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English Erfahrungsbericht Memoir

Lane Moore – How to Be Alone

CN dieses Buch: Erwähnung von Missbrauch, Vergewaltigung, Pädophilie, Trauma, Suizid, Übergriff
CN dieser Post: –


Now, I think of my tired, overdosed little-kid self, who only wanted someone to love her, […] lying there on the floor alone in a little ball, waiting for anyone to care about her, and all I want to do is pick her up and kiss her forehead and tell her I’m so sorry I couldn’t protect her.

Dieses Buch hat mich sehr herausgefordert und beschäftigt. Es muss irgendwann während der Pandemie auf meiner Liste gelandet sein, damals konnte oder wollte ich mich aber nicht wirklich damit befassen, weil ohnehin alles schon so trist war. Als ich dann des Nachts nicht schlafen konnte (und die mitgenommenen Papierbücher nicht lesen konnte, um die andere Person nicht aufzuwecken), schien mir irgendwie der richtige Moment gekommen. Obwohl es für dieses Buch keinen richtigen Moment gibt. Oder jeder Moment der Richtige sein könnte.

Die Autorin erzählt von einer Art des Allein-Seins, die ich persönlich noch nie erlebt habe, ich kenne jedoch zumindest zwei Personen, die da relativ nahe dran sind. Diese persönliche Verbindung hat mir ihren Bericht auch sehr nahe gebracht. Gleichzeitig habe ich in ihrer Beschreibung von verschiedenen ungünstigen Beziehungsmustern auch Verhaltensweisen von mir selbst gesehen. Die Liste der Zitate, die ich aus diesem Buch aufgeschrieben habe, ist selbst schon fast ein Essayfragment. Damit dieser Post nicht zu persönlich wird, werde ich im Aufzählungsstil ein paar Beispiele anbringen:

  • Wenn wir als Kinder nicht ausreichend geliebt werden, dann werden wir irgendwann denken, dass wir selbst das Problem sind. Wir werden nicht darauf kommen, dass es einfach falsch ist, wie uns andere Menschen behandeln. Wir werden denken, dass wir es nicht Wert sind und daher nicht anders verdient haben. Und dieses Gefühl kann sich dann in alle weiteren persönlichen Beziehungen des Lebens weiterziehen.
  • In einer Passage vergleicht sie den Samstagabend mit einem wöchentlichen Silvester. Gerade an diesem Abend solltest du Spaß haben, eine Party feiern, Freunde haben, …

[…] and when it’s anything less, you just feel like you’re six thousand miles away from your best life, and fun, and normalcy.

  • Nicht vergessen möchte ich die vielen popkulturellen Referenzen, speziell gefreut habe ich mich über die Erwähnung des Films Practical Magic, den ich damals auch sehr gern hatte. (Wollten wir nicht alle irgendwann Hexen sein?)
  • Attachment theory (Bindungstheorie). Irgendwo muss ich das eigentlich schon mal gehört oder gelesen haben, aber in diesem Kontext hat mich dieses Konzept einfach sehr erwischt. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich gerade darüber nachdachte, ob ich mein Fernstudium fortsetzen soll, dass mich diese wissenschaftliche Betrachtung so angesprochen hat. Es wäre doch schön, wenn sich unsere Beziehungsverhaltensmuster durch Wissenschaft erklären ließen? Oder?
  • Menschen, die schlechte Ratschläge erteilen. Ugh.

Telling people who actively want to find love that they should stop wanting to find love so they can find love is like telling a depressed person they can be happy only once they don’t want to be happy. What the shit is that? It makes zero sense. 

  • Was ich in der Vergangenheit viel gemacht habe (und vermutlich immer noch mache): So sein, wie ich glaube, dass ich gut zu einer bestimmten Gruppe dazu passe. Mich anpassen. Die richtige Sprache lernen. Tatsächlich führt das aber nicht dazu, dass uns Menschen so mögen, wie wir tatsächlich sind.

