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Roman

Octavia E. Butler – Parable of the Talents

When we have no difficult, long-term purpose to strive toward, we fight each other. We destroy ourselves.

Nachdem Parable of the Sower mit einem Ausblick in ein neues Leben für Lauren und ihre Mitstreiter*innen endet, wollte ich natürlich erfahren, wie die Geschichte weitergeht. Der erste Teil wird allein aus Laurens Sicht erzählt, der zweite Teil ist eine Mischung aus Reflexionen von Laurens Tochter (die erst im Verlauf der Geschichte des zweiten Teils geboren wird), Laurens Tagebucheinträgen und kurzen Texten von Laurens Partner Bankole und Laurens Bruder Marcus. Diese Struktur gibt der Geschichte eine realistische Anmutung, als wäre die Geschichte nicht erfunden, sondern sorgfältig recherchiert und aus den verfügbaren Textbruchstücken zusammengesetzt.

How much of this nonsense does he believe, I wonder, and how much does he say just because he knows the value of dividing in order to conquer and to rule?

Lauren gründet mit ihrer Gruppe eine neue Siedlung namens Acorn. Mehrere Jahre arbeiten alle gemeinsam, bauen Häuser, lernen voneinander, versorgen sich selbst und treiben Handel mit umliegenden Dörfern. Laurens Religionskonzept Earthseed wächst und gedeiht ebenfalls. Die fanatischen Anhänger eines skrupellosen Politikers, der die USA zu einem christlichen Gottesstaat machen will, zerstören die Idylle und versklaven die Einwohner von Acorn mit ferngesteuerten Halsbändern. Eine Zeit der Qualen beginnt.

Dieses Buch behandelt so viele schwierige Themen. Da die Gesellschaft dermaßen aus den Fugen geraten ist, kann ein Politiker, der den Menschen Sicherheit verspricht, sich nahezu alles erlauben. Die Autorin legt ihm übrigens auch den Slogan Make America Great Again in den Mund. Wikipedia weiß dazu, dass der Slogan vor Donald Trump auch schon von Ronal Reagan und Bill Clinton verwendet wurde. „Ungläubige“ werden ausgestoßen und als Hexen verbrannt. Menschen sehen zu, wie ihre Nachbarn eingesperrt oder erschossen werden, weil sie Angst haben, selbst zur Zielscheibe zu werden. In der kirchlichen Organisation wollen die führenden Persönlichkeiten nichts von den radikalen Gewalttaten ihrer Anhänger wissen. Die Autorin beschreibt ausführlich das Gefühl der Gefangenschaft, das die Versklavten durch die Halsbänder, die ihre Freiheit einschränken, erfahren. Die Sklaven werden behandelt wie Tiere, die Grausamkeit der Mächtigen scheint kein Ende zu nehmen. Schon im ersten Teil wurde mit detaillierten Beschreibungen von Gewalttaten nicht gespart und auch hier sind einige Passagen enthalten, die meine Vorstellungskraft auf die Probe gestellt haben. Definitiv keine leichte Lektüre.

If she had created Acorn, but not Earthseed, then I think she would have been a wholly admirable person.

Als alles umspannender roter Faden dient das Verhältnis von Lauren zu ihrer Tochter. Das Baby wird von den christlichen Radikalen entführt und wächst bei Adoptiveltern auf. Nach Laurens Flucht aus der Gefangenschaft macht sie sich auf die Suche nach ihrer Tochter, erkennt jedoch schnell die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens. Ihr Bruder findet das Kind, hält dies jedoch vor Lauren geheim. Die erwachsene Asha steht der abwesenden Mutter, die ihre Religion scheinbar über das eigene Kind gestellt hat, kritisch gegenüber.

Religion kann Gutes bewirken, aber auch Menschen dazu verleiten, den Glauben über die Menschlichkeit an sich zu stellen. Diesem Vorwurf muss sich auch Lauren aussetzen, die mit ihrer Religion eigentlich nur Gutes bewirken will. Gleichzeitig zeigt die Geschichte auch, dass ein großes Ziel nur erreicht werden kann, indem auf anderen Ebenen verzichtet wird.

Trotz dieser vielen Bedeutungsebenen, der beschriebenen Gewalt und Unmenschlichkeit und den vielen Parallelen, die sich zu früheren Ereignissen, aber auch aktuellen Entwicklungen ziehen lassen, kann dieses Buch nicht nur ein Lehrstück sein sondern auch Hoffnung machen.

