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Roman

Sally Rooney – Normal People

Irgendwie hatte ich die beiden Bücher der Autorin verwechselt und dachte eigentlich, ich würde das andere lesen, was mich interessanterweise lange davon abgehalten hat, zu sehen, worum es in diesem Buch eigentlich geht. Mit dem Thema Normalität und was das eigentlich bedeutet, habe ich mich in diesem Jahr intensiv beschäftigt und aus dieser Richtung betrachtet, gibt das Buch unendlich viele Antworten auf diese Frage.

Die Geschichte beschreibt die Beziehung von Marianne und Connell, die sich ausgehend vom High-School-Alter über die Jahre hinweg stetig verändert. Zu Beginn wird Marianne als Außenseiterin beschrieben, eine Person, die sich nicht darum kümmert, was andere von ihr denken, die ihr eigenes Ding macht und ihre eigene Persönlichkeit lebt, während Connell beliebt ist, einen großen Freundeskreis hat und in allen Dingen dazugehört. Beim Wechsel aufs College verändert sich dieses Verhältnis, plötzlich ist Marianne beliebt und begehrt und Connell zweifelt an sich selbst und an seinen Lebensentscheidungen.

Im Verlauf des Buches blickt die Leser*in immer tiefer in die Persönlichkeit und die Hintergründe der beiden Protagonist*innen und irgendwann kam auch für mich der Moment, wo mir trotz der falschen Erwartungshaltung klar wurde, dass es darum geht, dass sich das, was wir unter Normalität verstehen, auf der Basis unserer eigenen Perspektive verändert. In der chaos-nahen Szene (dazu gehören der deutsche Chaos Computer Club CCC und der österreichische Chaos Computer Club Wien sowie alle chaosnahen Hackspaces und Vereine) wird oft davon gesprochen, dass wir uns auf Chaos-Veranstaltungen endlich unter normalen Leuten befinden. Mich hat das immer schon etwas befremdet, weil es dieses Gefühl des Nicht-Dazugehörens, was viele Menschen im Chaos offenbar in ihrem regulären Leben empfinden, einfach nur umkehrt und ausdrückt, dass nun alle anderen nicht dazugehören.

Beim Versuch, das Wort normal zu definieren, ohne dabei Wertungen vorzunehmen, bin ich bisher immer bei der Definition gelandet, dass das normal ist, was die Mehrheit tut oder als normal empfindet. Auf einer Chaos-Veranstaltung ist das dementsprechend nicht dasselbe wie auf einem Ärztekongress oder in einer vollbesetzten Straßenbahngarnitur.

Wenn wir aber unseren Standpunkt verändern, dann können wir auch definieren, was für uns selbst normal ist. Für mich ist es normal, täglich mit meinem Hund spazieren zu gehen, das tue ich an der Mehrheit aller Tage im Jahr (ausgenommen Urlaube, wo der Hund anderweitig betreut wird). Für mich ist es normal, mein Auto nur dann zu verwenden, wenn es notwendig ist, um Personen oder Dinge zu transportieren oder wenn es aus Zeit- oder Ortsgründen absolut nicht anders möglich ist. Für mich ist es normal, beim Einkaufen darauf zu achten, dass ich möglichst wenig Plastik einkaufe. Was wir also als normal empfinden, das können wir selbst bestimmen, das müssen wir uns nicht von der Mehrheitsbevölkerung vorschreiben lassen. Manchmal werden wir dafür Kommentare und vielleicht sogar Kritik einstecken müssen (darum wird es auch im übernächsten Post noch gehen). Aber immerhin können wir wissen, dass wir selbst über unser Verständnis von Normalität entscheiden.

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Roman

Hansjörg Schertenleib – Nachtschwimmer

Zwei jugendliche Liebende. Die eine mit einem offensichtlichen Problem (ihre prekären Lebens- und Familienverhältnisse), das sich als wesentlich ernster herausstellt, als zuerst klar ist, der andere mit einer tiefer liegenden Krise (Schuldgefühle wegen des Unfalltods des kleinen Bruders).

Gibt es einen Moment, in dem eine Entscheidung einfach unausweichlich wird? Oder ist es eigentlich jeden Tag eine neue Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben? Oder ist es erst eine Entscheidung, wenn die Entscheidung für das Gehen ausfällt?

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Roman

Bernard Cornwell – Die dunklen Krieger

Als literarische Beilage zu diesem alle Erwartungen erfüllenden Stück Genreliteratur, das mich drei Nächte lang ausgezeichnet unterhalten hat, gibt es einen ausführlichen Artikel, der anhand von Bourdieus Schriften zu Kapital, Klassen und Habitus die Standesdünkel von Literaturkritikern analysiert. Jedem das Seine.

