Douglas Coupland – Miss Wyoming

“I never thought of it that way. Yes. No. You mean, there’s some other way to live?”

Dieses Buch weckt wieder meine Neigung, mehr über die Geschichte zu schreiben, wie es dazu gekommen ist, dass ich es gekauft habe, anstatt über das Buch selbst. In diesem Fall liegt es an der Unmöglichkeit, den Inhalt zu beschreiben, der komplex und komplex erzählt ist.

Auf den ersten Seiten treffen sich Susan und John in einem Restaurant irgendwo in Kalifornien. Das erste Kapitel erzählt ihre Begegnung und ihr erstes Gespräch, das unter anderem das Zitat ganz oben enthält. Die weiteren Kapitel sind jeweils Rückblenden in die Vergangenheit der beiden Protagonisten und erzählen unter anderem von Susans Kindheit als von ihrer ehrgeizigen Mutter auf Erfolg gedrillte Schönheitskönigin, Johns Ausstieg aus dem Filmbusiness und seine anschließende Zeit auf der Straße und eine Episode aus Johns Kindheit, die beispielhaft einen Blick auf die Entwicklung seiner Persönlichkeit werfen lässt:

The year he spent in bed was certainly the longest of his life. When he was older and met other people who had accomplished great things during their stints on earth, he found that invariably, somewhere in their early youth, they had felt the experience of death or incapacity burned into them so deeply that ever afterward they gambled with all their chips, said fuck it, went for broke in the sound knowledge that wasting life is probably the biggest sin of all.

Die Rückblenden sind kompliziert verwoben und gehen an einem Punkt in die Gegenwart über. John versucht Susan zu erreichen, doch sie scheint verschollen, worauf er sich mit Hilfe des Videoverleih-Angestellten Ryan und dessen Nerd-Freundin Vanessa (ein Charakter, der zugleich übertrieben klischeebehaftet und liebenswert ist) auf die Suche nach ihr macht. Susan selbst ist auf der Suche nach jemand anderem.

“Randy, look at me, okay? It’s all lies, Randy. All of it. Not just me. Chris. Them. Whoever. Everybody. Everything you read. It’s all just crap and distortions. All of it. Lies. That’s what makes the lies you spread so funny, Randy. They’re honest lies.”

Zwischen den Zeilen versteckt sich jede Menge geschickt formulierte Kritik an der Unterhaltungsgesellschaft und der Industrie, die sie füttert. Susans Karriere als Schönheitskönigin, ihr anschließender kurzfristiger Erfolg im TV-Business, Johns frustrierter Ausstieg aus eben dieser Branche sind deutliche Wegweiser aus der (Fernseh-)Welt der Lügen hinein ins wirkliche Leben.

Peter Handke – Der kurze Brief zum langen Abschied

Du verhältst dich, als ob die Welt eine Bescherung sei, eigens für dich. So schaust du nur höflich zu, wie nach und nach alles ausgepackt wird; einzugreifen wäre ja eine Unhöflichkeit. Du läßt nur geschehen, und wenn dir etwas zustößt, nimmst du es mit Erstaunen, bewunderst das Rätselhafte daran und vergleichst es mit früheren Rätseln.

Der Ich-Erzähler ist unterwegs durch die USA. Scheinbar ziellos reist er von Stadt zu Stadt, lässt sich treiben, sucht nach Möglichkeiten, das Geld seiner Traveller’s Checks auszugeben. Für einen Teil der Reise begleitet er eine ehemalige Freundin / Bekannte und deren Tochter. Das obige Zitat stammt von dieser Frau, die einen Aspekt seiner Persönlichkeit charakterisiert, der später noch eine weitreichendere Bedeutung bekommen wird.

In dem Internatssystem, in dem ich aufgewachsen bin, war man von der Außenwelt fast abgeschnitten, und doch brachte es mir, gerade durch die Vielzahl der Verbote und Verneinungen, weit mehr Erlebnismöglichkeiten bei, als ich in der Außenwelt, in einer üblichen Umgebung hätte lernen können. So fing die Phantasie zu plappern an, bis ich fast idiotisch wurde.

