Amanda Brooke – Für immer und einen Tag

Neue Panik wallte in ihr auf, weil sie spürte, dass ihr die Zeit zwischen den Fingern zerrann.

Eine traurige Geschichte habe ich mir da aus der Onleihe gefischt, muss eine Impulsauswahl gewesen sein. Obwohl es gut gemacht ist, dass der persönliche Bezug der Autorin erst am Ende erläutert wird, lüfte ich hier zu Beginn das Geheimnis: der Sohn der Autorin starb im Alter von 3 Jahren an Krebs. Sie hat eine Inspiration daraus gemacht und so hoffentlich ihre Trauer überwinden können.

Angst durchfuhr sie, als ihr klar wurde, dass das Morgen ihr wieder entrissen wurde und damit all ihre Hoffnungen, Träume und närrischen Einfälle. Alles dahin.

Emma kämpft bereits seit 5 Jahren gegen einen Hirntumor und erfährt nun, dass der Krebs zurückgekehrt ist. Sie und ihre Familie haben gehofft, und nun scheint alle Hoffnung zu schwinden. Wenig Behandlungsmöglichkeiten bleiben übrig, Emmas Mutter will nichts unversucht lassen.

Die Wahrheit ist, dass ich keine großen Ziele habe, jetzt nicht mehr.

Die Autorin beschreibt eindrucksvoll und mitfühlend, wie Emma damit hadert, was sie im Leben alles nicht mehr haben kann. Gleichzeitig erkennt Emma Tag für Tag, was sie bereits alles hatte. Als Ausgleich beginnt sie, ihre Lebensgeschichte zu schreiben, wie sie verlaufen hätte können, wäre sie vom Krebs geheilt. Sie schreibt sich eine Fantasiewelt, mit der die Realität kaum mithalten kann. Schließlich vermischen sich Traum und Fantasie immer mehr, der Gehirntumor verschafft Emma Wahrnehmungsstörungen und reißt sie immer mehr aus ihrem gewohnten Leben.

Niemand kann mir eine Atempause von dieser Tortur verschaffen, nicht einmal für einen Tag, nicht einmal für eine schäbige Stunde, selbst wenn sie es wollten, und einige wollen es, das weiß ich. Dieses Ding in meinem Kopf ist die ganze Zeit da.

Meine Beschreibung klingt kitschig und streckenweise ist es das Buch auch. Emma wird stärker dargestellt, als es die meisten Menschen wohl sein können, stets bleibt sie aufrecht und unterstützt ihre Familie dabei, den Verlust zu verarbeiten, der noch gar nicht eingetreten ist. Die Autorin gönnt ihrer Protagonistin nur wenige Momente der Schwäche. Und doch gelingt es ihr, die Angst zu transportieren, die ein Mensch unweigerlich empfinden muss, wenn er weiß, dass der Tod bereits auf der Schwelle steht. Auch die Frage „warum ich?“, die Sorge um die zurückbleibende Familie, den Wunsch, alles ins Reine zu bringen, alle diese Gefühle werden nicht ausgespart. Der märchenhafte Kitsch mag nötig sein, um all das erträglich zu machen.

John Green – The fault in our stars

Or is the only value in passing the time as comfortably as possible? What should a story seek to emulate, Augustus? A ringing alarm? A call to arms? A morphine drip?

Seit einiger Zeit folge ich dem Tumblr Problems of a book nerd. Wie ich drauf gekommen bin, weiß ich auch nicht mehr, aber das war der Post, der mich irgendwie total reingezogen hat. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieses Buch interessant sein könnte und man lässt sich ja auch gern von der eigenen Filter Bubble inspirieren. Und ich wurde nicht enttäuscht. Gerade noch rechtzeitig vor dem Film habe ich das Buch gelesen. Die ganze Film-Publicity hätte ich natürlich eh nicht mitbekommen, hätte ich nicht zufällig über die QI Elves bemerkt, dass John Green auch twittert. Dann konnte ich das Musikvideo von Troye Sivan nicht anschauen, weil es hätte ja das Ende Spoilern können … und auf der anderen Seite wollte ich das Buch nur in ganz kleinen Häppchen lesen, weil mir schnell klar war, dass es sowas Schönes nicht so oft gibt. Über den Inhalt werde ich nach Möglichkeit gar nichts schreiben, um niemandem seine Experience zu verderben.

