Markus Zusak – The Book Thief

Bevor ich dieses Buch zur Hand nahm, hatte ich keine Ahnung davon, worum es geht. Einzige Referenz für mich war ein anderes Buch des Autors, das mich 2017 sehr begeistert hatte. Ich wurde auch dieses Mal nicht enttäuscht.

Erzählt wird die Geschichte von Liesel Meminger, die im ersten Kapitel das Sterben ihres kleinen Bruders in einem kalten Zug miterlebt und nur wenige Stunden später von ihrer Mutter bei einer Pflegefamilie zurückgelassen wird. Wie sich später herausstellt: Liesels Mutter wurde als Kommunistin von den Nationalsozialisten verfolgt und versuchte auf diesem Weg, ihre Tochter in Sicherheit zu bringen. Es folgen detailreiche Beschreibungen von Liesels Leben im nahe München gelegenen Molching (wie sich auf Wikipedia nachlesen lässt eine Anlehnung an den realen Ort Olching). Der rote Faden sind die Bücher, die in Liesels Leben „auftauchen“. Das erste Buch stiehlt sie auf dem Friedhof am Grab ihres toten Bruders: Das Handbuch für Totengräber. Zu diesem Zeitpunkt kann Liesel nicht lesen, sie stiehlt das Buch als Erinnerung an ihren Bruder.

Im Verlauf des Krieges lernt Liesel nicht nur lesen, sie lernt auch, die Ungerechtigkeiten der Welt zu erkennen. Ihr moralischer Kompass scheint sie unempfindlich zu machen gegen die im Bund Deutscher Mädel vermittelten Leitbilder des totalitären Regimes. Ihre Beziehung zum im Keller versteckten Juden Max, die auf Büchern, Worten und dem Austausch von Alpträumen basiert, wiegt schwerer als die immer bedrohlicher werdenden Ausprägungen des nationalsozialistischen Regimes.

Interessant ist nicht nur die Geschichte selbst, sondern auch die unterschiedlichen verwendeten Stilmittel. Auffallend ist vor allem, dass die Geschichte aus der Sicht des Todes erzählt wird, der immer wieder einstreut, wie beschäftigt er im Verlauf des Krieges mit dem Abholen der vielen Seelen der Verstorbenen ist. Ein besonders berührender und bedrückender Teil ist die Beschreibung der Konzentrationslager Auschwitz und Mauthausen aus der Sicht des Todes.

Der Schreibstil ist anekdotisch, fühlt sich wie erzählte Erinnerungen an und hält trotz einiger Verweise zwischen den Zeiten an einem roten Faden fest, der sich von Buch zu Buch schlängelt und schließlich an Liesels selbst Geschriebenem endet. Eine berührende und großartige Geschichte.

Randnotiz: Da ich erst kürzlich selbst auf den (nun nicht mehr erreichbaren) Blog von Mademoiselle Read-On verlinkt habe, empfinde ich es als notwendig, auf eine entstandene Kontroverse hinzuweisen, die in Bezug auf diese Person und ihr Blog kürzlich entstanden ist. Artikel in Zeit und Spiegel legen nahe, dass viele in ihrem Blog veröffentlichte Geschichten erfunden sind. Das alleine wäre in meinen Augen noch kein großes Problem, ich hatte bei vielen ihrer Geschichten, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe, das Gefühl, dass etwas nicht ganz zusammen passt. Es war aber eher nur diffus und bei der verwendeten blumigen Schreibweise hatte ich auch einfach angenommen, dass eine Erzählebene dazwischen geschoben wurde, um die erwähnten Personen zu abstrahieren, dass Metaphern verwendet wurden, um Alltagsgeschichten zu interessanten Geschichten zu machen, dass manche Situationen so erzählt wurden, wie sie ablaufen hätten könnten, wäre die Autorin ein anderer Mensch.

Im oben erwähnten Spiegel-Artikel wird jedoch auch aufgedeckt, dass die Autorin erfundene Holocaust-Opfer an die Gedenkstätte Yad Vashem gemeldet hat. Die Problematik dahinter erklärt erschöpfend dieser Beitrag von Anke Gröner. Für viele andere kommt wohl zusätzlich hinzu, dass sie mit der Autorin persönlich bekannt waren und sich nun ihre persönliche Einschätzung der Autorin als falsch herausgestellt hat, wie zum Beispiel in diesem Beitrag erklärt. Es ist nicht das erste Mal, das Menschen Geschichten erfinden und sie als wahr ausgeben. Die Motive sind in diesem Fall unklar. Vertrauen wurde erschüttert. Eine andere Sichtweise (oder ein Erklärungsversuch?) auf die Ereignisse findet sich auch hier bei Irgendwie Jüdisch.

Susan Orlean – The Library Book

The library is a gathering pool of narratives and of the people who come to find them. It is where we can glimpse immortality; in the library, we can live forever.

Schon der Titel lässt erahnen, dass es sich bei diesem Werk um eine Liebeserklärung an die Institution Bibliothek (Library) handelt. Die Autorin erzählt jedoch nicht nur von ihren eigenen Erfahrungen, sondern nimmt diese zum Anlass, tief in das Thema einzutauchen.

My mother imbued me with a love of libraries. The reason why I finally embraced this book project – wanted, and then needed, to write – was my realization that I was losing her.

