Jeanette Winterson – Why Be Happy When You Could Be Normal?

It’s like reading a book with the first few pages missing. It’s like arriving after curtain up. The feeling that something is missing never, ever leaves you – and it can’t, and it shouldn’t, because something is missing.

Spontankauf bei Books & Bagels in Berlin vor etwas weniger als einem Jahr. Pro Tipp: Zuerst die Bücher kaufen. Wir haben Kaffee getrunken und einen ausgezeichneten Bagel gegessen und dann habe ich so viele Bücher gekauft, dass mir ein Gratis-Getränk angeboten wurde.

Die Autorin reflektiert in diesem Werk über verschiedene Aspekte ihrer eigenen Lebensgeschichte. Das obige Zitat bezieht sich auf ihre Adoption. Ihre Kindheit war geprägt von dem Wissen, dass ihre Mutter nicht ihre biologische Mutter ist. Dem Wissen, dass sie anders ist und der Überzeugung, von ihrer biologischen Mutter nicht gewollt worden zu sein. Dieses Thema zieht sich durch das komplette Buch. Es verweist auf das fundamentale Bedürfnis des Menschen nach Gesellschaft, nach dem Gefühl, nicht nur gebraucht sondern auch gewollt zu werden, genau so wie der jeweilige Mensch bereits ist und nicht irgendwie anders.

When I was born I became the visible corner of a folded map. The map has more than one route. More than one destination. The map that is the unfolding self is not exactly leading anywhere. The arrow that says YOU ARE HERE is your first coordinate. There is a lot that you can’t change when you are a kid. But you can pack for the journey …

Ein großer Teil des Buches befasst sich mit dem Aufwachsen als Jugendliche in einer nordenglischen Kleinstadt, die wenig Raum für Individualität bietet. Das Gefühl, anders zu sein, nicht dazu zu passen, anderes zu wollen, als nur sich einzuordnen in den Alltagstrott aus Arbeit, Kirche, Küche, zieht sich durch viele Entwicklungsjahre. Das titelgebende Konzept der Normalität wird hinterfragt und auf den Kopf gestellt. Die von der Autorin beschriebene Familienkonstellation ist keinesfalls als normal (im Sinne von in der Gesellschaft weit verbreitet) zu betrachten. Für Jeanettes Adoptivmutter (im Buch distanziert als Mrs. Winterson bezeichnet) stellt jedoch ihr eigenes Normalitätsideal ein unüberwindbares Bollwerk dar, das von der ausbrechenden Adoptivtochter schließlich ins Wanken gebracht wird. Ihre Erwartungen werden enttäuscht.

Books, for me, are a home. Books don’t make a home – they are one, in the sense that just as you do with a door, you open a book, and you go inside. Inside there is a different kind of time and a different kind of space.

Im dritten Teil des Buches lernt die Autorin schließlich ihre Familie kennen. Sie hat sich durch schlimme Lebensphasen gekämpft (und beschreibt diese auch eindrücklich) und ihre eigene Beziehungsfähigkeit hinterfragt und analysiert. Sie beschönigt den Prozess nicht, ihre biologische Familie entspricht nicht ihren Erwartungen.

Das Konzept der Normalität basiert auf Erwartungen, die gesellschaftlich geprägt sind. Auch die Erwartungen, die jeder von uns sich vermeintlich selbst ausdenkt, sind gesellschaftlich geprägt und von Werten durchdrungen, die wir von unseren Bezugspersonen in verschiedenen Lebensphasen übernommen und (hoffentlich) reflektiert haben. Normal zu sein im Sinne von in die Gesellschaft integriert, nicht auffallend, in einem gängigen Lebensmuster lebend kann für viele Menschen der richtige Weg sein. Normal und glücklich zu sein kann genauso funktionieren. Wenn jedoch die Erwartung, normal sein zu müssen oder zu wollen, dem eigenen Glück im Wege steht, dann sollte jede und jeder Einzelne die Normalität lieber über Bord werfen und alternative Wege ausprobieren.