And then there are books like An Imperial Affliction, which you can’t tell people about, books so special and rare and yours that advertising your affection feels like a betrayal.

Schon die ersten Seiten haben gereicht, um mir klar zu machen, dass hier eine ganz besondere Stimmung herrscht. Der luftig-lockere Schreibstil erinnerte mich an die vermeintliche Harmlosigkeit von The particular sadness of lemon cake. Obwohl das Thema so traurig ist, bleibt der Humor auch noch im Angesicht des Todes am Leben.

The other thing about Kaitlyn, I guess, was that tit could never again feel natural to talk to her. Any attempts to feign normal social interactions were just depressing because it was so glaringly obvious that everyone I spoke to for the rest of my life would feel awkward and self-conscious around me, except maybe kids like Jackie who just didn’t know any better.

Es gibt viele Momente, wo man sich einfach nicht vorstellen kann, wie jemand, der nicht selbst eine tödliche Erkrankung erlebt oder überlebt hat, so einfühlsam über das Thema schreiben kann. Die Tatsache, dass man immer anders ist. Dass man unheilbar krank ist, dass keine Chance auf Verbesserung besteht. Dass man nie wieder ganz zur Gesellschaft gehören wird. Dass man nie mehr normal sein wird.

I hated hurting him. Most of the time, I could forget about it, but the inexorable truth is this: They might be glad to have me around, but I was the alpha and omega of my parents’ suffering.

Oder das schlechte Gewissen, was man seinen Angehörigen durch die Krankheit zumutet. Das kann sicher niemand nachvollziehen, der nicht selbst in der Situation ist. Ganz bestimmt nicht die Eltern.

I wanted to know that he would be okay if I died. I wanted to not be a grenade, to not be a malevolent force in the lives of people I loved.

Es hat über zwei Wochen gedauert, nachdem ich das Buch fertig gelesen hatte, bis ich überhaupt daran denken konnte, diesen Post zu schreiben. Es ist eines dieser Bücher, die man lieber für sich behalten möchte, weil sie so besonders sind, dass man niemandem beschreiben kann, warum. Und man will auch das Risiko nicht eingehen, dass es dem anderen dann vielleicht nicht gefällt. Daher traue ich mich beinahe keine Leseempfehlung auszusprechen. Aber absolut. Ein heißer Kandidat für das Buch des Jahres 2014.

Michel Rostain – Als ich meine Eltern verließ

Und die Schonfrist für einen neuen Verstorbenen, die Zeit, in der alles an ihn erinnert, in der man in Tränen ausbricht, sobald der Name fällt, wie lang ist die? Hundert Tage, ein Jahr, drei Jahre? Wir werden das objektiv beurteilen können.

Allein schon die Sichtweise macht auf den Leser einen seltsamen Eindruck. Der tote Sohn beschreibt die Reaktion seiner Eltern auf seinen Tod. Wie es dazu kam, wie ihn eine plötzliche Krankheit aus dem Leben riss. Für die Eltern ist der Tod des Kindes das Schlimmste, was ihnen passieren kann. Ihr Leben wird niemals wieder dasselbe sein.

Vielleicht habe ich auf nichts verzichtet. Vielleicht doch. Ja und?

Die Zweifel der Eltern: Hätte unser Sohn gerettet werden können, hätten wir den Arzt früher gerufen, wäre die Krankheit früher erkannt worden? Haben wir alles für unseren Sohn getan? Wie kann es sein, dass unser Kind tot in diesem Sarg liegt und wir noch leben?