Diese idiotische Phantasie ist es auch, die das Buch streckenweise etwas langwierig macht. Immer wieder werden wirre Träume des Ich-Erzählers wiedergegeben, die selbst mit der schlussendlichen Auflösung keinen weiteren Sinn ergeben.

Immer wieder ist von einer unbekannten Frau – Judith – die Rede. Am Anfang des Buches erscheint es, als ob der Erzähler auf der Suche nach ihr wäre, im Laufe des Buches wandelt sich jedoch dieser Eindruck, vielleicht ist der Protagonist in Wirklichkeit auf der Flucht vor ihr? Auf den letzten Seiten entpuppt sich schließlich die ganze Tiefe dieses komplexen Beziehungskonstrukts zu einer fatalistisch absurden Schlussszene. Am Ende war der titelgebende lange Brief gar nicht so lang, und der Abschied entweder gar kein Abschied oder ein endloser Abschied.

„Jetzt habt ihr Hymnen für euer ganzes Leben, und nichts mehr braucht euch unangenehm zu sein. Alles, was ihr noch erleben werdet, wird im Nachhinein ein Erlebnis gewesen sein.“

A. M. Homes – This book will save your life

Anhil spread his assortment of dishes across the counter. “People should pay more attention. Everyone wants attention, but no one wants to give attention.”

Ein Zufallsgriff in der Bücherei. Aus meiner Liste war nichts verfügbar (ich muss mich endlich mal zusammennehmen und nach dem Hungerkünstler fragen), nach etwas uninspiriertem Regal-Hopping griff ich dann zu diesem Buch und suchte das Weite.

“You can’t escape yourself,” Nic says. “Everyone has a history.”

Richard ist reich, einsam und gelangweilt. Plötzlich fühlt er unerträglichen Schmerz, der sich jedoch weder lokalisieren noch auf irgendeine Erkrankung zurückführen lässt. Dieser Schmerz reißt ihn aus seiner durchorganisierten Routine (die Ernährungsberaterin bringt seine ausgewogenen Mahlzeiten, die Personal Trainerin beaufsichtigt seine Fitness, die Haushälterin Cecilia kümmert sich um das Haus, und so weiter). Stück für Stück weicht Richard von den gewohnten Pfaden ab. Den im ersten Zitat oben erwähnten Anhil lernt Richard im Donut Shop kennen, den Anhil betreibt. Er ist nur der Erste von vielen Menschen, die Richards Leben in den kommenden Wochen entscheidend verändern wird.

Natürlich ist Richard ein durch und durch privilegierter Mensch. Er hat keinerlei Geldsorgen und wirft bis zum Ende nur so mit Scheinen um sich. Ich hatte eigentlich erwartet, dass er bankrott geht und dadurch dann geläutert wird. Aber das wäre vielleicht zu plakativ gewesen. Obwohl Richard zu Beginn scheinbar alles hat, hat er in Wirklichkeit nichts. Am Ende jedoch hat er Menschen gefunden, die ihm wichtig sind, die Beziehung zu seinem Sohn wieder aufgenommen, einen Lebensinhalt gefunden.

“History changes, you can’t hold on to anything.”

Ein Roman über den Sinn des Lebens, allerdings ausreichend hintergründig versteckt, so dass man sich nicht ständig an mit dem Holzhammer ausgeteilten Lebensweisheiten aufreibt.

Chad Harbach – The Art of Fielding

Im weitesten Sinne könnte man es wohl einen Entwicklungsroman nennen. Alle Hauptpersonen stehen in ihrem Leben an einer Art Scheideweg, müssen sich entscheiden, sind mit einer Situation konfrontiert, die so nicht bleiben kann, aus der sie aber den Ausweg derzeit nicht sehen.