Bernard Cornwell – Der leere Thron

Letztens hatte ich mich kurz gefragt, ob der Cornwell eigentlich kürzlich mal wieder was geschrieben hätte, und daraufhin festgestellt, dass seit dem letzten Mal, dass ich mich das gefragt hatte, bereits zwei Jahre vergangen sind und sogar zwei neue Uhtred-Romane inzwischen erschienen sind. Dafür wollte ich die geschenkten Gutschein-Karten des Mainstream-Bookstores einlösen, bekam aber beim ersten Anlauf nur Der leere Thron.

Das Buch beginnt mit einer Episode aus dem Blickwinkel von Uhtreds Sohn, auf einen kurzen Moment der Verwirrung folgte ein Moment der Erleichterung, als mit dem zweiten Kapitel wieder Uhtred selbst das Erzählen übernimmt. Ich kann es nicht erklären, warum mich diese Geschichte auch im achten Band noch fesselt, obwohl Schlachten, Schwerter und Schildwall fester Bestandteil jedes Bandes sind. Bernard Cornwell pflegt einen Erzählstil, der spannend bleibt und obwohl so mancher Ausgang einer Schlacht vorhersehbar ist, gelingt es ihm immer wieder, überraschende Wendungen einzubringen, die trotzdem nicht unglaubwürdig wirken. Nicht nur einmal musste ich beim Lesen auflachen, weil der körperlich angeschlagene, aber schlaue Uhtred seine Gegner gefinkelt hinters Licht führt. Ach, und für die Read Harder Challenge konnte ich es auch verbuchen: Read a book of historical fiction set before 1900.

Malte Prietzel – Jeanne D’Arc

Ursprünglich hatte ich mir dieses Buch als Material für ein potentielles Projekt ausgeliehen. Als es dann vier Wochen unangetastet herumgelegen war, wurde mir klar, dass es für dieses Projekt wohl doch nicht genug Interesse und Energie in mir gibt. Lesen wollte ich es aber trotzdem noch.

Verständlicherweise würde Gott nur zu solchen Menschen sprechen, die seine Gebote befolgten und ein vorbildliches Leben führten. Echte Propheten fluchten also nicht, sie waren fromm und bekannten sich zu ihrem Glauben in Wort und Tat, sie waren sexuell allenfalls mit ihrem Ehepartner aktiv oder, besser noch, sie lebten enthaltsam. All das traf auf Jeanne zu.

Diese Biografie zeichnet ein ausführliches Sittenbild des Frankreich des fünfzehnten Jahrhunderts. Der Autor erklärt verständlich, wie es dazu kommen konnte, dass ein Bauernmädchen als Kriegsherrin und Prophetin verehrt wurde. Entscheidend dafür war die damalige Religionsauffassung. Jeanne hatte Visionen, sie hörte Stimmen, die sie für die Stimmen von Heiligen hielt. Diese befohlen ihr, die Engländer aus dem teilweise eroberten Frankreich zu vertreiben und Karl VII. zur Königsweihe zu führen. Der oben zitierte Absatz erklärt, warum Jeannes Prophezeiungen schließlich Glauben geschenkt wurde. Hätte irgendjemand Zweifel an ihrer Jungfräulichkeit beweisen können, wäre ihr Leben sicherlich anders verlaufen. Sie glaubte unerschütterlich daran, dass sie auserwählt war, auf Erden Gottes Recht durchzusetzen.

An ihrer Rolle bei der Beendigung der Belagerung von Orléans zeigt sich auch, welche Wirkung sie auf die Bevölkerung hatte. Jeanne war keine Kriegerin, sie verstand nichts von taktischer Kriegsführung, jedoch war sie für die Menschen ein Symbol. Sie trug furchtlos ihre Standarte heran und machte damit den Soldaten und der belagerten Bevölkerung Mut.

Es ist durchaus möglich, dass die französischen Truppen die Belagerung auch ohne Jeanne hätten beenden können. … Aber ohne Jeannes Drängen und ihr Vorbild im Kampf wäre Orléans wohl später befreit worden. Womöglich hätten die französischen Hauptleute so lange gezögert, dass die Stadt kapituliert hätte.

Bei einer so lange zurückliegenden Lebensgeschichte widersprechen sich natürlich viele Quellen. Der Autor versäumt es jedoch nicht, die Aussagen der Zeitzeugen auch anhand ihrer eigenen Interessen zu bewerten und einzuordnen.

