H. C. Artmann – How much, Schatzi?

Ein kuß in ehren konzipiert wird zum blindwütigen geilbiß, veranlaßt den schrei einer bislang makellos gebliebenen Jungfrau, schnellt einen ruhenden jäger aus haferlschuh und hose, verursacht den waidwidrigen tod eines sonnenhungrigen hasen, überflort die frühlingsfreude einer freundlichen witterung, verstummt das wimmerrohr eines fröhlichen waldfreaks, verkehrt ein idyll aus warmem licht und heitrem junglaub in eine garstige gehenna, in ein scheol aus wohlstandsmüll und zähneklappern, ja gar nicht zu denken an die malträtierten mannen eines längstdahingehuschten grottenklausners aus hehrer zeit!

Wie letztens schon dieses Artmann-Werk diente dann auch diese Geschichtensammlung zur Lösung eines Mystery-Caches. Truth be told: Aus anderen Gründen hätte ich dieses Buch wohl kaum gelesen. Mit diesen Geschichten, die jede Realität Lügen strafen, um der Wahrheit näherzukommen (Klappentext), konnte ich auch nicht mehr anfangen als mit den Mythen aus Lappland. Hier beschäftigt sich Artmann hauptsächlich mit den Abgründen der Menschheit, Gier, Lust, Macht, Betrug, … Seine Protagonisten haben kaum je eine gute Eigenschaft, Spritzer von Höflichkeit gegenüber Höhengestellten sind da schon das Höchste der Gefühle. Horizonterweiterung.

Ingrid Noll – Kalt ist der Abendhauch

Charlotte erwartet Besuch von ihrem Schwager Hugo, für den sie schon als Jugendliche geschwärmt hat. Die nun 83-Jährige beginnt sich zu erinnern und gleichzeitig ihre Wohnsituation auf den Kopf zu stellen, um auf den alten Herrn nicht wie eine alte Schachtel zu wirken. Der Enkel Felix und seine Freunde starten eine umfassende Renovierung und bringen ganz schön Unruhe in Charlottes Alltag.

Stück für Stück erzählt Charlotte in Rückblenden ihre Familiengeschichte inklusive der dunklen Geheimnisse, die sie mit Hugo verbinden. Der Versuch, diese mit ins Grab zu nehmen, scheitert, letztendlich wird die jüngere Generation umfassend über die wahren Familienverhältnisse aufgeklärt. Eine angenehm unaufgeregte Familienerzählung mit einer charmanten Protagonistin, die nicht nur eine alte Dame, sondern eine beeindruckende Persönlichkeit ist.

A. L. Kennedy – Das blaue Buch

Doch euer jeweiliges Selbst ist verschmolzen, verwischt, verbunden. Er hat ein vereintes Begehren aus dir gemacht, ein Stück Verzweiflung, nur durchs Dasein und Existieren – mühelos.

Da liest man den Klappentext. Man meint sich an ein anderes Werk der Autorin zu erinnern (mein Blog spuckt nichts aus und auch die Titel laut Wikipedia sagen mir nichts) und erwartet sich eine Lovestory, etwas Entspannendes für zwischendurch. Und wird enttäuscht. Aber auch nicht.

Das mag dir hässlich und unangenehm vorkommen, fremd – denn du besitzt Integrität, Unehrlichkeit passt einfach nicht zu dir, wie könnte sie auch? Aber kein Mensch nimmt es immer ganz genau, ist unablässig tapfer: Du kannst dich von diesem oder jenem Rand der Wahrheit abschrecken lassen – so wie jeder.

Anstatt einer entspannenden Kreuzfahrt-Liebesgeschichte bekomme ich also ein komplexes Psychogramm inkl. Rückblick in die Kindheit zwecks Ergründung der Entstehung der Persönlichkeitszüge der beteiligten Erwachsenen. Nicht erwartungsgemäß. Bis zum Schluss bleibt unklar, wem die Geschichte im blauen Buch erzählt wird. Es scheint stets ein Außenstehender zu sein. Der in der Geschichte noch nicht vorkam. Ein Irrtum.

