Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim – Fernliebe

Die Beiträge zur Gesellschaftstheorie, die heute international die größte Aufmerksamkeit finden, folgen einem anderen Muster. Ihr Ziel ist es, angesichts eines Chaos sozialer Ereignisse und Phänomene, die uns überrollen, einen konzeptionellen Orientierungsrahmen zu schaffen mit den Mitteln einer generalisierten Diagnose der sich rapide verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse.

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit Ulrich Becks Risikogesellschaft ist mir dann auch dieses Buch in die Hände gesprungen, das zum Glück deutlich einfacher zu lesen war. Die Autoren entwerfen hier das soziologische Konzept der Weltfamilien und erläutern in unzähligen Variationen, wie solche Weltfamilien entstehen, was sie von traditionellen Familien unterscheidet und mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben. Dabei werden auch viele gesellschaftliche Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte gestreift, deren Zusammenhänge für den Nicht-Soziologen oft nicht auf der Hand liegen.

…, den verschiedenen Varianten von Weltfamilien ist eines gemeinsam, eine Irritation: Sie passen nicht zusammen mit unseren bisherigen Vorstellungen von dem, was den Charakter der Familie ausmacht, was zur „Natur der Familie“ gehört, immer und überall. Sie stellen einige unserer vertrauten, als selbstverständlich vorausgesetzten Grundannahmen von Familie in Frage.

Die Themen sind fast ausschließlich solche, die sehr polarisierende Gefühle hervorrufen. Zum Beispiel Heiratsmigration gibt es etwa sehr reißerische Medienberichte, die das schlimme Schicksal von Frauen ausschlachten, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben als Katalogbräute in ein westliches Land verschachert werden. Selten wird jedoch hinterfragt, welches Leben diese Frauen führen würden, wären sie in ihrem Herkunftsland geblieben.

Eine andere Art der Weltfamilie bilden Familien, in denen ein oder sogar beide Elternteile im (reicheren) Ausland arbeiten, um die zurück gelassenen Kinder zu ernähren. Ihren eigenen Kindern entfremdete Mütter kümmern sich als Kindermädchen um die Kinder reicher Eltern, damit diese ihrem Beruf nachgehen können. Diese reichen Familien können sich dabei noch der Illusion hingeben, einen Beitrag zur Entwicklungshilfe zu leisten.

„Appetit wird geweckt von der Möglichkeit“, hat der Technikphilosoph Hans Jonas schon vor Jahrzehnten gesagt. Dies belegt die gegenwärtige Expansion des Kinderwunsches. Mit der Pluralisierung der Lebensformen erweitert sich die Klientel der Reproduktionsmedizin.

Die Möglichkeiten und Folgen der Reproduktionsmedizin hat Ulrich Beck schon in Risikogesellschaft besprochen. Hier werden noch detaillierter die Entwicklungen im Bereich Familie beleuchtet. Die Tatsache, dass Menschen heutzutage auch noch in höherem Alter Kinder bekommen können, verändert die Gesellschaft auf vielfältige Weise. Die Entscheidung für eine Familie wird oft verschoben bis zu dem Zeitpunkt, an dem es auf natürlichem Wege nicht mehr klappt.

Anders betrachtet entspringen aus den Möglichkeiten der Samenspender und Leihmütter Kinder, die sich später nach den Grundlagen ihrer Identität fragen. Die genetischen Anlagen können nicht außer Acht gelassen werden. Auch wenn ein Kind zwei vollwertige „soziale“ Elternteile hat, wird irgendwann die Frage nach den biologischen Eltern ein Thema. Die Reproduktionsmedizin wird kritisch beleuchtet: Unterschiedliche gesetzliche Regelungen erlauben ein beinahe unkontrolliertes Ausnutzen der medizinischen Möglichkeiten. Die in westlichen Gesellschaften verbotene Leihmutterschaft etwa ist in Indien erlaubt und hat sich zu einem regelrechten Wirtschaftszweig entwickelt. Die psychologischen Folgen für die Leihmütter, die die Kinder, die sie 9 Monate in ihrem Körper wachsen lassen, oft nicht mal zu Gesicht bekommen, werden von der anderen Seite, den Wunsch-Eltern scheinbar nicht bedacht.