Nach Jeannes Gefangennahme wird sie von der gegnerischen Partei als Ketzerin angeklagt. Dieser Prozess wird sehr genau beschrieben, die damaligen Rechtsgelehrten scheinen sich große Mühe gegeben haben, Jeanne auf einer angemessenen Rechtsbasis auf den Scheiterhaufen zu bringen (…). Der Rehabilitationsprozess 25 Jahre nach ihrem Tod diente hingegen nur dazu, den inzwischen über ganz Frankreich herrschenden König vom Verdacht freizusprechen, mit einer Ketzerin im Bunde zu sein. Für ihre Gegner und Nutznießer war Jeanne also nur eine Figur auf dem politischen Schachbrett. An ihren eigenen Ziele und Überzeugungen hielt sie jedoch bis zum letzten Moment fest.

Bernard Cornwell – Der Heidenfürst

Ich glaube an den christlichen Gott, aber ich glaube nicht, dass er der einzige Gott ist. Er ist ein eifersüchtiges, missmutiges, einsames Wesen, das die anderen Götter hasst und Ränke gegen sie schmiedet.

Man könnte beinahe den Eindruck bekommen, Uthred würde alt und milde. Doch in der Schlacht und mit List gegen seine Feinde ist er noch immer der gefürchtete Krieger. Erstmals nach Jahrzehnten gelangt Uthred wieder nach Bebbanburg, seine Festung, die ihm sein Onkel als Kind streitig gemacht hat.

Obwohl sich die Dänen über die britannische Insel ausbreiten, gewinnt der christliche Glaube die Überhand. Viele Dänen nehmen den „neuen“ Glauben bereitwillig an und auch unter Uthreds Männern sind so viele Christen, dass die Anwesenheit von Priestern auch in der Schlacht unvermeidlich ist. Doch die Kriege werden nicht mehr aus Glaubenskriegen geführt. Es geht um Land, Macht und Einfluss. Zumeist kämpfen Christen gegen Christen und auch die Trennung Sachsen gegen Dänen ist nicht mehr eindeutig abgrenzbar.

Während des Lesens musste ich mich fragen, ob die Welt überhaupt Kriegsfiktion wie diese braucht und warum mich Uthreds Geschichte überhaupt so mitreißt. Ja, Cornwell schreibt locker und die Buchstaben rinnen einem nur so durchs Gehirn. Aber im siebten Band wird dann doch klar, dass sich das Schlachtengeheul wiederholt. Auch wenn sich der Autor immer wieder neue Feinde und neue Listen einfallen lässt, sehen wir Band für Band wie Uthred in irgendwelche schwierigen Situationen gerät und dann zumeist von einem wenig bis gar nicht erwarteten Deus ex machina gerettet wird. Und dann denke ich mir, warum nicht, wenn es doch Spaß macht, warum nicht im Sommer mal was Entspannendes lesen … man muss auch nicht immer alles bis zum bitteren Ende analysieren. Draußen scheint übrigens die Sonne.

Die Christen reden von einer Seele, auch wenn ich so etwas wie eine Seele nie gesehen, gerochen, geschmeckt oder gespürt habe, aber vielleicht ist die Seele der Geist eines Mannes, und in der Schlacht steigt dieser Geist in die Lüfte empor wie ein Falke.

Javier Marias – Alle Seelen

Der Herzog von Cervantes Pequeña (dies war sein Titel) begleitete seinen exilierten König, der sein Reich niemals kennen gelernt hatte, sah zu, wie er den Wagen mit neuen Flaschen füllte, und nachdem er mit ihm eine Flasche auf das Gedanken an Browne oder Marlowe oder irgendeines anderen Klassikers geleert hatte, der an diesem Tag gerade Geburtstag hatte, sah er ihn mit ruhigen Schritten in der Dunkelheit verschwinden, seinen alkoholischen Kinderwagen vor sich her schiebend, vielleicht genau wie ich jetzt bisweilen den meinen schiebe, wenn die Nacht über dem Retiro-Park hereinbricht, nur dass darin mein Kind – dieses neue Kind – liegt, das ich noch nicht gut kenne und das uns überleben wird.

