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Celeste Ng – Little Fires Everywhere

CN dieses Buch: sexuelle Handlungen
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Sometimes just when you think everything’s gone, you find a way.

Mir fehlen beinahe die Worte, um die Großartigkeit dieses Romans zu beschreiben. Ich fühlte mich erinnert an Liane Moriartys Big Little Lies, das ich auch euphorisch gefeiert habe. Die Geschichte beinhaltet so viele Zwischentöne, behandelt so viele Themen und verwebt sie in ein beeindruckendes Spannungsgeflecht. Die Charaktere sind so fein gezeichnet, dass ich mich abwechselnd mit unterschiedlichen Protagonist*innen identifiziert habe, je nach der Situation, mit der sie gerade konfrontiert waren. Die Geschichte werde ich keinesfalls erzählen, da müsst ihr das Buch schon selbst lesen, ich möchte aber unbedingt einige Aspekte hervorheben, die hier thematisiert werden.

After all, were they not smarter, wiser, more thoughtful and forethoughtful, the wealthiest, the most enlightened? Was ist not their duty to enlighten others? Didn’t the elite have a responsibility to share their well-being with those less fortunate?

Die Familien, die hier miteinander interagieren, entstammen unterschiedlichen sozialen Milieus. Vielschichtige Emotionen prägen die Begegnungen: Die finanziell gut gestellten Richardsons bemitleiden die finanziell weniger stabile Familie, fühlen sich überlegen und gleichzeitig verpflichtet, zu helfen und zu teilen. Mia legt jedoch schlicht mehr Wert auf das, was für sie wichtig ist: ihre Tochter und ihre Kunst. Ein riesiges Haus und jede Menge Besitztümer haben für sie einfach nicht denselben Wert wie die Zeit, die sie ihrer Kunst widmen kann.

Anything had the potential to transform, and this, to her, seemed the true meaning of art.

Mias Kunstwerke spielen eine große Rolle in der Entfaltung der Geschichte. Das Foto aus der Kunstausstellung führt schließlich auf die Spur ihrer Vergangenheit. Die Autorin lässt ihren Blick auf die Welt durchscheinen, die Perspektive der Künstlerin, die alles einer näheren Betrachtung für würdig hält, die genauer hinschaut, die die nicht offensichtlich sichtbaren Teile aufdeckt, die nicht an der Oberfläche bleibt. Im das Buch abschließenden Interview erklärt Celeste Ng, warum gerade die Fotografie sie persönlich interessiert:

Photography is particularly interesting to me because it’s often seen as objective – after all, the camera captures what it sees – but it’s also inherently subjective: so much depends on the framing of the photograph, deciding what gets included and what gets left out, how it’s shown.

Irgendwann hatte ich mal darüber geschrieben, welche interessanten Verbindungen sich oft finden lassen zwischen Büchern, die wir in knappem Abstand voneinander lesen. Ich hatte mich gefragt, ob diese Verbindungen zufällig zustande kommen bzw. ob wir sie überhaupt nur sehen, weil wir die Bücher in diesem Zusammenhang lesen oder ob wir die Bücher gerade deshalb unbewusst auswählen, weil sie uns Zusammenhänge aufzeigen. Bei diesem Zitat musste ich an Change Agent denken, wo die Frage, wo wir unterschiedlich urteilen, wenn wir selbst betroffen sind, ebenfalls gestellt wurde:

Yet when personally affected by the issues, even idealists often end up making selfish choices with far-reaching effects. […] Where do we follow the rules, and where do we justify breaking theam?

Die Geschichte spielt Ende der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, einer Zeit, in der Pager gerade erst modern wurden und Menschen nicht in ständigem Kontakt waren und unter anderem durch Zettelnachrichten Verabredungen trafen. Das ermöglicht unter anderem eine Auseinandersetzung mit der in den letzten Jahrzehnten weit verbreiteten Aussage, dass Hautfarbe bzw. ethnische Herkunft keine Rolle spiele. Viele Menschen behaupteten damals (und manche behaupten es noch), sie würden keine Unterschiede sehen, womit sie vermutlich meinen, sie selbst würden alle Menschen gleich behandeln unabhängig von ihrer Hautfarbe und ethnischen Herkunft. Tatsächlich führt das Ignorieren dieser Unterschiede aber eher zum Ignorieren der Ungerechtigkeiten, die auch heute immer wieder zu Tage treten (siehe #BlackLivesMatter).

Now we’re starting to be aware of the problems with not “seeing race”: ignoring race means ignoring longstanding problems and history, as well as ignoring important aspects of a person’s identy.

Nicht zuletzt enthält die Geschichte auch eine feministische Komponente. Einerseits sind alle beteiligten Frauenfiguren auf ihre Art emanzipiert. Gleichzeitig verkörpert aber Mrs. Richardson den Typ, der sich an die Regeln hält, während Mia sich die Freiheit herausnimmt, ihr Leben nach ihren eigenen Regeln zu gestalten. Dieses Zitat verdeutlicht diesen Konflikt, der oft dazu führt, dass Frauen sich gegenseitig verurteilen, anstatt sich zu unterstützen (get back in line):

You can’t just do what you want, she thought. Why should Mia get to, when no one else did?