Was im Verständnis der Mehrheitsgesellschaft „Integration“ heißt, bedeutet im Verständnis der Minderheit: Wieviel Vergessen der eigenen Sprache und Herkunft ist notwendig, um dazuzugehören? Wie wird es möglich, sich dem zu widersetzen?

Ein wichtiger Teil der Kategorie Weltfamilien sind Ehegemeinschaften zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer und/oder nationaler Herkunft. Sie sind mit spezifischen Problemen konfrontiert. Neben den tatsächlich bestehenden Konflikten, die sich aus der unterschiedlichen Herkunft und damit der Sozialisation in unterschiedlichen Kulturen ergeben, haben sie auch mit Anfeindungen der Gesellschaft zu rechnen. Der Verdacht der Scheinehe schwebt oft nicht nur angedeutet über ihnen, viele Hürden sind zu überwinden, bevor eine solche Ehe überhaupt geschlossen werden kann. Und eine Ehe ist oft nötig, damit die Partner zusammenleben können. Dies kehrt den Prozess, der sich in westlichen Gesellschaften etabliert hat – kennenlernen, zusammenleben, ausprobieren, wie und ob das gemeinsame Leben funktioniert, dann erst Ehe, Haus, Kinder – um, und macht eine Ehe notwendig, damit das gemeinsame Leben und Ausprobieren überhaupt erst stattfinden kann.

Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen in einem größeren Kontext hat mir bis jetzt einige interessante Erkenntnisse gebracht. Dabei stelle ich mir auch die Frage, ob sich so mancher Konflikt vermeiden ließe, wenn mehr Menschen einen Blick über den Tellerrand ihres eigenen Lebens wagen und sich intensiver mit den Schicksalen anderer Menschen auseinander setzen würden. Die modernen Medien liefern uns dazu alle Möglichkeiten, es gibt keine Ausrede mehr dafür, sich zu verstecken und den Kopf in den Sand zu stecken.

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Dieser Roman erzählt die Geschichte einer deutsch-iranischen Familie auf vier unterschiedlichen Zeitebenen und aus vier verschiedenen Perspektiven. 1979 in Teheran lernt der Leser zuerst Behsad kennen, einen jungen Mann, der an die Möglichkeit glaubt, sein Land verändern zu können und dafür auch große Risiken eingeht. Schließlich muss er politische Verfolgung, Gefängnis und Folter fürchten und entschließt sich schweren Herzens, mit Frau und Kindern nach Deutschland zu fliehen. Eltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen bleiben zurück.

Diese Entwicklung erfährt der Leser aber erst aus dem Blickwinkel von Behsads Frau Nahid, die die Situation in Deutschland, 1989 vor der Wende beschreibt. Nahid versucht, sich anzupassen, sich in Deutschland zu integrieren, sie erzählt von den Beziehungen zu deutschen Bekannten, ihren Versuchen, an der deutschen Universität ein neues Studium zu beginnen, ihren Schwierigkeiten mit der unbekannten Sprache.

Auf der Rückfahrt im Bus, als die Kinder erschöpft eingeschlafen waren, flüsterte Behsad, um sie nicht zu wecken, Nahid, sie haben es nicht verstanden, sie denken, der Schah wäre besser gewesen, sie haben nicht verstanden, dass vergossenes Blut nie besseres oder schlechteres, gerechteres oder ungerechteres Blut ist, Nahid, sie haben es einfach nicht verstanden.