Javier Marías wurde mir in einem Zeitungsartikel angepriesen, natürlich habe ich diese Referenz wieder mal nicht abgespeichert. Ich meine mich zu erinnern, dass es um ein aktuelleres Werk ging, außerdem wurde die Trilogie „Dein Gesicht morgen“ angepriesen. Davon ist jedoch auf Papier nur die gebundene Ausgabe zu haben und auch die (inzwischen verfügbare) Kindle Edition ist mit 19,99 (pro Teil der Trilogie) deutlich teuer. Tatsächlich habe ich jetzt also dieses autobiografisch angehauchte Frühwerk gelesen, das mich eher ratlos zurückließ.

Der Ich-Erzähler beschreibt sein Leben als Dozent in Oxford, seine schrägen Kollegen und seine Affäre mit Clare, die bereits lange vor seiner Abreise durch die Erkrankung von Clares Sohn ein jähes Ende findet. Die meisten dieser Geschichten werden nicht mal als echt verkauft, sondern sind die Interpretation eines gelangweilten Geistes, der in Begegnungen mit Menschen Geschichten hineinfantasiert. Etwa die grotesk überzeichnete Beschreibung des College-Banketts oder die aus Gerüchten komponierte Story über den Spion, der russische Sportler verhört. Wenn man das Prinzip mal kapiert hat, kann man sich durchaus gut unterhalten, aber bei mir sprang der Funke nicht ganz über.

Nur einmal sah ich das Kind oder den Sohn Eric, zu einem Zeitpunkt, da bereits die letzten Tage seines unvorhergesehenen Aufenthalts in der Stadt Oxford zu Ende gingen und mein seelisches Ungleichgewicht am größten war (denn das unmittelbar bevorstehende Ende einer Entbehrung lässt sich nicht gegen die noch andauernde Entbehrung abwägen, wenn diese schon eine Zeitlang gedauert hat oder – unabhängig von ihrer wirklichen Dauer – als dauerhaft oder vielleicht als unbegrenzt empfunden wurde; ich meine, es lässt sich nicht so stark dagegen abwägen, dass man als beendet zu betrachten vermag, was kurz vor seinem Ende steht, aber noch nicht abgeschlossen ist, und was vorherrscht, ist die Furcht, irgendein Zufall – Pech, Umkehrung des Vorweggenommenen – könne diese angehäufte erlittene Gegenwart verlängern: Man spürt keine Erleichterung, sondern noch größere Angst und misstraut der Zukunft nur).

Charles Dickens – David Copperfield

And now I fell into a state of neglect, which I cannot look back upon without compassion. I fell at once into a solitary condition,– apart from all friendly notice, apart from the society of all other boys of my own age, apart from all companionship but my own spiritless thoughts,– which seems to cast its gloom upon this paper as I write.

Charles Dickens also. Nachdem ich hiermit endlich durch bin, kann ich wohl sagen, er ist einfach nichts für mich. Weltliteratur – ja, vielleicht. So viele Vorleser können schließlich nicht irren. Und retrospektiv betrachtet, verstehe ich jetzt auch, warum John Irving in Gottes Werk und Teufels Beitrag seinen Dr. Larch den Waisenbuben daraus vorlesen lässt (der aktuelle Anlass für mich, diesen Wälzer endlich aus dem Regal zu nehmen). Aber für mich scheint der einfach nicht zu passen. Charles Dickens als Autor, meine ich. Das zeigte sich schon mit Große Erwartungen. Vor langer Zeit gelesen, Film gesehen, Theaterstück gesehen (im Renessaincetheater, erinnere mich nicht mehr genau, wann) und doch mit der Geschichte niemals warm geworden. Ähnlich ging es mir mit Oliver Twist.

But the agony of the mind, the remorse, and shame I felt, when I became conscious next day! My horror of having committed a thousand offenses I had forgotten, and which nothing could ever expiate – my recollection of that indelible look which Agnes had given me – the torturing impossibility of communicating with her, not knowing, beast that I was, how she came to be in London, or where she stayed – my disgust of the very sight of the room where the revel had been held – my racking head – the smell of smoke, the sight of glasses, the impossibility of going out, or even getting up! Oh, what a day it was!

