Adam Haslett – Imagine Me Gone

If you think of memory not just as looking back but as being aware of time and how it passes and what the passage of it feels like, then there is something about being in motion that does cause it.

Dieser Roman thematisiert psychische Krankheit und wie sie sich nicht nur auf die betroffene Person sondern auch auf die Angehörigen auswirkt am Beispiel einer Familie. Die Betroffenen sind hier zuerst der Vater und später der älteste Sohn. Die Mutter hat zuerst mit der Krankheit ihres Partners zu kämpfen, sie trägt die Last auf ihren Schultern, die Familie zusammenzuhalten und macht es sich zur Aufgabe, die Kinder vor der Realität der nicht näher bezeichneten Krankheit des Vaters zu beschützen. Die Kinder bekommen natürlich trotzdem mit, dass etwas nicht stimmt und suchen sich ihre eigenen Wege, um mit dem abwesenden Vater klarzukommen.

Während Celia und Alec ihren Weg finden, wird Michael im Erwachsenenalter selbst von Angstzuständen und Panikattacken gequält. Seine Familie wünscht sich einerseits, dass es ihm besser geht, findet aber andererseits keine Möglichkeit, ihn zu verstehen und tatsächlich zu unterstützen. Die medikamentöse Behandlung bringt immer nur kurze Phasen der Linderung, bis sich der Körper an das Medikament gewöhnt. Der verwirrte Geisteszustand und die verzerrte Wahrnehmung von Michael werden durch ein ausführliches Therapieprotokoll verdeutlicht.

Letztendlich versuchen alle drei Geschwister, in ihrem Leben etwas zu finden, das ihnen zurückgibt, was sie an ihrem Vater verloren haben. Die Geschichte findet auch hier einen Mittelweg, um zu illustrieren, dass enge Beziehungen einerseits essentiell für die geistige Gesundheit und das persönliche Wachstum sind, aber andererseits auch nicht als Heilmittel für psychische Krankheiten dienen können. Diese trocken formulierte Botschaft versteckt sich zwischen den Zeilen dieser anrührend, aber nicht kitschig verfassten Familiengeschichte.

Depending on the hour, the insight either maddens or clarifies, sending you into despair, or clearing your vision by releasing you from the bonds of hope.

Stephen King – Under The Dome

Dieser monumentale Roman hat mich tatsächlich nicht so lange beschäftigt, wie ich ursprünglich befürchtet hatte. Das Wetter lädt dann doch eher zu langen Leseabenden im Bett ein und so absolvierte ich die zweite Hälfte dieses Wälzers an einigen Abenden innerhalb einer Woche.

Eine mysteriöse unsichtbare Barriere schneidet von einem Moment auf den anderen die Stadt Chesters Mill von ihrer Umgebung ab. Schon das Erscheinen des Domes sorgt für eine unüberschaubare Anzahl von Todesfällen. In den folgenden Tagen (die Gesamtzeit der Geschehnisse beschränkt sich auf weniger als eine Woche) spitzt sich die Situation in der Kleinstadt in rasendem Tempo zu. Ein Stadtverantwortlicher (hierzulande wohl mit einem Vizebürgermeister vergleichbar) entpuppt sich als Kopf eines Drogenkartells, der vor nichts zurückschreckt, um einerseits seine Machenschaften nicht auffliegen zu lassen und andererseits seine Macht über die Stadt nicht nur zu erhalten sondern auf diktatorische Ausmaße zu vergrößern. Dazu bedient er sich des manipulierbaren Polizeichefs und vergrößert die exekutiven Kräfte um wenig qualifizierte Jugendliche, die mit Gewalt und Einschüchterung die Stadtbewohner im Zaum halten sollen. Seine Gegner sind weniger zahlreich, aber sie verbünden sich und holen zum Gegenschlag aus. Das alles während sich die Versorgungssituation mit Lebensmitteln, Strom und anderen Gütern in der abgeschnittenen Stadt zunehmend verschlechtert.

Die Geschichte zeigt exexmplarisch, wie sich in einer vom Rechtsstaat abgeschnittenen Gesellschaft in kürzester Zeit diktatorische Prinzipien, der Ruf nach einem starken Mann und Lynchjustiz ausbreiten können. Mit dem Verweis auf die Notsituation wird die Aufhebung aller in der Verfassung garantierten Rechte und sogar der Menschenrechte legitimiert. Die geschilderte Situation ist natürlich extrem und unrealistisch, aber ein Katastrophenzustand kann in der Realität bereits durch einen lokal begrenzten Terroranschlag ausgelöst werden. Diese Mechanismen sind real, sie konnten in den vergangenen Jahrzehnten in mehreren Ländern beobachtet werden.

