Stephen King – Under The Dome

Dieser monumentale Roman hat mich tatsächlich nicht so lange beschäftigt, wie ich ursprünglich befürchtet hatte. Das Wetter lädt dann doch eher zu langen Leseabenden im Bett ein und so absolvierte ich die zweite Hälfte dieses Wälzers an einigen Abenden innerhalb einer Woche.

Eine mysteriöse unsichtbare Barriere schneidet von einem Moment auf den anderen die Stadt Chesters Mill von ihrer Umgebung ab. Schon das Erscheinen des Domes sorgt für eine unüberschaubare Anzahl von Todesfällen. In den folgenden Tagen (die Gesamtzeit der Geschehnisse beschränkt sich auf weniger als eine Woche) spitzt sich die Situation in der Kleinstadt in rasendem Tempo zu. Ein Stadtverantwortlicher (hierzulande wohl mit einem Vizebürgermeister vergleichbar) entpuppt sich als Kopf eines Drogenkartells, der vor nichts zurückschreckt, um einerseits seine Machenschaften nicht auffliegen zu lassen und andererseits seine Macht über die Stadt nicht nur zu erhalten sondern auf diktatorische Ausmaße zu vergrößern. Dazu bedient er sich des manipulierbaren Polizeichefs und vergrößert die exekutiven Kräfte um wenig qualifizierte Jugendliche, die mit Gewalt und Einschüchterung die Stadtbewohner im Zaum halten sollen. Seine Gegner sind weniger zahlreich, aber sie verbünden sich und holen zum Gegenschlag aus. Das alles während sich die Versorgungssituation mit Lebensmitteln, Strom und anderen Gütern in der abgeschnittenen Stadt zunehmend verschlechtert.

Die Geschichte zeigt exexmplarisch, wie sich in einer vom Rechtsstaat abgeschnittenen Gesellschaft in kürzester Zeit diktatorische Prinzipien, der Ruf nach einem starken Mann und Lynchjustiz ausbreiten können. Mit dem Verweis auf die Notsituation wird die Aufhebung aller in der Verfassung garantierten Rechte und sogar der Menschenrechte legitimiert. Die geschilderte Situation ist natürlich extrem und unrealistisch, aber ein Katastrophenzustand kann in der Realität bereits durch einen lokal begrenzten Terroranschlag ausgelöst werden. Diese Mechanismen sind real, sie konnten in den vergangenen Jahrzehnten in mehreren Ländern beobachtet werden.

Das zentrale Element, das diesen Roman so schwer zu verdauen macht, ist die Ausweglosigkeit. Die unter dem Dome Eingeschlossenen haben keine Möglichkeit, die Situation zu verlassen. Sie müssen irgendwie mit der Situation klar kommen, so schlimm sie auch noch werden sollte, es gibt für sie buchstäblich keinen Ausweg. Diese Ausweglosigkeit, auch Hilflosigkeit, hat mich im ersten Drittel nach einer furchtbaren Szene das Buch für mehrere Tage weglegen lassen.

Kürzlich habe ich diesen Lithub-Artikel gelesen, in dem sich ein Autor mit den unterschiedlichen Niveauvorstellungen von Genreliteratur und „ernsthafter“ Literatur befasst. Er beschreibt seinen Versuch, sich vom Unterhaltungselement der Genreliteratur zu befreien und endet mit einem Plädoyer für Bücher, die die Leserin gleichzeitig unterhalten, aber ihr auch etwas zum Mitnehmen anbieten. Für mich ist Under The Dome ein hervorragendes Beispiel für solche Literatur. Allein schon die Umsetzung der Geschichte als TV-Serie zeigt deutlich, dass es sich um Unterhaltung handelt. Gleichzeitig macht sie aber auch den Leser aufmerksam, sie lädt ein, gesellschaftliche Veränderungen zu hinterfragen und Entwicklungen in Richtung eines Polizeistaats zu erkennen und diesen zu widersprechen. Die Geschichte zeigt auch einige Fehler auf, die man als Einzelner dabei machen kann: sich selbst überschätzen, Entscheidungen und Handlungen übereilen, sich allein dem Negativen stellen wollen. Erst in dem Moment, in dem sich „die Guten“ zusammenschließen und gemeinsam „dem Bösen“ entgegentreten, zeichnet sich eine mögliche Wende ab. Auch ein deutliches Plädoyer gegen den privaten Waffenbesitz lässt sich herauslesen. Alles in allem also Unterhaltung auf hohem Niveau und gleichzeitig ein gesellschaftspolitisches Statement.

