die unklar sein könnten. Das Ende bleibt etwas unbefriedigend und abrupt. Verzichtbar.

 

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Roman

François Lelord – Hector und die Entdeckung der Zeit

Lelords Hector ist ein “nicht mehr ganz junger Psychiater”, der in die Fußstapfen der großen Philpsophen der Welt tritt und sich allerlei kluge Gedanken macht. Mit seinen Freunden bereist er die Welt und macht dabei viele Entdeckungen, auch über seine eigene Kultur hinaus.

In diesem Buch reist er unter anderem zu den Inuit, wo sein Freund Edouard gerade lebt, den man als Banker aus dem ersten Hector-Buch kennt. Auch China wird wieder bereist, wo Hector versucht, den alten Mönch wiederzufinden, der ihm so viel über das Leben und die Welt an sich beigebracht hat. Letztendlich gelingt es ihm und man kann sagen, es kommt zu einer Art Happy-End.

Hector ist ein Held, mit dem man sich identifizieren kann, er muss erst scheitern, bevor er die richtige Entscheidung trifft und trinkt auch mal einen über den Durst. Wer sich auf die einfache, aber geistvolle Schreibweise Lelords einlässt, kann in den „Hector“-Romanen so manche Lebensweisheit entdecken. Und das mit viel Vergnügen am Lesen.

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Roman

Mian Mian – Deine Nacht mein Tag

“Wenn du schlechte Nachrichten hast, erzähl sie mir nicht. Wenn du in Schwierigkeiten bist, bitte mich nicht um Hilfe. Ich liege jede Nacht wach, neuerdings huste ich, und gestern wollte ich aus dem Fenster springen. Ich habe nicht mehr die Kraft, deinen Schmerz mit dir zu teilen.”

Sex & Crime, Drugs & Alkohol. Genauso verwirrt klingen auch die Geschichten. In sieben unzusammenhängenden Geschichten kommen teilweise dieselben Personen vor, zumindest haben sie dieselben Namen, ob es sich um dieselben Personen handelt, kann man auch, wenn man sich sehr bemüht, nicht nachvollziehen, dürfte wohl so gewollt sein.

Allerlei kaputte Beziehungszustände, noch mehr kaputte Persönlichkeiten, alles in allem eher deprimierend. Wenn man allerdings auf diese kaputte Pete-Doherty-Coolness steht …