Khaled Al-Berry – Life is more beautiful than paradise

Wenn über den Islam gesprochen wird, wissen die wenigsten Menschen, was diese Religion eigentlich ausmacht, wo sie herkommt und wie die Gläubigen leben. Ich weiß selbst beschämend wenig darüber. Wenn es dann um fundamentalistischen Islam geht, um die Menschen, die für ihre Religion in einen Glaubenskrieg ziehen, dann hört das Verständnis zumeist total auf. In unserer Gesellschaft liegt das vermutlich auch zu einem großen Teil daran, dass viele gläubige Katholiken es eigentlich nur auf dem Papier sind. Sein Leben an religiösen Vorschriften ausrichten, die über 2.000 Jahre alt sind? Für die Einhaltung von Vorschriften kämpfen, die einem das Alltagsleben erschweren, die einem Chancen zunichte machen, die darüber entscheiden können, ob man einen Job bekommt, oder nicht? Das kennt man im heutigen Katholizismus nicht mehr. Dass noch vor 1.000 Jahren die christlichen Glaubensritter auf Kreuzzüge auszogen, um die „einzig wahre“ Religion zu verbreiten, wird zumeist auch vergessen.

Dieses Buch erzählt nun also die Geschichte eines fundamentalistischen Islam-Gläubigen. Khaled Al-Berry schloss sich in jugendlichem Alter Anfang der 90er-Jahre einer Extremistengruppe an, die den fundamentalistischen Islam vertritt. Die Jama’a Islamiya formierte sich an ägyptischen Universitäten als Organisation militanter Studenten mit dem Ziel, die ägyptische Regierung zu stürzen und durch einen Islamischen Staat (auch islamische Republik, nicht zu verwechseln mit der heute bekannten Organisation Islamischer Staat) zu ersetzen.

Eine der interessantesten Stellen des Buches beschreibt den schleichenden Eintritt in die fundamentalistische Religion. Khaled Al-Berry erzählt, wie aus den Diskussionsgruppen, in denen er mit Gleichgesinnten Auslegungen des Korans und anderer islamischer Schriften diskutierte, schließlich politische Dimensionen entsprangen. Zuerst geht es nur um die Einhaltung der Vorschriften durch jeden für sich selbst. Dann geht es um die Einhaltung der Vorschriften durch alle anderen Gläubigen. Dann geht es um den Staat und dass dieser keinesfalls von Ungläubigen geleitet werden darf.

When anyone takes his first steps in the Jama’a, he cannot tell where the path begins or at what point he will find himself fully committed; everything flows seamlessly. The study circles do not discuss how to confront society, or how the state should be governed. They discuss what is forbidden and what is permitted, they discuss prayer, the rules governing fasten, the rules governing how to look at a woman and listen to music, the limits to be placed on the exposure of the body, the acts that render ritual ablutions void and those that require the ritual purification of the whole body, the proprieties to be observed when bathing and when eating.

Einen wichtigen Punkt bildet dabei auch die Rechtfertigung des Tötens, denn natürlich enthält auch der Koran eine Vorschrift, die das Töten anderer Menschen untersagt. Leider enthält er auch Passagen, die in die eine oder die andere Richtung interpretierbar sind. Fundamentalistische Gruppen verstehen es, diese Passagen so auszuwerten, dass im Kampf gegen Ungläubige und um den einzig wahren Glauben zu verteidigen, jedes Mittel erlaubt ist, wie es auch die Jama’a Islamiya in ihrem Motto verfolgte:

Fight them on until there is no more Tumult, and there prevail justice and faith in Allah; but if they cease, Let there be no hostility except to those who practise oppression.

Khaled Al-Berry erklärt in diesem Zusammenhang auch den Unterschied zwischen Töten (zu verstehen im Sinne einer Exekution als Strafe für falsches Verhalten) und Kämpfen (im Sinne eines Krieges oder eines Aufruhrs gegen das bestehende Regime):

To put the matter in a contemporary context, killing resembled the carrying out of a judicial sentence of execution, whereas fighting was an armed uprising against the ruling regime, or a war with another state’s regime.

Während eines Aufruhrs an der Universität wird der Autor verhaftet. Aus dem Buch geht nicht hervor, dass er irgendeine Form der kriegerischen oder gewalttätigen Handlung begangen hätte, er gehörte schlicht einer politischen Gruppierung an, die sich gegen das bestehende Regime auflehnte und daher von der Regierung niedergeschlagen werden sollte. Dieser Teil des Buches beschreibt Verhörmethoden, mangelnde Gerichtsverfahren, Folter in weitaus mehr Details, als ich jemals wissen wollte. Auf eine ungewisse Zeit in einem Security Camp (einer nicht näher beschriebenen militärischen Einrichtung) folgt eine ebenso ungewisse Zeit im Gefängnis – ohne Hoffnung auf Entlassung.

