Margarita Kinstner – Mittelstadtrauschen

Wie leicht haben es doch diejenigen, die nicht mehr auf der Suche nach der großen Liebe sind, die die Suche entweder aufgegeben haben oder sich mit dem begnügen, was sie einst gefunden haben.

Irgendwann voriges Jahr hatte ich diesen Roman in der Onleihe der Büchereien Wien angefangen. Dann ergab es sich, dass ich so komplett keine Zeit zum Lesen hatte, dass nach zwei Wochen die Frist abgelaufen war und ich nur 50 Seiten geschafft hatte. Da bereits so viele Reservierungen vorhanden waren, hatte ich es damals für mich ad acta gelegt. Praktischer Zufall, dass ich es jetzt in meiner lokalen Buchhandlung fand und sofort die richtigen Schlüsse zog.

Der Kauf hat sich in jedem Fall gelohnt. Mit einfühlsamem Witz beschreibt die Autorin ihre Figuren, die auf verschlungenen Wegen alle miteinander verknüpft sind. So etwa in der Mitte des Buches, als beinahe beiläufig eines der schicksalsträchtigsten Verwandtschaftsverhältnisse enthüllt wird, musste ich mir im Geiste kurz alle Namen vorsagen, um sicher zu sein, dass das jetzt wirklich so zusammenpasst.

Im Mittelpunkt stehen Joe, Marie und Gery. Zu Beginn des Buches ist Joe bereits tot, er hat sich wieder einmal von einer Brücke in den Donaukanal fallen lassen und ist diesmal nicht mehr aufgetaucht. Gery macht sich Vorwürfe, denn er war dabei, hat sich aber nichts gedacht, weil Joe ständig solche Späße veranstaltet. Marie war damals bereits Joes Exfreundin und steckt nun in einer neuen Beziehung, ihre Gedanken sind jedoch noch immer beim toten Joe.

Joe antwortete erst, als sie wieder ausstiegen. „Solange wir nach einem Sinn suchen, werden wir nie glücklich sein, verstehst du? Erst wenn dir alles egal ist, lebst du wirklich.“

Rund um dieses Dreigespann entwickelt die Autorin ein Geflecht anderer Figuren, die Impulse geben, aber auch eine eigene Geschichte haben, wie etwa die alte Hedi, der Gery das Essen auf Rädern liefert und sich mit ihr anfreundet. Ihre Lebensgeschichte ist es, die alle beschriebenen Personen zusammenführt.

Über das Ende kann ich wirklich nichts verraten, weil alles so schön zusammenpasst. Sicher kommt einem manche Wendung aus Hollywood-Filmen bekannt vor, aber nichtsdestotrotz ist es schön ausgedacht und beschrieben, sodass man wirklich nur auf hohem Niveau jammern könnte. Anstatt zu jammern empfehle ich das Buch als lockere Sommer- wie Winterlektüre.

Reading Challenge: A book you started but never finished

Mitch Albom – The First Phone Call from Heaven

The living can’t speak to the dead! If they could, don’t you think I would? Wouldn’t I trade my next hundred breaths for one word from my wife? It’s not possible. There is no God who does such things. There is no miracle in Coldwater.

Mitch Albom ist immer wieder ein Garant für inspirierende Geschichten, obwohl mich beim Lesen immer das Gefühl begleitet, keines seiner späteren Bücher käme an Die 5 Menschen, die dir im Himmel begegnen (gelesen lange vor dem Start meiner Aufzeichnungen) heran. Es kann jedoch gut sein, dass meine Erinnerung diesbezüglich etwas verklärt ist, es passte damals einfach sehr gut zur Situation und würde ich es heute lesen, fände ich es vielleicht gar nicht mehr so toll. Natürlich habe ich es längst verschenkt ;-)

In Coldwater erhalten mehrere Menschen Anrufe – scheinbar aus dem Jenseits. Verstorbene Angehörige sprechen mit Zurückgebliebenen, diese nehmen die Botschaften aus dem Jenseits unterschiedlich auf. Die gläubige Katherine Yellin erzählt schließlich in ihrer Pfarre davon, nach ihr trauen sich auch andere, öffentlich zuzugeben, dass sie kontaktiert wurden. Katherine Yellin ist überglücklich über die Botschaften ihrer verstorbenen Schwester und führt nur zu gerne den aus dem Jenseits erteilten Auftrag aus: Erzähl allen Menschen über den Himmel, er ist wunderschön.