Stephen King – The Stand

Gerade ist mir aufgefallen, dass es tatsächlich den ganzen Jänner keinen Blog Post auf Booksinthefridge gab. Eine Premiere mit mehreren Gründen. Einerseits viel Erwerbsarbeit, andererseits lese ich gerade viel, das es aus Gründen nicht hier ins Blog schafft und andererseits hatte ich mir nach dem Nicht-Horror-Buch Wächter der Nacht ein echtes Horror-Buch vornehmen wollen. Wenn man nach Horror sucht, kann man immer auf Stephen King zurückgreifen. Der Gedanke The Stand aus erwachsener Perspektive nochmal neu zu lesen (ich hatte es als Jugendliche schon gelesen), war mir schon vor längerer Zeit gekommen. Daher hätte ich auch wissen müssen, was es für ein riesiger Wälzer ist. Damals habe ich sicher nicht so lange dafür gebraucht.

There’s always a choice. That’s God’s way, always will be.

King beschreibt in The Stand die amerikanische Gesellschaft in einer unvergleichlichen Krisensituation. Aus einer militärischen Einrichtung entweicht ein gezüchteter Virus, eine Supergrippe. Das erste Buch beschreibt das langsame Ausbreiten des Virus auf ganz Amerika und natürlich auf die ganze Welt, obwohl sich das Geschehen rein in den USA abspielt. Lange wissen die Betroffenen nicht, wie schlimm das Ausmaß der Katastrophe ist. Regierung und Medien vertuschen und versprechen eine baldige Impfmöglichkeit, die niemals kommt. Denn selbst die Regierungseinrichtungen sind vor dem Virus nicht sicher. Stück für Stück bricht die Gesellschaft auseinander. Viele, die gegen das Virus immun sind, sterben im Verlauf der Katastrophe an anderen Gründen. Unfälle, Brände, Selbstmorde, aber auch Amokläufe reißen viele weitere Menschen in den Tod.

Die Überlebenden sind vorerst auf sich allein gestellt. Sie verarbeiten den Schock und versuchen, sich auf die neue Situation einzustellen. Beinahe alle leiden an Alpträumen von einem schwarzen Mann, der ihnen nachstellt.

There was a dark hilarity in his face, and perhaps in his heart too, you would think – and you would be right.

Stück für Stück finden sich die Überlebenden zu Gruppen zusammen. Als Gegenpol träumen viele von einer alten Frau auf ihrer Veranda inmitten von Kornfeldern. Sie machen sich auf den Weg und finden schließlich Mother Abigail, die Frau aus ihren Träumen. Für viele erscheint sie als eine Art göttlicher Bote, der den Gegenpol zur Bedrohung durch den schwarzen Mann bildet. Damit wären auch die sich gegenüberstehenden Pole Gut und Böse definiert (ja, an dieser Stelle erinnere ich mich wieder an Wächter der Nacht).

The roots are rationalism, and I would define that word so: ‘Rationalism is the idea we can ever understand anything about the state of being.’ It’s a deathtrip. It always has been. So you can charge the super flu off to rationalism if you want. But the other reason we’re here is the dreams, and the dreams are irrational.

