Robert J. Sawyer – Flash Forward

This would be like that. Everyone would remember where they’d been when this blackout – a blackout of a different sort – had occurred.

Ah, Flash Forward, eine Serie, die ich wirklich gerne zu Ende gesehen hätte, was aber leider nicht möglich war. Meine persönliche Spekulation ist, es war einfach zu teuer zu produzieren, das kann man an den veröffentlichten Folgen problemlos ablesen. Was für eine Freude, als ich bei der Recherche quasi zufällig darauf gestoßen bin, dass die Serie auf einem Buch beruht. Die Hoffnung, endlich das Ende zu erfahren, war groß. Stellt sich heraus: für die Serie wurde das Buch stark bearbeitet. Im Buch schauen die Protagonisten gleich 20 Jahre in die Zukunft, in der Serie waren es nur 6 Monate (was die damit verbundenen Faktoren natürlich erheblich verschärft).

Is it any harder to swallow than the idea that we have seen the future, and that future is immutable, and even foreknowledge of it won’t be enough to allow us to prevent that future from coming true?

Zuerst dachte ich, es wäre nicht möglich, diesen Text ohne massive Spoiler für entweder/oder das Buch oder die Serie zu schreiben. Tatsächlich ist das Buch aber allein stehend so gut, dass man nichts verraten muss und es trotzdem empfehlen kann. Wer beides nicht kennt: plötzlich (in der Serie vollkommen überraschend, das Buch verrät mehr) schaut die ganze Menschheit für etwa zwei Minuten in die Zukunft, in der aktuellen Zeit werden die Menschen bewusstlos, was für ein unvergleichliches Chaos (Verkehrsunfälle, Flugzeugabstürze, Todesfälle, Verletzungen) sorgt. Daraufhin wird untersucht, wie es dazu kommen konnte. Und natürlich stellt sich die Frage: wenn man die Zukunft kennt, kann man sie dann ändern, beeinflussen?

Being conscious, being aware that that was then and this is now and that tomorrow is another day, was an incredible fluke, a happenstance, a freak occurrence never before or since duplicated in the history of the universe.

Das Buch stellt diese Frage viel intensiver als die Serie. In der TV-Serie wurde in meiner Erinnerung die Frage, wer für diesen Vorfall verantwortlich war, viel detaillierter untersucht, das Buch konzentriert sich exakt auf die Frage, wenn ich die Zukunft kenne, kann ich sie dann beeinflussen? Die Protagonisten kennen nur ein sehr kleines Stück ihrer Zukunft und können sich natürlich den Weg, wie es dazu kommt, nicht vorstellen. Wie kann man auf diese Art seine Zukunft verändern? Ist das überhaupt möglich? Ist der Blick in die Zukunft eher ein Segen oder ein Fluch?

The future could be changed; they’d discovered that when reality deviated from what had been seen in the first set of visions. Surely, this future could be changed, as well.

Das Ende des Buches jedenfalls bezieht sich darauf, dass wir nicht veruschen sollten, in die Zukunft zu schauen, sondern uns darauf zu konzentrieren, die Gegenwart zu dem Besten zu machen, was möglich ist. Nicht der schlechteste Rat nach meiner Ansicht.

Reading Challenge: A book based on or turned into a TV show

Junot Diaz – The Brief Wondrous Life of Oscar Wao

Cuidate mucho, mi hijo. Know that in this world there’s somebody who will always love you.

Es will mir nicht gelingen, auch nur einen sinnvollen Satz über dieses Buch zu formulieren. Daher heute nur Stichworte:

  • fukú: generally a curse or a doom of some kind; specifically the Curse and the Doom of the New World
  • Viele Fußnoten mit Details zur dominikanischen Geschichte (Trujillo) oder Erklärungen zu diversen Popkulturreferenzen
  • Flapsige Schreibweise, die Englisch-Spanisch-Mischung teilweise etwas schwierig zu entziffern (will mir gar nicht vorstellen, wie das in der deutschen Übersetzung ist … lassen die dann das Spanische auf spanisch oder wird alles übersetzt?)
  • Magie der rotzigen Beiläufigkeit (Spoiler-Alarm!)
  • Wie man sich durchs Leben kämpft (hauptsächlich: Beharrlichkeit)

Reading Challenge: A Pulitzer Prize winning book

Alice Walker – The Color Purple

Any God I ever felt in church I brought in wits me. And I think all the other folks did too. They come to church to share God, not find God.