But the experience itself is different. Prison is a cage in which a person who has complete power imprisons another who has no protection and deprives him of the sight of the sun, of walking in the open air, of going to the toilet, or of seeing friends. … Prison likewise deprives one of his control over time and place.

Die Zeit im Gefängnis hat Khaled Al-Berry nicht von seinen religiösen Vorstellungen geheilt oder befreit, sie jedoch massiv verändert. Er beschreibt deutlich schamvoll, wie sehr ihn die schließlich wiedererlangte Freiheit verändert. Auch den titelgebenden Punkt, an dem er feststellte, dass das Leben auf dieser Erde schöner ist, mehr wert ist, als das Leben nach dem Tod im Paradies. Er verfolgt keine politischen Ziele mehr, versucht unter dem Radar zu fliegen, sein Studium abzuschließen und nicht aufzufallen. Er bleibt gläubig, lässt aber Stück für Stück von seinen radikalen Ansichten ab. Im letzten Absatz des Buches bezeichnet er sich selbst als a young man raised on illusions. Das dürfte wohl auf viele Glaubenskrieger zutreffen.

James Michener – The Source

He asked his mother, “If a bee does so much good in the wadi and is tormented by an enemy as fatal as the bird …” He followed the fliegt of the dazzling predator and watched as it swooped down upon a bee returning from the flowers and then spit out the wings. It was an ugly incident and he said, “Is it possible that we also have enemies somewhere in the sky, waiting to pounce on us?” Again he paused, and then put into exact words the problem that had begun to torment his mother: “Suppose the rain has a spirit of its own? Or the sun? What then with our wheat?”

Sobald ich selbst lesen konnte (vielleicht aber auch schon davor), war meine Familie ständiger Gast in der Stockerauer Stadtbücherei. Meine Mutter, meine Schwester und ich teilten uns über Jahre einen Bibliotheksausweis. Woche für Woche schleppte meine Mutter kiloweise Bücher nach Hause und wieder zurück in die Bücherei. Damals las ich die deutsche Version Die Quelle, ich habe einen unfassbar dicken Wälzer in Erinnerung, den ich damals aber in der vorgeschriebenen Ausleihzeit von 2 Wochen problemlos weggelesen habe. Schon damals faszinierte mich die detaillierte Beschreibung der unterschiedlichen Epochen und die geschickte Strukturierung der Geschichte, die am Ende alle Fäden zusammenlaufen lässt.

“El has no home, for he is everywhere.”
This simple idea reached Timna’s inquisitive mind like sunshine after storm, like a rainbow after a fall of cold rain.

Anhand einer fiktiven Ausgrabunsstätte namens Makor, gelegen im heutigen Israel, lässt der Autor Generationen wieder auferstehen. Es beginnt in einer Höhle, wo Ur mit seiner Familie lebt. Sie kommunizieren, jagen, führen jedoch ein einfaches Leben, völlig abhängig von der Witterung. Als Urs Familie entdeckt, dass sich Getreide gezielt anbauen lässt, sind sie gezwungen, ihre Höhle zu verlassen, und sich neben den Feldern niederzulassen. Als die Ernte wiederholt von Stürmen vernichtet wird, entsteht der erste Funke des Glaubens an einen Wettergott, den man erzürnen oder besänftigen kann (Zitat ganz oben). Dieser Moment ist in diesem Roman der Ursprung aller drei Weltreligionen, James Michener beschreibt eindrucksvoll, wie sich der Glaube an eine höhere Macht in den Menschen festigt, wie er ihnen Trost spendet, wie sie aber auch aus Glaubensgründen Fehler machen und ihre Mitmenschen verraten.

… but rather by the sensible logic that pervaded all religions: the Jews had borrowed from the Canaanites, and the Christians had borrowed from the Jews. Now there war approaching from the desert a newer religion that had borrowed even more extensively from both Jew and Christian, but all went back to those primitive urgings which had found expression in Baal, and before him hin the primogeniture divinity of all, the mysterious and self-effacing El.