Aber nun zu David Copperfield. Schon als Junge lernt er die Härten des Lebens kennen, sein Vater verstorben, seine Mutter erliegt einem Tyrannen, der sie psychisch schließlich bis in den Tod foltert und den jungen David dann schnellstmöglich los wird. So landet er auf sich selbst gestellt in London und arbeitet sich Stück für Stück hoch zum bekannten Autor. Dabei kann er immer wieder auf die Hilfe des bis zuletzt glücklosen Mr. Micawber zählen. Sein ehemaliger Schulkollege Steerforth führt David auf Abwege und entführt schließlich das Mädchen Emily, die David wie eine Schwester nahesteht. Der Schrecken seiner Jugend, Uriah Heep, verfolgt Copperfield lange Zeit, doch letztendlich findet er seine gerechte Strafe. Seine Jugendfreundin Agnes steht ihm stets zur Seite, auch, als er sich in Dora verliebt, ein pink aufgerüscheltes, dummes Blondchen, das sich nach der Heirat als äußerst unfähige Hausfrau erweist.

I had always felt my weakness, in comparison with her constancy and fortitude; and now I felt it more and more. Whatever I might have been to her, or she to me, if I had been more worthy of her long ago, I was not now, and she was not. The time was past. I had let it go by, and had deservedly lost her.

Was ich gerade so kurz zusammenfasse, zieht sich über viele 100 Seiten, oft steht die altmodische englische Sprache einem einfachen Verständnis des Geschehens im Weg (jaja, mein eigenes Problem, ich weiß), oft bringen auch die altmodischen Gesellschaftsdiktate der damaligen Zeit durcheinander. Ich will mich nicht aufschwingen, zu behaupten, Dickens wäre nicht mehr zeitgeistig, aber für mich war es das mit ihm. Die Plage, diese 716 Seiten im englischen Original zu lesen, war lang und oft wollte ich es bleiben lassen. So sollte Lesen eigentlich nicht sein, daher wende ich mich in nächster Zeit erfreulicherer Literatur zu. Mein Kindle-Archiv ist bis Auf 1Q84 leer und daher müssen dringend Bücher gekauft werden. Und der Büchereiausweis verlängert … für mehr Lesespaß 2013!

Bernard Cornwell – Der sterbende König

Einst war ich im Land der Dänen gewesen und hatte eine Gegend aus Sand und karger Erde gesehen, und obwohl ich nicht daran zweifle, dass die Dänen auch besseres Land als das haben, was ich sah, bezweifle ich sehr wohl, dass es sich mit dem messen könnte, durch das wir nun auf unserer stillen Fahrt mit der Tyrs Tochter glitten. Der Fluss trug uns zwischen üppigen Feldern und dichten Wäldern dahin.

Ich kann nicht ganz verhehlen, dass sich ein gewisser Gewöhnungseffekt bei Cornwells Uthred-Romanen einstellt. Ich hatte „Der sterbende König“ schon im Frühjahr vorbestellt mit dem Gedanken, mich im Herbst dann von der Amazon-Lieferung überraschen zu lassen (was Amazon vereitelt hat, indem sie mich vorher per Mail informierten, dass sie die Bestellung jetzt versenden …). Gefreut hab ich mich natürlich trotzdem und das Buch relativ schnell verschlungen …

Manchmal liege ich wach in den langen Nächten des Alters und denke an die aberwitzigen Dinge, die ich getan habe, an die Gefahren, weil ich mit dem Schicksal gewürfelt und die Götter herausgefordert habe.

Der Fokus liegt hier auf dem lange erwarteten Tod des Königs Alfred. Natürlich ist damit Uthreds Krieg nicht zu Ende, inzwischen drängt sich der Gedanke auf, dass er Bebbanburg vielleicht nie zurück erobern wird. Mit kreativen Kriegslisten versucht Uthred die Dänen aus der Reserve zu locken und schließlich kommt es auch zur nur knapp gewonnenen Schlacht im Schildwall.

Im Nachwort erklärt Cornwell seine Faszination für diese Zeit und warum er sich so intensiv mit der Geschichte beschäftigt:

Das ist die Geschichte, die hinter den Erzählungen von Uthred steht: die Geschichte von der Entstehung Englands. Es hat mich immer erstaunt, dass wir Engländer so wenig an der Entstehung unserer Nation interessiert sind. In der Schule scheint es manchmal so, als würde die Geschichte Britanniens AD 1066 beginnen, und alles, was vorher geschah wäre bedeutungslos, dabei ist die Geschichte von der Entstehung Englands groß, aufregend und nobel.