Zwei Gesellschaften bilden sich in diesem postapokalyptischen Amerika. Der schwarze Mann schart Verbrecher und Ziellose um sich, die Guten – so scheint es – scharen sich um Mother Abigail. Die Gesellschaft in Boulder wächst und dieser Abschnitt im zweiten Buch, indem versucht wird, eine neue Gesellschaftsordnung aufzustellen und ihre Ursprünge zu klären, bringt tiefe soziologische und psychologische Einblicke. Wenn es keine Gerichte und keine Polizei mehr gibt, die Straftäter verfolgen und bestrafen, ist dann alles möglich? Selbst vermeintlich gute Menschen können zu einem hasserfüllten Lynchmob werden, wenn es kein Gesetz gibt, das sie daran hindert. Hass kann die Menschlichkeit außer Kraft setzen. Eine Lehre, die gerade in dieser Zeit, die einen deutlichen Anstieg rechtspopulistischer Politik erlebt, nicht wichtig genug sein kann.

Im dritten Buch kommt es schließlich zur Konfrontation zwischen Gut und Böse. Es wäre jedoch nicht Stephen King, wenn dieses vermeintlich erwartbare Ende nicht mit einigen Überraschungen aufwarten würde. Er entlässt seine Leser mit einem Gefühl, dass das Gute im Menschen triumphieren kann … um dieses Gefühl dann wiederum außer Kraft zu setzen. Einen Endsieg des Guten über das Böse (oder umgekehrt) wird es nicht geben, so lange noch Menschen auf unserer Erde leben. Es existiert ein schwankendes Gleichgewicht, das mal zur einen, mal zur anderen Seite hin ausschlägt.

Wir schreiben den Beginn des Jahres 2017, den Beginn der Trump-Administration in Amerika, rechte Populisten streben in ganz Europa nach Macht. Gerade in diesen Zeiten sollte es jedem Einzelnen ein Anliegen sein, das Gute in uns selbst zu suchen. So lange die Menschlichkeit unser erstes Ziel bleibt, kann das Böse nicht triumphieren.

Olga Flor – Kollateralschaden

Noch eine Geschichte von der way-back-Liste. Aber noch gar nicht so alt (2008), habe ich mir vielleicht damals aus den Rezensionen irgendeines Magazins notiert. Der Gedanke, dass ich 8 Jahre alte Empfehlungen nachlese, hat etwas Faszinierendes und Verstörendes. Wenn ich jetzt schon 8 Jahre spät dran bin, wo soll das noch hinführen?

Der Roman erzählt in einzelnen Episoden aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Geschehnisse einer Stunde in einem Supermarkt. Die Protagonisten haben unterschiedliche Ziele, unterschiedliche Lebensgeschichten und sind – Überraschung! – hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Speziell die Politikerin Luise nimmt ihre Umgebung kaum war und bezieht schließlich auch die dramatischen Geschehnisse der letzten Minuten eindeutig auf sich, obwohl diese eigentlich nur eine Verkettung von Zufällen darstellen. Die episodischen Personencharakterisierungen sind ein interessantes Format, irgendwie blieb bei mir aber ein Gefühl zurück, dass daraus noch mehr herauszuholen gewesen wäre.

Marc Elsberg – Black Out

Wenn erst einmal alle französischen AKWs abgeschaltet waren, musste La Grande Nation für Stunden, wenn nicht Age auf ein Gutteil ihrer Energieproduktion verzichten.

Vor Monaten hatte ich ein Interview mit dem Autor Marc Elsberg in einer Zeitschrift gelesen und gleich daran gedacht, wie schwierig es gewesen sein muss, all die Informationen zu recherchieren, um diese Geschichte so glaubhaft wie möglich zu erzählen. Elsberg hat sich wirklich viel Mühe gegeben, um die Details möglichst realistisch wiederzugeben. Er erzählt aus der hauptsächlich aus der Perspektive von Piero Manzano, mit ihm startet das Buch, er wird in weiterer Folge eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Geschichte spielen.

