Neil Gaiman – Coraline

‘Because,’ she said, ‘when you’re scared but you still do it anyway, that’s brave.’

Eigentlich hätte das mein Reisebuch sein sollen, aber irgendwie ergab es sich dann, dass ich gar nicht so viel Zeit hatte und mit dem schon drei Tage vorher begonnenen Kindle-Buch The Elegance of the Hedgehog erst nach der Rückkehr fertig wurde. Für die Reise hätte dieses Märchen (?) sowieso nicht ausgereicht. Obwohl es inhaltlich sehr gut als Reisebegleiter gepasst hätte.

Das Buch erzählt wie Coraline aus Neugierde durch eine verbotene Tür geht und sich plötzlich in einer Parallelwelt wiederfindet, in der sie lauter Schattengestalten aus der ihr bekannten Welt begegnet. Anstatt Augen tragen sie Knöpfe im Gesicht. Die Illustrationen im Buch lassen bereits erahnen, was Tim Burton aus dieser Geschichte machen könnte.

Coraline will nach einer kurzen Zeitspanne, in der ihr diese Welt viel interessanter vorkommt als ihre eigene, nicht nur schnell zurück, sie muss auch noch ihre Eltern befreien. Dabei stößt sie auch noch auf drei andere Seelen, die ihre Parallelmutter (the other mother) entführt hat. Dabei kommt immer wieder das Thema Mut zur Sprache. In einer gefährlichen Situation dürfen wir nicht erstarren, sondern müssen handeln. In einer bedrohlichen Situation sind wir nicht verloren, solange wir einen klaren Kopf behalten und den Mut nicht verlieren. Angst kann hilfreich sein, solange wir nicht zulassen, dass sie uns lähmt. Ein plakatives, aber wahres Motiv.

It is astonishing just how much of what we are can be tied to the beds we wake up in the morning, and it is astonishing how fragile that can be.

Amanda Brooke – Für immer und einen Tag

Neue Panik wallte in ihr auf, weil sie spürte, dass ihr die Zeit zwischen den Fingern zerrann.

Eine traurige Geschichte habe ich mir da aus der Onleihe gefischt, muss eine Impulsauswahl gewesen sein. Obwohl es gut gemacht ist, dass der persönliche Bezug der Autorin erst am Ende erläutert wird, lüfte ich hier zu Beginn das Geheimnis: der Sohn der Autorin starb im Alter von 3 Jahren an Krebs. Sie hat eine Inspiration daraus gemacht und so hoffentlich ihre Trauer überwinden können.

Angst durchfuhr sie, als ihr klar wurde, dass das Morgen ihr wieder entrissen wurde und damit all ihre Hoffnungen, Träume und närrischen Einfälle. Alles dahin.

Emma kämpft bereits seit 5 Jahren gegen einen Hirntumor und erfährt nun, dass der Krebs zurückgekehrt ist. Sie und ihre Familie haben gehofft, und nun scheint alle Hoffnung zu schwinden. Wenig Behandlungsmöglichkeiten bleiben übrig, Emmas Mutter will nichts unversucht lassen.

Die Wahrheit ist, dass ich keine großen Ziele habe, jetzt nicht mehr.

Die Autorin beschreibt eindrucksvoll und mitfühlend, wie Emma damit hadert, was sie im Leben alles nicht mehr haben kann. Gleichzeitig erkennt Emma Tag für Tag, was sie bereits alles hatte. Als Ausgleich beginnt sie, ihre Lebensgeschichte zu schreiben, wie sie verlaufen hätte können, wäre sie vom Krebs geheilt. Sie schreibt sich eine Fantasiewelt, mit der die Realität kaum mithalten kann. Schließlich vermischen sich Traum und Fantasie immer mehr, der Gehirntumor verschafft Emma Wahrnehmungsstörungen und reißt sie immer mehr aus ihrem gewohnten Leben.

Niemand kann mir eine Atempause von dieser Tortur verschaffen, nicht einmal für einen Tag, nicht einmal für eine schäbige Stunde, selbst wenn sie es wollten, und einige wollen es, das weiß ich. Dieses Ding in meinem Kopf ist die ganze Zeit da.

Meine Beschreibung klingt kitschig und streckenweise ist es das Buch auch. Emma wird stärker dargestellt, als es die meisten Menschen wohl sein können, stets bleibt sie aufrecht und unterstützt ihre Familie dabei, den Verlust zu verarbeiten, der noch gar nicht eingetreten ist. Die Autorin gönnt ihrer Protagonistin nur wenige Momente der Schwäche. Und doch gelingt es ihr, die Angst zu transportieren, die ein Mensch unweigerlich empfinden muss, wenn er weiß, dass der Tod bereits auf der Schwelle steht. Auch die Frage „warum ich?“, die Sorge um die zurückbleibende Familie, den Wunsch, alles ins Reine zu bringen, alle diese Gefühle werden nicht ausgespart. Der märchenhafte Kitsch mag nötig sein, um all das erträglich zu machen.

Haruki Murakami – 1Q84

Wir begreifen die Zeit als eine sich endlos fortsetzende Linie und agieren auf der Grundlage dieser fundamentalen Erkenntnis. Und da bisher keine besonderen Mängel oder Widersprüche daran zu entdecken waren, gilt sie wohl als empirisch erwiesen.

Hach, was für ein schöner Roman, ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll, ohne etwas zu verraten … aus den Weihnachtsgeschenken 2011 von Amazon war das hier auf jeden Fall das Highlight, Buch 3 hab ich mir dann sofort gekauft, als ich mit Buch 1+2 durch war und ich bin froh, dass ich so lange gewartet hab und dann alles in einem lesen konnte …

Der Grund dafür ist klar: um Tango weiterzusehen. Aus diesem Grund bin ich auf dieser Welt. Oder von der anderen Seite betrachtet: Aus diesem Grund ist diese Welt in mir. Wahrscheinlich handelt es sich um ein sich endlos spiegelndes Paradox. Ich bin ein Teil dieser Welt, und diese Welt ist ein Teil von mir.

Murakami war mir ja in manchen Fällen zu abgehoben, in meiner Erinnerung konnte ich mit Kafka am Strand nicht recht was anfangen, der Blick zurück auf meinen damaligen Blog-Beitrag belehrt mich nun eines Besseren. Auch in 1Q84 geht es um eine Parallelwelt, hier ist sie sogar titelgebend. Erst spät erschließt sich Stück für Stück, dass die zwei Monde nur in der neuen Welt existieren, dass nicht jeder sie sehen kann und manche Dinge werden gar nicht aufgelöst. Doch in diesem Fall hat mich das nicht gestört, da die Gesamtkomposition einfach so gut ist. Ein Volltreffer. In jeder Hinsicht.