Nichts und niemand bereitete sich auf den Kampf vor, weder ihn noch mich. Absoluter Frieden während einer innigen Unterhaltung am Montagabend, es lebe die Telefongesellschaft. Und der unsichtbare, reißende Fluss des Todes. Es lebe nichts.

Trotz des traurigen Themas blitzen in der Beschreibung der unorthodoxen Begräbnisfeierlichkeiten Witz, Ironie und sogar funkenweise Sarkasmus auf. Ja, die Trauer kann für Außenstehende auch lächerlich wirken. Niemand kann den Schmerz nachempfinden, den Eltern am Grab ihres Kindes erleben. Niemand kann die Reaktionen eines anderen Menschen auf den Tod eines Kindes beurteilen. Es ist auch ein Kampf um das eigene Leben. Weiterleben, obwohl das eigene Kind nicht mehr lebt. Ein wichtiges Buch.

An etwas zu glauben ist für den Kampf von grundlegender Bedeutung.

Mitch Albom – Der Stundenzähler

Seit Anbeginn der Zeit sind Menschen auf eine Weise miteinander verknüpft, die sie nicht verstehen können – nicht einmal in Träumen.

Wenn man als Book Nerd in Salzburg herumkommt, muss man natürlich Österreichs älteste Bücherei besichtigen. Kaufen wollte ich eigentlich nichts, weil ich eh schon so unnötig viel Zeug mit mir herumschleppte. Wer braucht schon was zu lesen, wenn er sowieso die meiste Zeit grübelnd in die Luft starrt? Da muss man wirklich nicht auch noch ein extra Buch herumtragen. Außerdem ist es ja mit einem meist nicht getan … doch als ich schon gehen wollte, fiel mir ein neues Mitch Albom-Buch ins Auge. Und sogar schon als Taschenbuch … das müsste doch gegen das Grübeln ein bißchen helfen … dachte ich.

„Du hast die Minuten gemessen“, sagte der Alte. „Aber hast du sie weise genutzt? Um zu ruhen? Zu genießen? Dankbar zu sein? Andere heiter zu stimmen und selbst heiteren Gemüts zu sein?“

Man mag kritisieren, dass das Thema nicht besonders originell ist, der Aufbau der Geschichte macht es aber doch spannend. Wir begleiten das Schicksal von Dor, der über die Zeit gebieten will, weil seine Frau im Sterben liegt, und deshalb dazu verurteilt wird, in einer Höhle auszuharren, ohne zu altern. Nach mehreren 1.000 Jahren darf er schließlich zurück auf die Erde. Er muss zwei Menschen finden und deren Leben verändern.

„Verstehst du jetzt?“, fragte er. „Wenn man endlos viel Zeit hat, gibt es keine Intensität mehr. Ohne Verlust, ohne Opfer, wird alles, was wir haben, wertlos.“

Die Botschaft ist simpel und doch staunt man, wenn sie dann letztendlich schwarz auf weiß auf den Seiten steht: Jeder Tag, jeder Augenblick ist kostbar. Ich hadere noch mit dieser simplen Weisheit. Gerade, wenn man versucht, Geduld zu haben und man doch alle Zeit der Welt haben will, hilft es nicht besonders, wenn einem aus dem Buch entgegen schlägt, dass man jeden Augenblick leben muss, als wäre es der Letzte. Da habe ich mich monatelang damit beschäftigt, alles entspannter anzugehen und jetzt das. Obwohl es so wahrscheinlich nicht gemeint ist. Hetzen bringt ja für den Augenblick auch nichts. Aber wie kann man warten, wenn man weiß, was man will und wenn es morgen nicht mehr da sein könnte? Oder wenn es so schön ist, dass man es morgen wieder haben will?

