Charlotte Roche – Schoßgebete

So ist man doch, wenn man wirklich liebt, man ist ja dann nicht selbstsicher und sagt sich: Klar, kein Problem, du kommst sowieso wieder.

Gerade wird mir klar, dass auch das literarische Umfeld, in dem ein Buch gelesen wird, beeinflusst, wie es wahrgenommen wird. Wenn ich My Year of Rest and Relaxation nicht direkt im Anschluss an A Little Life gelesen hätte, wäre ich vielleicht anders damit umgegangen. Mit Schoßgebete habe ich vor einigen Wochen an einem „verlorenen“ Abend begonnen, an dem ich mich zu keiner „anspruchsvollen“ Lektüre mehr aufraffen konnte. Beendet habe ich es nun in diesem Umfeld, wo sich erstaunliche Parallelen zu My Year of Rest and Relaxation auftun, die mir vor einer Woche gar nicht auffallen hätten könnten und in ein paar Wochen vielleicht schon nicht mehr aufgefallen wären.

Die erzählende Protagonistin stellt ein Klischeebild einer modernen Frau dar: unsicher, perfektionistisch, die eigenen Bedürfnisse verleugnend, um ihrem Mann zu gefallen. Aus feministischer Sicht ließe sich hier einiges kritisieren und zerpflücken, aber hier ist (zumindest mir) so deutlich klar, dass es sich um eine Paraodie handelt, dass ein „Ernstnehmen“ gar nicht in Frage kommt. Die Autorin macht sich lustig darüber, wie die Gesellschaft den Frauen vorgaukelt, wir müssten ständig perfekt gepflegt sein, uns vegetarisch oder noch besser vegan ernähren, ein umweltschonendes Elektroauto fahren und für den Partner jederzeit sexuell verfügbar sein.

Wenn ich mich aber darauf konzentrieren kann, was Gutes zu machen, zum Beispiel Vegetarierin zu werden, dann geht es mir besser.

Ein großes Thema ist auch das Verhältnis zur abwesenden Mutter, geprägt von einem Autounfall, bei dem zwei Brüder der Autorin ums Leben gekommen sind, die Mutter jedoch schwer verletzt überlebt hat. Hier bricht das parodistische Narrativ etwas, die Erzählung untersucht, wie die Beziehung der eigenen Mutter das weibliche Rollenerleben prägen kann, im positiven wie im negativen Sinn. Weibliches Konkurrenzdenken kommt in der Rolle der nur am Rande erwähnten Freundin der Protagonistin zum Ausdruck. Über allem schwebt jedoch immer das Streben nach Perfektion, nach Fehlerlosigkeit oder zumindest dem Verstecken der eigenen Mängel dort, wo niemand anders sie sehen kann. Ein Unterfangen, das unwiderruflich zum Scheitern verurteilt ist.

Eric-Emmanuel Schmitt – Die Frau im Spiegel

Sich fortzupflanzen? War es das, was die Frauen in ihrer Umgebung alle nicht erwarten konnten? Selbst die unbändige Ida?

Dieses Buch hatte ich schon auf meiner letzten Reise begonnen, nur irgendwie war der Anfang etwas schleppend und ich konnte mich nicht wirklich auf die drei Protagonistinnen einlassen. Das Buch beschreibt drei Frauen, die sich den Normen ihrer aktuellen Gesellschaft nicht unterwerfen können oder wollen. Sie lehnen sich auf gegen die Erwartungen, die an sie als Frau gestellt werden: zu heiraten, fruchtbar zu sein, sich in Liebe einem Mann zu unterwerfen. In unterschiedlichen Epochen und unterschiedlichen Verhältnissen lebend bleiben den Frauen verschiedene Möglichkeiten, sich mit den gesellschaftlichen Erwartungen zu arrangieren oder sie herauszufordern.

Anne von Brügge läuft ihrer eigenen Hochzeit davon, fühlt sich nur mit der Natur eins und wird aufgrund ihres unerschütterlichen Glaubens, dass Gott in der Natur lebt und durch sie spricht, schließlich als Ketzerin verbrannt.

Hanna Waldberg droht unter den Erwartungen ihres Ehemannes und seiner Familie, ihm möglichst bald Kinder zu schenken, zusammenzubrechen. Die Begegnung und Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse eröffnet ihr schließlich einen neuen Lebensweg abseits der Pfade, die die Gesellschaft für eine Frau in ihrer Stellung vorgesehen hat.

Anny Lee lässt sich als erfolgreiche Schauspielerin von ihrer Agentin gängeln und versucht ihre Freiheit durch Alkohol- und Drogeneskapaden auszuleben. Ihr fehlt nicht nur ein Bezug zur realen Welt sondern auch ein Gefühl für ihren eigenen Körper. Dabei können ihr auch die Beziehungen zu wechselnden Männern nicht helfen. Erst als sie ihre Vorstellungen davon, was Liebe sein muss, zurücklassen kann, findet sie eine neue Perspektive auf die Welt.

Du bist sehr viel mehr, als das, was du glaubst zu sein.