Das zentrale Element, das diesen Roman so schwer zu verdauen macht, ist die Ausweglosigkeit. Die unter dem Dome Eingeschlossenen haben keine Möglichkeit, die Situation zu verlassen. Sie müssen irgendwie mit der Situation klar kommen, so schlimm sie auch noch werden sollte, es gibt für sie buchstäblich keinen Ausweg. Diese Ausweglosigkeit, auch Hilflosigkeit, hat mich im ersten Drittel nach einer furchtbaren Szene das Buch für mehrere Tage weglegen lassen.

Kürzlich habe ich diesen Lithub-Artikel gelesen, in dem sich ein Autor mit den unterschiedlichen Niveauvorstellungen von Genreliteratur und „ernsthafter“ Literatur befasst. Er beschreibt seinen Versuch, sich vom Unterhaltungselement der Genreliteratur zu befreien und endet mit einem Plädoyer für Bücher, die die Leserin gleichzeitig unterhalten, aber ihr auch etwas zum Mitnehmen anbieten. Für mich ist Under The Dome ein hervorragendes Beispiel für solche Literatur. Allein schon die Umsetzung der Geschichte als TV-Serie zeigt deutlich, dass es sich um Unterhaltung handelt. Gleichzeitig macht sie aber auch den Leser aufmerksam, sie lädt ein, gesellschaftliche Veränderungen zu hinterfragen und Entwicklungen in Richtung eines Polizeistaats zu erkennen und diesen zu widersprechen. Die Geschichte zeigt auch einige Fehler auf, die man als Einzelner dabei machen kann: sich selbst überschätzen, Entscheidungen und Handlungen übereilen, sich allein dem Negativen stellen wollen. Erst in dem Moment, in dem sich „die Guten“ zusammenschließen und gemeinsam „dem Bösen“ entgegentreten, zeichnet sich eine mögliche Wende ab. Auch ein deutliches Plädoyer gegen den privaten Waffenbesitz lässt sich herauslesen. Alles in allem also Unterhaltung auf hohem Niveau und gleichzeitig ein gesellschaftspolitisches Statement.

Bov Bjerg – Auerhaus

Als dieser Roman letztes Jahr erschienen ist, habe ich mehrere Rezensionen in Blogs darüber gelesen (zumindest bilde ich mir das ein). Da meine Notizen in diesem Fall wieder mal versagen, kann ich jetzt nur noch die Rezension der Kaltmamsell anführen. Erwähnenswert ist das deshalb, weil ich beim Lesen ständig das Gefühl hatte, das Buch schon zu kennen.

Frieder hat einen Selbstmordversuch begangen. Nach der Entlassung aus der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses darf er ins verwaiste Haus seines Großvaters einziehen, soll jedoch nicht allein wohnen. Sein Freund Höppner (Erzähler der Geschichte) zieht mit ein. Weitere Persönlichkeiten mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten gesellen sich dazu, eine Gemeinschaft entsteht, einige Monate geht alles gut. Zu den gelegentlichen Lebensmitteldiebstählen (fast alle Bewohner gehen noch zur Schule, der Haushalt muss irgendwie bestritten werden) kommen schließlich Straftaten hinzu, die nur als jugendlicher Unfug bezeichnet werden können. Höppner muss um sein Abitur bangen und kämpft mit der Entscheidung, wie er dem Wehrdienst entkommen kann.

Die Geschichte ist in kurzen Episoden erzählt, die meisten Kapitel sind nur wenige Seiten lang. Damit entsteht das Gefühl eines Tagebuchs, der Erzähler dokumentiert die Vorgänge im Auerhaus (eine Verballhornung von Our House) scheinbar unbeteiligt, aber doch immer mittendrin. Die Erlebnisse der Jugendlichen lesen sich flüssig, man sieht die Stimmung Stück für Stück kippen und bleibt bis zum schmerzhaften, aber guten Ende dabei.

Ganz besonders mochte ich den Schluss von Auerhaus: Es ist immer schwierig, eine lange Geschichte befriedigend zu beenden, Bov Bjerg hat das geschafft. Kaltmamsell

Peter Handke – Wunschloses Unglück

Selten wunschlos und irgendwie glücklich, meistens wunschlos und ein bißchen unglücklich.