„Es gibt einen Grund, warum Gott uns nur eine begrenzte Anzahl von Tagen zugesteht.“ – „Und warum ist das so?“ – „Damit jeder einzelne Tag kostbar ist.“

Es ist ein ewiges Dilemma. Man soll glücklich sein, mit dem, was man hat, man soll nach Höherem streben, man braucht progress, um glücklich zu sein, Entwicklung macht glücklich, etwas zu schaffen, macht glücklich. Die kleinen Dinge soll man genießen, sich an einem Sonnenuntergang erfreuen oder an einem erfrischenden Getränk oder einem guten Essen. An einer Umarmung, am Lächeln eines geliebten Menschen. Man soll aber dem Glück auch nicht hektisch nachrennen, hörte ich kürzlich den Autor/Regisseur David Schalko im Radio sagen (sinngemäß, die genauen Worte hab ich mir nicht gemerkt):

Es ist absurd, ständig nach Glück zu streben. Wenn man manisch dem Glück nachrennt, das ist ja genau das, was einen dann unglücklich macht.

Wer das alles auf die Reihe kriegt, muss ein wahrhaft glücklicher Mensch sein …

Jojo Moyes – Ein ganzes halbes Jahr

Es ist einfach diese Sache, die man am Muttersein erst versteht, wenn man eine ist: Man sieht nicht den erwachsenen Mann vor sich – den unrasierten, stinkenden, rechthaberischen Sprössling –, mit seinen Strafzetteln, ungenutzten Schuhen und einem komplizierten Liebesleben. Sondern man sieht all die Menschen, die er je war, in einem.

Ein spontaner Kindle-Buch-Kauf ließ mich zu diesem Roman aus der aktuellen Bestenliste greifen. Ich gestehe: ich hoffte wiederum auf einen belanglosen Liebesroman (das Cover schaut aber auch dermaßen schmetterlingsmäßig verliebt aus …) Natürlich kam es wiederum anders. Schnell wurde mir klar, dass hier ernste Themen behandelt werden. Auf eine gute und verständliche Art.

Louisa hat schon genug eigene Probleme. Sie unterstützt ihre Eltern und ihre alleinerziehende Schwester durch ihr Einkommen im Café. Als sie diesen Job überraschend verliert, steht sie hilflos da. Keine Ausbildung, kein Job in ihrer Kleinstadt, den sie machen könnte. Doch dann wird sie von der reichen Mrs. Traynor als eine Art Gesellschafterin für ihren Sohn eingestellt. Will sitzt seit einem schweren Unfall im Rollstuhl und kann sich kaum noch bewegen, muss rund um die Uhr betreut werden. Und hat jeden Lebenswillen verloren. Nach einem schwierigen Start finden die beiden einen Zugang zueinander. Bis Louisa zufällig mitbekommt, dass Will bereits einen Termin in einem Zentrum für Sterbehilfe hat. 6 Monate hat er seiner Familie versprochen, zu warten.

Es war, als hätte sich alles verschoben, sei zersplittert und hätte sich zu einem anderen Muster zusammengefügt, das ich kaum wiedererkannte.

Es ist der lockere Ton, die Klassenunterschiede, der Zynismus, mit dem Will und Louisa die Welt betrachten, der das Buch nicht in die Traurigkeit und die Aussichtslosigkeit ihrer beider Situation abgleiten lässt.

Bei den Hochzeiten, zu denen ich normalerweise ging, mussten die Familien der Braut und des Bräutigams getrennt sitzen, weil die Gefahr zu groß war, dass sonst jemand gegen Bewährungsauflagen verstieß.

Louisa stellt sich schließlich der Aufgabe, Will von seinem Plan abzubringen. Will selbst findet eine Beschäftigung darin, Louise herauszufordern. Dass sie ihre Stadt nie verlassen hat und ziellos durchs Leben geht, kann er nicht akzeptieren. Sie schließen Freundschaft. Louisa hat Hoffnung, Will findet stückweise wieder Gefallen am Leben und scheint sich besser und aktiver zu fühlen.

Zum ersten Mal in meinem Leben versuchte ich, nicht über die Zukunft nachzudenken. Ich versuchte einfach nur zu sein, die Empfindungen dieses Abends durch meinen Körper wandern zu lassen.

