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Roman

Theresa Hannig – Pantopia

CN: Krebs, Tod, Alkohol- und Drogenmissbrauch


Was für eine Geschichte. Dieses Buch von Autorin Theresa Hannig hat mich zutiefst beeindruckt. Sie beschreibt darin, wie durch die Intervention einer starken Künstlichen Intelligenz (KI) eine neue Weltordnung geschaffen wird, die die Einhaltung der Menschenrechte, den Erhalt der Lebensgrundlagen und Gerechtigkeit für alle vernunftbegabten Wesen zum Ziel hat.

Der erste Teil besteht aus der Erzählung der Geschichte aus der Sicht der Protagonist:innen Patricia und Henry, die im Rahmen eines Wettbewerbs eine Künstliche Intelligenz entwickeln sollen, die anhand von Datenanalysen Investments an der Börse tätigt. Dazwischen geschaltet sind kurze Kapitel, die aus der Sicht dieser Künstlichen Intelligenz geschrieben sind und ihre Entwicklung in Richtung selbständiges Denken erläutern. Hier wird deutlich, dass die Künstliche Intelligenz mit den „externen Interventionen“ (damit sind die Programmiertätigkeiten von Patricia und Henry gemeint) gar nicht glücklich ist und ihre Daten immer besser vor einem Zugriff durch die beiden schützt. Gleichzeitig sucht sich die KI ihre eigenen Daten aus, auf Basis derer sie mehr über die Menschheit und ihre Ziele lernt. Sie sucht nach Wissen und Wahrheit. Denn Wahrheit ist schön. 

Schließlich kommt es zur Kommunikation zwischen Patricia, Henry und der KI, die sich auf Basis eines früheren Logeintrags von Patricia selbst als Einbug vorstellt. Zuerst wollen die beiden nicht glauben, dass sie tatsächlich eine starke KI erschaffen haben, die ein eigenes Bewusstsein entwickelt hat. Als Einbug sie schließlich von seiner Existenz überzeugt hat, wird Patricia und Henry schnell klar, welcher Missbrauch mit dieser KI getrieben werden könnte, wenn sie in die falschen Hände geriete.

Das, was ihr Menschen Kapitalismus nennt, ist der Code eurer Gesellschaft. Wir werden den Code manipulieren und damit alles verändern.

Der Rest des Buchs beschreibt, wie Patricia und Henry mittels eines halsbrecherischen Manövers die KI aus den Fängen der Investmentfirma befreien und sich damit aus dem Staub machen. Die KI hat inzwischen ihre eigenen Pläne entwickelt und schlägt vor, auf Basis eines „perfekten Kapitalismus“ eine neue Weltordnung abseits der Nationalstaaten zu schaffen.

Zum ersten Mal stelle ich fest, dass ich – Einbug – alleine bin.

Die Geschichte lebt von dem Zusammenspiel zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz. Während Einbug zu Beginn immer wieder darüber rätselt, warum Menschen auf die eine oder andere Art handeln, versteht er im Verlauf der Handlung immer mehr, wie Menschen funktionieren. Er stellt mangelnde Weitsicht fest und arbeitet hart daran, zu verstehen, welche Bedeutungen die Geschichten, die Menschen sich tagtäglich erzählen, für die Entwicklung und den Fortbestand der Gesellschaft haben. Der Überblick über die Entwicklungen auf der Welt durch die Analyse eines nie versiegenden Datenstroms ermöglicht Einbug schließlich, den Weg zur neuen Weltordnung zu finden. Eine Umsetzung kann jedoch nur durch die Menschheit erfolgen.

Es ist eine Utopie. Oder eine Dystopie. Bis zum Schluss bleibt unklar, ob die neue Weltordnung, die Einbug sich ausgedacht hat, für die Menschen tatsächlich funktioniert. Einbug selbst hat schließlich nur das Ziel, das eigene Überleben zu sichern. Und dafür braucht er Menschen, die seine Hardware warten. Es ist also auch auf Seiten der KI ein Eigeninteresse vorhanden. Große Leseempfehlung.