Auf der Zeitebene der Ausgrabungen in Makor diskutieren der irische Christ Cullinane, der Jude Eliav und der Moslem Tabari die „aktuellen“ (die Originalausgabe erschien 1965) Entwicklungen im Nahen Osten. Die Gebietsansprüche, der Kampf um Jerusalem, das für alle drei Religionen eine wichtige Pilgerstätte ist, die in den Augen von Nicht-Juden unverständlichen und überholungsbedürftigen Regeln der Rabbis, die jedoch das Herz des Judentums ausmachen – all dies besprechen die Archäologen in meist freundschaftlichen Diskussionen und werfen somit zusätzliches Licht auf die Situation und die unterschiedlichen Meinungen.

The Torah says simply, “The seventh day is the sabbath of the Lord thy God: in it thou shalt not do any work…” That’s strait forward. But the rabbis write whole books about what a man shall not do on Shabbat, and when Safad is about to fall to the Arabs you bring out those books to halt sensible work.

Gegen Ende des Buches konzentriert sich die Geschichte sehr auf das Judentum und den Konflikt zwischen den Jahrhunderte alten festgeschriebenen Regeln der Rabbis und der moderneren Interpretation einer neuen Generation von Juden, die stolz auf ihre Herkunft sind und für ihren Staat kämpfen wollen. Das Judentum wird deutlich abgegrenzt von den anderen beiden Weltreligionen, seine Wurzeln gehen tiefer, das mag überraschend für all jene kommen, die heute den Islam für die traditionellste Religion halten.

Dieses Mal habe ich für das Buch mehr als 6 Monate gebraucht. Zu Beginn des Jahres habe ich es begonnen als erstes Buch für die Reading Challenge – A book with more than 500 pages. Bisher hat mir die Reading Challenge hauptsächlich Vielfalt in meiner Leseauswahl gebracht, jetzt fühle ich mich fast etwas eingeschränkt, weil ich eigentlich gerne James A. Michener’s Writer’s Handbook lesen würde, um herauszufinden, wie man solche monumentalen Werke konstruiert. Dass er außerdem die Vorlage zum Musical South Pacific geschrieben hat (seine Erzählungen Tales of the South Pacific), war mir bisher auch entgangen. Und eigentlich möchte ich auch dringend etwas über den Nahost-Konflikt lesen, wie er sich in den 40 Jahren nach dem Ende des Romans entwickelt hat. 1 Buch gelesen, 3 bis 5 neue auf der To Read-Liste. Problems of a Book Nerd.

Reading Challenge: A book with more than 500 pages

Kristin Harmel – Solange am Himmel Sterne stehen

Ich rieche backendes Brot, sich färbendes Herbstlaub und einen schwachen Geruch von Feuer, während ich durch die Straßen gehe, und ich atme tief durch, denn es ist eine Mischung, die ich nicht gewohnt bin. Kleine Torbögen, Fahrräder, die an Steinmauern lehnen, und fast versteckte, umzäunte Gärten rufen mir in Erinnerung, dass ich an einem Ort bin, der mir fremd ist, aber irgendetwas an Paris kommt mir dennoch sehr vertraut vor.

Poetisch, mitreißend, eine Liebesgeschichte, eigentlich sogar mehr als eine, eine starke, an sich selbst zweifelnde, weibliche Heldin. Trotzdem kein dummes Frauenbuch.

Eine auch nur ansatzweise Nacherzählung würde zu weit führen, so unheimlich weit verzweigt sind die Familienverhältnisse und Geschehnisse, die die Autorin in ihrem Roman Stück für Stück enthüllt. Eine alte Frau leidet unter Alzheimer. Ihre Vergangenheit im zweiten Weltkrieg hat sie bisher für sich behalten, nicht mal ihre Enkeltochter und ihre Urenkelin wissen, dass sie einer jüdischen Familie in Paris mit polnischen Wurzeln entstammt. An einem guten Tag kehrt ihr Gedächtnis zurück und sie bittet ihre Enkelin, nach den lange vermissten Verwandten zu suchen.

Durch die ganze Geschichte weht stets der Duft von Gebäck. Zwischen den Kapiteln finden sich Rezepte für traditionelle polnisch-jüdische, aber auch muslimische Gebäckstücke, die Rose aus ihrer Zeit aus Paris mitgebracht hat. Freundschaft und Liebe entfalten sich kontinuierlich. Mit dem Aufdecken der Vergangenheit verbessert sich auch die angespannte Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Enthalten ist auch ein feinfühliges Porträt einer Jugendlichen, die unter der Scheidung ihrer Eltern leidet.

