Eric-Emmanuel Schmitt – Enigma

Nun … irgendwie spricht aus Ihnen Hass: warum? Wo kommt der her, dieser Hass. Hass hat niemals Hass als Ursprung, er drückt … etwas anderes aus … Leid, Enttäuschung, Eifersucht, Angst …

Du planst für die (leichtsinnig viel zu spät begonnene) Reading Challenge und suchst nach einem Theaterstück. Ein Lithub-Post bringt dich auf Eric-Emmanuel Schmitt, der hat doch auch ein paar Stücke geschrieben. Du wählst blind in der Bücherei eines aus, ohne auch nur die Inhaltsangabe zu überfliegen. Du beginnst zu lesen. Schon auf den ersten Seiten erinnert dich das Setting an ein Stück, das du vor einigen Jahren im Theater der Jugend gesehen hast. Kann doch aber nicht sein, oder? Du liest weiter und wartest auf den Twist der Handlung, der dir klar macht, dass es nur eine zufällige Ähnlichkeit ist (zwei Männer auf einer Insel, passendes Setting für kleine Theater …), außerdem würdest du dich doch wohl erinnern, wenn du das Stück schon gesehen hättest. Du liest weiter und gelangst schließlich zu dem Plot Twist, der dir klar macht, dass es tatsächlich das Stück ist, das du vor Jahren im Theater gesehen hast.

Yasmina Reza – Der Gott des Gemetzels

Für die Reading Challenge musste ich auch ein Theaterstück auswählen und entschied mich für Yasmina Reza. An die Trailer zur Verfilmung von Roman Polanski kann ich mich noch einigermaßen erinnern, da wurden natürlich die drastischen Szenen aus der zweiten Hälfte des Stückes verwendet.

Meine Erinnerung scheint mich zu trügen, ich hatte gemeint, mich zu erinnern, dass wir in meiner zweiten Episode mit dem Theater der Jugend einmal ein Stück von Yasmina Reza dabei hatten, kann jedoch keine Erinnerungsfetzen an Ein spanisches Stück finden. Möglicherweise hatte ich auch an diesem Termin gerade keine Zeit.

Véronique: Wir versuchen, sie zum Lesen zu bringen. Wir nehmen sie in Konzerte und Ausstellungen mit. Wir sind so naiv, an die zivilisierende Kraft der Kultur zu glauben!

Alle 4 Protagonisten des Stückes sind auf ihre Art unsympathisch, wobei ich schon sagen muss, dass Alain deutlich mehr Unsympathie auf sich zieht, als etwa die dem zivilisierten Umgang huldigende Veronique. Die Elternpaare treffen sich, um den Umgang mit einer Prügelei ihrer Söhne zu besprechen und geraten darüber selbst in einen Streit, der sogar mit Tätlichkeiten endet und die zerrütteten Familienverhältnisse bloß stellt. Auf Papier plätschert das Ganze irgendwie vorbei, auf der Bühne stelle ich es mir kurzweilig vor.

Reading Challenge: A play

Daniel Glattauer – Die Wunderübung

Dieses Büchlein hatte mir vor einiger Zeit eine Freundin zum Geburtstag geschenkt. Ich hatte es mir dann als Notfallbuch in eine selten benutzte Tasche gepackt, für den Fall, dass ich mal nichts zu lesen dabei haben sollte (…). Passiert ja doch nie …

Ein Drei-Personen-Theaterstück. Der Paartherapeut (im ersten Akt nur Berater genannt), sowie das Ehepaar Dorek. Das Ehepaar ist tief in Beziehungsprobleme verstrickt, der erste Akt reitet beide immer mehr hinein in alle Konflikte, die schon lange zwischen ihnen schwelen.

Im zweiten Akt ändert sich plötzlich die Stimmung. Die Richtung kehrt sich um, der Therapeut gerät selbst in eine unangenehme Situation und wird schließlich vom (nicht mehr streitenden) Ehepaar gemeinsam in die Zange genommen. Bis die Therapiestunde mit einem Knalleffekt endet.

Mit drei guten Schauspielern auf einer intimen Bühne stelle ich mir das wirklich lustig vor. Genug Platz für Regieanweisungen und originelle Interpretationen durch die Darsteller ist auch noch offen gelassen. Wikipedia meint:

Daniel Glattauers Theaterstück Die Wunderübung wurde unter der Regie von Michael Kreihsl im Januar 2015 am Wiener Theater in der Josefstadt uraufgeführt.

Reading Challenge: A book you can finish in a day

Michel Houellebecq – Karte und Gebiet

Noch nie hatte er etwas so Herrliches gesehen, das so reich an Emotionen und Sinn war wie diese Michelin-Karte der Departements Creuse und Haute-Vienne im Maßstab 1:150.000. Die Quintessenz der Moderne, der wissenschaftlichen und technischen Erfassung der Welt, war hier mit der Quintessenz animalischen Lebens verschmolzen. Die grafische Darstellung war komplex und schön, von absoluter Klarheit, und verwendete nur eine begrenzte Palette von Farben.

Im Jänner dieses Jahres war ich mit Freunden in der Garage X im Theaterstück „Karte und Gebiet“, das auf diesem Roman beruht. Der Vorschlag kam von Freundin K. Eigentlich hatte ich im Anschluss zeitnah das Buch lesen wollen, natürlich dauerte es dann doch wieder einige Monate. Einerseits kam immer wieder irgendein anderes Buch dazwischen, andererseits habe ich dann auch mehrere Wochen gebraucht, bis ich mit diesem Monumentalwerk durch war.

