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English Roman

David Levithan – Someday

What I’m learning is that the heart has the capacity to love so many people. I used to think I had to give that capacity to just one person, and never hold back any love for myself. But how wrong I was.

Nach Every day und Another day, in dem der Autor die Geschichte des Kennenlernens von Rhiannon und A aus beider Perspektive beschreibt, folgt mit Someday eine Fortsetzung, die überraschenderweise noch mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet.

Am Ende der beiden vorhergehenden Bücher hat A sich entschlossen, den Kontakt zu Rhiannon abzubrechen. Natürlich können sie einander nicht vergessen und nehmen schließlich den Kontakt wieder auf. Beide erkennen, dass ihre Beziehung zu Beginn darunter gelitten hat, dass sie sich nicht in gewöhnliche Beziehungskonzepte pressen lässt. Wenn die bekannten Beziehungsmuster nicht zu passen scheinen, kann eine Beziehung nicht erfolgreich sein, das denken sowohl A als auch Rhiannon. In diesem Buch definieren Rhiannon und A ihre Beziehung neu: Sie muss nicht exklusiv sein. Sie muss nicht den gängigen Vorstellungen einer lebenslangen Beziehung entsprechen. Sie muss nicht einer klassischen Beziehungsentwicklungslinie (mir fällt leider wirklich keine bessere deutsche Version für relationship escalator ein) folgen. All diese Ansprüche haben eine Beziehung zuvor verhindert. In dieser Fortsetzung konzentrieren sich beide darauf, was sie einander geben können, was sie zusammen haben können und daraus entsteht etwas völlig Neues. Das Sprengen von gesellschaftlichen Vorstellungen und Rahmenbedingungen und Schaffen von Räumen für eigene Ideen abseits der gängigen Normalitätsfolien schafft Möglichkeiten, die zuvor undenkbar waren. Diese ermutigenden Botschaften zwischen den Zeilen sind eine der besonderen Leistungen des Autors.

But if it becomes normal for us – that’s good. That’s all we can ask for.

Zumindest so spannend wie der Beziehungsaspekt war für mich die Tatsache, dass nun auch andere Personen wie A zu Wort kommen. Dadurch wird die Perspektive auf die Frage, was eine Person ausmacht, erneut erweitert. Die körperwandernden Personen beschreiben ähnliche aber zugleich vollkommen unterschiedliche Erfahrungen. Worauf es ankommt, ist wie die Person mit einer Situation umgeht. Täglich treffen wir Entscheidungen, die sich nicht nur auf uns selbst, sondern auch auf andere Personen auswirken. Ob wir dabei hauptsächlich auf unseren eigenen Vorteil schauen oder auf das Wohl anderer Menschen oder sogar auf das große Ganze – das macht in meinen Augen einen wesentlichen Aspekt der Persönlichkeit aus.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch kurz das Konzept Body neutrality erwähnen, das sich im weitesten Sinn auch im Text verorten lässt. Bei diesem Gegenkonzept zu Body positivity geht es nicht darum, den eigenen Körper um jeden Preis schön zu finden, sondern darum, dass es auf den Körper nicht so ankommt: der Mensch im Körper ist wichtiger als wie der Körper aussieht. Das Hadern mit dem eigenen Körper lässt sich im Allgemeinen nicht von einem Tag auf den anderen (und vielleicht überhaupt nie) vollständig ablegen. Aber der Gedanke, sich von der Doppelbelastung, den eigenen Körper perfektionieren und gleichzeitig den unperfekten Körper lieben zu müssen, verabschieden zu können, kann nicht oft genug geteilt werden.

But the whole point of love is to write your own version of normal.

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Roman

David Levithan – Another Day

In Every Day beschreibt der Autor eine Person namens A, deren Bewusstsein täglich in einem anderen, fremden Körper aufwacht. Die Geschichte wirft viele Fragen auf, unter anderem, was eine Person, einen Menschen eigentlich ausmacht. Wenn wir einen Menschen lieben, was lieben wir dann genau? Idealerweise lieben wir die Menschen, die wir lieben, so wie sie sind, auch wenn sich das mit der Zeit verändert. Niemand bleibt an einem bestimmten Punkt stehen, wir entwickeln uns weiter und können uns daher auch in eine Richtung entwickeln, die mit einem Menschen, den wir lieben, nicht kompatibel ist.

