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Roman

Leo Perutz – Zwischen neun und neun

Wie es der Titel nahelegt, spielen sich die Ereignisse dieses Romans innerhalb von 12 Stunden ab, zwischen 9 Uhr morgens und 9 Uhr abends. Während der ersten paar Stunden beobachtet die Leser*in das eigentümliche Verhalten des Protagonisten Stanislaus Demba, bis schließlich das Geheimnis um seine Hände enthüllt wird. Die weiteren Stunden verbringt Demba mit dem Versuch, trotz seiner misslichen Lage Geld einzutreiben, um seine angebetete Sonja zurückzugewinnen. Dabei stolpert er aufgrund der speziellen Verhältnisse (dieses eine Faktum zu spoilern würde den kompletten Spaß am Buch verderben) von einer Peinlichkeit in die nächste. Etwas unbefriedigend ist jedoch das Ende, der scheinbar in eine aussichtslose Lage geratene Protagonist wird durch eine Deus-ex-machina-Wendung in eine auch nicht viel bessere Lage katapultiert. Dadurch werden jedoch die Geschehnisse der vergangenen Stunden nicht aufgeklärt, sondern gewissermaßen ad absurdum geführt.

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Roman

Viktor Martinowitsch – Paranoia

Zur Vermeidung ungewollter Straftaten ruft der Autor dazu auf, von der Lektüre dieses Buches Abstand zu nehmen, wohl wissend, dass er es im Grunde besser gar nicht erst geschrieben hätte.

Für die Reading Challenge brauchte ich auch ein verbotenes Buch, das erschien mir zuerst wie eine schwierige Aufgabe, in Österreich werden heutzutage wohl kaum noch Bücher verboten. Doch schon recht bald spülte mir der Newsfeed eine Meldung entgegen, die ich mir für diesen Zweck notierte: Viktor Martinowitsch auf der Verbotsliste.

Der Roman beginnt mit einigen Observierungsprotokollen des Ministeriums für Staatssicherheit. In einer leeren Wohnung werden Briefe unter der Tür durchgeschoben. Im nächsten Kapitel beginnt der regimekritische Schriftsteller Anatoli Newinski eine Affäre mit einer unbekannten Frau, die er in einem Café kennenlernt. Der romantisch veranlagte Anatoli wirft liebeskrank all sein Dasein in dieses Verhältnis. Bis er entdeckt, dass die geliebte Jelisaweta Beziehungen zu höchsten Regierungskreisen hat.

Von diesem Punkt an erfährt der Leser die Geschichte wieder aus Observierungsprotokollen. Anatoli und Jelisaweta setzen ihre Affäre in einer Wohnung fort, die vom Ministerium für Staatssicherheit komplett überwacht wird. Stück für Stück kann man beobachten, wie auch die geheimen Treffpunkte der beiden (wo wir Seifenblasen gemacht haben) von den Observierenden entschlüsselt werden. Die Liebenden verstecken sich in dieser Wohnung und fühlen sich wie in einer Seifenblase. Sie ahnen, befürchten bereits, wissen aber nicht, wollen nicht wissen, dass alle ihre Bewegungen und Gespräche aufgezeichnet werden, ja, sogar ihr Müll durchsucht wird.

Ihr ganzer Schrecken und ihre Allwissenheit sind nur aus unserer Paranoia geboren. Wir müssen nur aufhören, uns vor ihnen zu fürchten, schon können wir sie nicht mehr ernst nehmen. Was kann uns denn passieren? Im schlimmsten Fall?

Anatoli wird herausfinden, was im schlimmsten Fall passieren kann. Die überraschende Wendung, die das Buch im letzten Drittel nimmt, ist so verstörend, dass ich nichts vorwegnehmen will. Nach meiner Meinung sollte dieses Buch dringend in Schulen gelesen werden. Vor 15 Jahren (aktuelle Informationen dazu habe ich nicht) wurde in der Oberstufe versucht, mittels 1984 den Jugendlichen die Gefahren eines totalitären Staates und der damit einhergehenden Überwachung zu verdeutlichen. Bei mir kam das Verständnis dafür erst Jahre später an. Zu dystopisch, zu weit weg, vielleicht sogar zu weichgespült ist Orwells Vision im Vergleich zu den knallharten Observierungsprotokollen in Paranoia. Der Leser erlebt ein reales Land im heutigen Europa. Der Autor selbst wurde bei einer Lesung verhaftet und wartet nun auf die Anklage. Er sagt dazu: „Ich weiß bis heute nicht, was mir vorgeworfen wird.“ Neuere Informationen zu dieser Anklage habe ich im Netz nicht finden können. Was auch wiederum einiges aussagt.