Mich hat sehr berührt, wie einfühlsam die Autorin Louisas Unsicherheit beschreibt. Sie fragt sich ständig, ob sie wohl das Richtige tut. Obwohl sie eine selbstbewusste Person mit ausgefallenem Kleidungsstil ist (die Bienenstrumpfhosen sind ein wundervolles Symbol), zweifelt sie ständig an sich selbst. An ihrer Persönlichkeit, an ihren Fähigkeiten, ob sie das Richtige tut. Eine Antwort erhält sie natürlich nicht. Denn man kann bekanntlich nie wissen, ob man das Richtige tut. Man kann nur tun, was man im Moment für das Richtige hält und hoffen, dass es das Richtige war oder dass es sich später irgendwie korrigieren lässt.

Richtig gepackt hat mich die Geschichte aber erst gegen Ende. Doch dann bin ich einen ganzen Tag lang im Büro gesessen mit dem Gedanken, „ich will in mein Buch zurück“. Es gab noch einen anderen Gedanken, der mich an diesem Tag gepackt hielt, aber er war bei weitem nicht so hartnäckig, wie die Frage, wie es mit Louisa und Will weitergehen wird. Es ist schwierig, einen Abschlusssatz zu finden, der nichts über das Ende verrät. Daher muss ich mit einer Plattitüde schließen: Es gibt Hoffnung. Auch in den dunkelsten Momenten unseres Lebens.

Du sollst ein unerschrockenes Leben führen. Fordere dich heraus.

David Safier – Mieses Karma

Erinnere mich, dass David Safier eine Hype-Phase erlebte, damals hatte ich das ignoriert, wie ich das seit Längerem mit Hype-Büchern bzw. Autoren machen. Nun flog mir dieser Roman quasi gratis zu und nach 1Q84 dachte ich mir, dass etwas Leichtes zur Auflockerung nicht schaden könnte. Und Überraschung: obwohl der Leser um einiges schneller als die Hauptfigur erkennt, worum es hier geht und dass die Selbstsucht der als Ameise wiedergeborenen Kim Lange ihr weder Glück noch gutes Karma bringen wird, gelingen dem Autor immer wieder erstaunliche und überraschende Wendungen. Etwa der Auftritt des bekannten Verführers Casanova, ebenfalls als Ameise wiedergeboren und von nun an hilfreicher Weggefährte von Kim, sorgt für kontinuierliches Vergnügen und Amüsement. Happyend natürlich inkludiert ;) Intelligente Unterhaltung ist möglich.

Jonathan Tropper – Mein fast perfektes Leben

Radieschen

Ich benenne sie nach ihren Artgenossen aus irgendwelchen Kinderbüchern. Anschließend tue ich alles in meiner Macht Stehende, um ihnen den Schädel einzuwerfen, denn sie führen mir vor Augen, wo ich selbst gerade bin: gestrandet in diesem Leben, das ich niemals geplant hatte.

Wir steigen an einem dunklen Punkt in Dougs Leben ein. Seine Frau Hailey ist bei einem Flugzeugabsturz umgekommen. Doug trauert. Er wirft mit Steinen nach frei laufenden Kaninchen, muss sich mit Haileys pubertierendem Sohn Russ herumschlagen und sich den Hilfsversuchen seiner Familie widersetzen. Zu viel für einen einsamen Witwer?

„Du hast deine Frau verloren, Douglas, und es bricht mir das Herz, mit ansehen zu müssen, wie schlecht es dir geht. Aber ich verliere meinen Mann jeden Tag aufs Neue. Und ich kann noch nicht einmal um ihn trauern.“

Wir verfolgen, wie Doug Schritt für Schritt ins Leben zurückfinden muss. Seine Familienverhältnisse explodieren und lassen nicht mehr zu, dass sich Doug mit seiner Trauer allein in seinem Haus verkriecht. Er übernimmt die Verantwortung für Russ, als dessen Vater mit seiner neuen Frau nach Florida zieht. Seine Schwester Claire verkracht sich mit ihrem Mann Stephen und zieht bei Doug ein. Und schließlich muss er auch einsehen, das seine Mutter mit seinem demenzkranken Vater Tag für Tag leidet. Letztlich geht es um die Akzeptanz der eigenen Gefühle und Gedanken. Denn Doug fühlt sich auch noch schuldig, wenn er langsam wieder ins Leben zurückfindet.