Die Verfilmung ist bekannt, vor einigen Jahren (tatsächlich ist es schon 10 Jahre her, stelle ich fest) gab es am Broadway eine hochkarätige Musicalversion (11 Tony Award Nominierungen). Tatsächlich habe ich den Film nie gesehen, über das Musical auch nur die Rezensionen gelesen und hatte kaum eine Vorstellung, worum es in der Geschichte geht. Es spielt in den amerikanischen Südstaaten, von Whoopi Goldberg als Hauptdarstellerin des Films kann man Rückschlüsse auf die Hauptperson ziehen. Das wars aber auch schon.

Die Geschichte wird in Briefform erzählt. Den größeren Teil schreibt die Hauptperson Celie an Gott, weil sie mit niemandem über ihre Sorgen und Probleme sprechen kann. Schon auf den ersten Seiten wird der Leser Zeuge, wie die 14-jährige Celie von ihrem Vater missbraucht wird. Die zwei daraus entstehenden Kinder nimmt er ihr weg. In ihrer späteren (vom Vater „arrangierten“) Ehe, findet Celie nur Schmerzen und Einsamkeit und verschließt ihre Gefühle vor der Welt.

Im zweiten Teil erfahren wir schließlich auch das Schicksal von Celies Schwester Nettie, die mit dem Ehepaar, das Celies Kinder adoptiert hat, auf Mission nach Afrika zieht. Ihre Briefe findet Celie erst Jahre später, ihr Ehemann hat sie aus Rache vor ihr verborgen.

Die Geschehnisse zu beschreiben wird dem Buch nicht gerecht, gleichzeitig weiß ich auch nicht, wie ich beschreiben könnte, auf wie vielen Ebenen dieses Buch wichtig ist, ohne zu viel zu verraten. Ein großes Thema ist die Emanzipation der Frau, wir lernen Sofia kennen, die ihrem Mann körperlich nahezu ebenbürtig ist und sich nicht damit abfinden will, dass Frauen ihrem Ehemann zu gehorchen haben. Dieselbe Sofia landet später im Gefängnis, weil sie auf der Straße den weißen Bürgermeister beleidigt. Hier kommt das Thema der Gleichbehandlung aller Menschen hinzu. Aber auch das Auf und Ab, die Entwicklung menschlicher Beziehungen ist ein Faktor, der sich über die Jahrzehnte, die dieser Roman abdeckt, erstaunlich gut abbilden lässt. Der Leser lernt viele Menschen kennen, die versuchen, einen Sinn in ihrem Leben zu finden, die oft ihre Kinder jahrelang verlassen (müssen), um Geld zu verdienen, sich ein Leben aufzubauen, etwas wie Glück zu finden. Celie findet am Ende so etwas wie Glück. Dieser Hinweis auf ein versöhnliches Ende sei mir gestattet, er wird das Lesevergnügen in keinster Weise stören. Empfehlung.

And I try to teach my heart not to want nothing it can’t have.

Reading Challenge: A book that came out the year you were born

Stephen Chobsky – The perks of being a wallflower

I don’t know if you’ve ever felt like that. That you wanted to sleep for a thousand years. Or just not exist. Or just not be aware that you do exist. Or something like that. I think wanting that is very morbid, but I want it when I get like this. That’s why I’m trying not to think. I just want it all to stop spinning. If this gets any worse, I might have to go back to the doctor. It’s getting that bad again.

Charlie besucht seit Kurzem die High-School. Das Buch ist aus seiner Perspektive erzählt, er schreibt Briefe in der Art eines Tagebuchs an eine unbekannte (vielleicht auch ausgedachte?) Person, in der er seine Erlebnisse und vor allem auch seine Gefühlszustände beschreibt. Der Leser erlebt durch Charlies Augen die wirren Gefühlslagen von Teenagern im Laufe des Erwachsenwerdens inklusive der Selbstfindung, des Entdeckens der eigenen Sexualität, der (manchmal gescheiterten) Beziehungen der Eltern und der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt. Das Ende hält einen Knalleffekt bereit, der vieles auflöst, was vorher unklar war, aber auch ein völlig anderes Licht auf bisher Geschehenes wirft. Special.