Man tut sich wahrscheinlich etwas leichter beim Lesen, wenn man sich mit Baseball auskennt. Die teilweise etwas langwierigen Spielbeschreibungen konnte ich nicht immer nachvollziehen, ich war aber auch zu faul, nachzuschlagen, was denn der short stop jetzt genau zu tun hat. Für die Geschichte an sich ist das aber auch nicht nötig, es ist auch ohne Sportkenntnisse die Message am Ende klar und deutlich zu sehen: Steh zu dir selbst und geh deinen Weg. Meine Beschreibung wird dem Roman nicht gerecht. Leseempfehlung.

T Cooper – Some of the parts

You spend your whole life getting hurt, and out of it you hope for some grade somewhere in all that hurt. But Charlie just got more hurt. A death sentence not too far off from his life sentence. Or maybe it was all the same. I didn’t know, because nobody told me anything.

In diesem Roman lernen wir vier Protagonisten kennen, die alle Teil einer Familie im erweiterten Sinn sind oder werden. Alle diese Menschen sind auf eine Art und Weise „beschädigt“ und wissen nicht so recht, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen sollen oder wie es damit weitergehen soll. Beziehungen zerbrechen oder sind schon seit langem zerbrochen, hängen den Betroffenen aber noch ewig nach. Alle Charaktere leiden an Unsicherheiten, die oft auch körperliche Schwächen als Ursachen haben.

This was her world, not one she had to fit herself into.

Die Quintessenz könnte sein: wir sind alle irgendwie fehlerhaft, aber trotzdem können wir Menschen finden, die uns so annehmen, wie wir sind. Es dauert recht lange, bis sich diese Lebensweisheit herauskristallisiert, aber bis dahin hat man sich längst in die farbenfroh gezeichneten Protagonisten verliebt.

Trevanian – Shibumi

Weil ich noch einmal die Schreibweise des Namens des Autors nachschlagen wollte, habe ich mir gerade die Amazon-Webseite zum Buch geöffnet. Die Kurzbeschreibung der deutschen Übersetzung ließ mich stutzen:

Frankreich 1979: Der Berufskiller Nikolai Hel hat sich in ein Pyrenäenschloss zurückgezogen, um sein altes Leben hinter sich zu lassen. Da erhält er einen Hilferuf: Die junge Hannah ist auf der Flucht vor einer übermächtigen Geheimbehörde. Für Hel, der in ihrer Schuld steht, beginnt eine mörderische Odyssee um die halbe Welt, bei der er noch einmal seine tödlichen Fähigkeiten unter Beweis stellen muss.

Diese Beschreibung verzerrt die Wahrheit in meinen Augen schon sehr.

  1. Der Großteil des Buches spielt weder in Frankreich noch im Jahr 1979.
  2. Gefühlt mehr als die Hälfte des Buches erzählt die Lebensgeschichte von Nikolai Hel, bevor er überhaupt zum Attentäter wurde.
  3. Nikolai Hel fühlt sich nicht in Hannahs Schuld, jedenfalls nicht so sehr, dass er sich deshalb in ihre (bis hierher gescheiterten) Machenschaften involvieren würde. Erst als die Geheimbehörde Hannah tötet, entscheidet sich Nikolai Hel zum Gegenangriff.

So viel zu den unmittelbaren Fakten. Spannend an dieser Geschichte ist, dass der Protagonist bereits zu Beginn von den Vertretern der Mother Company als gefährlicher Attentäter geoutet wird. Trotzdem identifiziert sich der Leser Stück für Stück mit ihm, der Attentäter Nikolai Hel ist nicht der oder das Böse in dieser Geschichte. Der heutige Nikolai Hel ist ein sich selbst völlig beherrschender Mensch, der kaum Gefühle zeigt und seinen Verstand über alles stellt. In seiner Jugend von einem japanischen Lehrer in der Kunst des Spiels Go unterwiesen, wendet er dessen Spielprinzipien auch auf das Machtgefüge der Welt an.