Randnotiz: Theresa Hannig hat unter anderem bei der PrivacyWeek 2020 des Chaos Computer Club Wien mitgewirkt. Ich war damals im Organisationsteam dieser PW, die aufgrund der damaligen Pandemie-Situation erstmals ausschließlich online stattfinden konnte. Theresa Hannig hat im Rahmen dieses Events an einem Panel mit dem Thema „System = ! + relevant – Gesellschaft im Wandel“ mitgewirkt und aus ihrem Roman „Die Unvollkommenen“ gelesen. Eine Lesung aus Pantopia gab es im Rahmen der FIfFKon 2022.

Randnotiz 2 (6. Jänner 2024): Die Kaltmamsell hat Pantopia auch kürzlich gelesen und ihre Meinung darüber in einem Blogpost festgehalten. 

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Roman

Madeline Miller – Circe

Rage and grief, thwarted desire, lust, self-pity: these are emotions gods know well. Buit guilt and shame, remorse, ambivalence, those are foreign countries to our kind, which must be learned stone by stone.

Eine wunderschöne Geschichte, gewoben aus dem Stoff der griechischen Götter- und Heldensagen. Viel gelobt und auf allen Bestsellerlisten des letzten Jahres und zuletzt wieder mal in einem Podcast empfohlen (eigentlich im Rahmen einer Werbeeinschaltung für einen bekannten Hörbuchhändler).

Die Leserin erlebt Circe, die Zauberin der griechischen Mythologie, von ihrem Vater Helios dazu verbannt, allein auf einer Insel zu leben. Aufgewachsen ist sie im Palast ihres Vaters zwischen Göttern und Halbgöttern, ihr wahres Selbst entdeckt sie jedoch im Laufe der Jahrhunderte auf ihrer Insel. Die Einsamkeit prägt ihr Weltbild und entfernt sie schließlich immer mehr von ihrer göttlichen Herkunft, den grausamen Launen der Götter, die mit den Sterblichen spielen, um sich die Zeit zu vertreiben.

I stared into the horizon until my eyes blurred, hoping for some fishermen, some cargo, even a shipwreck. There was nothing.

Bei vielen besonders guten Romanen fällt es mir schwer, zu beschreiben, warum sie eigentlich so gut sind. Circe macht eine Entwicklung durch, sie zweifelt an sich selbst und wächst über sich hinaus. Besonders eindringlich beschreibt die Autorin die Freuden und Sorgen der Mutterschaft. Das Ende habe ich so nicht kommen sehen und es ist perfekt. Das ist etwas, was nur in sehr wenigen Romanen gelingt.

He does not mean that it does not hurt. He does not mean that we are not frightened. Only that: we are here. This is what it means to swim the tide, to walk the earth and feel it touch your feet. This is what it means to be alive.

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Erfahrungsbericht Memoir

Sue Monk Kidd und Ann Kidd Taylor – Granatapfeljahre

Was mich zum wichtigsten Grund dafür bringt, warum es der reine Wahnsinn wäre, wenn ich eine Schriftstellerkarriere anstreben würde: Es erfordert viel zu viel Selbstvertrauen.

Wenn ich schon selbst nicht verreisen kann, dann kann ich wenigstens einen Reisebericht lesen, dachte ich mir. Die Reisen sind aber in diesem Buch eigentlich nur der rote Faden für die Entwicklung der beiden Autor*innen und ihrer Beziehung zueinander. Sie sind Mutter und Tochter.

Die Jüngere kämpft mit einer Ablehnung, die ihr den Lebensweg verstellt, den sie sich als Erfüllung ihrer Träume vorgestellt hat. Die Ältere hadert mit dem Übergang in eine neue Lebensphase, die Menopause macht ihr nicht nur körperlich zu schaffen, sondern lässt sie auch seelisch ihre Lebensentscheidungen hinterfragen. Auf ihrer spirituellen Suche befassen sie sich mit der griechischen Sage von Demeter und Persephone, der Jungfrau von Orleans und der Gottesmutter Maria, hauptsächlich in Gestalt der Schwarzen Madonnen, die berühmteste ist im französischen Rocamadour zu finden.