He got this very serious look on his face after I told him, and he said something to me I don’t think I will forget this semester or ever.
“Charlie, we accept the love we think we deserve.”

T. C. Boyle – América

Und worum ging es bei alledem? Um Arbeit, sonst nichts. Um das Recht zu arbeiten, einen Job zu haben, sich das tägliche Brot und ein Dach über dem Kopf zu verdienen. Er wurde zum Verbrecher allein dadurch, dass er es wagte, das ebenfalls zu wollen, und für das schlichte menschliche Existenzminimum alles auf Spiel setzte, und jetzt verwehrten sie ihm sogar das noch. Es stank zum Himmel. Wirklich.

Mit T. C. Boyle kann man eigentlich nie etwas falsch machen, alle seine Bücher (Die Frauen, Drop City, Dr. Sex) haben mich in der Vergangenheit gut unterhalten. Erstaunlich ist auch die Themenvielfalt, es geht immer um völlig unterschiedliche Gesellschaften und Lebenswelten.

In América stellt der Autor zwei dieser Lebenswelten einander gegenüber. In Südkalifornien lebt der Schriftsteller Delaney Mossbacher mit seiner Frau Kyra und seinem Sohn in einer reichen Wohngegend, Kyra arbeitet als Immobilienmaklerin, die Familie ist wohlhabend. Den Gegenpart bilden Cándido und América, die illegal aus Mexiko nach Kalifornien geflüchtet sind, um sich hier ein neues Leben aufzubauen. In ihrer Heimat gibt es keine Arbeitsplätze, keine Perspektiven, keine Chancen.

Schonungslos stellt der Autor diese beiden Existenzen einander gegenüber. Beide Familien müssen einen Schicksalsschlag nach dem anderen hinnehmen, nur wiegt jeder Rückschlag für Cándido und América tausend Mal schwerer. Das mühsam ersparte Geld wird ihnen geraubt, wieder müssen sie von vorne anfangen mit dem Traum einer kleinen Wohnung und einem geregelten Arbeitsleben. Trotz eines hohen Zauns um ihr Grundstück (an dessen Errichtung Cándido mitarbeitet) werden innerhalb weniger Wochen beide Hunde der Mossbachers Opfer eines Kojoten. Während Delanay sich zu Beginn gegen die Mauer stellt, die seine Nachbarn um die reiche Wohngegend bauen wollen, lässt er sich Stück für Stück von seinem Freund Jack vereinnahmen und wird schließlich zum erbitterten Gegner der Einwanderer.

Als ich am Abend in einem Café die letzten Seiten lese, spricht mich der Kellner darauf an und möchte wissen, wie es mir gefällt. Er hat es selbst vor Kurzem gelesen, es wurde 2013 im Rahmen der Aktion EineStadt.EinBuch ausgegeben. Er meint, es hätte ihm gut gefallen, nur die Thematik wäre ja bei uns in Österreich nicht in diesem Sinne aktuell. Meine spontane Reaktion war, es könnte nicht aktueller sein, denn viele Flüchtlinge und Asylwerber sind in ähnlichen Situationen wie Cándido und América.

Bei all den politischen Querelen darüber, welches Bundesland und welche Gemeinde die Asylquote erfüllt und ob es angebracht ist, die Flüchtlinge in Zeltlagern einzuquartieren anstatt im überfüllten Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen und vielen anderen natürlich wichtigen Themen, wird immer wieder vergessen, dass es hier um Menschen geht, die ihre Heimat verlassen MUSSTEN. Niemand nimmt leichtfertig das Risiko auf sich, in einem offenen Schlauchboot über das Mittelmeer zu reisen, keine Mutter und kein Vater würden ihre Kinder so einem Risiko aussetzen, wenn sie nicht absolut überzeugt wären, dass es die einzige Chance für sie ist. Es geht um Menschen, die sich nur ein besseres Leben wünschen und die meisten von ihnen wären vermutlich mit wesentlich weniger zufrieden als der durchschnittliche Österreicher hat. Sie suchen Sicherheit und Arbeit, sie suchen Hoffnung auf ein besseres Leben. Dass es in unserem Land Abgeordnete gibt, die sich diesem Streben mit Gewehrläufen und Mistgabeln in den Weg stellen wollen, ist erbärmlich. Man kann unsere Politiker nicht oft genug daran erinnern, darüber nachzudenken, was sie sich für ihre Kinder wünschen würden, wenn diese aus ihrer Heimat flüchten müssten.