Another Day erzählt die Geschichte nochmals und zwar aus der Perspektive von Rhiannon. Auch im ersten Teil kommt ihre Gefühlswelt zum Ausdruck in den vielen Gesprächen, die Rhiannon und A führen. Nun aber blickt die Leserin tiefer in Rhiannons (Selbst-)Zweifel und kann verfolgen, wie Rhiannons Weltbild durch die Begegnung mit A auf den Kopf gestellt wird. Rhiannon muss sich fragen, was eine Beziehung für sie ausmacht. Kann Liebe langfristig funktionieren, wenn eine traditionelle Beziehung nicht möglich ist, niemals möglich sein wird? Kann sie A lieben, auch wenn ihr mentales Bild von A niemals mit dem Körper zusammenpasst, in dem A gerade steckt?

Auch dieses Buch endet mit weiteren Fragen: A hat herausgefunden, dass es noch andere Personen gibt, die so leben. Es gibt eine Möglichkeit, den Körper zu übernehmen und dauerhaft mit diesem zu leben. Dazu müsste A jedoch das Bewusstsein des anderen Menschen töten. Dies wirft neue Fragen auf über die Wertigkeit von Leben und die Entscheidung, das eigene Leben über das anderer Menschen zu stellen. Fragen, denen der Autor in einer Fortsetzung nachgeht: Someday.

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Erzählung

Christoph Ransmayr – Damen & Herren unter Wasser

Mit Christoph Ransmayr verbinde ich nach wie vor eine ganz persönliche Nostalgie, immerhin war das erste Buch meiner Aufzeichnungen Die Schrecken des Eises und der Finsternis.

Diese Bildergeschichte habe ich nun schon ewig auf der Liste stehen, weil sie schon immer vergriffen war. Sie gehört zur Reihe Spielformen des Erzählens, in der Christoph Ransmayr bereits die Festrede, die Tirade und das Verhör untersucht hat. Diese Bildergeschichte stützt sich nun auf sieben Unterwasserfotografien von Manfred Wakolbinger, die Christoph Ransmayr als Ausgangspunkt für seine Protagonisten dienen.

Der Erzähler und Ex-Museumswärter Herr Blueher findet sich plötzlich als Großflossen-Riffkalmar in den Tiefen des Ozeans wieder. Er weiß weder, was ihm geschehen ist, noch, ob es einen Weg zurück gibt. Die animalischen Instinkte zwingen ihn zum Überleben, seinen Geist versucht er mit philosophischen Untersuchungen wachzuhalten. Stück für Stück lernt er andere Meeresbewohner mit menschlicher Vergangenheit kennen und erforscht ihre Geschichten auf der Suche nach einer Art Sinn in ihrer Verwandlung. Ein unaufgeregt vor sich hin philosophierender Riffkalmar erforscht das Meer und sucht nach dem Sinn des Lebens. Ein Lesevergnügen.

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Roman Science Fiction

David Levithan – Every Day

If there’s one thing I’ve learned, it’s this: We all want everything to be okay. We don’t even wish so much for fantastic or marvelous or outstanding. We will happily settle for okay, because most of the time, okay is enough.

Es ist ein seltsames Setting, das David Levithan für diese Lovestory gewählt hat. Die Geschichte wird erzählt aus der Perspektive von A. A hat keinen eigenen Körper, sein Bewusstsein erwacht jeden Tag im Körper eines anderen Menschen. A hat dann Zugriff auf das Wissen und die Erinnerungen dieses Menschen und hat gelernt, sich jeden Tag durch ein neues, fremdes Leben zu manövrieren.

In your heart, in your bones, no matter how silly you know it is, you feel that everything has been leading to this, all the secret arrows were pointing here, the universe and time itself crafted this long ago, and you are just now realizing it, you are just now arriving at the place you were always meant to be.

Eines Tages wacht A im Körper von Justin auf und verbringt einen Tag mit dessen Freundin Rhiannon. Und verliebt sich in sie. Von diesem Zeitpunkt an ist für A nichts mehr wie zuvor. A weiß, er kann mit Rhiannon niemals so zusammen sein, wie Justin es kann. Und doch sind die Gefühle so stark, dass für A alle selbst aufgestellten Regeln nicht mehr gelten.