Der Kontrast war frappierend: Während auf dem Satellitenfoto nur eine Suppe aus mit verschwommenen bläulichen Flecken übersäten, mehr oder weniger einheitlichen Grüntönen zu erkennen war, zeigte die Karte ein faszinierendes Netz von Landstraßen, landschaftlich schönen Strecken, Aussichtspunkten, Wäldern, Seen und Pässen. Über den beiden Fotos stand in schwarzen Lettern der Titel der Ausstellung: „Die Karte ist interessanter als das Gebiet.“

Der Roman beschreibt das Leben des Künstlers Jed Martin. Für seinen Ausstellungskatalog braucht er ein Vorwort und sein Galerist schlägt den Autor Michel Houellebecq vor. Der Autor lässt sich also in seinem eigenen Buch auftreten. Man darf spekulieren, dass es sich um eine Kunstfigur handelt, die allgemein den Typus eines gealterten, desillusionierten Autors darstellt. Oder man versteht es als eine Persiflage der Autorenschaft im Allgemeinen.

„Jed Martin hat zwischen der mystischen Vereinigung mit der Welt und der rationalen Theologie seine Wahl getroffen. Er hat vielleicht als Erster in der westlichen Kunst seit den großen Malern der Renaissance den nächtlichen Versuchungen der Hildegard von Bingen die schwierigen, aber klaren Lehren des ,stummen Ochsen’, wie Thomas von Aquin von seinen Mitschülern an der Kölner Klosterschule genannt wurde, vorgezogen. Auch wenn diese Wahl natürlich anfechtbar ist, steht die hohe Gesinnung, die sie impliziert, außer Zweifel.…“

Das obige Zitat aus einem von Jeds Ausstellungskatalogen gibt gut wieder, wieso der Roman streckenweise schwer zu lesen ist. Seitenlang ergeht sich der reale Autor in Detailbeschreibungen von Architektur (Jeds Vater war als Architekt tätig, sein Erfolg in jungen Jahren mündete jedoch in den Bau von Standard-Ferienwohnanlagen und ein vereinsamtes Ende in einem Euthanasieressort in der Schweiz), Kunst und Schriftstellertum. Jeds Werke unterschiedlicher Gattung werden ausführlich beschrieben, gerade die Verbindung der unterschiedlichen Medien bei den Michelin-Karten oder auch bei Jeds Spätwerken wird zu einer künstlerischen Höchstleistung stilisiert.

„Auch wir sind Produkte“, fuhr er fort, „kulturelle Produkte. Auch wir sind eines Tages überholt. Dieser Prozess spielt sich auf die gleiche Weise an – nur mit dem Unterschied, dass es bei uns im Allgemeinen keine eindeutige technische oder funktionale Verbesserung gibt; nur die Forderung nach Neuheit bleibt, und zwar im Reinbestand.

Zu Beginn hat mich der Roman schon an das im Theater Erlebte erinnert, der Besuch lag inzwischen schon einige Zeit zurück, aber Jeds Entwicklung – vor allem seine Beziehung zu Olga – und das gespaltene Verhältnis zu seinem Vater waren mir in Erinnerung geblieben. Die Geschichte fühlte sich wie ein alter Freund an.

Ein Menschenleben ist im Allgemeinen nur eine Kleinigkeit, es lässt sich in wenigen Ereignissen zusammenfassen, und diesmal hatte Jed die Verbitterung und die verlorenen Jahre, den Krebs und den Stress und auch den Selbstmord seiner Mutter wirklich begriffen.

Und doch ist mir ein Rätsel, wie ein Regisseur glauben konnte, diesen Roman auf die Bühne bringen zu können. Gerade der letzte Teil, in dem der fiktive Autor Houellebecq von einem Mörder bizarr niedergemetzelt wird, wurde auf der Bühne sehr abgehoben dargestellt. Wofür im Roman nicht mit Worten gespart wurde, musste auf der Bühne zwangsweise verkürzt präsentiert werden.

Vielleicht macht sich der reale Autor Houellebecq einfach über das ganze Kunst-Business lustig. Jed steht zwischen seinem kapitalistischen Vater und dem fiktiven Autor Houellebecq, der die Kunst (und deren Verfall) symbolisiert. Und mit dem teuren Verkauf seiner Bilder verbindet Jed schließlich beides. Und gerät deshalb in eine Identitätskrise? Im letzten Teil des Buches wird Jed zum Einsiedler, wie es der fiktive Autor in seiner Zeit in Irland ebenso war. Bleibt dem Künstler nur die Einsamkeit, um wirklich herausragende Kunst schaffen zu können? Das Bild „Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf“, an dem Jed scheitert und daraufhin mit dem Porträt des fiktiven Autors seine Porträtserie beendet, kann ebenso als Persiflage des „kulturellen Produkts“ an sich verstanden werden.

… die Welt war alles andere als ein Gegenstand künstlerischer Emotionen, die Welt stellte sich eindeutig als ein rationaler Bezugsrahmen ohne jede Magie und ohne besonderes Interesse dar.

Tenessee Williams – Endstation Sehnsucht / Die Glasmenagerie

Klappentext: zwei leidenschaftliche Theaterstücke, die den dramatischen Ruhm von Tennessee Williams begründet haben.

Dass Theaterstücke für die Bühnenwirkung geschrieben werden, steht außer Frage, daher verlieren sie auf Papier zum Lesen wohl den Großteil ihrer dramatischen Wirkung. Wobei “Die Glasmenagerie” mit ihren detaillierten Beschreibungen der Gefühlslage Lauras durchaus berührt.

Allen Interessierten empfehle ich jedoch den Besuch einer Aufführung der Stücke, zum Lesen eignen sich Romane besser, Theaterstücke wirken mehr auf der Bühne.