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Roman

Maeve Binchy – Ein Cottage am Meer

Ausblick auf die Türme der Sagrada Familia, Barcelona

Die Aufgabe, ein Buch zu finden, das an einem Ort spielt, den ich immer schon mal besuchen wollte, war gar nicht so einfach. Mein Sehnsuchtsort war immer Barcelona gewesen, seit dem Musical Gaudi faszinierte mich diese Stadt und der Architekt, der für so viele bekannte Bauten dort verantwortlich ist, unter anderem die bis heute unvollendete Sagrada Familia. Im August 2010 war ich dort. Ein Stück weit wurden meine Vorstellungen erfüllt, aber auch der Zauber verflog zu einem guten Teil. Doch schließlich fiel mir Irland ein. Eine gute Freundin hat vor vielen Jahren ein paar schöne Monate dort verbracht und wir hatten auch mal gemeinsam Pläne geschmiedet, einen Urlaub dort zu verbringen, zur Umsetzung kam es jedoch nie. Jetzt plane ich eine Reise nach Dublin. Und hoffe, dass es klappt.

ein Vorsprung an der Fassade der Sagrada Familia, dort liegt ein verlassener Teddy

Nach dem arbeitsbedingt anstrengenden Juni und den großteils schwierigen und traurigen Büchern der letzten Zeit wollte ich etwas Entspannendes lesen und mich einfach nur unterhalten lassen. Auf Goodreads suchte ich dann nach einem Buch, das in Irland spielt und Maeve Binchy ist wohl eine der bekanntesten irischen Autorinnen. Meine Hoffnung, eines ihrer Werke in der Bücherei verfügbar zu finden, wurde schnell bestätigt.

Am Anfang plätscherte mir die Geschichte noch zu sehr dahin. Erzählt wird zuerst aus der Perspektive der Auswandererin Chicky Starr, die mit einem jungen Amerikaner ihre Heimat an der Westküste Irlands verlässt. Nach nur wenigen Monaten ist die junge Liebe verflogen und Chicky steht allein da. Vor ihrer Familie schämt sie sich jedoch so sehr, dass sie ihnen Lügen über Lügen auftischt. Erst nach vielen Jahren lässt sie den vermeintlichen Ehemann Walter bei einem tragischen Autounfall versterben und kehrt in ihr Heimatdorf zurück, um dort ein Hotel zu eröffnen.

In weiterer Folge wechselt die Perspektive, wir lernen Chickys Familie kennen und schließlich alle Gäste, die Stone House in der ersten Woche beehren. Jeder von ihnen hat seine eigenen Dämonen, seine eigene Vergangenheit, seine eigene Geschichte mit nach Stoney Bridge gebracht. Bis auf eine einzige Ausnahme können sie von ihrer Zeit in Stone House profitieren und schlagen teilweise sogar neue Kapitel in ihrem Leben auf. Entspannende Sommerlektüre für zwischendurch.

Reading Challenge: A book set somewhere you always wanted to visit

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Roman

Noelle Harrison – Wie die Sterne am Himmel

Vielleicht kann ich in der Zukunft leben, die Vergangenheit vergessen und eine andere werden.

Das vorweihnachtliche Chaos hat ergeben, dass ich dieses Buch schon deutlich länger ausgelesen habe und bisher nicht dazu gekommen bin, den Post dazu zu schreiben. Das hat aber auch dazu geführt, dass ich schon mit etwas Abstand darauf blicken kann und meine Meinung dazu ständig besser zu werden scheint.

Zu Beginn schauen wir auf Barbara, ein verunsichertes Mädchen, das aus Irland stammend als Au-pair-Mädchen nach London geht, um aus ihrem Dorf wegzukommen. Stück für Stück wird die Familiengeschichte enthüllt. Barbaras Vater war kaum für die Familie da, ihre Mutter „nur“ seine Geliebte, im Dorf wurde getratscht. Barbaras Mutter verdient sich ihr Geld mit Kartenlegen und „Heilungen“, wird dafür von den Dorfbewohnern verachtet und trotzdem von den Frauen eifrig konsultiert. So will Barbara nicht werden. Ständig im Raum steht auch der Tod von Barbaras Bruder Mattie. Sie gibt sich die Schuld an seinem Tod, was wirklich passiert ist, wird erst auf den letzten Seiten aufgelöst.

In London angekommen soll sie sich um das Mädchen Matilda kümmern. Matilda leidet an einer mysteriösen Krankheit, deretwegen sie nicht zur Schule gehen kann und kaum ein normales Leben führen kann. Sie ist verwöhnt und zickig. Trotzdem schließt Barbara sie schnell ins Herz. Schon nach zwei Wochen bei der Familie steht der Sommerurlaub in Südfrankreich an, bei Matildas Großeltern. Dieser Urlaub wird Barbaras Leben entscheidend verändern.