Reading Challenge: A book with a one-word title

Joey Goebel – Ich gegen Osborne

Am liebsten hätte ich eingeworfen, dass Woolworth nur auf diejenigen herabsah, die es nicht anders verdient hatten, doch man musste sich an die Etikette halten.

Dieses Buch hatte ich schon seit Ewigkeiten auf der Liste, Joey Goebel hatte mich in der Vergangenheit noch nie enttäuscht (Heartland, Vincent). In der Bücherei hatte ich Glück und das Buch war gerade verfügbar.

Er hatte Recht. Ich war immer wieder erstaunt, wie grausam andere sein konnten.

Wir begleiten James Weinbach an einem Tag durch sein Highschool-Leben. James ist ein Außenseiter. Er ist in seine beste Freundin Chloe verliebt, sein Vater ist vor Kurzem gestorben, er trägt täglich einen Anzug seines Vaters und fällt allein schon deshalb aus der Rolle. Chloe, bis vor Kurzem selbst Außenseiterin, hat jedoch den Spring Break mit den coolen Kids an einer Party Location verbracht und nun werden über sie die wildesten Gerüchte verbreitet. Im Literaturkurs wird James Text kritisiert. Um nicht zu sagen von den anderen Schülern vernichtend auseinander genommen. James rastet aus.

Es ist schwierig, die Geschichte irgendwie zusammenzufassen, weil es eigentlich die Erkenntnisse sind, die zwischen den Zeilen stehen, die die Geschichte so faszinierend machen. Erst im letzten Drittel des Buches wurde mir klar, wie gefinkelt der Autor das alles angelegt und geplant hat. James ist ein totaler Gutmensch. Er hält sich selbst für besser und schaut auf seine Schulkollegen herab. Und ist deshalb ein arroganter Arsch. Und tatsächlich ist er gar nicht so viel anders als seine Schulkollegen, denn als seine Gefühle verletzt werden, schlägt er wild um sich und lässt seinen Rachegelüsten freien Lauf.

Mir missfiel, dass ich Chlors frühere Einstellung gegenüber Sweeney verraten hatte, was eine Kränkung Chlors und nicht gentlemanlike war. Er sorgte dafür, dass ich unter mein Niveau sank. Wie ich ihn hasste. … Das Gesicht eines Knaben, der wahrscheinlich Hass auf seine Eltern empfand, es war der Gesichtsausdruck eines Menschen, dessen Psyche in einer Art dauerhaftem Freitagabend feststeckte.

Der Leser hört James immer wieder darüber nachdenken, wie schlecht seine Kollegen nicht sind, wie niedrig ihre Sprache ist, wie er ihre niveaulose Musik und alle ihre niedrigen Aktivitäten verabscheut. Als Erwachsener kann man stückweise mit ihm mitfühlen, erkennt aber gleichzeitig, dass diese Einstellung zwangsläufig zu einer Katastrophe führen muss. James erkennt schließlich, dass er seine Mitschüler ständig be- und verurteilt, ohne ihre persönlichen Lebensumstände zu kennen.

Am Ende des Tages kommt es zu einem versöhnlichen Gespräch zwischen James und Chloe, in dem sie ihm diese Frage stellt:

Willst du denn nicht, dass die Leute frei sind?

Mit dem Unterton, dass die Menschen frei sein sollten, um auch schlechte Entscheidungen zu treffen. Mit der Botschaft, dass Menschen nur dann denken und selbständig leben können, wenn sie die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, und mögen es noch so schlechte Entscheidungen sein, die sie den Großteil der Zeit treffen. Gute Entscheidungen können genauso nur aus Freiheit entstehen.