Die Reaktionen auf das Wunder sind gemischt, Coldwater wird von einer Masse an Gläubigen und Zweiflern überschwemmt. Mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt der Autor, wie sich das Wunder und dessen Folgen auf die Betroffenen auswirkt. Sowohl auf die Glücklichen, die die Anrufe erhalten, als auch auf jene, die ebenfalls jemanden verloren haben, aber nicht kontaktiert werden. Warum wurden sie nicht auserwählt? Stück für Stück analysiert der Autor den Glauben der Menschen und wie sich dieser durch das Wunder verändert.

Höhepunkt ist die TV Show, in der Katherine Yellin live einen Anruf ihrer verstorbenen Schwester mit der Welt teilt. Die Kritik an der Sensationslust der Medien wird verkörpert durch die Reporterin Amy Penn, die in der Geschichte zuerst ihre große Chance sieht, endlich bekannt zu werden, und schließlich vor der großen TV Show erkennt, dass es im Leben um mehr als nur einen erfolgreichen TV-Auftritt geht. Im furiosen Finale wird alles Vorhergegangene wieder über den Haufen geworfen. Der folgende Absatz erscheint mir als passende Zusammenfassung:

At one point after the call had abruptly ended, Elias asked his pastor. “Does this prove, what we believe?” and Warren softly said, “If you believe it, you don’t need prove.” Elias didn’t say much after that.

Reading Challenge: A book from an author you love that you haven’t read yet

Rocko Schamoni – Tag der geschlossenen Tür

Nach ein paar Metern bleibt die Tüte liegen, also bleibe ich ebenfalls stehen und schaue mich verschämt um. Wie kann man nur so planlos sein? Schuld baut sich in mir auf. Schuld wegen meiner Antriebslosigkeit, meiner Unentschlossenheit, meiner Ausgeliefertsein. Schuld wegen meiner Schwäche.

Antriebslosigkeit. Das trifft es im Prinzip ziemlich gut. In diesem Absatz auf Seite 8 des Buches folgt der Protagonist Michael Sonntag (schon wieder ein Wochentagsnachname, siehe Guy Montag in Fahrenheit 451) einer herumwirbelnden Plastiktüte – American Beauty lässt grüßen.

Ich werde versuchen, niemals so schicksalsergeben zu sein. Lieber kämpfe ich bis zum letzten Augenblick gegen die Vorbestimmung an, um das Leben selbst in der Hand zu behalten. Auch wenn das mein Schicksal sein sollte.

Wie kann man überhaupt gegen die Vorbestimmung ankämpfen? Egal, was man tut, wenn man an Vorbestimmung glaubt, lässt sich immer argumentieren, was man gemacht hat, wäre vorbestimmt, auch wenn man glaubt, eigentlich das andere gemacht zu haben. Zu philosophisch. Michael Sonntag also lebt offenbar rein von einer Kolumne für ein städtisches Blatt, eine andere ernsthafte Arbeit verrichtet er nicht. Stattdessen lebt er in den Tag hinein, gibt sich als Museumswärter aus, schmachtet eine Verkäuferin an, ärgert sich über dies und das. Er weiß zwar im Großen und Ganzen, was er nicht will, aber sonst eigentlich nichts. (Merkt man, dass er mir unsympathisch ist?)

Ich frage mich, wer von denen, die ich kannte, seinen Träumen nähergekommen ist. Kenne ich jemanden, dessen Vorstellungen von sich selbst wahr geworden sind? Der ein klares Bild von sich und seinen Zielen hatte und dieses Bild auch einlösen konnte?

Die Selbstreflexionen haben mich dann doch immer wieder so reingezogen, dass es mich fast ärgert, das zuzugeben. Antworten? Fehlanzeige. Nur immer neue Fragen, als ob man sich als grüblerisch veranlagter Mensch nicht schon selbst täglich mit genug Fragen herumzuschlagen hätte.

Jede Satire ist überflüssig, die Welt ist so mies, die Menschheit so kaputt, dass dem Ganzen eigentlich nichts mehr hinzuzufügen ist.

Auch die Nebenfiguren, der Nachbar (und später Mitbewohner) Bob, der Freund/Bekannte (?) Novak, die vermeintliche Hure Nora scheinen herumzuflattern wie die oben beschriebene Plastiktüte. Jobs, Beziehungen, Lebensinhalte, alles ist flüchtig.