Ich versuche nicht bloß, von ihnen wegzukommen, weg von der Hilfe, die sie womöglich anbieten, die mir nicht wirklich helfen kann und die ich nicht ertragen kann, weil mir nicht mehr zu helfen ist, ich mich aber nur ungern daran erinnern lasse. Ich laufe nicht bloß weg, ich suche. Ich suche ihn. Idiotin.

Die Situation erweist sich als spannend. Eine kluge Idee, die beiden Verschwörer durch Zahlen miteinander kommunizieren lassen. Es erlaubt so viele Zwischentöne, so viel Interpretation. Es erschafft eine eigene Welt, die nur diesem Paar gehört. Und doch sind sie kein Paar. Gehören aber vielleicht doch zusammen. Ohne es mit Sicherheit wissen zu können.

Also nicht mehr Gedanken als nötig. Was gut ist. Eins nach dem anderen, nur über das, was wir denken müssen. Nicht über alles. Alles wäre zuviel.

Immer wieder beschleicht mich das Gefühl, dass je nach Lebenslage bestimmte Bücher „zu mir kommen“. Dass ich unwillkürlich zu einem Buch greife, das mir etwas sagt, das zur aktuellen Situation passt. Die kritische Stimme denkt natürlich anders: viel wahrscheinlicher ist es, dass man unbewusst diese Bücher auswählt oder dass man Inhalte anders interpretiert, so dass sie zur eigenen Lebenssituation passen. Im Prinzip könnte man auch das Horoskop lesen … das stellt sich jedoch selten so aufwühlend und am Ende überraschend heraus wie diese Geschichte.

Die lächerlichen, nackten, lächerlichen Dinge, die wir sagen.

Arno Geiger – Alles über Sally

Vielleicht stimmte es, dass alles Friedliche eine unruhige Vergangenheit besitzt. Vielleicht wussten sie es nur nicht, weil wie so dumm waren wie das Leben selbst.

Wenn der Weihnachtsstress hereinbricht, kann einem diese Onlinebücherei ganz schön Stress verursachen … gerade hab ich’s noch geschafft, das Buch zu beenden, bevor es vorweihnachtlich verschimmelt. Und das noch mit einem unerwarteten Bug. Die Erstdatei mit allen meinen Bookmarks hat sich vor der Zeit selbst zerstört und daher sind meine ganzen Notizen und Highlights weg. Immerhin konnte ich es nochmal runterladen und wenigstens noch die letzten 15 Seiten lesen. Ich sah mich schon in der Buchhandlung stehen und dort zu Ende lesen …

Also … alles über Sally. Arno Geiger ist auch einer dieser österreichischen Autoren, die in den vergangenen Jahren so gehypt wurden, dass ich schon mal prinzipiell skeptisch bin, sie könnten abgehoben und metaphorisch sein, sodass man nichts versteht (mit Clemens J. Setz’ Söhne und Planeten konnte ich beispielsweise überhaupt nichts anfangen). Bei „Alles über Sally“ ist sich der Einstieg bei weitem nicht so kompliziert und auch wenn sich Sally oder ihr Mann Alfred manchmal in etwas zu ausgedehnten Grundsatzmonologen verlieren, wird es doch selten langweilig.

Arno Geiger zeichnet die Ehe von zwei gealterten Menschen, die in ihrer Jugend aus dem Establishment ausbrechen wollten (wollten wir das nicht alle?), die dann aus einem niemals thematisierten Grund den traditionellen Weg Heirat-Haus-Kinder einschlagen und 20 Jahre später ernüchtert feststellen, dass ihre Ehe unter der Last der Zeit zerbröselt. Während Alfred sich selbst versichert, alles nochmal genauso machen zu wollen, träumt Sally von Freiheit und fragt sich, ob sie nicht mehr vom Leben haben hätte können. Beide haben Affären, beide wissen von den Affären des anderen, beide wähnen sich in Sicherheit, beide schweigen.