Interessante Einblicke bietet auch dieser Tagesspiegel-Artikel (Spoiler-Alarm: am Ende des Artikels wird vom Inhalt deutlich mehr verraten als hier).

Pflichtlektüre sollte Paranoia auch für alle sein, die nichts zu verbergen haben. Selbst dann, wenn man sich tatsächlich nach den herrschenden Gesetzen und den eigenen Moralvorstellungen nichts vorzuwerfen hat, ist es für Außenstehende mit Zugang zu den privatesten Informationen und Gesprächen (und damit ausgesprochenen Gedanken) ein Leichtes, bekannte Fakten zu verdrehen und daraus eine vollständig andere Situation zu konstruieren. In Martinowitschs Paranoia gibt es keine Privatsphäre mehr. Die beobachteten Subjekte bemühen sich um Heimlichkeit und werden doch vom ersten Moment an ständig beobachtet. Die Geschichte erläutert ganz deutlich, wie sich das Gefühl des Beobachtet-Seins auf die Psyche auswirkt.

Schließen möchte ich mit diesem Snowden-Zitat:

Arguing that you don’t care about the right to privacy because you have nothing to hide is no different than saying you don’t care about free speech because you have nothing to say.

Reading Challenge: A banned book

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Krimi Roman

Wolf Haas – Der Brenner und der liebe Gott

Und noch einer im Boot der Krimikameraden. Der Brenner-Nachzügler von Wolf Haas, als der mit dem Brenner eigentlich schon fertig war. Und so ist der Brenner über weite Strecken dieses Romans nicht der Brenner, sondern der Herr Simon – pensionierter Polizist, der sich als Chauffeur für einen Baulöwen und dessen Familie seine Brötchen verdient.

„Fanatismus“ hat der Knoll so ausgesprochen, als hätte er eine verdorbene Buchstabensuppe gefrühstückt, in der nur Anführungszeichen drinnen waren, die ihm in diesem Moment hochgekommen sind.

Es bleibt beim bekannten Plauderton, in dem die Brenner-Geschichten auch bisher illustriert waren, daher schwimmt man die Geschichte auch wie einen Fluss hinab. Allzuviel kann man nicht sagen, denn Kindesentführung, fanatische Abtreibungsgegner, Freunderlwirtschaft und Korruption vereinen sich zu einem nicht vorhersehbaren Mordausmaß, das der Brenner nur knapp überlebt. Und auch was der liebe Gott eigentlich damit zu schaffen hat, muss sich der geneigte Leser schon selbst erlesen. In Form geblieben. Der Brenner, wie er leibt und lebt.

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Krimi Roman

Volker Kutscher – Goldstein

Schlossbergstollen, Graz

Er schaute Rath an. „Glaub mir, ich war nicht immer so kaltblütig. Das lernt man mit der Zeit. Ein kleiner Eispanzer rund ums Herz, der hilft, weißt du, ein Panzer wie nach einem Eisregen.“ Er machte eine Pause und schaute in die Ferne, hinaus auf den westlichen Horizont, über dem der letzte kleine Rest des Tageslichts noch zu sehen war, bevor die Nacht das Regiment endgültig übernehmen würde.

Mit seinem dritten Roman rund um den unterweltnahen Kommissar Gereon Rath gibt Volker Kutscher seiner Geschichte eine interessante Wendung. Der titelgebende jüdische Gangster Abraham Goldstein erweist sich zwar als Nazischreck und nicht ganz harmlos, doch die richtig bösen Buben finden sich diesmal in den eigenen Reihen: Ein Geheimbund von Polizisten, die die Justiz selbst in die Hand nehmen. Gleichzeitig lässt Kutscher die Nazis aufmarschieren, noch auf hintergründige, aber doch bedrohlich wirkende Art.

Auch die Beziehung zwischen Gereon und seiner mehr oder weniger angebeteten Charly nimmt eine überraschende Wendung: Obwohl Rath den Verlobungsring bereits mit sich herumträgt, scheint stets etwas dazwischen zu kommen und es findet sich nicht der richtige Moment für einen Antrag. Und dann reist Charly auch noch für 6 Monate beruflich nach Paris …

Ein weiterer spannend geschriebener Krimi aus der Reihe um Gereon Rath aus dem Berlin der 20er.