Auf dem Klappentext jubelt die Berliner Zeitung: „Ein literarisches Gegenstück zur Leistungsgesellschaft.“ So wird es wohl gemeint sein.

RANDNOTIZ: So eine Telefonzelle will ich auch.

ERGÄNZUNG: Gibt es auch in Wien! Sogar mit Geocache!

Fabio Volo – Zeit für dich und Zeit für mich

Ich erwartete eine Antwort von meinem Vater. Er aber blieb stumm, stützte dann die Hände auf den Tisch, stand auf und ging wortlos nach nebenan, wo er sich in seinen Sessel setzte und den Fernseher einschaltete.

Einen anderen Roman von Fabio Volo (Einfach losfahren) hatte mir ein wichtiger Mensch empfohlen. Jetzt stelle ich gerade wieder fest, wie wichtig das Aufschreiben meiner Gedanken zu den Büchern ist. In meiner Erinnerung hatte ich hauptsächlich das seltsame Ende, dieses plötzlich scheinbar Allwissende, wie Beziehungen funktionieren und auf einmal sind alle glücklich und haben nie wieder Probleme. Das ärgert mich jetzt noch immer. Eigentlich sogar noch mehr.

Der Klappentext von Zeit für dich und Zeit für mich verspricht Ähnliches:
Lieben und sich lieben lassen – Lorenzo fällt beides schwer. Doch kann man es lernen?

Ja, es geht wieder um die Entwicklung eines jungen Mannes, der versucht, seinen Platz im Leben zu finden. SPOILER ALERT! Diesmal geht es nicht ausschließlich gut aus … Lorenzo wurde von seiner Freundin verlassen. Das beschäftigt ihn, er kann sich nicht erklären, warum diese Beziehung schief gegangen ist. Parallel wird Lorenzos Beziehung zu seinen Eltern, speziell zu seinem Vater erzählt. Der Schwerpunkt verschiebt sich zusehends auf die Erklärung, warum aus Lorenzo der Mann geworden ist, der er heute ist. Von seinem Vater (scheinbar) nicht geliebt, jedenfalls nicht wertgeschätzt, versucht Lorenzo aus der Armut seiner Eltern auszubrechen, etwas Besseres aus seinem Leben zu machen. Damit verärgert er den Vater noch mehr und bricht schließlich nahezu alle Brücken ab.

Diese zerrüttete Vater-Sohn-Beziehung wird als Grund für das Scheitern von Lorenzos Beziehung interpretiert. Es scheint mir etwas zu leicht, die Schuld am eigenen Scheitern den Eltern zuzuschieben. Trotzdem stimmt es mich so nachdenklich, dass ich angefangen habe, nachzudenken, ob ich nicht selbst ein Muster in meinem Leben mitschleppe, das auf der Beziehung zu meinen Eltern beruht. Um das wirklich herauszufinden, wär’s wohl an der Zeit für eine Therapie … bei vielen Bekannten, deren Eltern geschieden sind und dabei vielleicht noch einen Rosenkrieg auf den Schultern ihrer Kinder ausgetragen haben, tut man sich leicht, von außen zu analysieren. Bei sich selbst ist das fast gar nicht möglich. Schon allein wegen der Angst, was man möglicherweise herausfinden könnte. Im „schlimmsten“ Fall würde man auch noch herausfinden, dass man dagegen etwas tun könnte, das eigene Muster durchbrechen, aus der Wohlfühlzone ausbrechen, ins Flugzeug steigen und nach Amerika fliegen, als Kellnerin in einem Diner arbeiten, um damit dann genauso unglücklich zu sein.

Es ist zu einfach, die eigene Schwäche durch die Fehler der Eltern zu rechtfertigen. Jeder ist für sein eigenes Handeln verantwortlich. Und sollte versuchen, es besser zu machen.

An dem Tag, als er mich besuchte, um die Balkonpflanzen auf Vordermann zu bringen, hat mein Vater die längste Reise seines Lebens unternommen. An dem Tag hat er sich für mich entschieden.

Am Rande: Beim Verlinken auf Amazon habe ich entdeckt, dass in der Kindle Edition auf dem Titelblatt „Zeit für die Liebe“ steht. Vermutlich hätte ich das Buch bei diesem Titel überhaupt nie gekauft …