Bedrückend ist die Realitätsnähe, die man auf jeder Seite spüren kann. Dieses Paar könnten unsere Nachbarn sein, dieses Paar könnten wir aber auch selbst noch werden, dieses Paar könnten wir gewesen sein (je nach Alter). Dieses junge, lebensfrohe Paar könnten wir gewesen sein wollen. Und doch steht niemals eine Trennung von Sally und Alfred wirklich im Raum. Sie hängen aneinander, an der Sicherheit, die sie sich gegenseitig geben. Vielleicht ist es diese Sicherheit, die eine Ehe ausmacht, die viele Ehen am Leben hält, während andere auseinandergehen. So schenkt ihnen der Autor auch zum Abschluss einen versöhnlichen, nachweihnachtlichen Moment der Stille.

David Baldacci – Die Versuchung

Taj Mahal @ Minimundus, Klagenfurt

Die Wahrheit sah so aus, dass jeder Winkel dieser Wohnung ihm jederzeit schmerzliche Erinnerungen bringen konnte. Doch seit geraumer Zeit war er zu der Einsicht gelangt, dass das gar nicht so schlimm war. Schmerz war ein wunderbar motivierendes Instrument.

David Baldacci ist ja unter anderem als Meister des gepflegten Thrillers bekannt. In diesem Roman nimmt er sich viel Zeit, um seine Geschichte aufzubauen, manchmal kommt einem fast das Gähnen, wenn man die Protagonistin LuAnn ins Unglück, das sich mittels Lotteriegewinn als Glück tarnt, rennen sieht. Einerseits wird lang und breit das Vorleben von LuAnn thematisiert, aber Baldacci lässt uns nicht nur in den Kopf und ins (Vor-)Leben seiner Heldin blicken, sondern gibt auch dem Mörder eine Vergangenheit – und einen tyrannischen Vater.

Jackson lachte. „Die Leute sollten wirklich mehr Achtung vor Technikern haben, Mr. Donovan. Techniker kontrollieren nämlich alles, weil sie die Geräte kontrollieren, die wiederum den Informationsfluss kontrollieren. Ich nehme die Dienste vieler Techniker in Anspruch. Ich brauchte keine Bosse zu bestechen. Sie sind ohnehin nutzlos. Fette, unfähige Hampelmänner. Da sind mir die Arbeitsbienen viel lieber.“

Tatsächlich ist auch die Geschichte des Antagonisten Jackson spannender als die Haupt-Storyline. Wie hat er den Lotteriebetrug bewerkstelligt? Warum dieses Faible für Verkleidungen? Warum die Kaltblütigkeit, mit der er tötet? LuAnn und die anderen positiv besetzten Figuren der Geschichte haben kaum Ecken und Kanten, sie scheinen rundum gut zu sein, natürlich hat die gute LuAnn Gewissensbisse wegen dem vermeintlich begangenen Mord und dem Lotteriebetrug. Und auch der durch und durch gute Mann, der LuAnn erst seine Liebe gesteht, als er sicher sein kann, dass sie nicht glauben kann, er würde sie nur wegen ihres Geldes wollen. Da ist ein psychopathischer Mörder, der mit Milliardengewinnen aus veranlagtem Lotteriegeld nicht genug hat, schon deutlich interessanter.

Als Jackson die Straße hinunterging, schwirrte ihm immer noch der Kopf bei dem Gedanken an das Verbrechen, das er soeben begangen hatte. Dann aber richteten seine geistigen Energien sich wieder auf jenen Menschen, der seiner Meinung nach für alles verantwortlich war.

So hat sich letztendlich doch der langwierige Aufbau der Geschichte gelohnt. Nicht sein bestes Werk, aber vermutlich auch nicht das Schlechteste.

Ildikó von Kürthy – Endlich!

Hafenpromenade Helsinki

Ob ich es jemals bereut habe? Ja, selbstverständlich. So, wie ich jede Entscheidung, die ich jemals getroffen habe, bereut habe. Ich bin einfach nicht der Typ, der sich gerne entscheidet und dann auch noch seinen Frieden macht mit der einmal getroffenen Entscheidung.