Mein ganzes Leben wird richtig toll, und das alles nur, weil Hailey bei einem Flugzeugabsturz gestorben ist. Ich weiß nicht genau, wann es passieren wird, aber irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich die Grenze überschreite. … Der Gedanke, dass ich dieser Mensch werden könnte, der die Zeit nicht zurückdrehen will, selbst wenn er sie dadurch retten könnte …

Das alles beschreibt Jonathan Tropfer mit beißendem Humor und ausreichend Sarkasmus, sodass aus der Trauergeschichte in Züruck ins Leben wird und man die Veränderung in Dougs Verhalten nicht nur liest, sondern sogar spürt. Und dann auch noch eine grandios verschriftlichte Datingkatastrophe, wie man sie sich nicht mal in den schlimmsten RomComs vorstellt … alle Facetten des Lebens und der menschlichen Gefühle spiegeln sich in diesem Roman und seinen detailliert gezeichneten Figuren wieder. Es gibt keine Statisten, selbst der gehörnte Ehemann Dave Potter erhält seinen großen Auftritt. Wie das Leben selbst.

„So ist das Leben nun mal. Es gibt keine Happy Ends, nur glückliche Tage, glückliche Momente. Das einzige Ende ist der Tod, und glaub mir, niemand stirbt glücklich. Solange man noch nicht sterben muss, zahlt man dafür eben den Preis, dass sich alles ständig ändert. Das Einzige, worauf man sich verlassen kann, ist die Tatsache, dass man sich auf nichts verlassen kann.“

José Saramago – Alle Namen

Enten in Kaisermühlen

Der Grund ist sehr einfach, ich habe niemanden, mit dem ich sprechen kann. Sr. José betrachtete die Frau, sie betrachtete ihn, es lohnt nicht, Wörter zu verschwenden und den Ausdruck zu beschreiben, der in ihrer beider Augen lag, wichtig ist nur, dass er nach einer Weile des Schweigens sagen konnte, Ich auch nicht.

Wie dieses Buch auf meine Leseliste kam, weiß ich nicht mehr, solang stand es schon drauf. Die Schreibweise Saramagos macht dieses Buch anfangs etwas schwer zu lesen. Er benutzt wenig Satzzeichen, lange Sätze und trennt oft selbst in Dialogen die Aussagen zweier Personen nur durch Beistriche und Großbuchstaben. So muss man auch mal zurücklesen, ob man nun noch die richtige Personenverteilung im Dialog hat oder möglicherweise einen Wechsel verpasst hat. Die überlangen Sätze und fehlenden Absätze machen ein Pausieren zwischendurch außerdem schwer. Doch mit zunehmendem Eintauchen in die Geschichte wird der Schreibstil scheinbar zwingend, es gibt kaum eine Atempause in Senior Josés Suche nach der geheimnisvollen Frau.

Der arme Mann warf sich aufs Bett und fragte sich selbst, warum er nicht das tat, was der Apotheker ihm mit kaum verhohlenem Sarkasmus geraten hatte, Ich an Ihrer Stelle hätte das Problem längst gelöst, Wie, hatte Sr. José gefragt, Indem ich im Telefonbuch nachschlage, in diesen modernen Zeiten ist das der einfachste Weg, jemanden zu finden, Vielen Dank für diesen Vorschlag, …

Durch Zufall stößt Senior José auf die Karteikarte der unbekannten Frau. Dem Leser bleibt sie tatsächlich unbekannt, ihr Name wird nie genannt, auch ihre Geschichte wird nur bruchstückhaft enthüllt. So könnte man schnell entdecken, dass es um sie gar nicht geht, dass Senior José sie schließlich findet, wenn auch nicht so, wie er es sich zuerst vorgestellt hat, zerstört die Entwicklung nicht, es erscheint eine logische Folge. Denn in Wirklichkeit geht es um Senior José, seine Kontakte zur Außenwelt, die Überwindung seiner selbst, die er auf der Suche nach der unbekannten Frau Stunde um Stunde leistet. Einbruch in eine Schule, Übernachten auf dem Friedhof, Erkennen, dass seine Suche erfolgreich und doch erfolglos bleibt.