Partnership is giving, taking, learning, teaching, offering the greatest possible benefit while doing the least possible harm. Partnership is mutualistic symbiosis. Partnership is life.

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Roman

Octavia E. Butler – Parable of the Sower

It scares me how many things I’ve got to learn. How will I learn them? Is any of this real?

Tipp: Wenn du dich unvorbereitet in diese dystopische Welt hineinwerfen lässt, dann rechne mit einem harten Aufschlag. Schon auf den ersten Seiten wird klar: das wird keine einfache Lektüre. In den vergangenen Jahren habe ich einige Dystopien gelesen (zB The Maze Runner oder Der Geschmack von Wasser), aber keine hat mich bisher dermaßen erschreckt und gleichzeitig überzeugt. 

Die Protagonistin Lauren lebt in einer Art Gated Community. Wasser ist knapp, Lebensmittel und Wasser werden immer teurer, es gibt kaum noch Arbeitsplätze. Reichere Menschengruppen verschanzen sich hinter Mauern, während auf den Straßen unter den Armen nur noch das Recht der Stärkeren gilt. Obwohl die Angriffe der Armen auf die Community immer häufiger werden, leben die Menschen innerhalb der Mauern weiter, als hätte sich nichts verändert. Die Situation scheint ausweglos. Die 15-jährige Lauren ahnt jedoch, dass es so nicht weitergehen kann. Sie sieht den Tag kommen, an dem die Tore dem Ansturm nicht mehr standhalten können. Lauren bereitet einen Notfallrucksack vor, um fliehen zu können. Im Norden sollen die Wetterverhältnisse noch besser sein, aber alle Menschen, die die Möglichkeiten haben, zu fliehen, versuchen, dorthin zu gelangen. Die nördlichen Grenzen werden gegen die Flüchtlingswelle verteidigt.

Viele Elemente dieser Dystopie sind so gegenwärtig, so vergleichbar mit aktuellen Entwicklungen, dass es schwer fällt, zu glauben, dass das Buch bereits 1993 geschrieben wurde. Eindeutig sind die Verweise auf den Klimawandel als Auslöser dieser schwierigen gesellschaftlichen Situation, aber auch die wirtschaftlichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben (Superreiche verschanzen sich, kaufen ganze Landstriche auf, um daraus noch mehr Geld zu scheffeln, moderne Sklaverei wird nicht nur am Rande erwähnt, sondern auch erklärt, aus welchen Gründen sich verzweifelte Menschen darauf einlassen). Aber auch die sozialen Veränderungen (Gruppenzusammenhalt aber Ausschluss von anderen, anderen nicht zu helfen, um das eigene Leben zu schützen, „Das Boot ist voll“-Mentalität) lassen sich in unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation bereits erkennen. 

All that you touch,

You Change.

All that you Change,

Changes You.

The only lasting truth

Is Change.

God

Is Change.

Neben ihren praktischen Notfallplänen (Lauren packt einen Notfallrucksack und bereitet sich auf das Leben außerhalb der Mauern vor) versucht Lauren auch, auf geistiger Ebene mit der Situation zurecht zu kommen. Ihr Vater ist religiöser Führer der Gemeinde, Lauren kann sich jedoch kaum noch mit seinen Lehren identifizieren und entwickelt ihre eigene Sicht auf die Welt, die im Wesentlichen Veränderung über alles stellt. In ihrem Notizbuch notiert sie Verse und Gedanken, die sich schließlich zu einer Art Religion namens Earthseed zusammenfügen. Die meisten Verse lassen sich auch unabhängig vom Glaubensaspekt auf verschiedenste Lebenssituationen übertragen.

Your teachers

Are all around you.

All that you perceive,

All that you experience,

All that is given to you

or taken from you,

All that you love or hate, 

need or fear

Will teach you –

If you will learn.

Es dürfte wohl kaum als Spoiler gelten, wenn ich verrate, dass Lauren am Ende des Buches nicht mehr mit ihrer Familie in der Gated Community lebt. Mir war vor dem Lesen nicht bewusst, dass es sich um eine Serie handelt, ein Abschluss ist daher in diesem Sinne nicht gegeben. Das Buch endet eher mit einem Neuanfang. Auf den ersten Seiten hätte ich nicht gedacht, dass aus dieser beklemmenden Situation noch Hoffnung entstehen könnte.

The universe is God’s self portrait.