Ja, wer sich für Sommerunterhaltung auf niedrigem Niveau entscheidet (zum Ausgleich für andere Strapazen), der könnte wohl genau das bekommen. Allerdings hatte ich es mir so dann doch nicht vorgestellt. Jammern kann ich nämlich selber ganz gut.

Aber mir persönlich sind keine Frauen bekannt, die sich behaglich zurücklehnen. Frauen sind stetig vor sich hin sprudelnde Nölquellen, immer unzufrieden, immer damit beschäftigt, irgendwas zu optimieren, meistens ihren Partner oder ihre Figur.

Gerade im ersten Teil des Buches kann man sich schon mal etwas verwirren lassen, wenn man zwischendurch eventuell auch mal was anderes zu tun hat. Die Protagonistin Vera erzählt in Rückblenden nicht nur ihre eigene, sondern auch nahezu die gesamte Lebensgeschichte ihrer Freunde. Das geht dann ein Stückchen zu weit. Von einem Moment auf den anderen ist die Rede von Marcus (Veras Mann), dem Betrüger, und ich musste zurückblättern, wo ich jedoch nicht fündig wurde. Erst 10 Seiten später wird die ganze Geschichte aufgelöst, das grenzt dann fast schon an Anstrengung. Wenigstens haben die Freunde Johanna und Erdal etwas spritzigere Lebensansichten zu bieten:

„Frisch und ausgeruht, wenn ich das schon höre! Du hast keine Illusionen mehr, kaufst einen Luftbefeuchter und trinkst zu jedem Glas Wein ein Glas Wasser. Schnarch.“

Vera selbst jammert leider nur großräumig rum. Schon als ihre heile Welt noch in Ordnung ist, kann man ihr kaum was recht machen, aber als der Betruf ihres Mannes erstmal aufgedeckt ist, gibt’s außer Gejammer über die Männer noch jede Menge Gejammer über gesellschaftliche Konventionen, die Frauen auferlegt werden (Karrierefrauen, Rabenmütter, muss ich mehr sagen?) und die Probleme, diesen zu entsprechen. Und auch zum Schluss entscheidet das Schicksal über das Leben von Vera. Und nicht Vera selbst.

Ich könnte jetzt tatsächlich ganz einfach mal so sein, wie ich bin – oder so, wie ich immer schon mal sein wollte.

Anna Gavalda – Ich habe sie geliebt

Rose(c)hirekatsu/SXC

Ich hatte sie zutiefst verletzt. Sie hob den Kopf und sah mir in die Augen. Es war das erste Mal seit Jahren, dass wir uns so lange anschauten. Ich versuchte, etwas Neues in ihrem Gesicht zu entdecken. Unsere Jugend vielleicht … Die Zeit, als ich sie noch nicht zum Heulen brachte. Als ich noch keine Frau zum Heulen brachte und als mir allein die Vorstellung, an einem Tisch zu sitzen und über Liebesgefühle zu plaudern, unvorstellbar erschienen war.

Chloé wurde von ihrem Mann verlassen. Ihren Schmerz ertränkt sie im Haus ihres Schwiegervaters. Sie bemitleidet sich selbst und lässt dem Hass auf ihren Mann freien Lauf. Natürlich kann sie nicht fassen, warum ihr Mann Adrien sie und die gemeinsamen Töchter verlassen hat, um mit einer anderen Frau neu anzufangen.

Ihr Schwiegervater Pierre, den sie als mürrischen, alten Mann kennt, erzählt ihr schließlich eine Geschichte aus seinem eigenen Leben. Auch er hat sich in eine andere Frau verliebt. Doch den Mut, seine Frau zu verlassen, hat er nicht aufgebracht. Er zeigt Chloé und dem Leser eine andere Perspektive aus dem Beziehungsuniversum. Er hat nicht nur seine Frau verletzt, sondern auch seine Geliebte, die lange vergeblich auf ihn wartete.

Was uns diese Geschichte zeigt, ist, dass es in der Liebe nicht immer nur Schwarz und Weiß gibt, die Grautöne sind oft entscheidend. Und jede Entscheidung kann falsch oder richtig sein. Meistens bekommt man nur eine Chance. Viel zu oft wird man das erst Jahre später erkennen.