But stop telling people that they need to actively change who they are in order to find love. Because even if you do find love that way, changing yourself to find it means your partner may not have fallen for the real you anyway. 


Ich möchte an dieser Stelle ein Zitat aus einem anderen Buch einschieben, dass ich gerade auf die Liste gesetzt habe, weil es einfach so schön dazu passt:

“Allowing myself to be exactly who I’ve always been, not feigning interest in video games or zombie shows,” Hough writes, “means I end up with the sort of friends I once fantasized of having: people who read books, people who’ve been other places, people who tell the truth, people on the edges who’ve never fit in and were way ahead of me in accepting that, but I never noticed them because I was trying so desperately to be normal.” (Lauren Hough, Leaving Isn’t the Hardest Thing: Essays)


Während des Leseprozesses stellt sich irgendwann die Frage: wird sich die Autorin selbst retten können? Wird sie am Ende aussteigen können aus diesem Teufelskreis, der in ihrer Kindheit begonnen hat? Die Antwort bleibt offen, denn ihr Leben ist noch nicht vorbei. Sie beschreibt jedoch viele Strategien, die ihr selbst weitergeholfen haben. Besonders berührend dabei die Geschichte, wie sehr ihr Hund ihr Leben verändert. (Das müsst ihr selbst lesen, ich kann es nicht zusammenfassen, das würde der Bedeutung nicht gerecht.)

Subconsciously, I thought if I couldn’t find the person I’d been waiting my whole life for, I’d be that person for other people. […] Being alone is not a life sentence. I know it feels like it at the time, but I promise you, you will not be alone for the rest of your life […] Being alone is sometimes incredibly painful. Feel how painful it is, know that feeling will pass, and you’ll feel great again.

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English Jugend Roman

John Green and David Levithan – Will Grayson, Will Grayson

Sowohl John Green als auch David Levithan sind Garanten für anspruchsvolle und trotzdem unterhaltsame Jugendliteratur. Beispiele sind etwa The Fault in Our Stars (die Verfilmung aus dem Jahr 2014 ist ebenfalls sehenswert), Every Day (und die beiden Fortsetzungen Another Day und Someday) oder David Levithans Kollaboration mit Rachel Cohn Dash & Lily’s Book of Dares.

me: you have no idea how wrong you are about me.
tiny: you have no idea how wrong you are about yourself.

Es dürfte wohl kein Spoiler sein, wenn ich verrate, dass die Protagonisten des Buches beide Will Grayson heißen und sich zu Beginn nicht kennen, im Verlauf des Buchs aber aufeinander treffen. Im Interview am Ende des Buches erklären die beiden Autoren, wie sie tatsächlich getrennt voneinander die Figuren entwickelt haben, um diese dann Kapitel für Kapitel aneinander heran zu führen.

Wie so oft in Jugendromanen geht es auch hier um die Suche nach der eigenen Identität und das Klarkommen mit der eigenen Vorgeschichte, mit den Voraussetzungen und Umständen, in die wir hineingeboren werden. Eigentlich sollten sich Erwachsenenromane auch mehr mit diesem Thema beschäftigen (wobei sie das bei entsprechender Betrachtung vielleicht ohnehin tun?), weil wer kann schon sagen, sich seiner Identität sicher zu sein? (Falls eine Identität überhaupt etwas Feststehendes sein sollte und nicht eher ein fluides Konzept. In diesem Fall wäre vermutlich das Konzept sich selbst treu zu bleiben hinfällig.) Den Abschluss des Buchs bildet ein Gespräch zwischen den beiden Autoren, in dem John Green über den Konflikt zwischen unserer inneren Identität und der von außen wahrgenommenen Identität erzählt:

I think a lot of the novel is about the weird relationship between identity and existence: In some ways, you are who you are because other people observe you; but in some ways, you are who you are in spite of other people’s observations of you.