Schon heute stellte die wachsende Anzahl von Windkraft- und Solaranlagen eine zunehmende Bedrohung der Netzstabilität dar. Gänzlich unkontrollierbar würden die Zustände, wenn künftig jeder Haushalt, gar jeder Mensch ein eigenes Minikraftwerk würde und immer dann Strom ablieferte, wenn er einen Überschuss produzierte.

Wäre das Buch ein Film (was zweifellos noch folgen wird), würde man es einen Episodenfilm geben. Unterschiedlichste von der Katastrophe betroffene Personen werden ein Stück ihres Weges begleitet, um dann wieder an einen Ort zu springen, um zu zeigen, was dort vorgeht. So wird etwa die Perspektive eines Kraftwerksmitarbeiters in Ybbs-Persenbeug gezeigt oder die Perspektive einer Pressesprecherin des Innenministeriums, die die Katastrophe aus politischer Sicht betrachtet.

Tatsache ist, dass es eine Broschüre des Innenministeriums gibt, in der empfohlen wird, ein batteriebetriebenes Radio zu Hause zu haben. Aber wer von Ihnen hat so etwas? Und wenn, wer besitzt auch die notwendigen Batterien? Wir haben uns an eine Welt gewöhnt, die mit Fernsehen, Internet und Mobiltelefonen funktioniert. Einige von Ihnen besitzen vielleicht gar keine Festnetzanschlüsse mehr.

Was mir persönlich etwas gefehlt hat, ist die Perspektive einer ganz normalen Familie. Was tut eine Mutter, die ihren Kindern nichts zu essen zubereiten kann? Die vielleicht nicht mal Wasser zuhause hat? Was tut eine Mutter mit einem kleinen Baby ohne Wasser, um Milchpulver zuzubereiten? Der Autor schreckt nicht davor zurück, dramatische Situationen zu zeigen und seine Protagonisten Piero und Shannon auch mal in eine brenzlige Situation geraten zu lassen. Auf der Suche nach Nahrung wird ihr Auto von einem bewaffneten Mann gestohlen, sie stehen hilflos auf der Straße und landen letztendlich in einem hoffnungslos überfüllten Obdachlosenasyl.

„Kein System wird jemals absolut sicher sein“, wand sich der Technikvorstand. „Aber wir gehen weit über alle Industriestandards hinaus.“

Sein Blick auf die Technik ist sicher nicht in allen Details korrekt, man darf davon ausgehen, dass sich ein Autor auch einige künstlerische Freiheiten erlauben kann, um die Geschichte nicht ausufern zu lassen. Er blickt jedoch durchaus kritisch auf die Verantwortlichen, auf die Manager der Energiebetriebe, die für die Sicherung ihrer Anlagen nicht ausreichend Geld zur Verfügung stellen. Auch Überprüfungen der tatsächlich vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen werden oft mangels Personal und Geld gar nicht durchgeführt. Und man muss sich bewusst sein: Absolute Sicherheit ist nicht möglich. Und Sicherheit kostet Geld.

„… Die wahre Brisanz eure vielen Verantwortlichen erst in den letzten Jahren bewusst. Und natürlich ist es auch eine Kostenfrage. Sicherheit kostet Geld.“

Seit ich selbst versuche, mich mit der Sicherheit meines Netzwerks und meines Computers mehr auseinanderzusetzen, wird mir immer mehr klar, dass man eigentlich Spezialist auf diversen Gebieten sein müsste, um auch nur halbwegs sicher sein zu können, dass man seine Daten nicht nach China schickt oder aufgrund einer Sicherheitslücke offen im Internet stehen hat (wie dieser Tage bei REWE geschehen). Auch dafür gilt natürlich, dass absolute Sicherheit niemals möglich sein wird, aber wenn mit Daten von Kunden und Mitarbeitern so fahrlässig umgegangen wird wie bei der Salzburg AG, dann kann jeder halbwegs mit Computern befasste Mensch sich ausrechnen, was für eine Dunkelziffer hier herrscht, wie viele Datenlecks erst viel zu spät oder überhaupt niemals bemerkt werden.