Es ist schwierig, über die Entwicklung Barbaras etwas zu sagen, ohne zu spoilern. Der Hauptpluspunkt ist, wie sich am Ende alles perfekt zusammenfügt, ohne dass man vorher erraten hätte können, wie es zusammenpassen wird. Der Erzählstil ist immer ruhig, unaufgeregt, die Perspektive eigentlich auch dann gefühlt eine weit zurückliegende eine Erinnerung, wenn man durch die Augen der jungen Barbara auf die Ereignisse in Südfrankreich blickt. Gefühlsmäßig erinnert es mich an Woher wir kommen. Begründen kann ich das nicht wirklich, vielleicht ist des der Rückblick auf ein „früheres Leben“, dessen Auswirkungen sich im heute widerspiegeln. Je länger ich darüber nachdenke, umso positiver wird mein Blick auf diesen Roman, den ich eigentlich aus einer Not heraus rein aufgrund des Titels (ich erhoffte mir ein positives Leseerlebnis von Sternen am Himmel) aus der Onleihe gefischt habe.

Matilda und mir ist es vorbestimmt, erwachsen zu werden. Als ich mit Mathilda wegrannte, glaubte ich, sie zu retten und den Tod von Mattie zu sühnen. Ich täuschte mich. Ich rettete tatsächlich ein kleines Mädchen, aber dieses Mädchen war ich selbst.

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Roman

Molly McCloskey – Wie wir leben

Aber natürlich war genau das ihr Problem. Sie wusste nicht, wie sie sich fühlte. Sie wusste lediglich, dass sie nicht länger beurteilen konnte, wie glücklich oder unglücklich sie war, wie glücklich sie sein sollte oder wie glücklich alle anderen waren.

Alltag in allen seinen Facetten. Dieser Roman beleuchtet das Leben einer irischen Familie, Mutter Gillian, Vater Damien und Tochter Heather. Die Ehe von Gillian und Damien kriselt, Gillian hatte eine Affäre, Damien weiß davon, hat jedoch nichts unternommen. Heather hingegen erkundet mit ihren jugendlichen Bekanntschaften die erste Liebe und Sexualität.

Neben diesen banalen Liebesangelegenheiten werden aber auch schwierigere Lebensabschnitte thematisiert. Gillian hat nicht nur als Kind ihre Eltern bei einem tragischen Unfall verloren, ihre Tante Grace, bei der sie danach aufwuchs, erkrankt an Alzheimer und vergisst sich Stück für Stück selbst. Als sie stirbt, erkennt Gillian ihre eigene Angst vor dem Vergessen und sucht Zuflucht bei einem umstrittenen Medikament, das das Gedächtnis stärken soll.

Damien arbeitet an einem kritisierten Tourismusprojekt. Es beinhaltet die Erhaltung eines „authentischen“ irischen Dorfes durch Bewohnen desselben von Laiendarstellern, die sich teils selbst spielen, teils den „authentischen“ irischen Dorfbewohner darstellen sollen. Daraus ergibt sich für Damien schließlich selbst eine Identitätskrise.

Die drei Protagonisten suchen sich inmitten ihres Alltags selbst und wissen nicht, was sie glücklich macht und wie sie mit ihrem Leben weiter verfahren sollen. Immer wieder stellt sich ein warmes Gefühl des Verständnisses ein, denn wer zweifelt nicht hin und wieder an seinen eigenen Entscheidungen und Lebensrealitäten? Einerseits langweilig, weil man alles aus seinem eigenen Leben zu kennen meint. Aber dann auch wieder tröstlich, weil ein Solidaritätsgefühl in harten Zeiten wärmt. Und schließlich die Erkenntnis: Jeder gestaltet sein Leben selbst.

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Roman

Paulo Coelho – Brida

Irland(c)Nicole_N/SXC

„Wenn jemand seinen Weg gefunden hat, darf er keine Angst haben. Er muss auch den Mut haben, Fehler zu machen. Durch die Enttäuschungen, die Niederlagen, die Mutlosigkeit zeigt Gott uns den Weg. Sie sind seine Werkzeuge.“

Brida sucht nach sich selbst. Sie möchte Magie erlernen und ihre verborgene Gabe finden. Auf ihrem Weg begegnet sie dem Magier aus dem Wald sowie der Hexe Wicca, die Brida schließlich die Sonnentradition lehrt und sie auf ihrem Weg begleitet. Brida lernt nicht nur sich selbst kennen, sondern sogar ihren „Anderen Teil“.

„Schäme dich niemals“, fuhr er fort. „Nimm, was das Leben dir bietet, und versuche aus den Gläsern zu trinken, die vor dir stehen. Alle Weine sollen getrunken werden – von einigen nur ein Schluck. Von anderen die ganze Flasche.

„Brida“ erfüllt alle Vorstellungen, die man sich von einem Coelho-Roman macht, er verpackt wie gewohnt seine Lebensweisheiten in eine Geschichte um Liebe und die Suche nach sich selbst. Ein Gefühl wie der erste Schluck eines perfekten Kaffees an einem sonnigen Morgen.