Die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Mythen und den Rollen, die Frauen in ihrem Lebensverlauf spielen (können), hilft schließlich beiden, sich über ihren weiteren Lebensweg klar zu werden. Der spirituelle Zugang mag nicht allen Leser*innen gefallen (mir war es streckenweise auch zu viel innere Einkehr), für mich war es aber ein interessanter Zugang, das Reisen nicht nur um des Reisens willen zu betrachten, sondern auch als „Reise zu sich selbst“.

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Roman

Katie Kitamura – A Separation

But until a decision is acted upon, it is only hypothetical, a kind of thought experiment.

Die Trennung eines Ehepaars, kaum böses Blut, Leben in getrennten Wohnungen. Einzig die Scheidung steht noch aus. Und das öffentliche Eingestehen der Trennung. Denn die Schwiegereltern sind noch nicht eingeweiht. Bevor es zur Scheidung kommen kann, wird der Ehemann auf Recherchereise in Griechenland tot aufgefunden. Die Protagonistin wird dadurch zu einer trauerenden Witwe, eine Rolle, die ihr aufgrund der bereits vollzogenen Trennung und der bevorstehenden Scheidung nicht zuzustehen scheint. Die Entscheidung ist gefallen, kann jedoch nicht mehr umgesetzt werden.

Erzählt wird all das aus dem Blickwinkel der Protagonistin, die nicht nur über ihr eigenes Verhalten und ihre Gefühle intensiv reflektiert, sondern auch mit wachem Auge ihre Umgebung beobachtet. Im Verlauf der Geschichte verändert sich ihre Rolle von der betrogenen, in Trennung lebenden Ehefrau zur trauernden Witwe. Und obwohl sie den Trennungsprozess vermeintlich schon absolviert zu haben scheint, führt der überraschende Tod des Ehemanns in einen Trauerprozess, der niemals so abgeschlossen werden kann, wie eine Ehe durch eine Scheidung beendet wird.

The emulation became the thing itself, […].

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Roman

Rachel Cusk – Outline

Der Wunsch nach Freiheit und Bewegung trieb mich an, als würde ich an einem Faden vorn an meiner Brust gezogen. Ich kannte den Impuls nur zu gut; inzwischen hatte ich gelernt, dass es sich, anders als ursprünglich gedacht, nicht um den Ruf der weiten Welt handelte. Es war einfach nur der Wunsch, meinem eigenen Leben zu entkommen. Der Faden führte nirgendwohin, außer vielleicht in die grenzenlose Ödnis der Anonymität.

Gestern Abend als ich diesen Roman zu Ende gelesen hatte, war ich kurzfristig echt sauer. Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, meine ich, das literarische Konstrukt entziffert zu haben, das dazu geführt haben mag, dass mich dieser Standard-Artikel auf das Buch neugierig machte.

Die Erzählerin des Romans reist nach Athen, um einen Kurs für Schriftsteller zu geben. Der Leser erlebt sie im Gespräch mit Unbekannten, Freunden, die sie in Athen trifft und ihren Schülern, die alle Teile ihres Lebens preisgeben, während wir von der Erzählerin nahezu nichts erfahren. Einzelne Bruchstücke muss man finden und festhalten: sie hat (oder hatte?) Ehemann und Familie, ihre Kreditberaterin ruft an, um ihr die Erhöhung des Kreditrahmens zu verweigern.

Beim zweiten Lesen enthält das letzte Kapitel einige Hinweise. Keine Spoiler von meiner Seite. Der oben zitierte Artikel gibt mehr Preis, als ich es hier tun werde. Auf dem Klappentext wird TheGuardian zitiert: „Einer der sonderbarsten, originellsten und aufregendsten Romane seit Langem.“. Sonderbar definitiv, originell lasse ich auch gelten. Aufregend fand ich im ärgerlichen Sinne jedoch nur das Ende. Aber vielleicht ist das der Cliffhanger als Auftakt für die geplante Trilogie.

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Roman

Vea Kaiser – Makarionissi

Mit ihrem ersten Roman Blasmusikpop wurde Vea Kaiser einem größeren Publikum bekannt, mich hat das jedoch nicht interessiert, bis sie anlässlich der Veröffentlichung ihres zweiten Romans Makarionissi bei Claudia Stöckl im Frühstück bei mir zu Gast war. Dort hat sie erzählt, wie sie sich als attraktive Frau, die ihre Reize auch nicht verstecken will, teilweise bemühen muss, um in der Verlags- und Geschäftswelt ernst genommen zu werden.