Erst nach dem Ende hatte ich entdeckt, dass der Roman aus dem Jahr 1979 stammt und damit schon beinahe 40 Jahre alt ist. Der in leuchtenden Farben beschriebene Supercomputer Fat Boy gibt zwar einen Hinweis darauf, dass der Roman nicht dem 21. Jahrhundert entstammt, aber dass er schon so alt ist, hätte ich nicht erwartet. Rückblickend betrachtet hat die Art, wie die Geschichte erzählt ist, etwas James-Bond-Artiges, speziell die ausführliche Beschreibung der Höhlenexpedition von Nikolai Hel und seinem Freund Le Cagot könnte ich mir auch gut in einem James-Bond-Film vorstellen. Zu diesem Thema gab es übrigens eine sehr interessante CRE-Ausgabe.

The Art of the American Musical – Edited by Jackson R. Bryer and Richard A. Davison

Das Thema Musical beschäftigt mich inzwischen seit etwa 20 Jahren. Gelesen habe ich zu diesem Thema seit Längerem nichts mehr, dieses Buch mit Interviews habe ich seit zwei Jahren im Regal stehen (habe extra nachgeschaut, wann ich es gekauft hatte) und irgendwie hat mich der schlichte schwarze Einband etwas abgeschreckt. Das Lesen gestaltet sich wegen des steifen Hardcover-Einbands tatsächlich etwas mühsam, der Inhalt jedoch hat mich sofort gefangen genommen.

In der schnelllebigen (Musik-)Theaterwelt sind zehn Jahre eine lange Zeit, diese Interviewsammlung wurde 2005 veröffentlicht. Die Fragen sind jedoch geschickt formuliert und entlocken den Interviewten durchaus Statements, die auch über Jahre hinweg Bestand haben. Etwa Stephen Flaherty erklärt auf die Frage, ob es nicht frustrierend sei, von Theaterkritikern, die eigentlich keine musikalische Expertise haben, Kritik für seine Kompositionen entgegennehmen zu müssen, dass es eigentlich mehr darauf ankommt, ob man seine eigenen Ideen verfolgt hat und das Beste daraus gemacht hat. Und falls das nicht gelungen sein sollte, kann man noch immer daraus lernen.

Ultimately, it comes down to you as an artist sitting with yourself and being honest about what you’re trying to achieve and whether you’ve achieved it or not – and if you haven’t how you can build upon that and learn from it.

(Stephen Flaherty)

Jason Robert Brown erzählt unter anderem darüber, wie er bewertet, welches Material Musicalpotential hat. Wenn die Krise, die Emotion, das Gefühl der Figur nicht groß genug, nicht episch genug ist, dann wirkt ein Song fehlplatziert und übertrieben und wird vom Publikum potentiell nicht ernst genommen.

Singing, ultimately, magnifies everything you’re feeling; when you sing it, it becomes epic.

(Jason Robert Brown)

In seinem Interview fand ich auch sehr interessant, wie er den Prozess des Orchestrierens beschreibt. Im Musicalbereich ist es oft so, dass der Komponist zwar die Melodien der Musiknummern schreibt, diese jedoch von jemand anderem für Orchester umgesetzt werden. Er erzählt, dass der Orchestrator aus einer Palette (ich nehme an an Instrumenten bzw. Stilmitteln) auswählt und somit den endgültigen Sound sehr prägt. Auch zum Thema Tony Awards nimmt sich Jason Robert Brown kein Blatt vor den Mund. Er spricht von einer Gruppe von Mitgliedern der Tony Award Jury, die Tourneeproduzenten sind und ihre Tony Award Votings zu ihrem persönlichen Vorteil nutzen. Für den Erfolg einer US-Tournee ist ein Tony Award ein unverzichtbares Marketinginstrument.

