Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit

Aber in der Geschichte wie im menschlichen Leben bringt Bedauern einen verlorenen Augenblick nicht mehr wieder, und tausend Jahre kaufen nicht zurück, was eine einzige Stunde versäumt.

Ohne den zugehörigen Geocache hätte ich vermutlich nicht zu diesem Buch gegriffen. Das Format der Kurzgeschichte motiviert mich nach wie vor nicht besonders und mit der Schachnovelle konnte ich zu Schulzeiten nichts anfangen. Aber was tut man nicht alles, wenn sich am Ende des Buches ein Geocache versteckt?

Die 14 Miniaturen (in dieser Ausgabe) erzählen von historischen Begebenheiten, die die Entwicklung der Welt verändert haben. Protagonisten sind dabei Komponisten (etwa Georg Friedrich Händel und Claude Joseph Rouget de Lisle, der Komponist der Marseillaise) und Literaten (Goethe, Dostojewski und Tolstoi), aber auch Feldherren, Generäle und Erfinder. Die Miniaturen beschreiben meist einen Höhenflug gefolgt von einem dramatischen Scheitern und enden nahezu ausschließlich mit einer pessimistischen Note (das Ende des großen Denkers Cicero sowie das Zitat oben sollen hier als Beispiele dienen).

Im gerade zu Ende gegangenen April hatte ich zwei Gelegenheiten, mir noch unbekannte Musicalstücke zu besuchen. Das Landestheater Linz setzte als Nischenprogramm eine Inszenierung von Stephen Sondheims Assassins auf den Spielplan. Das Stück basiert auf realen Begebenheiten, den (versuchten oder erfolgreichen) Attentaten auf US-amerikanische Präsidenten. Die Inszenierung lässt keine Fragen darüber offen, warum dieses Stück gerade jetzt auf dem Spielplan steht. Das Bühnenbild zeigt einen Club mit Bar und Bühne, wie es der Besucher möglicherweise aus Cabaret kennt. Während auf der Bühne die Attentäter die Beweggründe für ihre Taten schildern, sitzt im Publikum der (derzeitige) amerikanische Präsident mit seiner First Lady und etwa 15 Doppelgängern unter Plastikmasken. Der Präsident amüsiert sich über die Darbietungen, die auch die Ermordungen der gescheiterten Anarchisten mittels Hängen, Erschießen oder elektrischem Stuhl einschließt. Als Nachfolger der ermordeten Präsidenten gerät er schließlich jedoch selbst unter Beschuss.

Wie schon in der Linzer Inszenierung von Sweeney Todd (2008) wird auch in Assassins nicht auf die plastische Darstellung von Gewalt verzichtet. Einige Zuschauer fühlten sich dadurch sichtlich abgestoßen, ich hörte auf dem Weg zum Ausgang unter anderem „sowas gehört nicht auf die Bühne“. Auf diese Weise macht dieses Stück aber deutlich, dass Gewalt immer nur zu mehr Gewalt führt. Zwischen den Zeilen steht ein deutliches Plädoyer gegen die US-amerikanische Waffenlobby. Das Stück wurde in Linz im alten Landestheater (jetzt Schauspielhaus) an der Promenade gespielt. Leider war die Vorstellung nicht sehr gut besucht, ich könnte mir vorstellen, dass sich in einem intimeren Rahmen die Wirkung noch stärker entfaltet. Es ist jedoch immer wieder eine Überraschung, das in Linz aus Landesmitteln ein derart hervorragendes Programm finanziert wird. In Wien wäre dieses Stück nie so fein gestrickt auf die Bühne gekommen.

Die Grazer Oper zeichnet sich diese Saison mit der österreichischen Erstaufführung von Ragtime aus. Das Stück thematisiert Konflikte zwischen Menschen unterschiedlicher Rassen und Religionen und verlangt übergeordnet nach Gleichbehandlung und Gerechtigkeit. In der Figur der Mutter zeigen sich außerdem feministische Tendenzen, mit We Can Never Go Back to Before (Lyrics) besingt sie neben dem Ende ihrer eigenen Liebe zwischen den Zeilen den gesellschaftlichen Wandel, der keine Rückkehr in bekannte Muster erlaubt. Auch diese Inszenierung kann in Österreich nur an einem subventionierten Landestheater (und als Koproduktion des Staatstheaters Braunschweig mit dem Staatstheater Kassel) stattfinden, der hohe Aufwand an Darstellern und Bühnenbild wäre anders nicht zu stemmen. Die Musik ist unterschwellig, es lassen sich kaum Songs hervorheben (kein Hit-Material, wie die Kritiker sagen würden). Das Stück ist geprägt von der Grundidee der Menschenwürde und der Gleichheit aller Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Abstammung oder Religion.