Reading Challenge: A book set in high-school

Daniel Suarez – Influx

A sudden influx of innovation could disrupt social order, and disruption of social order is not to be taken lightly, Jon.

Disclaimer: Wer das Buch lesen will oder darüber nachdenkt, sollte sich diesen Artikel sparen und gleich zum Buch greifen ;-)

Wie schon bei seinen früheren Romanen, lässt Daniel Suarez seinen Lesern keine Zeit für einen ruhigen Einstieg. Jon Grady und seine Kollegen haben in ihrer Forschung zur Schwerkraft einen Durchbruch erzielt, als ihr Labor Ziel eines Terroranschlags wird. Als Grady jedoch erwacht, findet er sich im Hauptquartier einer staatlichen Organisation wieder. Deren Chef behauptet, seine Aufgabe sei die Kontrolle von Innovationen, um die Gesellschaft zu schützen. Jon Grady weigert sich, daran mitzuarbeiten und wird in einem hochtechnologischen Gefängnis eingekerkert.

Die weiteren Kapitel, in denen beschrieben wird, wie Jon Grady von einer grausamen artifiziellen Intelligenz gefoltert wird, sind definitiv das Verstörendste, was ich bisher gelesen habe. Jon will nicht aufgeben, er versucht alles, um mental stabil zu bleiben und seine Forschungsergebnisse nicht preiszugeben. Und verliert dadurch seine wichtigsten Erinnerungen.

Hackers gonna hack. Die Pointe des gruseligen ersten Teils dieses Buches ist, dass die Technik dem menschlichen Geist immer noch unterlegen ist. Jon ist nicht der einzige Gefangene, manche von ihnen sind bereits Jahrzehnte eingesperrt und haben die Technik überlistet. Sie konnten ihr Leben erträglich gestalten, haben jedoch keine Möglichkeit, zu entkommen. Bis Jon Grady für die Verantwortlichen so wichtig wird, dass sie in aus dem Gefängnis zurückholen.

Nun beginnt der actiongeladene Wettlauf, den wir aus den früheren Suarez-Romanen kennen. Schritt für Schritt kämpft sich Jon vor, um seine Kollegen aus dem Gefängnis zu befreien und die Macht der Organisation zu brechen.

He studied her for a moment. ‘Your intelligence, your appearance, your life span, your physical prowess – the organization gave you all those things. Your genetic sequence is proprietary. You need our permission to make copies of it. Otherwise you’re stealing.’

Vorgestern habe ich begonnen, in Judith Schalanskys Taschenatlas der abgelegenen Inseln zu stöbern. Daher musste ich herausfinden, ob an den im Buch erwähnten Koordinaten der Gefängnisinsel tatsächlich eine Insel ist. Die Koordinaten liegen jedoch mitten im Atlantischen Ozean. Falls dort eine Insel sein sollte, ist sie also noch nicht entdeckt ;-) Die nächst gelegene Insel ist St. Helena.

Reading Challenge: A book with non-human characters
(Die artifizielle Intelligenz Varuna, die eine Art Gefühle entwickelt, ist ein genialer literarischer Schachzug.)

Kristin Harmel – Solange am Himmel Sterne stehen

Ich rieche backendes Brot, sich färbendes Herbstlaub und einen schwachen Geruch von Feuer, während ich durch die Straßen gehe, und ich atme tief durch, denn es ist eine Mischung, die ich nicht gewohnt bin. Kleine Torbögen, Fahrräder, die an Steinmauern lehnen, und fast versteckte, umzäunte Gärten rufen mir in Erinnerung, dass ich an einem Ort bin, der mir fremd ist, aber irgendetwas an Paris kommt mir dennoch sehr vertraut vor.

Poetisch, mitreißend, eine Liebesgeschichte, eigentlich sogar mehr als eine, eine starke, an sich selbst zweifelnde, weibliche Heldin. Trotzdem kein dummes Frauenbuch.