In Gesprächen mit Freunden und Bekannten, die sich mit dem Thema noch nicht so intensiv auseinandersetzen bzw. gesetzt haben, bemerke ich immer wieder die Frustration, die mitschwingt, das Gefühl, nichts tun zu können, weil der Aufwand so enorm ist, weil man kaum eine Chance hat, sich in den Riesenberg der Systeme und Protokolle einzulesen, um auch nur eine Illusion von Sicherheit erzeugen zu können. Mir geht es nicht ähnlich. Bei der letzten Cryptoparty vor Weihnachten im MetaLab hatte ich erstmals von Panopticlick gehört, seitdem geht mir nicht aus dem Kopf, wie ich meinen Browser unsichtbarer machen kann. Und doch fehlt mir die Zeit, um mich wirklich intensiv damit auseinander zu setzen. Ein paar Firefox-Addons sind schnell installiert, aber wenn die gewünschte Webseite dann nicht funktioniert, greife ich dann doch wieder zum weniger abgesicherten Browser. Weil Mensch ja so nicht arbeiten kann …

Trotz allem will ich nicht aufhören, es weiter zu versuchen und ich akzeptiere auch bei anderen keine Resignation. Wer es nicht versucht, hat bereits verloren. Wie bei allem im Leben. Wenn mal was nicht gleich klappt, muss man es eben weiter versuchen. Einfach den Kopf in den Sand zu stecken und zu sagen, ich hab eh nichts zu verbergen und sich das auch noch erfolgreich einzureden, ist nicht akzeptabel.

Vier Tage erst, dachte er, und unsere Nerven liegen bereits blank. Er schloss die Augen, und zum ersten Mal seit seiner Kindheit betete er. Bitte, wenn es dich gibt, mach, dass es unseren Eltern gutgeht!

Obwohl die „normalen“ Schicksale fehlen, haben die ganz persönlichen Dramen der Protagonisten durchaus Gänsehautfaktor. Der Herzinfarkt, der nicht behandelt werden kann, weil kein Arzt da ist. Die Evakuierung des Gebiets rund um den Atomreaktor, die Gewalt und Verzweiflung, die überhandnimmt, je länger die Katastrophe dauert. Marc Elsberg ist es gelungen, einen sowohl technisch als auch menschlich spannenden Thriller zu schreiben, der gleichzeitig aufrüttelt und unterhält. Ich hab mich nicht nur einmal gefragt, wie lange ich im Falle eines Stromausfalls durchhalten würde. Wie lang der kleine Gaskocher wohl ausreichen würde, um Dosen aufzuwärmen, wie lange die Wasserreserven wohl ausreichen würden, wie viele Kerzen noch da sind und wie lange die Batterien der Taschenlampe wohl halten würden. Es ist sicher kein Fehler, seine persönliche Infrastruktur mal auf Katastrophentauglichkeit zu überprüfen. Ein Festnetztelefon werd ich mir trotzdem nicht mehr anschaffen.

Jedes Ende war ein Anfang. Wie Ruinen, die sich der Dschungel zurückholte, würden sich die Menschen ihr Leben wieder erobern.

André Pilz – Die Lieder, das Töten

Man hat mir oft gesagt, ich sei ein Gerechtigkeitsfanatiker. Ich sei rachsüchtig, wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte. Ich war nie so dumm zu glauben, die Welt wäre schwarz und weiß, es gäbe keine zwei Seiten einer Geschichte. Manchmal aber klaffen das vermeintlich Gute und das vermeintlich Böse so weit auseinander, dass man dem Bösen mit allen Mitteln und Waffen entgegentreten muss, egal, welche Opfer es erfordert.