Evelyn Grill – Das Antwerpener Testament

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Ein paar Tage später, zu Ulrichs Geburtstag, tranken sie zusammen Sekt, und Onkel Ferdinand las ihm und Tante Nelli ein Kapitel aus Gogols Tote Seelen vor. Das Buch liebte er besonders, weil die in ihm enthaltene Philosophie sich mit der seinen in vielen Punkten berührte. Er liebte es überhaupt, den jeweils im Häschen Versammelten vorzulesen, mit besonderer Vorliebe aus den Abenteuern des braven Soldaten Schwejk, dessen Humor er so kongenial wiederzugeben verstand.

Eine Familiengeschichte über mehrere Generationen und Familien aus drei Ländern. Nahezu unaufgeregt erzählt die Autorin, wie die Protagonisten vor dem Naziregime aus Deutschland fliehen, wie manche von ihnen es bis nach Amerika schaffen, andere in Amsterdam hängen bleiben, und schließlich wie das titelgebende Antwerpener Testament das Famlienglück nachhaltig torpediert.

Im Zentrum stehen Ann und Ulrich. Die Engländerin Ann verliebt sich in den Deutschen Ulrich. Anns dominante Mutter will es nicht ertragen, dass ihre Kinder ihr eigenes Leben führen und sabotiert die keimende Beziehung zwischen Ann und Ulrich nachhaltig. In Rückblenden erzählt die Autorin, wie die verschiedenen Zweige der Familie sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln: Ulrichs Cousine ist mit ihrem Mann nach Amerika ausgewandert, die Inkarnation der sprichwörtlichen bösen Schwiegermutter – Anns Mutter Henriette Stanley – wurde in jungen Jahren von ihrem Bruder mit dem englischen Reeder Stanley verheiratet und hat diesem nicht verziehen, dass er sie in seinem Testament nicht ausreichend bedacht hat. Dieses Testament beschäftigt sie für den Rest ihres Lebens, erst lange nach ihrem Tod kann der inzwischen vereinsamte und gebrochene Ulrich die Familiengeschichte aufdecken.

Immer wieder überrascht der ruhige Erzählstil, mit dem die Autorin Evelyn Grill in ihren Rückblenden selbst dramatischen Szenen wie tödlichen Unfällen die Dynamik nimmt. Sie erzählt die Geschichte nicht im Entstehen sondern in Erinnerungen. Alles ist bereits passiert, nichts lässt sich mehr ändern, der Leser kann nur zur Kenntnis nehmen, was den Protagonisten geschieht, man nimmt keinen Anteil. Teils scheint dies eine geeignete Erzählform für eine Geschichte aus dieser Zeit, die für heutige Generationen gefühlsmäßig ebensoweit zurückliegt wie die Antike. Aber in gewissen Momenten wünscht man sich schon eine Spur mehr Emotion, vielleicht sogar etwas Mitgefühl für die Protagonisten. Die Autorin bleibt erbarmungslos und lässt die Familiengeschichte letztendlich über die Menschen triumphieren.

NOTE: Bei den Bildern handelt es sich um einen Belichtungstest, den ich mit meiner neuen Kamera durchgeführt hab. Spontan entdeckte ich beim Spätheimkommen von der Arbeit ein spannendes Mond-Schatten-Spiel, das ich abzulichten versuchte. Die Bilder sind vom GorillaPod-Stativ aus gemacht, mit Belichtungszeit 1,2,3,4,5,6 und 8 Sekunden. Das letzte Bild ist schon zu verschwommen, weil sich die Wolken schneller bewegten als der Auslöser. Bei 6 Sekunden zeigt sich schon in etwa das Bild, das sich tatsächlich den Augen bot. Leider trotzdem nicht ganz so spektakulär wie die Realität.

Bernard Cornwell – Das brennende Land

Cornwall_(c) Augustine/PIXELIO

Auf die Stichelei ging ich nicht ein. Wenn ich nach all den Jahren heute zurückschaue, sehe ich mich damals als jungen Mann, obwohl ich zumindest fünfunddreißig oder sechsunddreißig gewesen sein muss. Die meisten Männer werden nicht einmal so alt, aber ich war vom Glück begünstigt.

