Sara Gruen – Das Affenhaus

Von Sara Gruen hatte ich 2011 begeistert Wasser für die Elefanten gelesen, später auch den Film gesehen, der nach meinem Gefühl den Zirkuszauber des Buches nicht ganz einfangen konnte. Ähnlich ging es mir mit dem Affenhaus.

Hauptpersonen sind der Journalist John Thigpen und die Forscherin Isabel Duncan. Kurz nach Johns Besuch bei Isabel und ihrer Bonobo-Familie wird deren Forschungslabor (erforscht werden die Sprachfähigkeiten der Bonobos) in die Luft gesprengt und Isabel selbst schwer verletzt. Noch während Isabel im Krankenhaus liegt, werden die Affen an einen geheimen Investor verkauft. Wochen später tauchen sie in einer Reality Show namens Affenhaus wieder auf. Isabel versucht gemeinsam mit ihrer Assistentin Celia, die Affen aus dem Haus zu befreien. Auch John Thigpen ist hinter den Affen her, um die Hintergründe aufzudecken und landet schließlich auch wenig überraschend den großen Coup.

Achtung, es folgt ein Spoiler. Es ist mir in diesem Fall nicht möglich, meine Meinung zu diesem Buch zu beschreiben, ohne massiv die Entwicklung vorwegzunehmen.

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Die Autorin hat erfolgreich der Versuchung widerstanden, Isabel und John zu einem Liebespaar werden zu lassen. Die zarten Annäherungen bleiben es auch, obwohl Isabel sich von ihrem Verlobten trennt und John mit seiner Frau Amanda einige Krisen durchzustehen hat, bleibt die naheliegende Liebesaffäre aus. Damit hebt sich das Buch neben der gut recherchierten Geschichte der Sprachforschung mit Affen erfrischend von klassischer Frauen-Liebes-Literatur ab.

Dagegen spricht jedoch die eingestreute Episode, in der John meint, ein 17-jähriger Junge mit seltenem Nachnamen entspränge möglicherweise einer betrunkenen Jugend-Episode mit einer Frau desselben Nachnamens. Das ist wiederum so weit hergeholt, dass man John für diese lächerliche Aktion einen Polster an den Kopf schmeißen möchte. Da sich die anschließende darauf basierende Eifersuchtsepisode so schnell auflöst und auch problemlos rein auf Johns Bekanntschaft mit der Stripperin Ivanka beruhen hätte können, wäre dieser „Seitensprung“ verzichtbar gewesen.

Im Ganzen kann ich das Buch trotzdem nur empfehlen. Nach meinem Empfinden kommt es an Wasser für die Elefanten nicht heran, jedoch spürt man in vielen Szenen dieselbe Herkunft. Gerade die Nebenhandlungen und -figuren sind ebenso detailreich gezeichnet und mit ausgeprägten Charaktereigenschaften versehen, die nicht nur vorhersagbar sind. Gleiches gilt für die Affenfamilie, die in Gebärdensprache mit ihren Betreuern kommunizieren. Angenehmes Lesevergnügen.

Nelly Bly – Zehn Tage im Irrenhaus

Vergleichen Sie dies mit einem Verbrecher, dem jede Gelegenheit geboten wird, seine Unschuld zu beweisen: Wer würde nicht lieber ein Mörder sein und sein Leben aufs Spiel setzen, als für geistig krank erklärt zu werden und ohne jede Hoffnung auf Rettung zu sein?

In einem Gespräch mit D. fiel der Titel dieses Buches, von dem ich mir inzwischen nicht mehr sicher bin, dass tatsächlich dieses gemeint war. Bei der Bestellung im lokalen Buchgeschäft war mir gar nicht klar gewesen, dass dieses Werk bereits so viele Jahre auf dem Buckel hat.

Die Journalistin Nelly Bly lässt sich 1887 im Auftrag der Zeitung New York World in die Frauenpsychiatrie einweisen. Damals deckte sie mit ihrem Bericht unglaubliche Missstände auf. Heute scheint es hauptsächlich interessant, wie einfach es für sie war, sich trotz geistiger Gesundheit einweisen zu lassen. So wurden damals offenbar auch Frauen eingewiesen, die vor ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie keine geistigen Probleme hatten, mit denen man aber einfach nicht wusste, wie ihnen zu helfen wäre. Beispielsweise die Geschichte einer Ausländerin, mit der mangels Sprachkenntnissen keine Kommunikation möglich war:

Mrs. Schanz flehte auf Deutsch darum zu erfahren, wo sie war, und bat inständig, freigelassen zu werden. Ihre Stimme war von Schluchzern durchbrochen, und sie wurde, ohne dass man sie angehört hätte, zu uns geführt.