Randnotiz: Die Jahresstatistik für 2019 ist äußerst zufriedenstellend. Laut aktueller Zählung habe ich insgesamt 58 Bücher hier im Blog beschrieben, nebenbei habe ich im Rahmen meines Fernstudiums große Mengen an Fachliteratur gelesen. Gezählt habe ich auch wieder die Verteilung auf männliche und weibliche Autoren, die in diesem Jahr sehr deutlich zugunsten der weiblichen Autoren ausgefallen ist. Bezüglich der Buchformate liegt auch 2019 die Overdrive eLibrary eindeutig vorn. Die deutschsprachige Virtuelle Bücherei/Onleihe hat in diesem Jahr ein neues DRM erhalten, das das Lesen auch ohne Adobe ID möglich macht. Leider ist das System noch nicht ausgereift, die App teilweise etwas sperrig in der Handhabung und der Katalog noch nicht so groß. Immerhin drei Bücher habe ich aber dieses Jahr mit der neuen Onleihe-App gelesen und noch einige weitere sind auf der Wunschliste. Auch das Papier-Angebot der Büchereien Wien habe ich 2019 intensiv genutzt, wegen einiger Bücher, die ich für Geocaching-Rätsel brauchte, habe ich auch die Zweigstellen Hormayrgasse und Engerthstrasse besucht. Auch 2020 wird es mit dieser wilden Mischung hier weitergehen.

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Kurzgeschichten

Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit

Aber in der Geschichte wie im menschlichen Leben bringt Bedauern einen verlorenen Augenblick nicht mehr wieder, und tausend Jahre kaufen nicht zurück, was eine einzige Stunde versäumt.

Ohne den zugehörigen Geocache hätte ich vermutlich nicht zu diesem Buch gegriffen. Das Format der Kurzgeschichte motiviert mich nach wie vor nicht besonders und mit der Schachnovelle konnte ich zu Schulzeiten nichts anfangen. Aber was tut man nicht alles, wenn sich am Ende des Buches ein Geocache versteckt?

Die 14 Miniaturen (in dieser Ausgabe) erzählen von historischen Begebenheiten, die die Entwicklung der Welt verändert haben. Protagonisten sind dabei Komponisten (etwa Georg Friedrich Händel und Claude Joseph Rouget de Lisle, der Komponist der Marseillaise) und Literaten (Goethe, Dostojewski und Tolstoi), aber auch Feldherren, Generäle und Erfinder. Die Miniaturen beschreiben meist einen Höhenflug gefolgt von einem dramatischen Scheitern und enden nahezu ausschließlich mit einer pessimistischen Note (das Ende des großen Denkers Cicero sowie das Zitat oben sollen hier als Beispiele dienen).

Im gerade zu Ende gegangenen April hatte ich zwei Gelegenheiten, mir noch unbekannte Musicalstücke zu besuchen. Das Landestheater Linz setzte als Nischenprogramm eine Inszenierung von Stephen Sondheims Assassins auf den Spielplan. Das Stück basiert auf realen Begebenheiten, den (versuchten oder erfolgreichen) Attentaten auf US-amerikanische Präsidenten. Die Inszenierung lässt keine Fragen darüber offen, warum dieses Stück gerade jetzt auf dem Spielplan steht. Das Bühnenbild zeigt einen Club mit Bar und Bühne, wie es der Besucher möglicherweise aus Cabaret kennt. Während auf der Bühne die Attentäter die Beweggründe für ihre Taten schildern, sitzt im Publikum der (derzeitige) amerikanische Präsident mit seiner First Lady und etwa 15 Doppelgängern unter Plastikmasken. Der Präsident amüsiert sich über die Darbietungen, die auch die Ermordungen der gescheiterten Anarchisten mittels Hängen, Erschießen oder elektrischem Stuhl einschließt. Als Nachfolger der ermordeten Präsidenten gerät er schließlich jedoch selbst unter Beschuss.

Wie schon in der Linzer Inszenierung von Sweeney Todd (2008) wird auch in Assassins nicht auf die plastische Darstellung von Gewalt verzichtet. Einige Zuschauer fühlten sich dadurch sichtlich abgestoßen, ich hörte auf dem Weg zum Ausgang unter anderem „sowas gehört nicht auf die Bühne“. Auf diese Weise macht dieses Stück aber deutlich, dass Gewalt immer nur zu mehr Gewalt führt. Zwischen den Zeilen steht ein deutliches Plädoyer gegen die US-amerikanische Waffenlobby. Das Stück wurde in Linz im alten Landestheater (jetzt Schauspielhaus) an der Promenade gespielt. Leider war die Vorstellung nicht sehr gut besucht, ich könnte mir vorstellen, dass sich in einem intimeren Rahmen die Wirkung noch stärker entfaltet. Es ist jedoch immer wieder eine Überraschung, das in Linz aus Landesmitteln ein derart hervorragendes Programm finanziert wird. In Wien wäre dieses Stück nie so fein gestrickt auf die Bühne gekommen.