Mir fällt gerade auf, wie schwer es ist, im Schreibfluss das Wort er zu vermeiden. Da A keinen Körper hat und sowohl Junge als auch Mädchen ist (oder auch keines von beidem), hat er auch kein Geschlecht. Dies wird im Buch mehrfach thematisiert. Es ist schwierig für Rhiannon, zu verstehen, dass man sich weder als Mann noch als Frau fühlen kann. Durch die unterschiedlichen Perspektiven, die A Tag zu Tag erfährt, scheint sein Bewusstsein deutlich reifer zu sein als das gleichaltriger Jugendlicher. Der Leser begleitet A durch die unterschiedlichen Leben. Besonders bedrückend und realistisch ist A’s Tag im Körper eines depressiven Mädchens. Der Autor beschreibt, wie sich alles schwarz anfühlt, als würde eine dunkle Wolke stets den Körper umhüllen, sodass von außen nichts durchdringen kann.

Beim Lesen stellte ich mir unwillkürlich die Frage, was einen Menschen ausmacht. Ist A ein vollständiger Mensch, obwohl er keinen eigenen Körper hat? Kann Rhiannon ein Bewusstsein lieben, das ihr täglich in einem anderen Körper erscheint? Der eigene Körper definiert einen wichtigen Teil unserer Selbsterscheinung, auch, wenn man sich nicht ständig mit den Schönheitsidealen der Medien beschäftigt. Wer jahrelang wegen seines Aussehens verspottet wird, entwickelt sich zu einem anderen Menschen als ein besonders schöner Mensch. Es muss nicht unbedingt eines von beidem besser sein, aber es macht auf jeden Fall einen Unterschied. Die körperliche Entwicklung gehört ebenfalls zum Bewusstsein. Kann Liebe über das Bewusstsein triumphieren? David Levithan findet eine ungewöhnliche Antwort in seinem überraschenden Ende dieser Geschichte.

It’s as if when you love someone, they become your reason.

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Sachbuch

Roger Penrose – Computerdenken

Der Mathematiker erfindet nicht, er findet. Sicher muss er, wenn er kreativ ist, auch sehr viel erfinden. Er muss sinnvolle Fragen ersinnen, er muss ein geeignetes begriffliches und methodisches Instrumentarium entwickeln, und er muss geschickte Premissen formulieren. (Dieter Wandschneider im Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe)

Wer sich nach dieser Einleitung fragt, was dass den eigentlich nun mit Computern zu tun hat, liegt vollkommen richtig. Vielmehr begibt sich Roger Penrose in seinem Werk auf den Spuren von Douglas Hofstaedter auf eine Reise durch Mathematik, Physik und andere Gebiete der Wissenschaft um im letzten Kapitel scheinbar losgelöst auf die Frage des menschlichen Bewusstseins zurückzukommen.

Wie ich schon bei der Lektüre von Gödel, Escher, Bach feststellen musste, fällt es mir als Nicht-Mathematiker schwer, die komplizierten Formeln zu verstehen, mit denen sich die Experten so gern auseinandersetzen. Penrose betont in seinen Ausführungen immer wieder, dass der Leser, der sich mit den vielen Gleichungen nicht so wohl fühlt, diese einfach überspringen möge. Ich meine mich zu erinnern, dass er irgendwo auch meinte (leider kann ich die Stelle nicht mehr finden), dass die Gleichungen zum Verständnis der Theorien nicht unbedingt notwendig seien. Dann stellt sich jedoch die Frage, warum er sie überhaupt einschließt. Mir kam eher der Gedanke, dass es möglicherweise zum Verständnis beitrüge, wenn Penrose sich hin und wieder mal die Mühe gemacht hätte, die Variablen in seinen Gleichungen durch tatsächliche Werte zu ersetzen, um zu erklären, was die Ergebnisse eigentlich aussagen. Nur durch Variablen lässt sich einem Nicht-Mathematiker kaum Verständnis für die komplizierten Theorien einhämmern.