Ein Endzeit-Katastrophen-Roman. Die Inspiration ist deutlich abzulesen. Über zwei Jahre ist es her, dass im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi eine Unfallserie zum Austritt von radioaktiver Strahlung und in weiterer Folge zur Evakuierung und späteren Umsiedlung von über 50.000 Menschen aus der betroffenen Region führte. Auch ich habe damals vor dem Fernseher geklebt und versucht, abzuschätzen, was dieser Unfall für Langzeitfolgen haben wird. Nicht nur für die Menschen in Japan, sondern auch politisch, für die Zukunft der Kernkraft an sich. Wie zu erwarten war, ist seitdem nicht viel passiert. In Europa werden nach wie vor neue Kernkraftwerke gebaut, auch über das direkt an der tschechisch-österreichischen Grenze gelegene Kraftwerk Temelin, das immer wieder wegen mangelhafter Sicherheitsmaßnahmen und der Anrainerproteste in den Medien war, hört man schon länger nichts mehr.

Nie in meinen sechsundzwanzig Jahren zuvor hatte ich mich verlorener gefühlt als in jener Nacht. Diese Einsamkeit, diese Traurigkeit, diese Müdigkeit waren jenseits von allem, was ich mir jemals vorstellen hatte können. Die Einsamkeit hatte mich mein Leben lang begleitet. Sie war immer da. Selbst in wilden Nächten mit wilden Küssen. Nie konnte ich sie vernichten, nie konnte ich ihr entkommen, sie vergessen.

André Pilz hat sich eine fiktive Atomkatastrophe in einem deutschen Kernkraftwerk als Setting für seine Dystopie gewählt. Stück für Stück erhüllt er das Ausmaß der Katastrophe. Eine Explosion hat „roten Regen“ auf die Region niedergehen lassen, wer im „roten Regen“ war, hat mutmaßlich nicht mehr lange zu leben, viele Betroffenen erkranken und sterben bereits in den ersten Tagen. Wer überlebt, lebt in ständiger Angst vor dem nahenden Tod. Vor der Krankheit, vor dem Dahinsiechen. Die Angst vor dem Unvermeidlichen, dem Sterben, ist ein wiederkehrendes Thema. Gestorben wird reichlich, und bei Weitem nicht nur direkt wegen der Atomkatastrophe.

Nicht einmal Selbstmörder wollen sterben. Sie ertragen nur das Leben nicht mehr.

Wir verfolgen Ambros durch die Sperrzone. Er war im „roten Regen“ und hat wenige Tage danach seine Freundin Mona sterben sehen. Das verseuchte Gebiet wurde von der Regierung und den verantwortlichen Instanzen zum Sperrgebiet erklärt. Wer sich dort aufhält, muss damit rechnen, von den Soldaten gejagt und festgenommen zu werden. Direkt am Reaktor arbeiten Ausländer. Hoffnungslose Männer, die hoffen, mit dem Geld, das sie durch diese gefährliche Arbeit verdienen, ihre Familien retten zu können.

Vielleicht hatte es mit ihrem Wesen zu tun, mit ihrer Stimme, ihrem Lachen, ihren Haaren, mit dem, was sie sagte. Das machte sie sexy und unwiderstehlich. Sie war einer von den Menschen, bei denen man spürte, dass sie da waren, dass sie lebten, jetzt und hier, dass sie wie kleine Kinder waren, so neugierig und voller Lust auf Neues, kleine Wirbelstürme. Lucy war da, irgendetwas brannte in ihr, vielleicht zu heftig und zu schnell, aber es griff über, sobald man in ihrer Nähe war.

Auch die Latina Lucy ist in der Sperrzone, um ihre Familie zu retten. Als Frau erfüllt mich die Härte, die dieses Mädchen an den Tag legt, mit Unbehagen. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie man selbst in so einer Situation reagieren würde. In einer anarchistischen Welt, in der der Stärkere gewinnt, ist man als Frau automatisch benachteiligt. Kein Wunder, wenn sich die Überlebenden dann ein Maschinengewehr umhängen und um ihr Leben kämpfen. Ich weiß nicht, ob ich das tun könnte. Die Frage, was würde man selbst tun in so einer Situation, schwingt auch durch das ganze Buch ständig immer wieder mit.