Nicht umsonst wurde diese Geschichte als Serie verfilmt. Wirklich aufmerksam wurde ich auf das Buch jedoch durch den Podcast Unlocking Us von Brené Brown, die dieser Geschichte gleich zwei Episoden gewidmet hat: Ein Interview mit der Autorin Celeste Ng sowie ein Gespräch mit den Hauptdarstellerinnen der Serie Reese Witherspoon und Kerry Washington. Sowohl für das Buch als auch für den Podcast möchte ich eine herzliche Empfehlung aussprechen.

All her life, she had learned that passion, like fire, was a dangerous thing. It so easily went out of control.

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Hanya Yanagihara – A Little Life

… but in those moments he would at times find himself, thinking, This is enough. This is more than I hoped. To be in New York, to be an adult, to stand on a raised platform of wood and say other people’s words! – it was an absurd life, a not-life, a life his parents and his brother would never have dreamed for themselves, and yet he got to dream it for himself every day.

Schon der Titel dieses Buches wirft Fragen auf: a little life, ein kleines Leben, ist damit ein kurzes Leben gemeint oder ein unbedeutendes Leben? Und wer oder was gibt überhaupt einem Leben Bedeutung? Dies ist eine der essentiellen Fragen, die in diesem Buch teils offensichtlich und teils zwischen den Zeilen aufgeworfen werden. Gegen Ende des Buches wird im Rahmen einer tatsächlichen Dinner-Konversation die Frage gestellt, ob eigene Kinder dem Leben Bedeutung geben und was dem Leben sonst noch Bedeutung geben könnte. Die eindeutige Antwort an dieser Stelle im Buch: Freundschaft.

Das Buch beginnt mit der College-Freundschaft der 4 Protagonisten: Willem, angehender Schauspieler, Jude, auf dem Weg, ein angesehener Anwalt zu werden, Malcolm, ruhelos und an Architektur interessiert und JB, bildender Künstler. Während im ersten Teil des Buches die Vorgeschichten und Familienhintergründe sowie die Entstehung der Freundschaft beleuchtet werden, fokussiert die Geschichte dann auf Jude, dessen Kindheit von den schlimmsten Erlebnissen geprägt wurde (Missbrauch, Misshandlung, Zwang zur Prostitution, CN: dies wird im Buch ausführlich beschrieben).

Or he would discover – as he often feared – that what he understood as friendship was really motivated by their pity of him?

Jude wächst im Kloster auf und erfährt dort in seinen frühen Lebensjahren ein Gefühl der Wertlosigkeit, das er sein restliches Leben nicht mehr ablegen wird. Er zweifelt an jeder Form von Wertschätzung, die ihm sein Umfeld entgegenbringt und vergräbt sich in der festen Überzeugung, dass seine Freunde ihn fallen lassen würden, wenn sie von seiner Vergangenheit wüssten. Daraus entwickelt sich ein Spannungsfeld, indem immer wieder darauf hingewiesen wird, wie sehr sich die Selbstwahrnehmung von Jude davon unterscheidet, wie seine Freunde ihn sehen. In den wenigen Momenten, in dem Judes Selbstwahrnehmung durch das unendliche Festhalten von Willem und Harold (Judes Adoptivvater) in Frage gestellt wird, steht er erschüttert vor seinem Selbstbild und kehrt dann doch immer wieder zum bekannten Muster zurück, das ihn durch die dunkelste Zeit seines Lebens getragen hat.

But although he hadn’t been convinced, it was somehow sustaining that someone else had seen him as a worthwile person, that someone had seen his as a meaningful life.

Welches Leben kann ein Mensch mit Judes Vergangenheit führen? Gibt es eine Möglichkeit, über schreckliche Erlebnisse in der Vergangenheit hinauszuwachsen, sie hinter sich zu lassen? Zwischen den Zeilen steht die Frage, was eigentlich einen Menschen ausmacht. Sind es die Gene, mit denen wir geboren werden oder sind es die Erlebnisse, die uns zu dem machen, was wir sind? In seinem Beruf hat Jude die Möglichkeit gefunden, jemand anders zu sein, selbst seine körperliche Behinderung, die sein alltägliches Leben und Empfinden in allen Aspekten so sehr prägt, spielt hier keine Rolle. Seine Arbeit als erfolgreicher Anwalt ist für Jude ein Bereich seines Lebens, in dem seine Vergangenheit keine Rolle spielt.

[and he cries] for the ability, at last, of believing a parent’s reassurances, of believing that to someone he is special despite all his mistakes and hatefulness, because of all his mistakes and hatefulness.

Jude kann sich selbst nicht annehmen und daher auch nicht akzeptieren, dass er von anderen angenommen wird. Gerade diese Form des Angenommen-seins erfahren Kinder üblicherweise von ihren Eltern: dass sie geliebt werden mit allen ihren Fehlern und trotz all der Fehler, die sie bereits gemacht haben und noch machen werden. Da Jude diese elterliche Liebe nie erfahren hat, fehlt ihm ein essentieller Bestandteil, um sich selbst akzeptieren zu können.

Es ist kein unbedeutendes Leben, das in diesem Buch beschrieben wird. Jeder Tag zählt. An jedem einzelnen Tag können wir uns entscheiden, unserem Leben Bedeutung zu geben. Durch Liebe zu eigenen Kindern oder durch Unterstützung, Freundschaft und Zusammenhalt zu anderen Menschen.