Ein Geocaching-Literatur-Rätsel stieß mich auf Peter Handke. Ich bin mir ziemlich sicher, dass seinerzeit im Deutsch-Unterricht eine(r) meiner SchulkolegInnen ein Referat darüber gehalten hat, erinnern konnte ich mich jedoch nur mehr daran, dass Handke darin vom Leben seiner Mutter erzählt.

Fein säuberlich schickte sie ihm eine beglaubigte Testamentskopie per eingeschriebenem Brief, noch am selben Abend beging sie Selbstmord durch eine Überdosis Tabletten. Auf den ersten Seiten geht Peter Handke darauf ein, dass das Aufschreiben der Geschichte für ihn auch therapeutische Wirkung hat, im weiteren Verlauf schreibt er einmal auch über die Schwierigkeit, die richtigen Formulierungen zu finden, die aber die Geschichte keinesfalls verfälschen dürfen. Eine schwierige Aufgabe, wenn man über lange zurückliegende Geschehnisse schreibt, die man selbst gar nicht oder nur sehr peripher (als kleines Kind) erlebt bzw. wahrgenommen hat.

Aufwachsen in der Großfamilie auf dem Land, keine eigenen Bedürfnisse haben dürfen, keine Möglichkeiten. Dem neugierigen Mädchen wird vom Großvater der Wunsch etwas zu lernen, einfach nur irgendwas abgeschlagen, immer wieder vom Tisch gewischt. Bis sie mit 15 Jahren schließlich geht und sich im Tourismus vom Stubenmädchen aus hocharbeitet. Der Anschluss an Deutschland und bald darauf der Krieg kommt dazwischen, eine erste Liebe, eine schnelle Schwangerschaft, Heirat mit einem anderen, den sie jedoch nicht liebt (das Kind braucht einen Vater). Der Krieg trennt die Familie, erst 1948 kehrt die Mutter in ihr Heimatdorf zurück, weitere Kinder folgen. Ausscheren ist auf dem Dorf nicht gern gesehen:

Spontan zu leben – am Werktag Spazierengehen, sich ein zweites Mal verlieben, als Frau allein im Gasthaus einen Schnaps trinken–, das hieß schon, eine Art von Unwesen treiben; „spontan“ stimmte man höchstens in einen Gesang ein oder forderte einander zum Tanz auf.

Schließlich leidet sie unter immer stärkeren Kopfschmerzen, jeder tägliche Handgriff wird zur Qual. Sie stößt sich an Ecken und Kanten, erinnert sich an nichts mehr, verirrt sich beim Spazierengehen, verliert jedes Zeit- und Ortsgefühl. Aus heutiger Sicht würde man wohl eine akute Depression diagnostizieren, damals vermutete der Arzt einen eingeklemmten Nerv. Sie wird schließlich von einem Nervenarzt behandelt, eine Zeitlang geht es ihr besser. Doch wie es weiter vorn im Buch heißt, wusste sie wohl, dass ihre Zukunft bereits vorbei war.

Auf den letzten Seiten versammelt der Autor Erinnerungen, Anekdoten, Reflexionen, jetzt ist er nicht mehr der Erzähler, jetzt erinnert er sich an die Frau, die seine Mutter war. Ein schmerzhaftes, persönliches Buch.

Gerbrand Bakker – Der Umweg

Eine Frau in einem einsamen Bauernhaus in Wales. Sie richtet sich ein und entwickelt eine Beziehung zu den Tieren, die um ihr Haus herum leben, den Schafen, die scheinbar von Geisterhand die Weiden wechseln und den Gänsen, die leider beharrlich verschwinden. Einen Moment fühlte ich mich an Die Wand erinnert. Diese Geschichte ist auch einsam, aber auf eine ganz andere Art.

Die Frau bleibt nicht allein. Der Besitzer der Schafe macht ihr seine Aufwartung und bleibt unerwünscht. Ein Junge mit einem Rucksack taucht auf und bleibt – zuerst unerwünscht, Stück für Stück macht er sich jedoch unersetzbar. Seine Motive bleiben unklar. Doch in Wirklichkeit ist es die Frau, die ein Geheimnis und düstere Absichten hat.