Eine auch nur ansatzweise Nacherzählung würde zu weit führen, so unheimlich weit verzweigt sind die Familienverhältnisse und Geschehnisse, die die Autorin in ihrem Roman Stück für Stück enthüllt. Eine alte Frau leidet unter Alzheimer. Ihre Vergangenheit im zweiten Weltkrieg hat sie bisher für sich behalten, nicht mal ihre Enkeltochter und ihre Urenkelin wissen, dass sie einer jüdischen Familie in Paris mit polnischen Wurzeln entstammt. An einem guten Tag kehrt ihr Gedächtnis zurück und sie bittet ihre Enkelin, nach den lange vermissten Verwandten zu suchen.

Durch die ganze Geschichte weht stets der Duft von Gebäck. Zwischen den Kapiteln finden sich Rezepte für traditionelle polnisch-jüdische, aber auch muslimische Gebäckstücke, die Rose aus ihrer Zeit aus Paris mitgebracht hat. Freundschaft und Liebe entfalten sich kontinuierlich. Mit dem Aufdecken der Vergangenheit verbessert sich auch die angespannte Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Enthalten ist auch ein feinfühliges Porträt einer Jugendlichen, die unter der Scheidung ihrer Eltern leidet.

Ein nach Zimt und Zuckerguss duftender Wohlfühlroman mit ernsthaftem Hintergrund. Gut recherchiert, vielleicht eine Spur zu optimistisch, manche Wendungen vorhersehbar, aber doch so angenehm zu lesen, dass der Winter für ein paar Stunden etwas wärmer wird.

„…, du kannst nicht dein Leben lang nach allen Regeln leben und immer nur das tun, was andere Leute von dir erwarten, ohne an dich selbst zudenken, okay? Dann wachst du nämlich eines Tages mit achtzig oder so auf und begreifst, dass das Leben an dir vorbeigegangen ist.“

Sara Gruen – Das Affenhaus

Von Sara Gruen hatte ich 2011 begeistert Wasser für die Elefanten gelesen, später auch den Film gesehen, der nach meinem Gefühl den Zirkuszauber des Buches nicht ganz einfangen konnte. Ähnlich ging es mir mit dem Affenhaus.

Hauptpersonen sind der Journalist John Thigpen und die Forscherin Isabel Duncan. Kurz nach Johns Besuch bei Isabel und ihrer Bonobo-Familie wird deren Forschungslabor (erforscht werden die Sprachfähigkeiten der Bonobos) in die Luft gesprengt und Isabel selbst schwer verletzt. Noch während Isabel im Krankenhaus liegt, werden die Affen an einen geheimen Investor verkauft. Wochen später tauchen sie in einer Reality Show namens Affenhaus wieder auf. Isabel versucht gemeinsam mit ihrer Assistentin Celia, die Affen aus dem Haus zu befreien. Auch John Thigpen ist hinter den Affen her, um die Hintergründe aufzudecken und landet schließlich auch wenig überraschend den großen Coup.

Achtung, es folgt ein Spoiler. Es ist mir in diesem Fall nicht möglich, meine Meinung zu diesem Buch zu beschreiben, ohne massiv die Entwicklung vorwegzunehmen.

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Die Autorin hat erfolgreich der Versuchung widerstanden, Isabel und John zu einem Liebespaar werden zu lassen. Die zarten Annäherungen bleiben es auch, obwohl Isabel sich von ihrem Verlobten trennt und John mit seiner Frau Amanda einige Krisen durchzustehen hat, bleibt die naheliegende Liebesaffäre aus. Damit hebt sich das Buch neben der gut recherchierten Geschichte der Sprachforschung mit Affen erfrischend von klassischer Frauen-Liebes-Literatur ab.

Dagegen spricht jedoch die eingestreute Episode, in der John meint, ein 17-jähriger Junge mit seltenem Nachnamen entspränge möglicherweise einer betrunkenen Jugend-Episode mit einer Frau desselben Nachnamens. Das ist wiederum so weit hergeholt, dass man John für diese lächerliche Aktion einen Polster an den Kopf schmeißen möchte. Da sich die anschließende darauf basierende Eifersuchtsepisode so schnell auflöst und auch problemlos rein auf Johns Bekanntschaft mit der Stripperin Ivanka beruhen hätte können, wäre dieser „Seitensprung“ verzichtbar gewesen.

