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Marjana Gaponenko – Wer ist Martha?

Mit einem verzückten Lächeln schaut Lewadski durch das Opernglas auf die Bühne und sieht – nichts. Er schaut viel weiter, er schaut in seine eigene Freude hinein.

Zu Anfang des Buches erhält der Protagonist Lewadski ein Todesurteil: Krebs. Der Professor der Ornithologie verweigert sich dem Rat des Arztes und bricht stattdessen nach Wien auf, um seine letzte Zeit auf Erden zu genießen. Seine Erlebnisse gleiten zusehends ins Illusionäre ab, immer absurder werden die Gespräche, die der menschenscheue Lewadski mit anderen Menschen im Hotel in Wien führt. Für mich gab es einen Knackpunkt, an dem ich plötzlich sicher war, dass es sich hier um Träume oder Visionen handelt und ab diesem Punkt fragte ich mich dann, ob Lewadski überhaupt nach Wien gefahren ist oder ob schon von Anfang an die Diagnose seinen Geist verwirrt hat. Antworten darauf gibt der Roman keine. Vieles bleibt der Vorstellungskraft der Leser*in überlassen. 

Es war der Zauber des Abschieds, ein Versprechen, das sich fern von dieser Welt erfüllen wollte.

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Marco Balzano – Damals, am Meer

„Man braucht Mut, um anzufangen, zu glauben. Und ich fürchte, die Kraft, sich ganz dem Unbekannten zu überlassen, die habe ich nicht.“

Keine Ahnung, wie mir das passieren konnte. Auf einmal hatte ich zwei Bücher gleichzeitig in Arbeit (eins auf Papier, eins am Kindle), die sich mit einem oberflächlich ähnlichen Thema beschäftigten. Beide spielen in Italien, Protagonist ist jeweils ein junger Mann, der seinen Platz im Leben sucht, scheinbar ziellos herumwandert und nicht weiß, wo er hingehört. Das erste dieser Bücher war der letzte Post (Fabio Volo: Zeit für dich und Zeit für mich) und ich habe das Gefühl, dass ich schon so kurz danach anfange, es anders zu sehen. Vor allem das überraschende, offene Ende stört mich zunehmend. Wieder eine Parallele. Denn auch Damals, am Meer hört auf einmal auf. Es gibt keine Richtung, es scheint, als wäre der junge Mann um nichts schlauer, als er zu Anfang des Buches war. Möglicherweise habe ich nicht ausreichend zwischen den Zeilen gelesen, aber ich konnte keine Entwicklung feststellen.

Man sah, dass er rundum Stücke von sich suchte, aus den Schuljahren, aus seiner Jugend. Großvater nicht. Großvater Leonardo suchte einen untergegangenen Hafen, seine Stadt unter dem Meer, die beim plötzlichen Einbrechen einer Welle wieder an die Oberfläche käme.

Großvater, Vater und Sohn machen sich auf den Weg, um eine Altlast der Familie loszuwerden, eine Wohnung in einer Stadt am Meer, die schon lange von niemandem mehr benutzt wird und alle Familienmitglieder drücken sich vor der Verantwortung, nach dem Rechten zu sehen. Schließlich ist des der Großvater, der die Entscheidung trifft, dass die Wohnung verkauft werden muss. Großvater und Vater wollen sich der Sache annehmen, der Sohn schließlich fährt mit, da er als Lehrer im Sommer sowieso nichts zu tun hat und auch noch auf Arbeitssuche ist. Es hätte ein Roadmovie werden können (das hatte ich wohl beim Kauf gehofft) und fühlt sich in manchen Passagen auch ein bißchen danach an. Etwa der Umweg zu einem Kloster, um einen alten Freund des Großvaters zu besuchen, verspricht deutliches Potenzial, dass der geplante Weg verlassen werden könnte. Vielleicht wird doch alles anders?

Zwischen den Zeilen werden Bruchstücke der Familiengeschichte erzählt. Während der Großvater noch immer den lokalen Dialekt der Ortschaft am Meer spricht und sich mit „hochitalienisch“ eher schwer tut, muss sich der Vater anstrengen, um sich an die Worte des lokalen Dialekts zu erinnern, der Sohn spricht den Dialekt gar nicht, er ist in Mailand aufgewachsen und war in der Ortschaft am Meer immer nur über den Sommer zu Besuch. Kleine und größere Konflikte werden ausgetragen. Für den Großvater ist es eine Abschiedsreise. Er muss annehmen, dass er nach dem Verkauf der Wohnung nie mehr hierher kommen wird. Vermutlich werden Vater und Sohn das auch nicht, aber ihnen bleibt immerhin noch mehr Zeit. Das Begräbnis eines Freundes des Großvaters, der erst wenige Tage zuvor verstorben ist, trübt die Stimmung zusätzlich.

Am Ende wird die Wohnung verkauft. Es ist keine interessante Information, kein Spoiler, denn die Wohnung ist nur ein Symbol für den Abschied von der Vergangenheit. Vielleicht ist es doch ein Roadmovie. Denn der Weg zählt, das Ziel ist letztlich nicht so wichtig und auch unspektakulär. So gesehen dann doch wieder eine Lebensweisheit. Weise verpackt in eine Reise. Also doch ein Roadmovie.