Die Kinder wachsen als Deutsche auf, die älteste Tochter Laleh war bei der Flucht im Kindergartenalter und erinnert sich noch an ihre iranischen Wurzeln. Sie erzählt aus dem Jahr 1999 über ihre eigenen Schwierigkeiten, herauszufinden, wer sie eigentlich ist. Generell kämpfen Jugendliche mit dieser Frage, für Laleh wird dies noch erschwert durch einen mehrwöchigen Urlaub in der Heimat ihrer Eltern. Iran ist inzwischen eine islamische Republik, Laleh, deren Eltern nicht religiös sind, die in Deutschland nie ein Kopftuch tragen musste, wird plötzlich in Mantel und Kopftuch gesteckt und leidet darunter, mit ihren falschen Bewegungen unter den anderen Frauen und Jugendlichen aufzufallen. Und die Verwandten stellen ihr immer wieder dieselbe Frage: Ist es in Deutschland besser als hier? Wo gefällt es dir besser? Für Laleh gibt es nur eine Antwort, die sie jedoch aus Höflichkeit nicht aussprechen kann.

Laleh beschreibt auch ein Erlebnis, das mich an eine Podcast-Episode erinnert hatte, die ich kürzlich gehört habe: CRE212 Saudi Arabien. Die Islamwissenschaftlerin Miriam Seyffarth hat einige Zeit unter anderem in Saudi Arabien gelebt und erzählt im Gespräch auch, dass dort einheimische Männer Ausländerinnen weniger Respekt entgegen bringen als den „zugehörigen“ Frauen. Man muss lernen, sich abzugrenzen, dabei ist die Kleidung ein Schutzschild, lange Ärmel und Kopftuch sind wichtig, aber man muss sich auch als Frau behaupten und respektloses Verhalten sofort entsprechend kontern.

Weitere 10 Jahre später erfährt der Leser, wie Lalehs jüngerer Bruder Morad in Deutschland lebt. Er studiert (mehr oder weniger), ist politisch interessiert bzw. hat das Gefühl, es sein zu müssen und spürt wenig Verbindung zu seinen Verwandten im umkämpften Iran. Täglich neue Protestvideos auf YouTube, Nachrichten aus dem Internet, Kontakt zur Verwandtschaft über Facebook, wenn Telefonieren gerade nicht funktioniert. Morad fragt sich, was er mit seiner Herkunft noch anfangen soll, er kennt die fernen Verwandten kaum und sucht trotzdem nach seinen Wurzeln.

Die Autorin hat ein beeindruckendes Zeitdokument geschaffen, das auch illustriert, wie gelebte Integration über mehrere Generationen hinweg Menschen und Familien verändern kann. Jahrzehnte der politischen Instabilität reißen Familien auseinander. Der undatierte Epilog ist ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft.

Dirk Stermann – Sechs Österreicher unter den ersten Fünf

Sonnenuntergang in Simonsfeld

“Danke, aber des kummt zu spät. Bei mir hülft ka Besserungsanstalt. Da is Hopfen und Malz verlorn. Gemma, Bambi.”
Der Hund bellte, und Wanda zog mit Bambi und den beiden von ihr gezähmten Polizisten ab.

Der treffende Untertitel „Roman einer Entpiefkenisierung“ trifft eigentlich den Namen auf den Kopf. Der aus dem Ruhrgebiet zugereiste Dirk Stermann kam zweifellos in Wien in die allermöglichsten und unmöglichsten Situationen, diese bringt er nun überspitzt in einem Roman zum Ausdruck. Seine absurd-komischen Figuren lassen stets die Frage offen, wieviel davon ist fiktiv, wieviel davon vielleicht tatsächlich passiert? Ein nationalistischer Exildeutscher, Spiegeltrinker in diversen Wiener Absturzlokalen, ein toter irischer Wolfshund (oder so ähnlich) und als Krönung die Neuauflage des Cordoba-Klassikers. Die Episoden sind mit viel Wiener Lokalkolorit gewürzt und treiben dem Leser so manche Lachträne ins Auge. Damit dürfte sich das Werk sowohl für Exilpiefke als auch für Österreicher eignen, wenngleich Zweitere vermutlich mehr zu Lachen, Erstere vermutlich mehr Erkenntnisgewinn zu verbuchen haben werden. Amüsant.