…, Es sind Millionen, murmelte er, dann denkt er an die riesige Menge Platz, die man hätte sparen können, wenn die Toten im Stehen begraben worden wären, Seite an Seite, dicht beieinander, wie ein Herr in Habachtstellung, und jeder hätte als einziges Zeichen seiner Anwesenheit dort einen Steinwürfel auf dem Kopf, auf dessen fünf sichtbaren Seiten die wichtigsten Daten aus dem Leben des Verstorbenen eingemeißelt wären, fünf Steinquadrate wie fünf Seiten, Resümee eines ganzen Buches, das nicht hatte geschrieben werden können.

Letztendlich bleibt es beim Fund der Aufgabe von Senior José: die Toten ins Leben zurückholen. Und auch das geschieht auf andere Art, als Senior José oder der Leser es sich vorher vorzustellen vermag. Inspiriert.

Cornelia Travnicek – Chucks

Denkmal auf der Donauinsel vor dem Millenium Tower in Wien

Sie seien gegen die Traurigkeit, sagte meine Mutter. Der süße Nachgeschmack, kurz und intensiv, verbreite sich in meinem Mund immer genau in dem Moment, wenn sie die Tür schloss und es plötzlich dunkel in meinem Zimmer war. Aurum metallicum. In meinen Träumen nahmen die Globuli den Platz eines fremdländischen Zaubermittels ein, magische Kügelchen aus einem Land, in dem es sicherlich auch fliegende Teppiche und Wunderlampen gibt.

Die Ich-Erzählerin in Cornelia Travniceks berührendem Roman Chucks lebt ein bewegtes Leben. Bewegt ist auch die Erzählung desselben, sie springt zwischen verschiedenen Zeitebenen nahezu willkürlich herum. Und doch fügt sich das Bild zu einem harmonischen Ganzen. Der Tod des Bruders prägt die junge Frau entscheidend. Das scheinbar von Zwängen freie Leben der Aussteigerin Tamara, die in U-Bahnen und abbruchsreifen Häusern lebt, übt eine Anziehungskraft auf die Protagonistin aus, die nicht weiß, was sie vom Leben will.

„Im Falle eines Unfalles“, wiederhole ich mit affiger Stimme. Ich sehe schon einen Baum näher kommen, sehe, wie sich die Schnauze des Autos langsam, wie bei den Crashtests im Fernsehen, zusammenfaltet, sehe, wie die Airbags sich aufblasen und auf einmal da sind, wie meine Füße nach oben geschleudert werden, meine Nase ein blutiges Loch ist. Warum sich die lange Mitte unseres Lebens immer um den unvermeidlichen Anfang und das zu vermeidende Ende dreht.

Wer hat sich noch nicht vorgestellt, das Schlimmstmögliche würde nun eintreten und sich die grausigen Folgen ausgemalt? Ich denke, es wird vielen Lesern so gehen, dass sie ein oder mehrere Situationen auch schon erlebt haben. Obwohl das Schicksal der Protagonistin aus bekannten Versatzstücken zu bestehen scheint, langweilt man sich nie, auch wenn man Bekanntes findet. Der Druck, das Leben nutzen und möglichst sinnvoll befüllen zu müssen, kann jeden mal dazu treiben, den Ausstieg zu suchen und einfach zu gehen. Viele widerstrebende Gefühle werden so thematisiert und die Beschäftigung mit einem langsamen und quälenden Sterben könnte kaum gleichzeitig so distanziert und lebensnah beschrieben werden. Und wenn das noch nicht reichen sollte, dann sollten es alltagspoetische Sätze wie dieser tun:

Neben unseren Füßen zieht eine leere Fast-Food-Verpackung vorbei wie urbanes Tumbleweed.

