Christiane Neudecker – Sommernovelle

Ein paar Meter von uns entfernt schoben ein paar ältere Heeren kindsgroße Figuren über die schwarz-weißen Steinfelder eines riesigen Schachbretts.

Spätestens beim obigen Satz fühlte ich mich in der Zeit verortet, auch wenn das große Schachbrett, auf dem meine Schwester und ich als Kinder im Urlaub gespielt haben, sich in Oberösterreich befand und nicht auf einer deutschen Nordseeinsel. Viele weitere detailreiche Beschreibungen lassen das Leben auf der Insel lebendig werden: Die Beschreibungen der Vogelbewegungen lassen den eigenen Blick zum Himmel wandern, die Episode im Brutgebiet der Möwen erinnert vage an Hitchcock.

Das Buch erzählt vom Besuch zweier Mädchen auf einer Vogelbeobachtungsstation auf einer Insel in der Nordsee, die Helgoland oder Sylt sein könnte oder vielleicht auch tatsächlich einfach fiktiv ist. Die Mädchen wollen etwas für die Umwelt tun, sie wollen sich nützlich machen, sie wollen nicht nur Flyer gestalten und demonstrieren, sondern tatsächlich die Welt ein kleines bißchen besser machen: jugendlicher Idealismus gepaart mit Ratlosigkeit.

Es gab so viele Dinge, gegen die man etwas unternehmen musste, manchmal wurde mir davon ganz schwindelig. Die Umweltverschmutzung. Die Armut in der dritten Welt, der Hunger. Das Waldsterben, die Massentierhaltung, die Nazis. Der Treibhauseffekt. Die Atomwaffen, der Kalte Krieg. Die Sache mit dem Regenwald. Wo sollte man denn da anfangen.

Bestechend daran ist, dass manche Begriffe antiquiert erscheinen (das Waldsterben), aber die zugrundeliegenden Probleme heute noch so aktuell wie damals sind. Das Buch wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. Es lässt die Protagonistin und ihre Freundin Lotte an ihrer Naivität, an ihren Idealen scheitern, wie es so typisch für Jugendliche ist. Fehlschläge können zur Resignation führen oder zum Handeln. Die beiden Mädchen entscheiden sich fürs Handeln und gehen ihren eigenen Weg.

„Manchmal bauen Menschen sich Luftschlösser“, sagte er leise. „Aber das heißt nicht, dass in den Schlossgärten nicht ein paar Blumen wachsen können.“