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Roman

Jenny Colgan – The Bookshop on the Corner

Because life is like that, isn’t it? If you thought of all the tiny things that divert your path one way or another, some good, some bad, you’d never do anything ever again.

Als ich dieses Buch vor vier Tagen ausgeliehen habe, dachte ich noch, ich würde auf Urlaub fliegen. Das war angesichts der Entwicklungen der letzten Wochen vermutlich etwas naiv, aber da ich mich auf diese Auszeit schon einige Monate lang freue, wollte ich bis zum letzten Moment nicht die Hoffnung aufgeben. Der letzte Moment war dann die allgemeine Reisewarnung, die am Freitag vom Außenministerium verkündet wurde. Nicht nur die Enttäuschung über die abgesagte Reise war groß, nach hektischen Maßnahmen, um den finanziellen Schaden zu minimieren (die Kurzfassung: zwei unserer gebuchten Hotels waren bereits außerhalb der Gratis-Storno-Phase, erließen uns aber binnen weniger Stunden die Stornogebühren, die Fluglinie war störrisch, ermöglichte aber zumindest ein kostenloses Verschieben des Flugs) und Einkäufen (wenn ich auf Urlaub fahren will, habe ich natürlich keinerlei frische Lebensmittel mehr im Haus), stellte sich die Sorge ein, wie das wohl alles weitergehen soll. Den Samstag verbrachte ich daher nahezu durchgehend lesend im Bett. Seit heute Vormittag gelten auch Ausgangsbeschränkungen.

Letztes Jahr hatte ich mich mit Little Beach Street Bakery von Jenny Colgan recht gut unterhalten gefühlt. The Bookshop on the Corner wäre auch eine echt gute Urlaubslektüre gewesen. Auch wenn die Protagonistin Nina so mancher Leserin etwas zu perfekt sein mag (sie wird als schüchtern und unauffällig hingestellt, erweist sich aber im Verlauf des Buches als warmherzige und hilfsbereite Kämpferin), glänzt die Geschichte mit absurden Einfällen wie dem Bücherbaum und der poetischen Romanze zwischen Nina und Marek. Die Flauschigkeit der Geschichte eignet sich nicht nur als Urlaubslektüre sondern auch als Ablenkung von einer „freiwilligen Beschränkung der Sozialkontakte“.

Just do something. You might make a mistake, then you can fix it. But if you do nothing, you can’t fix anything. And your life might turn out to be full of regrets.

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Sachbuch

Susan Orlean – The Library Book

The library is a gathering pool of narratives and of the people who come to find them. It is where we can glimpse immortality; in the library, we can live forever.

Schon der Titel lässt erahnen, dass es sich bei diesem Werk um eine Liebeserklärung an die Institution Bibliothek (Library) handelt. Die Autorin erzählt jedoch nicht nur von ihren eigenen Erfahrungen, sondern nimmt diese zum Anlass, tief in das Thema einzutauchen.

My mother imbued me with a love of libraries. The reason why I finally embraced this book project – wanted, and then needed, to write – was my realization that I was losing her.

Ein wichtiger Handlungsstrang ist der Brand der Los Angeles Public Library im Jahr 1986. Die Autorin beleuchtet in tiefgehenden Recherchen den Zustand der Bibliothek vor und nach dem Brand, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und webt ein dichtes Netz, das zum Ziel hat, Licht auf das Feuer und die darauf folgenden Aufbauarbeiten zu werfen. Die Brandursache konnte niemals vollständig geklärt werden. Ein Verdächtiger wurde festgenommen, vor Gericht gestellt und aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt. Die Lebensgeschichte dieses mutmaßlichen Brandstifters nimmt ebenfalls eine wichtige Rolle im Buch ein. Aus den Recherchen der Autorin lässt sich schließen, dass der junge Mann eher zufällig mit dem Brand in der Bibliothek in Zusammenhang kam und sich der auf ihn fallende Verdacht hauptsächlich wegen seiner ständig wechselnden Aussagen erhärtete. Obwohl das Gerichtsverfahren mit einem Freispruch endete, beeinflusste die öffentliche Wahrnehmung seiner Verbindung mit dem Bibliotheksbrand sein weiteres Leben.

People think of libraries as the safest and most open places in society. Setting them on fire is like announcing that nothing, and nowhere, is safe. The deepest effect of burning books is emotional.

Beleuchtet wird aber auch die Rolle der Bibliothek in den vergangenen Jahrhunderten bis zum heutigen Tag. Bibliotheken sind offene Orte, sie bieten Platz für Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und anderen persönlichen Merkmalen. Sie sind Orte des Wissens und des Lernens, der Ruhe, aber auch der Gemeinschaft. Die Autorin begleitet viele Menschen, die in der Los Angeles Public Libary arbeiten, durch ihren Arbeitsalltag und beschreibt die Begegnungen mit den BesucherInnen der Bibliothek und die vielen anderen angebotenen Aktivitäten wie zum Beispiel Story Times für Kinder unterschiedlicher Altersgruppen oder Sprachkurse. Im letzten Kapitel berichtet die Autorin von einem Besuch beim Marktführer im Bereich Online-Verleih-Systeme Overdrive. Die letzten Jahrzehnte haben bereits gezeigt, dass Bibliotheken durch das Internet nicht aussterben werden. Genau genommen sind sie wichtiger denn je. Neue Technologien vereinfachen den Zugang, machen jedoch die traditionellen Funktionen von Bibliotheken nicht obsolet.

Als Beispiel möchte ich noch ein Detail hervorheben, das mich persönlich begeistert hat. Das historische Gebäude der Los Angeles Public Library wurde von Bertram Goodhue geplant. Im Buch beschreibt die Autorin in mehreren Absätzen seinen Ansatz, dass ein Gebäude eine Geschichte erzählen sollte. Seine Form, seine Kunst, Ornamente, alle Elemente zusammen sollten wie ein Buch gelesen werden können und die Geschichte darüber erzählen, was in dem Gebäude passiert. In meinen Augen ist das ein wunderbarer, fachübergreifender Zugang, der Architektur von reiner Zweckmäßigkeit auf eine künstlerische Ebene hebt. Bertram Goodhue war jedoch nicht nur Architekt, sondern hat unter anderem auch die Schriftart Cheltenham erschaffen.

It declares that all these stories matter, and so does every effort to create something that connects us to one another, and to our past and to what is still to come.

EDIT [20. Dezember 2019]: Es gibt eine Podcast-Episode von The Maris Review, in der Susan Orlean über die Geschichte des Buches spricht und unter anderem erzählt, warum ein Feuer in einer Bibliothek in Los Angeles eine besondere Bedeutung hat (mit Verweisen auf die aktuellen Waldbrände). Via Lithub.