Stück für Stück wird diese Geschichte enthüllt, ein spannend geschriebenes Puzzle menschlicher Emotionen. Ein Schicksalsschlag kann in einem Menschen Teile der Persönlichkeit wachrufen, die vorher unbekannt waren. Oder auch: ein Schicksalsschlag verändert nicht nur die Lebensperspektive sondern auch den Menschen selbst.

Jay Asher – Thirteen Reasons Why

In the end, everything matters.

Obwohl das Thema so traurig ist, bleibt am Ende ein Funken Hoffnung. Hannah Baker hat Selbstmord begangen. Vor ihrem Tod hat sie 13 Audiokassetten bespielt mit ihren Erfahrungen mit Menschen, den Situationen und Entwicklungen, die zu ihrer Entscheidung geführt haben, sich selbst das Leben zu nehmen.

Viele der Personen, die in Hannahs Geschichten vorkommen, haben ihr tatsächlich Unrecht getan, manche andere haben aber einfach weggeschaut. Selbstmordgedanken kommen nicht aus dem Nichts, ein langer Prozess läuft vor dieser Entscheidung ab, Anzeichen sind da und sollten nicht ignoriert werden. Das Buch ist ein großes Plädoyer, mehr auf unsere Mitmenschen zu achten. Nachzufragen. Hinzuschauen.

I guess that’s the point of it all. No one knows for certain how much impact they have on the lives of other people. Ofentimes, we have no clue.

Reading Challenge: A book that made you cry

Alison Bechdel – Fun Home

Hinter diesem Buch steckt eine lange vergangene Geschichte. Als 2008 die deutsche Ausgabe erschien, hatte eine Freundin von mir mit dem Coming Out ihres Vaters zu kämpfen. Ihre Familie schien auseinanderzubrechen und ich hatte das Buch damals bestellt, um es ihr zu schenken, dann aber nie den Mut oder die Gelegenheit dazu gefunden. Unsere Wege trennten sich, irgendwann mistete ich das Buch aus, ohne es jemals aufgeschlagen zu haben. Jetzt hat es mich eingeholt.

Vielleicht hat es mich damals nicht reingerissen, weil mir das Konzept der Graphic Novel nicht so erstrebenswert erscheint. Ist ja immerhin kein richtiges Buch … (so dachte ich jedenfalls). Stellt sich raus: es ist sogar ein ziemlich gutes Buch.

Die Autorin beschreibt ihre Kindheit, ihre Familie, die Beziehung zu ihren Eltern, ihre Entwicklung zum erwachsenen Menschen. Erst im letzten Drittel wird der überraschende Tod ihres Vaters Bruce und dessen versteckte aber nicht vollständig unterdrückte Homosexualität ein Thema.

Sexual shame is in itself a kind of death.

Wer wie ich an einen Comic Strip mit jeder Menge Boom und Bang denkt, wird (in meinem Fall angenehm) überrascht. Sprachlich ist das Werk deutlich interessanter, als ich es erwartet hatte. Nicht nur einmal musste ich eine unbekannte englische Vokabel nachschlagen. Besonders schön formuliert fand ich etwa diese Beschreibung der jungen Alison, wie sie versucht, sich zwanghaftes Verhalten abzugewöhnen.

My recovery was hardly a joyous embrace of life’s attendant chaos — I was as obsessive in giving up the behaviors as I had been in pursuing them.

Richtig waren meine Befürchtungen jedoch, dass es teilweise schwierig zu lesen ist, weil die Augen ständig auf der Seite herumspringen müssen, um den nächsten Anhaltspunkt zu suchen.

Das titelgebende Fun Home bezieht sich übrigens auf das Funeral Home (Bestattungsinstitut) der Familie, indem Bruce Bechdel bis zu seinem Tod arbeitet. Ein Wortspiel, das typisch für Alison Bechdels charmant-ironischen Stil ist.

Wärmste Empfehlung von meiner Seite. Eine witzige, herzerwärmende Geschichte über das Leben und das Überleben, über das Zu-sich-selbst-finden und das Gefunden-werden.

Reading Challenge: A graphic novel

Margarita Kinstner – Mittelstadtrauschen

Wie leicht haben es doch diejenigen, die nicht mehr auf der Suche nach der großen Liebe sind, die die Suche entweder aufgegeben haben oder sich mit dem begnügen, was sie einst gefunden haben.