Arthur Laurents erzählt im Gespräch über drei fatale Probleme, die bei einem seiner Projekte zu einem Misserfolg geführt haben (und er bezieht sich dabei sowohl auf finanziellen, künstlerischen als auch persönlichen Misserfolg). Als seinen ersten Fehler bezeichnet er, das Projekt nur gemacht zu haben, weil der Produzent ein guter Freund von ihm war. Er zieht daraus die Lehre, dass es künstlerisch falsch ist, ein Projekt ausschließlich eines Gefallens wegen zu verfolgen. Sein zweiter Fehler: obwohl er lange vor der Premiere erkannte, dass es nicht funktionieren würde, zog er sich nicht aus dem Projekt zurück („I am very tenacious, I won’t quit“). Ich kann das sehr gut nachvollziehen.

The third thing is the most important of all. I didn’t care deeply about the material, and if you don’t care about anything that you’re doing creatively, you’re a fool to go on with it. It takes so much time and so much hard work that if in the end it fails, you have to be able to say, “I don’t care. I’m proud of it.”

(Arthur Laurents)

Im einem weiteren sehr interessanten Abschnitt beschäftigt sich Arthur Laurents mit dem Thema „Aktualisierung“ von Stücken. In der heutigen Zeit sehen wir immer öfter moderne Versionen der West Side Story (die ja selbst damals schon eine moderne Version der Romeo-und-Julia-Geschichte war). Laurents meint nun, man darf nicht die Geschichte aus ihrer Zeit nehmen, aber man kann den Schauspielern (bzw. ihren Rollen) eine andere Einstellung geben und damit das Gesamtbild beeinflussen:

You can’t remove a piece from the period in which it was written, but you can induce a kind of sophistication in the attitude. But I didn’t change the material; I changed the attitude of the actors. For example, in Gypsy, with the first scene where the man and the woman meet: The way I did it this time is I said to them, “Instantly, they want to go to bed together.” And that was very clear in the way they played it. You couldn’t have done that in the fifties. People didn’t go to bed; they had twin beds.

(Arthur Laurents)

Eine ähnliche Geschichte erzählt auch Charles Strouse über sein Stück Applause. Bei einer Liebesgeschichte stellt sich oft am Ende die Frage, kommt das Paar wieder zusammen oder trennen sie sich endgültig. In diesem Zusammenhang fällt mir auch My Fair Lady ein, wo im Originalstück Pygmalion von George Bernard Shaw Eliza am Ende den Professor verlässt. In der Musicalversion kommt sie jedoch zumeist zurück und bring dem Professor demütig die Pantoffeln, die sie ihm in einer früheren Szene wutentbrannt entgegen geschleudert hat. Laut Charles Strouse kann die richtige Antwort auch mit dem aktuellen Empfinden des Publikums zu dieser Zeit zusammenhängen:

We wrote the ending two ways. The original ending to Applause was that the great star says to her fiancé, “Sorry. The theater is what I love,” and dumps him. That was very true to life and very true to Bacall herself and that kind of person who is so committed. When the show started to work, the audience liked it but didn’t love it. We said, “Let’s try the sentimental ending.” So we tried the sentimental ending, which is she gets back with her fiancé and gives up the theater and gives her part to Eve. The audience leaped to its feet. It says a lot about America in the 1970s. With the revival we’re planning, we’re going to go back to the original ending. Everybody now feels very strongly that giving up th theater for love is not what a woman who is impelled to be a great star necessarily would do.

(Charles Strouse)

Über Stephen Sondheim habe ich bereits eine umfangreiche Biographie gelesen. Im Interview erklärt er unter anderem, warum seine Stücke stets außerhalb der Norm stehen, warum keines seiner Werke mit seinen anderen oder denjenigen anderer Künstler vergleichbar ist:

I think you should frighten yourself. You should try to wade into territory you haven’t waded into before. That doesn’t necessarily have to be new musical territory; it can be a new approach to the show or to the way of telling a story.