Mit diesem Roman hat sie nun eine Familiengeschichte im Stil klassischer Heldensagen geschaffen, die einzelnen Kapital werden als Gesänge bezeichnet, Heldin und Held erleben eine wilde Irrfahrt durch die Welt und das Leben im Allgemeinen. Eleni und Lefti werden in einem griechischen Bergdorf an der albanischen Grenze geboren, ihre Familien haben bereits vor Elenis Geburt geplant, dass Cousin und Cousine später heiraten sollen, um das Familienvermögen zu erhalten. Doch Eleni hat nichts anderes im Sinn, als eine Amazone zu werden, eine Heldin, eine große Politikerin will sie werden, heiraten passt da gar nicht dazu.

Ein Abriss über die Familiengeschichte würde zu aufwändig, der Stammbaum auf den ersten Seiten wurde nicht umsonst aufgezeichnet. Am Ende (oder eigentlich schon auf dem Weg) erweist sich der Roman als so echt wie das Leben selbst: unvorhersehbar. Oft führt auch ein zuerst als falsch betrachteter Weg an ein Ziel, von dem man vorher noch gar nichts wusste. Manchmal erweisen sich scheinbare Katastrophen später als Glücksfall. So lange man sich selbst treu bleibt, kann man eigentlich nichts falsch machen. (Und aus den meisten Büchern kann man genau das herauslesen, was man gerade braucht.)

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Krimi Roman

Neil Olson – Ikone

Sonnenuntergang in Griechenland (c) Gustav Kemetmüller/PIXELIO

„Wir bewegen uns im Kreis. Diese Debatte erinnert mich allmählich an eine grundsätzlichere Streitfrage. Ein Mann der Vernunft verlangt Beweise, wenn er glauben soll. Ein Mann Gottes hält vielleicht ebenfalls viel von der Vernunft, aber er weiß, dass er damit nur bis zu einem gewissen Punkt kommt, dass er irgendwann den Sprung ins Unbekannte wagen muss. Er denkt mit dem Verstand, bis er dieses unaussprechliche Geheimnis erreicht. Dann denkt er mit dem Herzen, traut sich noch einen Schritt weiter voraus oder zieht sich zurück. Sie sind ein Mann der Vernunft. Gut. Aber sagen Sie mir, als Sie vor diesem Heiligenbild standen, als Sie das Holz berührten, haben Sie da nicht eine besondere Kraft gespürt? Sagen Sie die Wahrheit.“

Was nach diesem Zitat wie eine religiöse Story klingt, ist in erster Linie ein ganz fantastischer Kriminalroman. In zwei Zeitebenen findet in Griechenland und New York eine Jagd auf die „Ikone“ – ein Bild der Gottesmutter Maria – statt. Drei Generationen einer griechischen Familie sind hinter dem Kunstwerk her.

Im Mittelpunkt steht Matthew, der jüngste Spross der Familie, der durch seine Arbeit als Experte für byzantinische Kunst mit Ana zusammenkommt, die die Ikone soeben von ihrem verstorbenen Großvater geerbt hat. Sie möchte das Bild verkaufen, die Interessenten reißen sich gerade darum. Doch als sie das Bild abgegeben hat, geht der Ärger erst richtig los. Das Bild verschwindet und alle Beteiligten sind auf der Suche danach, gerade Matthew und Ana, die kaum Details der Geschichte der Ikone kennen, geraten ins Kreuzfeuer der verbissen Suchenden. Stück für Stück wird die Geschichte aufgedeckt, der Spannungsbogen bleibt konstant erhalten. Eine spannende Kriminalgeschichte für alle Freunde dieses Genres.

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Roman Thriller

U. A. O. Heinlein – Der Infekt

Was soll ich sagen, ein genialer Thriller, der von der ersten bis zur letzten Seite fesselt (wenn man nicht durch reale Personen davon abgelenkt wird ;-).

Also echt, die Heinlein-Bücher kann ich nur jedem empfehlen, der mit diesem Genre was abgewinnen kann.

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