Irgendwann voriges Jahr hatte ich diesen Roman in der Onleihe der Büchereien Wien angefangen. Dann ergab es sich, dass ich so komplett keine Zeit zum Lesen hatte, dass nach zwei Wochen die Frist abgelaufen war und ich nur 50 Seiten geschafft hatte. Da bereits so viele Reservierungen vorhanden waren, hatte ich es damals für mich ad acta gelegt. Praktischer Zufall, dass ich es jetzt in meiner lokalen Buchhandlung fand und sofort die richtigen Schlüsse zog.

Der Kauf hat sich in jedem Fall gelohnt. Mit einfühlsamem Witz beschreibt die Autorin ihre Figuren, die auf verschlungenen Wegen alle miteinander verknüpft sind. So etwa in der Mitte des Buches, als beinahe beiläufig eines der schicksalsträchtigsten Verwandtschaftsverhältnisse enthüllt wird, musste ich mir im Geiste kurz alle Namen vorsagen, um sicher zu sein, dass das jetzt wirklich so zusammenpasst.

Im Mittelpunkt stehen Joe, Marie und Gery. Zu Beginn des Buches ist Joe bereits tot, er hat sich wieder einmal von einer Brücke in den Donaukanal fallen lassen und ist diesmal nicht mehr aufgetaucht. Gery macht sich Vorwürfe, denn er war dabei, hat sich aber nichts gedacht, weil Joe ständig solche Späße veranstaltet. Marie war damals bereits Joes Exfreundin und steckt nun in einer neuen Beziehung, ihre Gedanken sind jedoch noch immer beim toten Joe.

Joe antwortete erst, als sie wieder ausstiegen. „Solange wir nach einem Sinn suchen, werden wir nie glücklich sein, verstehst du? Erst wenn dir alles egal ist, lebst du wirklich.“

Rund um dieses Dreigespann entwickelt die Autorin ein Geflecht anderer Figuren, die Impulse geben, aber auch eine eigene Geschichte haben, wie etwa die alte Hedi, der Gery das Essen auf Rädern liefert und sich mit ihr anfreundet. Ihre Lebensgeschichte ist es, die alle beschriebenen Personen zusammenführt.

Über das Ende kann ich wirklich nichts verraten, weil alles so schön zusammenpasst. Sicher kommt einem manche Wendung aus Hollywood-Filmen bekannt vor, aber nichtsdestotrotz ist es schön ausgedacht und beschrieben, sodass man wirklich nur auf hohem Niveau jammern könnte. Anstatt zu jammern empfehle ich das Buch als lockere Sommer- wie Winterlektüre.

Reading Challenge: A book you started but never finished

Lilian Faschinger – Stadt der Verlierer

Ich imitierte die Gesten der Gläubigen, so wie ich sie als Kind imitiert hatte, wenn ich mit den Adoptiveltern und Silvia am Sonntag den Gottesdienst besuchte. Vielleicht würde ich hier etwas fühlen.

Gekauft hatte ich mir dieses Buch ursprünglich, weil ich es als Teil des Literaturcaches AL024 – LF vermutete. Literatur und Geocaching, das hätte eigentlich die perfekte Kombination für mich sein müssen, dachte ich. Inzwischen habe ich die Literaturcaches aufgegeben, weil ich befürchte, dass die langwierige Recherche dazu führt, dass mir die Caches vor der Nase weg archiviert werden.

Diesen in Wien spielenden Roman kann ich dennoch empfehlen. Zu Beginn konnte ich nicht recht reinkommen, ich hatte das Buch sogar für Monate weg gelegt, weil mir die Hauptfigur Matthias Karner so unsympathisch war. Unsympathisch zu recht. Es stellt sich Stück für Stück heraus, dass dieser Matthias Karner nicht nur ein Taugenichts ist, er spielt mit allen Menschen in seiner Umgebung und nutzt sie aus, sobald er irgendeine Möglichkeit dafür sieht. Als Nebenfigur fungiert die Detektivin Emma. Matthias Mutter beauftragt sie, ihren Sohn, den sie als Baby zur Adoption freigeben musste, zu finden. Emma erfüllt ihren Auftrag und lebt ihre eigenen Probleme. Doch Matthias Konfrontation mit seiner leiblichen Mutter stürzt Matthias in eine Krise. Als er von seinem Zwillingsbruder erfährt, den seine Mutter behalten und aufgezogen hat, wirft ihn dies endgültig aus der Bahn. Er dringt in das Leben seines Bruders ein und wirft alle familiären Gefühle über Bord.