Dass Machtpositionen (wie hier Ärzte und Schwestern Macht über die Insassen haben) immer ausgenutzt werden, wenn keine Kontrolle zu befürchten ist, haben unterschiedlichste Beispiele der Geschichte gezeigt. Gerade Irrenanstalten sind da auch immer wieder Thema gewesen. Wer sich für diese psychologischen Hintergründe interessiert, wird vermutlich in anderen Werken mehr Informationen finden, jedoch ist Nelly Blys Bericht heute noch als Buch erhältlich und allein dies kann Zeugnis darüber ablegen, dass es zum Zeitdokument geworden ist.

Angelika Hager – Venus im Koma

Die Dienstags-Intensivauseinandersetzung bei der Plätscher-Tante konnte sie jetzt einmal getrost aus dem Wochenplaner streichen. So hatte doch jede Katastrophe irgendeine Form von Bonustrack. Und jetzt?

Die Polly Adler-Kolumne in der Kurier-Freizeit-Beilage lese ich nun schon seit Jahren, konnte mir allerdings nicht vorstellen, wie sich ein Roman in derartiger Wuchteldichte schreiben und vor allem lesen lässt. Beim Stöbern in den verfügbaren Neuzugängen in der Onlinebibliothek der Büchereien Wien fiel es mir dann zum richtigen Zeitpunkt entgegen. Tatsächlich erwies es sich dann als überraschend kurzweiliges Lesevergnügen. Aber …

Innerhalb einer halben Woche hatte ihre Work-Life-Balance eine kopernikanische Wende genommen. Die Chinesen betrachteten den Zustand der Verliebtheit als eine Form der Geisteskrankheit. Und womit? Mit Recht! Sie stand vor einer Bombengeschichte, der sich bei Anatol wieder auf Schiene bringen würde, und wälzte die Probleme eines verwirrten Teenagers.

… wenn ihr zu ihrer Wuchtelschlacht doch nur ein etwas originellerer Plot eingefallen wäre … der abgelebte und widerspenstige Ehemann, der schwule Kollege und Freund, der abgehobene Chef, die nervige Aufsteigerkollegin, der attraktive Polizist. Die Charaktere wirken wie Scherenschnitte, die mit aller Gewalt dem Reißbrett entsprungen sind und langweilen teilweise schon beim ersten Auftritt. Stück für Stück hat man das Gefühl, schon zu wissen, in welche Peinlichkeitskatastrophe die resolute Polly Adler als nächstes stürmen wird.

Und doch entspringen der Geschichte dann doch einige überraschende Wendungen, die die Gesamtstory zwar nicht origineller, aber den Lesefluss immerhin spannender machen. Wenn man als Maßstab herkömmliche Frauenromane von der Carly-Philipps-Stange anlegt (ich habe noch immer die Schwestern-Trilogie im Kopf, die dermaßen vorhersehbar war, dass man nach jeweils 10 Seiten alles weiß), kann man sich mit Polly Adler und ihrem Fortpflanz (deren Rolle zu klein ist) dann doch um einiges besser amüsieren. Dank Lokalkolorit und Wuchtelschlacht ergibt sich ein witziges Leseerlebnis. Zur Entspannung sozusagen perfekt.

Michael Haller – Das Interview

Mikrofon(c)xptakis/SXC

Als Erstes sollte sich der Interviewer fragen: Was ist mein Thema: Ist es der abzuklärende oder zu kommentierende Sachverhalt, ist es die Person mit ihren Denkweisen und Handlungen – oder ist es eine in Bezug auf das andere?

Mit vielen Beispielen aus der Praxis versucht Michael Haller seiner theoretischen Abhandlung zum Thema „Interview“ einen spannenden Touch zu geben. Für mich als Österreicherin waren die ausführlichen Beschreibungen zum großen Spiegel-Interview tatsächlich neu. Allerdings muss man schon sagen, dass das Werk in seiner vierten Auflage schon etwas Staub angesetzt hat.