Demnach würde jede Möglichkeit in irgendeiner riesigen Superposition koexistieren. Das ist gewiss kein besonders sparsames Modell; aber meine eigenen Einwände dagegen entspringen nicht seinem Mangel an Ökonomie. Insbesondere sehe ich nicht ein, warum ein bewusstes Wesen nur „eine“ der Alternativen in einer linearen Superposition wahrnehmen soll. Welcher Wesenszug des Bewusstseins verbietet, dass man sich jener qualvollen Linearkombination einer toten und einer lebenden Katze „bewusst“ sein kann?

In einem ausgedehnten Kapitel, das Penrose bewusst „Quantenmagie und Quantengeheimnis“ betitelt, befasst er sich mit den unterschiedlichen Existenzformen des Universums und natürlich in diesem Zusammenhang mit Schrödingers Katze. Hier scheint es ihm ausnahmsweise zu gelingen, das grundsätzliche Konzept des Experiments zu verdeutlichen, wenn auch die Ergebnisse etwas vage bleiben, weil es schlicht zu viele unbeantwortete Fragen zu diesem Thema gibt.

In den letzten Kapiteln beschäftigt sich Penrose dann mit dem menschlichen Gehirn. Wie sind unsere Gehirne aufgebaut, wie funktionieren Nervensignale? Manche Experimente lassen es einem kalt den Rücken herunterlaufen: Bei so genannten „Split-Brain-Experimenten“ wurde Probanden der Balken durchtrennt, sodass die rechte und linke Gehirnhälfte nicht mehr miteinander kommunizieren konnten. Dies wurde damals als Versuch der Therapie einer sehr schweren Epilepsie betrachtet. Penrose wirft in diesem Zusammenhang die Frage auf, ob diese zwei getrennten Gehirnhälften nun unterschiedliches Bewusstsein haben. Die ausführliche Diskussion dieses Themas findet sich ab Seite 374.

In den frühen Siebzigerjahren tauchte in der wissenschaftlichen Literatur die Behauptung auf, man habe in der Sehrinde eines Affen eine Zelle entdeckt, die nur reagiere, wenn auf der Netzhaut das Bild eines Gesichts registriert werde. Aufgrund solcher Informationen wurde die „Großmutter-Zellen-Hypothese“ formuliert: Demnach sollte es bestimmte Zellen im Gehirn geben, die nur ansprechen, wenn die Großmutter der Versuchsperson ins Zimmer tritt!

Aus heutiger Sicht gesehen kann – bewusst provokativ formuliert – auch diese „Großmutter-Zellen-Hypothese“ nichts mehr über Bewusstsein aussagen. Die Gesichtserkennung in iPhoto mag Menschen mit schlechtem Personengedächtnis schon heute überlegen sein. Spannend ist in dieser Hinsicht auch die damalige Annahme, noch zu entwickelnde „Parallelcomputer“ würden in der Lage sein, das menschliche Gehirn in seiner Gesamtheit abzubilden. 20 Jahre später haben Computer mit dieser Fähigkeit noch nicht das Licht erblickt und das obwohl wir inzwischen über QuadCore-Prozessoren verfügen und die Entwicklung in diesem Bereich stetig voranschreitet.

Ich möchte auf ein Problem zurückkommen, das in diesem Buch über weite Strecken ein Grundthema bildet. Reicht unser Bild einer Welt, die den Regeln der klassischen Physik und der Quantentheorie gehorcht – und zwar so, wie diese Regeln gegenwärtig verstanden werden –, wirklich aus, das Gehirn und den Geist zu beschreiben?

Erst auf den letzten Seiten lässt sich erkennen, welchen Zusammenhang Penrose tatsächlich zwischen all diesen Gebieten der Wissenschaft, denen er sich im Laufe seines Werkes zuwendet, sieht. Um den geneigten Leser auf Kurs zu halten, wären ausführlichere Überleitungen zwischen den Kapiteln sinnvoll gewesen. Wie bereits oben erwähnt, wandelt Penrose sichtlich in Hofstaedters Fußstapfen, es fehlt ihm aber die Leichtigkeit und der Humor, mit der Hofstaedter seine Themen zu würzen weiß. Eine Beschäftigung mit Penroses Werk möchte ich also nur all jenen ans Herz legen, die tatsächlich ein wissenschaftliches Interesse an den besprochenen Themen haben und auch mit trockenem Lesestoff ihre lange Freude haben.