Jonathan Safran Foer – Extrem laut und unglaublich nah

Rote Blätter in der untergehenden Herbstsonne / made with Cam+

Inzwischen ist es anders, aber früher war ich Atheist, und das bedeutet, dass ich nur an Dinge gelglaubt habe, die ich auch sehen konnte. Ich habe geglaubt, wenn man tot ist, ist man tot und fühlt nichts mehr und träumt auch nichts mehr. Es ist auch nicht so, dass ich jetzt an etwas glauben würde, das ich nicht sehen kann, bestimmt nicht. Inzwischen glaube ich eher, dass alles unglaublich kompliziert ist.

Während Jonathan Safran Foer im Jahr 2011 hauptsächlich mit seinem Sachbuch Eating Animals Schlagzeilen machte, griff ich zu seinem bereits 2005 veröffentlichten Roman Extrem laut und unglaublich nah. Protagonist der Geschichte ist Oskar Schell, dessen Vater Thomas bei den Terroranschlägen des 11. September 2001 umgekommen ist. Oskar selbst spricht in diesem Zusammenhang nur vom „schlimmsten Tag“. Ein zweiter Erzählstrang beschäftigt sich mit einer anderen Ebene des Familienstammbaums der Schells. Seinen Großvater hat Oskar nie kennengelernt, denn dieser verließ seine Frau bereits vor der Geburt von Oskars Vater. Oskars Großvater hat also seinen nun verstorbenen Sohn nie kennengelernt. Erst die Katastrophe führt die Familie näher zusammen.

Oskar selbst erinnert mich an eines der Winterbücher des Vorjahres: Die Karte meiner Träume. Oskar ist ein hochintelligenter Junge, der sich mit vielen Themen ernsthaft auseinandersetzt. Er schreibt regelmäßig Briefe an Stephen Hawking mit der Bitte, sein Assistent werden zu dürfen, enthält jedoch immer nur Formbriefe als Antwort. Seine Erlebnisse sammelt er in Bildern, die er mit der Kamera seines Großvaters (!) erstellt oder aus dem Internet ausdruckt, in einem Album. Als er im Schrank eine Vase findet, in der sein Vater ihm die scheinbare Nachricht Black zusammen mit einem Schlüssel hinterlassen hat, macht sich Oskar auf die Suche nach dem dazugehörigen Schloss. Sein Ansatz: alle Menschen namens Black abzuklappern und nach der Herkunft des Schlüssels zu befragen.

„Die Welt ist nicht schrecklich“, sagte er und setzte sich eine Maske aus Kambodscha auf, „aber sie wimmelt von schrecklichen Menschen!“

Wenn man solche Geschichten liest, wo ein kleiner Junge nur nette Leute kennenlernt, indem er einfach bei Leuten mit dem Namen Black anlautet, wünscht man sich doch selbst mehr Offenheit im Leben. Nur leider begegnet man in der Realität kaum Menschen, die sich so verhalten würden wie die Blacks in diesem Roman. Und dann scheint es wieder so, als würde der Autor selbst nicht an so nette Menschen glauben.

Weißt du noch, wie wir vor ein paar Wochen Eislaufen waren und wie ich mich abwandte, nachdem ich dir gesagt hatte, ich würde Kopfschmerzen davon bekommen, den Leuten beim Eislaufen zuzuschauen? Unter dem Eis sah ich aufgereiht die Toten liegen.

Selten wurde eine fehlende Person in einer Familie so anwesend gemacht. Das Zusammentreffen von Oskar und seinem Großvater sowie die anschließend ausgeheckte gemeinsame Unternehmung scheinen beiden bei der Überwindung ihrer Traumata zu helfen. Erst als Oskar sich auf diese Weise mit dem Tod seines Vaters auseinandersetzt, kann er auch die Trauer seiner Mutter verstehen.

EDIT: Hier die andere Meinung der Kaltmamsell