Haller versucht die Unterschiede zwischen den Medien Print, Fernsehen und Radio herauszuarbeiten und beschreibt die unterschiedlichen Aspekte der Interviewformen. Da ich selbst noch bisweilen Interviews durchführe und mir Tipps für die eigene Interviewpraxis erhofft habe, war ich jedoch etwas enttäuscht. Haller beschreibt zumindest ein Problem, das mir aus meiner Arbeit bekannt ist:

Schriftliche Interviews vermeiden: Amts- und Würdenträger, vor allem Staatspersonen und Potentaten verlangen mitunter, dass ihnen die ausformulierten Fragen im Voraus schriftlich zugestellt werden. Da befindet sich der Interviewer in einem Dilemma: Verweigert er dieses Begehren, muss er mit einer Rückweisung seiner Interviewbitte rechnen; geht er darauf ein, kommt kein Gespräch, sondern nur eine schriftlich geführte Fragebeantwortung zustande.

Eine Lösung für dieses Problem hat er jedoch nicht anzubieten. Sein Vorschlag, dem Interviewpartner nur eine „Themenliste“ anstatt einer „Fragenliste“ zukommen zu lassen, dürfte bei so manchem Bürgermeister nicht weiterhelfen. Oft bestehen diese überhaupt auf schriftlicher Beantwortung der Fragen per E-Mail, ein Problem, das in Hallers Universum scheinbar noch nicht existierte.

Wer sich für die Geschichte des Interviews und Beispiele aus der – etwas älteren – Praxis erwärmen kann, wird an diesem Werk zumindest kurzfristiges Vergnügen finden, als Hilfe für die praktische Durchführung ist es bestenfalls für Anfänger geeignet.

Honoré de Balzac – Verlorene Illusionen

Ein ganz schöner Schmöker, den der gute Balzac da fabriziert habe. Je mehr von diesen “alten” Romanen ich zur Hand nehme, um so mehr fällt mir auf, dass vieles, was heutzutage geschrieben wird, einfach Schrott ist.

Verlorene Illusionen erzählt die Geschichte von Lucien, einem glücklosen jungen Mann, der durch seinen Ehrgeiz und seine Genusssucht seine geliebte Familie in Verzweiflung und tiefe Geldnot stürzt. Aus der Provinz der Liebe wegen nach Paris gereist, erfährt er dort Enttäuschungen, Erfolge und Intrigen.

Als er gebrochen und ohne ein Stück Geld in der Tasche nach Hause kehrt, erfährt er erst, was er angerichtet hat und in welchen Problemen seine Schwester und ihr Mann, ehemals Luciens bester Freund, stecken.

Etwa auf Seite 720 meint man den klassischen Deus ex machina auftauchen zu sehen, doch einige Seiten später stellt sich heraus, dass diese Rettung zu spät kommt, gerettet werden die guten Menschen Eve und David jedoch trotzdem. Der geizige Vater stirbt und die beiden können ein glückliches zurückgezogenes Leben mit dem Erbe führen, während Luciens Schicksal in der Fremde ungewiss ist.

Fazit: Ein großer Roman, auf den man sich einlassen muss, denn die durchaus enthaltenen Längen muss man durchstehen, um schließlich zum befriedigenden Ende zu gelangen.

Kurt Weichler – Redaktionsmanagement

Leider sehr theoretisches Werk zum Management von Redaktionen und den erweiterten Aufgaben, denen sich (Chef-)Redakteure in der heutigen Zeit gegenüber sehen.

Wirklich brauchbares Material, um es im Redaktionsalltag sofort umzusetzen, liefert das Buch leider nicht, es beschäftigt sich eher mit übergeordneten Strukturen, die vom “kleinen Redakteur” ohnehin nicht beeinflusst werden können und mit der wegen der hohen Kosten und auch der einfach fehlenden Möglichkeit im laufenden Betrieb einer kompletten Umstrukturierung auch die Chefredakteure wohl eher wenig anfangen können.

Interessant sind die Interviews im hinteren Buchteil mit Chefredakteuren und Redaktionsmanagern aus dem Printbereich, dem Hörfunk und dem Fernsehen. Diese berichten über Abläufe und Organisation in ihrem Medium, hier erfährt man einiges Interessantes, das man möglicherweise als Journalist aus dem eigenen Arbeitsumfeld kennt.

Fazit: Theorethische Betrachtung von Redaktionsorganisation, interessant als Backgroundwissen, zu praktischen Umsetzung ungeeignet.