Sowohl das oben beschriebene Buch als auch die beiden Musicals befassen sich übergeordnet mit der Menschheit und ihren Höhenflügen und Abgründen. Es kann nie eine bessere Zeit geben, sich bewusst zu machen, was den Menschen eigentlich auszeichnet: die Fähigkeit, Güte zu zeigen, zu verzeihen und aufzustehen und für Schwächere Partei zu ergreifen. Österreichs Kulturlandschaft leistet hier wertvolle Beiträge, die gewürdigt und verbreitet werden sollten. Ragtime steht noch am 9. und 10. Mai in Graz auf dem Spielplan, Assassins kann in Linz noch bis zum 16. Juni an mehreren Terminen besucht werden.

Werner Kopacka, Thomas Schrems – Zuadraht

Uhr vor dramatischem Wolkengebilde im Kurpark Oberlaa

„Ich weiß. Man weiß nie. Noch ein kleiner Tipp, Herr Leimböck. Treiben Sie den Stocker nicht schon zu Beginn in die Enge. Sonst schlägt er blindlings um sich und spielt wider jede Vernunft. Er ist einer, der jederzeit zudreht, auch ohne Atout.“

Hier präsentiert sich also ein österreichischer Krimi, der nicht nur in Graz spielt, sondern auch mit tief verwurzelten österreichischen Eigenheiten. Wenn man will, kann man in diesem Werk ebenso eine Parabel auf die Neidgesellschaft, die in unserem Land ja so tief verwurzelt ist, sehen. Oder man sieht einfach nur einen spannenden Krimi mit Option auf Fortsetzungen.

Als Gegenpole stehen sich der Kriminalkommissar Leimböck und der Mörder Hofer gegenüber, dem Leser wird von Anfang an nicht vorenthalten, was den Verbrecher antreibt: Persönliche Rachegelüste haben ihn einen komplizierten Plan entwickeln lassen, der auch lange problemlos funktioniert. Beide zeichnet in ihren Gedanken ein ständiger Bezug zum Kartenspiel aus, eine Grundkenntnis der Regeln des Schnapsens ist für den Leser von Vorteil, um diese Feinheiten auch ausreichend würdigen zu können.

Eines Tages wird der mächtigste Mann der Welt Schwarzenegger heißen, davon bin ich felsenfest überzeugt. Ich bin auch überzeugt davon, dass das Außergewöhnliche, das in ihm steckt, etwas mit dem Ort zu tun hat, in dem er geboren wurde und aufgewachsen ist. Der befindet sich nur wenige Kilometer außerhalb von Graz. Zu meinem Glück. Man könnte fast sagen, dass das Dorf Thal ein Vorort von Graz ist.

Es ließe sich auch argumentieren, dass sich hier deutlich die Spuren amerikanischer Krimiserien abzeichnen: eine „Profilerin“ aus Wien wird dem Kommissar Leimböck zur Seite gestellt, wäre dies ein Film, würde sie wohl einer der Damen aus Criminal Minds ähnlich sehen. Gleichzeitig verwässern diese Elemente nicht das österreichische Flair, es bleibt stets alles auf dem Boden der Tatsachen. Der tiefe psychologische Blick in die Motive und damit in die Seele des Mörders ergibt auf dem Papier eine ebenso spannende Wirkung wie in den erwähnten amerikanischen Serien.

Für Krimifreunde stellt dieses Werk in jedem Fall eine interessante Abwechslung dar, abseits von den bekannten Mustern eines Brunetti oder Wallander. Das Buchcover (der Paperback-Ausgabe) ist leider nicht so gelungen wie der Roman …