Bernard Cornwells Fortsetzung der Uthred-Saga ist mir mitten im Advent in die Hände gefallen, als ich eigentlich nur wegen eines verpassten Zuges Zeit im Buchgeschäft totschlagen wollte. Und er erweist sich als perfekter Begleiter für die Weihnachtsfeiertage.

„Warum sonst hätten mir die Götter Skade schicken sollen?“, gab ich zurück, und in diesem Augenblick war es, als hätten sich die Nebel gelichtet und ich könnte endlich den Weg sehen, der vor mir lag. Das Schicksal hatte mir Skade gesandt, und Skade würde mich zu Skirnir führen, und mit Skirnirs Gold könnte ich Männer bezahlen, die sich mit mir an den Burgfesten von Wessex vorbeikämpfen würden, und dann würde ich mir das Silber des Christengottes nehmen und es einsetzen, um die Armee aufzustellen, die Bebbanburg einnehmen würde.

Das fünfte Buch der Uthred-Saga bringt dem Kriegsherrn nicht nur eine neue Frau, es bringt ihn auch der ersehnten Bebbanburg näher als je zuvor. Die erste Konfrontation mit seinem verhassten Onkel verläuft jedoch fruchtlos. Ein Eid bindet Uthred nicht nur an Alfred, sondern auch an dessen Tochter Aethelflaed. Dieser Eid bestimmt in diesem Roman den Weg des Kriegsherrn Uthred.

Charlotte Bronte – Shirley

Cornwall(c)Gerhard Minsel/PIXELIO

Liebe findet – außer für Gemeinheit und Niedertracht – für alles eine Entschuldigung; nur ohne Achtung kann sie nicht bestehen. Trotz seiner Fehler verdiente Moore Achtung; er war sittlich einwandfrei, ohne solchen Makel wie den der Falschheit, er war nicht der Sklave seiner Begierden. Das tätige Leben, zu dem er erzogen worden war hatte ihn etwas anderes gelehrt: er war ein Schüler der Vernunft, kein Anbeter der Sinne.

Lange, lange dauert es, bis sich in diesem klassischen Liebesdrama die beiden Paare endlich in den Arm fallen dürfen. Lange erscheint die Situation aussichtslos für Caroline. Als auch noch die schöne und reiche Shirley Keeldar auftaucht, die ihre Freundin wird und doch scheinbar in Konkurrenz zu ihr tritt, leidet Carolines Gesundheit auch gleich. „Liebeskrankheit“ scheint überhaupt ein beliebtes Motiv in diesen altmodischen Romanen zu sein, alle vier Protagonisten leiden zumindest einmal unter ernsthafter Krankheit aus Liebesdingen.

Auch Moore war ernst und unternahm nicht den geringsten Versuch, zu gefallen, zu blenden oder Eindruck zu erwecken. Doch wie sehr er seine Stimme auch ins Milde modulieren ließ, bei seinem härteren Willen bekam sie dann und wann wenn auch unabsichtlich und unfreiwillig, einen herrischen Klang, der selbst die stolze Shirley überwältigte.

Robert Moore, der Unternehmer mit Migrationshintergrund, hat es am Schwierigsten, denn seine ungünstige finanzielle Lage erlaubt es ihm scheinbar nicht, überhaupt zu lieben. Seine Moralvorstellungen machen ihm ein ums andere Mal das Leben schwer und kosten ihm dieses auch beinahe.

„Sie ist niemals völlig glücklich. Zwei Menschen können nie völlig miteinander harmonieren … Vielleicht gibt es unter ganz besonderen Umständen, die aber nur sehr selten eintreten, einen vollkommenen Zusammenklang, der Zufriedenheit weckt, aber es ist besser, das Risiko nicht auf sich zu nehmen, man kann verhängnisvolle Fehler dabei begehn! Mögen alle Unverheirateten sich an ihrer Freiheit genügen lassen!“

So manches Unglück müssen die Liebenden auf sich nehmen, bis sie letztendlich zueinander finden können und dies kann sich auch mal ganz schön in die Länge ziehen. Ansonsten bleibt wenig zu sagen zu diesem Werk, das sich dem Hohelied der Liebe widmet und den Weg zum Happy End zum Ziel macht.