Ein nach Zimt und Zuckerguss duftender Wohlfühlroman mit ernsthaftem Hintergrund. Gut recherchiert, vielleicht eine Spur zu optimistisch, manche Wendungen vorhersehbar, aber doch so angenehm zu lesen, dass der Winter für ein paar Stunden etwas wärmer wird.

„…, du kannst nicht dein Leben lang nach allen Regeln leben und immer nur das tun, was andere Leute von dir erwarten, ohne an dich selbst zudenken, okay? Dann wachst du nämlich eines Tages mit achtzig oder so auf und begreifst, dass das Leben an dir vorbeigegangen ist.“

Ildefonso Falcones – Die Pfeiler des Glaubens

Mezquita (c) Daniel Vattay SXC

Sein ganzes Leben war immer gleich verlaufen, dachte er, während eine Dame in einem blauen Kleid auf ihn einsprach. Sein ganzes Leben lang war er dem Streit zwischen Christen und Muslimen machtlos ausgeliefert gewesen.

Nach Die Kathedrale des Meeres zögerte ich natürlich nicht lange, als mir bei den Neuerscheinungen in der virtuellen Bibliothek der Büchereien Wien zufällig dieser neue Roman von Ildefonso Falcones ins Auge stach. Die anfängliche Befürchtung, dass ich diesen Wälzer möglicherweise nicht in den vorgesehenen zwei Wochen Ausleihzeit schaffen würde, hat sich leider bewahrheitet. So musste ich das Buch mit einer Pause dazwischen zwei Mal ausleihen. Noch dazu musste ich jetzt feststellen, dass ich zwar meine Notizen im Bluefire Reader noch abrufen kann, allerdings nicht die gesamten Markierungen, die ich im Text vorgenommen hatte. Denn dieser ist eben schon abgelaufen …

Der Protagonist Hernando ibn Hamid verbringt sein Leben zwischen den Religionen. Der Islam wird in Spanien verboten, die Neuchristen müssen vorgeben, zum Christentum konvertiert zu sein und können ihren wahren Glauben nur heimlich leben und an ihre Kinder weitergeben. Hernando pendelt hier sein Leben lang zwischen den Extremen. Mit dem Alfaqui Hamid hält er den wahren Glauben am Leben, schließlich unterwirft er sich dessen Rat christlicher als jeder Christ zu sein, was ihm letztendlich allerdings die Verachtung der Islam-Gemeinde einbringt, die nicht glauben wollen, dass er noch immer Anhänger des wahren Glaubens ist. Sogar Hernandos Mutter Aisha verliert den Glauben an ihn, als sie ihn während einer Büßerprozession das Kreuz tragen sieht.

Geprägt ist Hernandos Leben natürlich von den Frauen in seinem Leben: seine Mutter Aisha, seine erste Frau Fatima, die von ihm vor der Sklaverei gerettete Christin Isabel und schließlich seine zweite Frau Rafaela. Stets lenken sie aus dem Hintergrund seine Schritte und Entscheidungen. Wie so oft im Leben steht hinter jedem Mann oft sogar mehr als eine starke Frau. Das dürfte auch als Botschaft zum Mitnehmen gelten: Wahre Liebe überwindet selbst religiöse Auffassungsunterschiede.

Auch die Mezquita existierte nicht mehr als solche, war jetzt eine christliche Kathedrale, aber es hieß, man könne noch die Arabesken und den gewaltigen maurischen Säulenwald in der alten Gebethalle mit den doppelten Hufeisenbögen sehen, die sie zu einem so einzigartigen Bauwerk machten.

Matthew S. Gordon – Islam

Aus der Serie “Religionen verstehen” hab ich mir zufällig (ich kann halt so schlecht vorbeigehen an Buchgeschäften) das Buch “Islam” gegriffen. Es erfüllt eigentlich ziemlich gut den erwünschten Zweck, nämlich einen kurzen Einblick in die Religion und Kultur des Islam zu geben.

Streckenweise liest es sich etwas sperrig, die unterschiedlichen Strömungen des Islam wie etwa der Sufismus werden kurz angerissen, dies verwirrt jedoch eher, da man nicht ausreichend darüber erfährt. Wer sich umfassend darüber informieren will, sollte definitiv zu einem umfangreicheren Werk greifen.

Für den kurzen Einblick eignet sich das Buch jedoch hervorragend, es enthält auch einige Auszüge aus dem Koran und anderen verwandten Schriften in Übersetzung, die einen Einblick in die Basis des Glaubens ermöglichen.

Fazit: Ausreichend für den kurzen Einblick.