Die Verknüpfung dieses Themas mit den philosophischen Überlegungen zu Schrödingers Katze hat mich besonders amüsiert. Und es mir bei der ersten Erwähnung des Bandnamens Maybe Dead Cats nicht mal aufgefallen …

still, what could i say? that i didn’t just feel depressed – instead, it was like the depression was the core of me, of every part of me, from my mind to my bones?

Einer der Will Graysons lebt mit einer Depression. Es gelingt den Autoren meisterhaft, die Isolation dieser Krankheit zu illustrieren; die Art, wie sie die betroffene Person von normalen Menschen abkapselt. Das Unverständnis der Umgebung und die Vorurteile über mental health issues, mit denen depressive Menschen zusätzlich zu ihrer Krankheit zu kämpfen haben, nehmen einen wichtigen Platz ein. Es geht hier nicht nur um Jugendliche, die ihren Platz im Leben suchen, sondern um Jugendliche, die dies unter erschwerten Bedingungen tun und trotzdem einen Weg finden.

all i wanted was one fucking break, one idiotic good thing, and that was clearly too much to ask for, too much to want.

Dazwischen ist das Buch aber auch noch großartig lustig. Die Absurdität, die ich aus Dash & Lily’s Book of Dares erinnere, spiegelt sich hier in den wahnwitzigen Musicalnummern wieder, die ich wirklich gern auf einer Bühne sehen würde. Nicht zuletzt hat mich die Referenz auf einen Film aus meiner eigenen Jugend amüsiert (Charlie Alle Hunde kommen in den Himmel). Mal sehen, ob ich den irgendwo auftreiben kann …

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English Jugend Roman

Nina LaCour – Everything Leads to You

I thought that her story was comprised of scenes. I thought the tragedy could be glamorous and her grief could be undone by a sunnier future. I thought we could pinpoint dramatic events on a time line and call it a life. But I was wrong. There are no scenes in life, there are only minutes.

Letztens habe ich mir ein paar Minuten gestattet, um nachzuschauen, ob etwas von meiner Buchliste, das bisher nicht in der Overdrive eLibrary verfügbar war, nun neu dazu gekommen ist. Und tatsächlich war dieser Roman dabei. Ersatzweise hatte ich vor zwei Jahren We Are Okay von Nina LaCour gelesen.

Because in the conversation beneath this one, what we’re really saying is I am an imperfect person. Here are my failures. Do you want me anyway?

Dieses Werk ist deutlich fröhlicher angelegt. Die Protagonistin Emi stößt gemeinsam mit ihrer Freundin Charlotte auf einen Brief in der Hinterlassenschaft eines bekannten Schauspielers und die beiden machen sich auf die Suche nach der Lösung des Rätsels. Diese führt sie schließlich zu Ava, der Enkelin des Verstorbenen, die von ihrer Verwandtschaft mit dem Darsteller keine Ahnung hatte.

People talk about coming out as though it’s this big one-time event. But really, most people have to come out over and over to basically every new person they meet.

Zwischen dem Geheimnis hinter Avas Familiengeschichte, der sich entspinnenden Verbundenheit/Verliebtheit zwischen Emi und Ava und den vielen Blicken hinter die Kulissen des Setdesigns der Traumfabrik (Emi arbeitet als aufstrebende Set Designerin) gelingt es der Autorin auch noch, die gesamten Unsicherheiten junger Menschen transparent zu machen. Obwohl ich diese Zeit meines Lebens lange hinter mir gelassen habe, konnte ich mitfühlen mit all den Zweifeln, vor allem Emis Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten. Wesentlich wichtiger als die perfekte Lösung für ein Arbeitsproblem ist jedoch der Mut, etwas auszuprobieren und falls es nicht klappt, später auch den Fehler zugeben zu können und nachzubessern. Brave, not perfect.

“What I’m trying to say is that I just want to know you. You don’t have to be at your best. We can’t all be our best all the time. But,” I say again, “I just want to know you.”