Immer wieder schön sind die Beschreibungen des Wiener Lebensgefühls, ein Kleinod, das man in modernen Roman selten so findet. Die Morbidität, die Verlorenheit der Figuren, die unausweichliche Katastrophe, gepaart mit vielen bekannten Wiener Locations wie etwa dem Heurigen Zawodsky – all das charakterisiert die Stadt und sorgt für ein grandioses Lesevergnügen – sobald man es über die ersten Kapitel geschafft hat.

Mitch Albom – Der Stundenzähler

Seit Anbeginn der Zeit sind Menschen auf eine Weise miteinander verknüpft, die sie nicht verstehen können – nicht einmal in Träumen.

Wenn man als Book Nerd in Salzburg herumkommt, muss man natürlich Österreichs älteste Bücherei besichtigen. Kaufen wollte ich eigentlich nichts, weil ich eh schon so unnötig viel Zeug mit mir herumschleppte. Wer braucht schon was zu lesen, wenn er sowieso die meiste Zeit grübelnd in die Luft starrt? Da muss man wirklich nicht auch noch ein extra Buch herumtragen. Außerdem ist es ja mit einem meist nicht getan … doch als ich schon gehen wollte, fiel mir ein neues Mitch Albom-Buch ins Auge. Und sogar schon als Taschenbuch … das müsste doch gegen das Grübeln ein bißchen helfen … dachte ich.

„Du hast die Minuten gemessen“, sagte der Alte. „Aber hast du sie weise genutzt? Um zu ruhen? Zu genießen? Dankbar zu sein? Andere heiter zu stimmen und selbst heiteren Gemüts zu sein?“

Man mag kritisieren, dass das Thema nicht besonders originell ist, der Aufbau der Geschichte macht es aber doch spannend. Wir begleiten das Schicksal von Dor, der über die Zeit gebieten will, weil seine Frau im Sterben liegt, und deshalb dazu verurteilt wird, in einer Höhle auszuharren, ohne zu altern. Nach mehreren 1.000 Jahren darf er schließlich zurück auf die Erde. Er muss zwei Menschen finden und deren Leben verändern.

„Verstehst du jetzt?“, fragte er. „Wenn man endlos viel Zeit hat, gibt es keine Intensität mehr. Ohne Verlust, ohne Opfer, wird alles, was wir haben, wertlos.“

Die Botschaft ist simpel und doch staunt man, wenn sie dann letztendlich schwarz auf weiß auf den Seiten steht: Jeder Tag, jeder Augenblick ist kostbar. Ich hadere noch mit dieser simplen Weisheit. Gerade, wenn man versucht, Geduld zu haben und man doch alle Zeit der Welt haben will, hilft es nicht besonders, wenn einem aus dem Buch entgegen schlägt, dass man jeden Augenblick leben muss, als wäre es der Letzte. Da habe ich mich monatelang damit beschäftigt, alles entspannter anzugehen und jetzt das. Obwohl es so wahrscheinlich nicht gemeint ist. Hetzen bringt ja für den Augenblick auch nichts. Aber wie kann man warten, wenn man weiß, was man will und wenn es morgen nicht mehr da sein könnte? Oder wenn es so schön ist, dass man es morgen wieder haben will?

„Es gibt einen Grund, warum Gott uns nur eine begrenzte Anzahl von Tagen zugesteht.“ – „Und warum ist das so?“ – „Damit jeder einzelne Tag kostbar ist.“

Es ist ein ewiges Dilemma. Man soll glücklich sein, mit dem, was man hat, man soll nach Höherem streben, man braucht progress, um glücklich zu sein, Entwicklung macht glücklich, etwas zu schaffen, macht glücklich. Die kleinen Dinge soll man genießen, sich an einem Sonnenuntergang erfreuen oder an einem erfrischenden Getränk oder einem guten Essen. An einer Umarmung, am Lächeln eines geliebten Menschen. Man soll aber dem Glück auch nicht hektisch nachrennen, hörte ich kürzlich den Autor/Regisseur David Schalko im Radio sagen (sinngemäß, die genauen Worte hab ich mir nicht gemerkt):

Es ist absurd, ständig nach Glück zu streben. Wenn man manisch dem Glück nachrennt, das ist ja genau das, was einen dann unglücklich macht.

Wer das alles auf die Reihe kriegt, muss ein wahrhaft glücklicher Mensch sein …