Die Grazer Oper zeichnet sich diese Saison mit der österreichischen Erstaufführung von Ragtime aus. Das Stück thematisiert Konflikte zwischen Menschen unterschiedlicher Rassen und Religionen und verlangt übergeordnet nach Gleichbehandlung und Gerechtigkeit. In der Figur der Mutter zeigen sich außerdem feministische Tendenzen, mit We Can Never Go Back to Before (Lyrics) besingt sie neben dem Ende ihrer eigenen Liebe zwischen den Zeilen den gesellschaftlichen Wandel, der keine Rückkehr in bekannte Muster erlaubt. Auch diese Inszenierung kann in Österreich nur an einem subventionierten Landestheater (und als Koproduktion des Staatstheaters Braunschweig mit dem Staatstheater Kassel) stattfinden, der hohe Aufwand an Darstellern und Bühnenbild wäre anders nicht zu stemmen. Die Musik ist unterschwellig, es lassen sich kaum Songs hervorheben (kein Hit-Material, wie die Kritiker sagen würden). Das Stück ist geprägt von der Grundidee der Menschenwürde und der Gleichheit aller Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Abstammung oder Religion.

Sowohl das oben beschriebene Buch als auch die beiden Musicals befassen sich übergeordnet mit der Menschheit und ihren Höhenflügen und Abgründen. Es kann nie eine bessere Zeit geben, sich bewusst zu machen, was den Menschen eigentlich auszeichnet: die Fähigkeit, Güte zu zeigen, zu verzeihen und aufzustehen und für Schwächere Partei zu ergreifen. Österreichs Kulturlandschaft leistet hier wertvolle Beiträge, die gewürdigt und verbreitet werden sollten. Ragtime steht noch am 9. und 10. Mai in Graz auf dem Spielplan, Assassins kann in Linz noch bis zum 16. Juni an mehreren Terminen besucht werden.

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Krimi Roman

Arne Dahl – Böses Blut

Metall

Sie zogen alle vier ihre Waffen. Ihre Kiefer waren angespannt, sie hielten den Atem an. Sie fürchteten mehr um das Wohl ihrer Seelen als um das ihrer Körper. Sie waren auf dem Weg in die Höhle des Löwen. Welch grobe Verzerrungen menschlichen Lebens würden ihnen dort drinnen begegnen?

Wieder ein Serienmörder-Krimi aus der Reihe „Amazons Weihnachtsgeschenke an die Kindle User“. Obwohl die Foltermethode des hier gejagten Kentuckymörders ähnlich brutal ist wie alles, was Jo Nesbo seinen Harry Hole in Leopard erleben ließ, lässt Arne Dahls Geschichte den Leser erstaunlich kalt. Er beschreibt zwischendurch immer wieder die Lebensumstände der ermittelnden Kommissare, was ihnen eigentlich Leben einhauchen sollte. Fühlt man sich Personen nicht eher verbunden, wenn man ihre Lebensumstände kennt? Wenn man weiß, dass sie Partner und/oder Kinder haben oder hatten, wie sie leben und was sie fühlen? Eigentlich sollte es so sein, aber mich konnten die Geschichten nicht erreichen. Einzig das Duo „Jalm und Halm“ (wie die Amerikaner sagen) gewinnt durch die gemeinsame Vorgeschichte etwas an Profil.

Zwei Lungenentzündungen kamen durch die Luft gesegelt und suchten ihre rechtmäßigen Besitzer.

Hin und wieder blitzt in all dem trostlosen Ermittlungschaos ein bißchen staubtrockener Humor auf. Das tröstet allerdings nicht darüber hinweg, dass die Ermittler den Fall schließlich nicht zufriedenstellend lösen.

Sie hatten nicht richtig hingesehen, dachte Nyberg. Es waren nicht zwei Lungenentzündungen gewesen, die durch die Luft gesegelt kamen und ihre rechtmäßigen Besitzer suchen, sondern zwei Gehirnerschütterungen.

Offen bleibt die Frage, ob man ein Flipchart sauberwischen kann? Ist das ein Übersetzungsfehler oder heißen Whiteboards in Schweden Flipcharts?