Im Ganzen kann ich das Buch trotzdem nur empfehlen. Nach meinem Empfinden kommt es an Wasser für die Elefanten nicht heran, jedoch spürt man in vielen Szenen dieselbe Herkunft. Gerade die Nebenhandlungen und -figuren sind ebenso detailreich gezeichnet und mit ausgeprägten Charaktereigenschaften versehen, die nicht nur vorhersagbar sind. Gleiches gilt für die Affenfamilie, die in Gebärdensprache mit ihren Betreuern kommunizieren. Angenehmes Lesevergnügen.

Robin Sloan – Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookstore

“Magic is not the only power in this world,” the old mage said gently, handing the horn back to its royal owner. “Griffo made an instrument so perfect that even the dead must rise to hear its call. He made it with his hands, without spells or dragon-songs. I wish that I could do the same.”

Es könnte kein passenderes Buch für diesen Anlass geben: Am heutigen Tag vereint sich der 400. Post auf diesem Blog mit dem 7. Geburtstag desselben. Am 26. November 2007 erschien der erste Post, damals noch auf meinem last.fm Profil (inzwischen gelöscht). Damals hätte ich vermutlich nicht gedacht, dass ich so lange dranbleiben würde, über (fast) jedes Buch, das ich gelesen habe, einen Text zu schreiben. Ja, ich habe über die Jahre einige Bücher ausgelassen, teilweise, weil mir meine Meinung dazu zu privat ist, um sie öffentlich zu teilwen, teilweise, weil ich dem Buch / Autor / Thema nicht noch mehr Öffentlichkeit schenken wollte.

With each new mega-project she describes, I feel myself shrink smaller and smaller. How can you stay interested in anything – or anyone – for long when the whole world is your canvas?

Eine warmherzige Empfehlung kann ich jedoch für Mr. Penumbra aussprechen. Empfehlungen aus der Ecke problems of a book nerd sind meistens eine Lesefreude, aber dieses Buch übertrifft vielleicht nicht alles, aber einiges.

Clay stolpert auf der Suche nach einem Job in Mr. Penumbras Buchhandlung und findet sich überraschend schnell als Nachtverkäufer hinter dem Tresen (gibt es dafür ein österreichisches Wort?) wieder. Natürlich ist nachts im Buchgeschäft nicht viel zu tun, auch wenn Clay nach und nach die etwas seltsamen Besucher kennenlernt, die nichts kaufen, sondern sich aus den hinteren Regalen Bücher ausleihen. Aus Langeweile beginnt er, das Buchgeschäft auf seinem Laptop in 3D nachzubauen. Gemeinsam mit der aufstrebenden Google-Mitarbeiterin Kat löst er mehr zufällig ein Rätsel, das ihn auf die Spur einer geheimen Gemeinschaft bringt. Seit Jahrhunderten sind deren Mitglieder mit der Entschlüsselung des Buches eines Aldus Manutius, der Zeitgenosse von Gutenberg gewesen sein soll, beschäftigt. Das Buch soll den Schlüssel des Lebens enthalten. Clay und Kat nehmen die Herausforderung an, den Code mit modernen Mitteln zu knacken.

Meine Zusammenfassung ist wie so oft viel langweiliger als die tatsächliche Geschichte, weil das Buch einfach so nett geschrieben ist. Clay hat jede Menge Freunde mit seltsamen Hobbies wie etwa sein Mitbewohner Matt, der als Ausstatter beim Film arbeitet und außergewöhnliche Talente im Herstellen von Requisiten (oder gefälschten Büchern) aufweist. Jedes Kapitel bringt ein neues Puzzle hervor, für das Clay und seine Freunde nach etwas Drehen und Wenden und manchmal auch ein paar Schritten rückwärts eine Lösung finden.

Wird der Code am Ende geknackt? Die Antwort ist wie so oft: Ja und Nein! Aber die Reise dahin ist jede Minute wert!

There is no immortality that is not built on friendship and work done with care. All the secrets of the world worth knowing are hiding in plain sight.