„Schau den Himmel an, friss den Himmel, friss die Bäume, die Wiesen, friss den Sommer, trink die Flüsse, die Bäche, die Seen, trink meinen Saft, lebe, verdammt noch mal, tenés que vivir, tanto como sea posible.“

Ist es die Angst vor dem Tod oder der unzerstörbare Wille zum Leben, der Ambros und Lucy antreibt? Sie können nicht ehrlich zueinander sein, denn beide haben Angst, ihre Aufgabe nicht erfüllen zu können. Obwohl sich unter diesen unwahrscheinlichen und ungünstigen Umständen Gefühle zwischen ihnen entwickeln, ist nie ganz klar, ob es sich dabei wirklich um Liebe handelt oder mehr eine Art Verzweiflung. Verzweiflung, Einsamkeit, nicht allein sein wollen, gerade in einer Welt, die so kaputt und aussichtslos ist.

Als das Leben noch normal war, als so was wie Alltag noch existierte und noch fast niemand in Europa den Ort kannte, an dem eine der größten Katastrophen in der Geschichte Europas stattfinden würde, als nicht alles durcheinander und Chaos war, gab es Bücher und Lieder, die mich bewegten, Filme, die mir das Gefühl gaben, lebendig zu sein. Das alles war aufregend, und manches habe ich als groß empfunden, aber gegen den Schmerz, den man manchmal fühlen kann, wird alles klein, wird alles nichtig.

Ambros ist im Auftrag des Militärs in der Sperrzone. Der Marschall hat ihn beauftragt, den Rebellenführer Strasser zu finden und zu töten. Warum, bleibt ein Geheimnis. Politische Wirren stecken hinter diesem Auftrag. Will der Marschall in Wirklichkeit einen Aufstand der Rebellen in der Sperrzone provozieren, um sie dann mit Genehmigung der Regierung und der Bevölkerung vernichten zu können? Lucy hingegen versucht, das Geld aus dem verschwundenen Geldtransporter aus der Zone zu schaffen. Für ihre Familie. Und die Familien ihrer toten Freunde. Kann in dieser Welt noch irgendetwas gelingen?

Kein Buch, kein Film, kein Lied, kein Wort, keine Droge ist so groß, wie Schmerz sein kann. Nichts wird ihm gerecht, kann es mit ihm aufnehmen. Nichts kann ihn betäuben. Er ist eine Urgewalt, vor der alles und jeder in die Knie geht.

Der Leser sieht Ambros zusehends verfallen. Bereits zu Beginn des Romans kann er ohne Schmerztabletten kaum auskommen. Seine Sucht streckt ihn zusehends nieder. Was soll es auch noch bedeuten? Warum noch darüber nachdenken? Wenn die Welt so schlecht ist, dass sie sich nicht mehr aushalten lässt, was sollte man auch sonst tun?

„What matters most is how well we walk through the fire. Weil sich der Wind irgendwann dreht. Und er dreht sich immer. Immer, hörst du? Das ist ein ewiges Gesetz der Natur.“

Auch Ziele werden in dieser Extremsituation zusehends unwichtig. Alle schlechten Seiten des Menschen treten zutage. Und zwar nicht nur in der Sperrzone, sondern auch bei den Politikern außerhalb, wie wir an der Rolle des verrückten und korrupten Marschall deutlich sehen können. Jeder kann nur noch auf das eigene Überleben schauen. Jeder muss an seine Grenzen gehen. Oder diese überschreiten. Es scheint, als ob jeder irgendein Ziel verfolgt, obwohl alle Ziele in so einer Situation sinnlos zu werden scheinen.

Eine Melodie kann dich davontragen, dich weit wegnehmen aus dem Hier und Jetzt. Kann dein Herz packen und mit ihm machen, was sie will.

Wir sehen Ambros scheitern. Und hoffen, dass die heute Verantwortlichen in den Regierungen Europas und der Welt umdenken und sicherstellen, dass eine Katastrophe wie Tschernobyl oder Fukushima nie wieder passiert.