(Stephen Sondheim)

Autor George C. Wolfe beschreibt einen völlig anderen Ansatz, mit Geschichten umzugehen. Für ihn dreht sich alles um einen perfekten Moment, um den herum dann der „Rest“ der Geschichte Stück für Stück gebaut wird. Jede Szene muss darauf geprüft werden, ob sie auch mit dem perfekten Moment mithalten kann.

If you can locate a perfect moment or the moment that is close to perfect in a play, that gives you the rules for every single thing that comes before and follows after. I have very specific kinds of analytical skills – only because I’ve had so many wonderful experiences in working with so many smart people – that enable me to go to that moment and say, “Does this scene over there have the same integrity, truth, buoyancy, depth, and outrageousness as this perfect scene?” It’s important to have not just an intuitive sense, but also a craft like understanding of how it’s all connected.

(George C. Wolfe)

Ein kleiner Wermutstropfen: unter den 20 Interviewten sind nur 4 Frauen. Trotzdem alles in allem ein sehr aufschlussreiches Buch, aus dem man viel über den amerikanischen Musicalprozess und die Entstehungsgeschichten von Musicals lernen kann.

Christie Hodgen – Elegies for the Brokenhearted

Watching him you had a hungry look, your eye narrowed like an eagle’s, and it was clear in that moment that what you wanted from life was for someone to say the same to you, you wanted to be a part of something like that, to have friends you might meet on the street, friends calling out to you and you answering in mock rage. New York, Harlem, what you saw there you wanted to become, what you saw there was some long-forgotten dream brought back to life. What I remember most from our trip is this, this the moment we lost you.

Manchmal reihen sich thematisch verwandte Bücher wie zufällig aneinander, obwohl man es sich nicht so ausgedacht hat. In diesem Buch geht es um die Entwicklung eines Mädchens aus der amerikanischen Unterschicht. Mary Murphy wird in einer Kleinstadt geboren, über die Jahre werden die Fabriken der Stadt geschlossen, ein Großteil der Bevölkerung findet keine Arbeit mehr. Wer kann, verlässt die Stadt, die Zurückbleibenden haben kaum Chancen auf irgendeine Art von Aufstieg.

Die Geschichte wird in Form von Elegien erzählt, die Wikipedia definiert dies als Klagelied, jedoch auch römische Liebeselegien werden erwähnt. Für mich fühlte es sich während des Lesens wie eine Art Nachruf auf die Verstorbenen an. Der Titel der deutschen Übersetzung ist jedenfalls eine Schande: 5 Menschen, die mir fehlen.

„But don’t you think that desire,” I said, “is a dangerous thing? It’s a game that goes on and on. The satisfaction of a desire is the death of that desire, and so we just keep forming new ones and satisfying them, and then watching them die, and forming new ones, on and on, and we’re never happy. It’s better to be in the moment.”

In den 5 Kapiteln erlebt der Leser, wie Mary Murphy sich vom schüchternen, zurückgezogenen Kind zu einer hoffnungs- und ziellosen Jugendlichen entwickelt. Schließlich gelingt ihr der Sprung an die Universität, wo sie jedoch kaum etwas mit sich anzufangen weiß. Nach ihrem Abschluss begibt sie sich auf die Suche nach ihrer Schwester und landet im Küstenstädtchen Ogunquit, Maine (der Name ist so lustig, dass ich nachschauen musste, ob es diese Stadt wirklich gibt).

Mich hat die scheinbare Plan- und Ziellosigkeit der Protagonistin lange davon abgelenkt, dass es eigentlich mehr um die Beziehungen zwischen Menschen geht und darum, dass es nicht immer nur auf die Familienbande ankommt, ob ein Mensch für uns wichtig ist oder wird. Viele Gemeinsamkeiten finden sich gerade bei Menschen, die nicht miteinander verwandt sind und gerade von denen, die einen deutlich anderen Lebensweg hinter sich haben, können wir oft am meisten lernen.