Ein wichtiger Handlungsstrang ist der Brand der Los Angeles Public Library im Jahr 1986. Die Autorin beleuchtet in tiefgehenden Recherchen den Zustand der Bibliothek vor und nach dem Brand, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und webt ein dichtes Netz, das zum Ziel hat, Licht auf das Feuer und die darauf folgenden Aufbauarbeiten zu werfen. Die Brandursache konnte niemals vollständig geklärt werden. Ein Verdächtiger wurde festgenommen, vor Gericht gestellt und aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt. Die Lebensgeschichte dieses mutmaßlichen Brandstifters nimmt ebenfalls eine wichtige Rolle im Buch ein. Aus den Recherchen der Autorin lässt sich schließen, dass der junge Mann eher zufällig mit dem Brand in der Bibliothek in Zusammenhang kam und sich der auf ihn fallende Verdacht hauptsächlich wegen seiner ständig wechselnden Aussagen erhärtete. Obwohl das Gerichtsverfahren mit einem Freispruch endete, beeinflusste die öffentliche Wahrnehmung seiner Verbindung mit dem Bibliotheksbrand sein weiteres Leben.

People think of libraries as the safest and most open places in society. Setting them on fire is like announcing that nothing, and nowhere, is safe. The deepest effect of burning books is emotional.

Beleuchtet wird aber auch die Rolle der Bibliothek in den vergangenen Jahrhunderten bis zum heutigen Tag. Bibliotheken sind offene Orte, sie bieten Platz für Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und anderen persönlichen Merkmalen. Sie sind Orte des Wissens und des Lernens, der Ruhe, aber auch der Gemeinschaft. Die Autorin begleitet viele Menschen, die in der Los Angeles Public Libary arbeiten, durch ihren Arbeitsalltag und beschreibt die Begegnungen mit den BesucherInnen der Bibliothek und die vielen anderen angebotenen Aktivitäten wie zum Beispiel Story Times für Kinder unterschiedlicher Altersgruppen oder Sprachkurse. Im letzten Kapitel berichtet die Autorin von einem Besuch beim Marktführer im Bereich Online-Verleih-Systeme Overdrive. Die letzten Jahrzehnte haben bereits gezeigt, dass Bibliotheken durch das Internet nicht aussterben werden. Genau genommen sind sie wichtiger denn je. Neue Technologien vereinfachen den Zugang, machen jedoch die traditionellen Funktionen von Bibliotheken nicht obsolet.

Als Beispiel möchte ich noch ein Detail hervorheben, das mich persönlich begeistert hat. Das historische Gebäude der Los Angeles Public Library wurde von Bertram Goodhue geplant. Im Buch beschreibt die Autorin in mehreren Absätzen seinen Ansatz, dass ein Gebäude eine Geschichte erzählen sollte. Seine Form, seine Kunst, Ornamente, alle Elemente zusammen sollten wie ein Buch gelesen werden können und die Geschichte darüber erzählen, was in dem Gebäude passiert. In meinen Augen ist das ein wunderbarer, fachübergreifender Zugang, der Architektur von reiner Zweckmäßigkeit auf eine künstlerische Ebene hebt. Bertram Goodhue war jedoch nicht nur Architekt, sondern hat unter anderem auch die Schriftart Cheltenham erschaffen.

It declares that all these stories matter, and so does every effort to create something that connects us to one another, and to our past and to what is still to come.

Carlos Ruiz Zafón – Das Spiel des Engels

„Es sind bloß Kopfschmerzen, Señor Sempere. Es geht gleich vorüber.“
Sempere brachte mir ein Glas Selters.
„Da. Das kuriert alles, außer der Dummheit, die ist eine wahre Pandemie.“

 Mit einer traurigen Kindheit und kaum Möglichkeiten beginnt die Geschichte des David Martín. Bereits als Junge muss sich David  nach der Ermordung seines drogensüchtigen Vaters durch Unbekannte allein durchschlagen und wird so zum Einzelgänger. Besagter Sempere führt den erwachsenen David schließlich zum Friedhof der Bücher, wo er nach einem verwirrenden Werk greift, einer Sammlung von religiösen Texten.

Der San-Sebastián-Turm ragte rund achtzig Meter in die Höhe, ein Gewirr von Kabeln und Stahl, das einen vom bloßen Hinsehen schon schwindeln machte. Die Seilbahn war im selben Jahr anlässlich der Weltausstellung eröffnet worden, die in der Stadt alles auf den Kopf gestellt und aus ihr eine Stadt der Wunder gemacht hatte.

Vom mysteriösen Patron wird Martin, der inzwischen erfolgreicher Schriftsteller von Groschenromanen geworden ist, zuerst von seinem Gehirntumor geheilt und anschließend in eine mysteriöse Krimigeschichte hineingezogen, die im weiteren Verlauf beinahe David und an seiner statt viele andere Menschen das Leben kostet.

„Sporadische Besucher meinen naiverweise, in dieser Stadt sei es immer sonnig und heiß“, sagt der Patron. „Aber ich sage immer, über kurz oder lang wird sich Barcelonas alte, trübe, dunkle Seele am Himmel widerspiegeln.“

Wenig Schlaf und viele Tote folgen, bis David schließlich die Chance zu einem Neubeginn bekommt. Ein weiterer grandioser Roman aus der Feder des spanischen Meisterschreibers.

Ich erwachte im Morgengrauen mit schmerzendem Körper, in den Sessel des Arbeitszimmers eingezwängt. Beim Aufstehen knirschte das eine oder andere Gelenk meines Körpers. Ich schleppte mich zum Fenster und öffnete es sperrangelweit. Die Altstadtdächer leuchteten im Raureif, und purpurn zog sich der Himmel über Barcelona zusammen. Als die Glocken von Santa Mariá del Mar schlugen, flog von einem Taubenschlag eine Wolke schwarzer Flügel auf. Ein schneidend kalter Wind trug den Geruch der Molen und den Ruß von den Schornsteinen im Viertel herbei.