We had all known joy and then lost it, had blindly sought after it again; we had taken up burdens and carried them for a time, then stumbled beneath them; we had made strides and then lapsed; we had taken strange paths that sometimes delivered us to safety and sometimes led us astray; we had despaired, tried again, despaired, tried again. Through it all we had somehow felt ourselves alone, misunderstood. In the end you believed you had failed; you seemed to have died in despair.

Justin Torres – Wir Tiere

Wir schlugen immer weiter; wir durften sein, was wir waren, verängstigt, rachsüchtig – kleine Tiere, die sich an das krallten, was sie brauchten.

Lange habe ich nicht wirklich gewusst, was ich über dieses Buch schreiben soll, dann kam mir die Wrintheit mit @holgi und @silentiffy dazwischen. Da wurde unter anderem über Begabungen gesprochen. Gibt es genetisch veranlagte Begabungen oder entstehen diese nur durch entsprechende Förderung?

Wir Tiere beschreibt die Kindheit und Jugend dreier Brüder aus der Sicht des Jüngsten. Die Buben wachsen in einer amerikanischen Unterschicht-Familie auf, bleiben oft unbeaufsichtigt, lernen sich durchzuschlagen, lernen auch, dass Gewalt und Aggressionen im täglichen Leben auf der Tagesordnung stehen. Der jüngste Bruder zeigt andere Anlagen als die beiden älteren Buben, er ist sensibler, er zeigt Potential in der Schule, je älter er wird, umso mehr wird ihm und auch seinen Brüdern klar, dass er anders ist, nicht wie sie. Das Finale kommt überraschend und vieles bleibt offen.

Auch im Roman bleibt die Frage offen, was aus dem Buben werden hätte können, wäre er in ein anderes Umfeld hineingewachsen. Hätte er sich anders entwickeln können, wenn seine Eltern mehr Zeit gehabt hätten, sich um die Kinder zu kümmern? Wieviel von der Entwicklung des einzelnen Menschen wird von der genetischen Veranlagung bestimmt und wieviel im täglichen Leben erlernt? Mit diesem Thema möchte ich mich definitiv weiter beschäftigen.

Vea Kaiser – Makarionissi

Mit ihrem ersten Roman Blasmusikpop wurde Vea Kaiser einem größeren Publikum bekannt, mich hat das jedoch nicht interessiert, bis sie anlässlich der Veröffentlichung ihres zweiten Romans Makarionissi bei Claudia Stöckl im Frühstück bei mir zu Gast war. Dort hat sie erzählt, wie sie sich als attraktive Frau, die ihre Reize auch nicht verstecken will, teilweise bemühen muss, um in der Verlags- und Geschäftswelt ernst genommen zu werden.

Mit diesem Roman hat sie nun eine Familiengeschichte im Stil klassischer Heldensagen geschaffen, die einzelnen Kapital werden als Gesänge bezeichnet, Heldin und Held erleben eine wilde Irrfahrt durch die Welt und das Leben im Allgemeinen. Eleni und Lefti werden in einem griechischen Bergdorf an der albanischen Grenze geboren, ihre Familien haben bereits vor Elenis Geburt geplant, dass Cousin und Cousine später heiraten sollen, um das Familienvermögen zu erhalten. Doch Eleni hat nichts anderes im Sinn, als eine Amazone zu werden, eine Heldin, eine große Politikerin will sie werden, heiraten passt da gar nicht dazu.

Ein Abriss über die Familiengeschichte würde zu aufwändig, der Stammbaum auf den ersten Seiten wurde nicht umsonst aufgezeichnet. Am Ende (oder eigentlich schon auf dem Weg) erweist sich der Roman als so echt wie das Leben selbst: unvorhersehbar. Oft führt auch ein zuerst als falsch betrachteter Weg an ein Ziel, von dem man vorher noch gar nichts wusste. Manchmal erweisen sich scheinbare Katastrophen später als Glücksfall. So lange man sich selbst treu bleibt, kann man eigentlich nichts falsch machen. (Und aus den meisten Büchern kann man genau das herauslesen, was man gerade braucht.)