Claire Vaye Watkins – Gold Fame Citrus

Kürzlich wurde auf Lithub ein Liste mit Romanen zum Thema Klimawandel veröffentlicht. Da mich solche Zukunftsgeschichten immer wieder mal interessieren, habe ich mir die Bücher, die ich in der Overdrive Library finden konnte, zum Lesen markiert. Auch auf der Liste zu finden ist South Pole Station von Ashley Shelby, das ich zu Anfang dieses Jahres gelesen habe. In meinen Augen würde auch das schon etwas ältere Werk Ein Jahr voller Wunder von Karen Thompson Walker auf diese Liste passen.

In Gold Fame Citrus leben AmerikanerInnen in einer Welt, die zunehmend von Wassermangel geprägt ist. Große Teile der USA bestehen nur noch aus einer Wüstenlandschaft. Evakuierung in die kühleren nördlichen Teile des Landes ist für viele Menschen die einzige Möglichkeit, um zu überleben.

Luz und Ray haben bisher in Kalifornien ausgehalten. Mit rationiertem Wasser schlagen sie sich schlecht und recht durch. In der verlassenen Villa eines Filmstars in einem Canyon setzen sie sich gegen Tiere zur Wehr, die mit der Hitze und dem Wassermangel besser zurecht kommen als Menschen. Sie haben Geld und können sich daher auch auf dem Schwarzmarkt Raritäten wie Blaubeeren kaufen.

Die vermeintliche Idylle zerbricht im Rahmen eines Festes, bei dem Luz mit einem kleinen Mädchen Kontakt aufnimmt. Das Alter des Kindes wird niemals genau genannt, sie kann schon alleine laufen und einige Sätze sprechen, wird aber im weiteren Verlauf der Geschichte immer wieder als Baby bezeichnet. Das Kind scheint von seiner Familie vernachlässigt zu werden. Die Entscheidung wird schnell getroffen: Luz und Ray entführen das Kind.

Die Autorin schafft es auf bemerkenswerte Weise, die beiden Kindesentführer so darzustellen, dass sie dem Leser trotzdem sympathisch bleiben. Sie handeln (scheinbar) aus Sorge um das Kind, obwohl sie die Umstände gar nicht genau kennen. Sie nehmen sich nicht die Zeit, Gründe der Familiensituation zu hinterfragen, sie sind sich sicher, das einzig Richtige zu tun. Indem sie ein Kind entführen.

Die Realität, für ein Kleinkind zu sorgen, holt die beiden schnell ein. Die Reise in die kühleren Landesteile wird schließlich zur einzigen Option für Luz und Ray. Auf dem Weg landen sie (um Spoiler zu vermeiden hier etwas verkürzt dargestellt) in einer Kolonie von Menschen, die sich der Evakuierung widersetzen. Sie leben am Rand der sich immer weiter ausbreitenden Wüste und haben aus mysteriösen Quellen, die ihr Anführer Levi findet, ausreichend Wasser und Nahrungsmittel zum Überleben. An dieser Stelle wird eine weitere Prognose enthüllt: in schwierigen Zeiten neigen Menschen dazu, einem starken Mann zu folgen, der sie führt und ihnen den Weg zeigt. Wenn die gesellschaftlichen Normen und der bekannte Alltag als Richtlinie für moralisches Handeln nicht mehr ausreichen, wenden sich Menschen einem (mehr oder weniger religiösen) Führer zu, um nicht selbst für ihre Fehler verantwortlich zu sein. Wie von einem Dystopie-Roman nicht anders zu erwarten, endet das Buch in einer dramatischen Wetter-Katastrophe. Und lässt trotzdem die Möglichkeit einer Fortsetzung mit der weiteren Geschichte des Babys offen.

Antoine de Saint-Exupéry – Wind, Sand und Sterne

Wüste

Sollte ich unter meinen Erinnerungen die namhaft machen, die ihren kräftigen Geschmack behalten haben, sollte ich die Summe der Stunden ziehen, die in meinem Leben zählen, so finde ich gewiß nur solche, die mir kein Vermögen der Welt je verschafft hätte … Das Wiedererleben der Erde nach einem schweren Flug, die Bäume, die Blumen, die Frauen, deren Lächeln wie neugefärbt durch das Leben, das uns mit dem Morgen neu geschenkt wurde, dieses Allerlei von kleinen Dingen, die unser Lohn sind, auch sie lassen sich nicht für Geld erwerben.

Antoine de Saint-Exupéry ist vor allem für „Der kleine Prinz“ bekannt. In Wind, Sand und Sterne beschreibt er auf ganz andere Art und Weise die Lebensweisheit, die er als Flieger erlernt hat. Die Klarheit seiner Geschichten, die Einfachheit seiner Sicht auf die Welt wird im harten Licht der Wüste oder der Finsternis der Nacht beim einsamen Flug noch deutlicher.

Auf welch winziger Bühne rollt das große Spiel des menschlichen Hasses, der menschlichen Freundschaften und Freuden ab! Woher haben die Menscen ihren Blick auf die Ewigkeit, wo sie doch vom Zufall auf eine noch warme Lava geworfen sind und schon vom andringenden Sand und Schnee bedroht werden? Ihre Kultur ist nur eine dünne Vergoldung, die ein Vulkanausbruch zerreißt, ein neues Meer wegwäscht, ein Sandsturm begräbt.

Schwierige Wetterverhältnisse und die ständige Gefahr, in die sich die Flieger begeben, schärfen den Blick auf das Wesentliche. Der Kollege Guillaumet muss in den Bergen notlanden und wird tagelang vermisst. Durch Schnee und Eis kämpft er sich ins Leben zurück. Diese Episode erinnerte mich stark an Christoph Ransmayrs „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“, eine interessante Anekdote, da ich gerade Ransmayrs „Die letzte Welt“ zu lesen begonnen habe. Obwohl das Sterben in dieser Situation der einfachere Weg gewesen wäre, hält der Gedanke an die Menschen, die zuhause warten, den einsamen Flieger aufrecht und gibt ihm die Kraft, den unmöglichen Weg zurück in die Zivilisation durchzustehen.

Ich bin glücklich in meinem Beruf. Der Vorortezug bedeutet mir zehnmal mehr Tod als das Sterben hier. Eigentlich haben wir doch ein prächtiges Leben.

Dann stürzt Exupéry selbst in der Wüste ab. Das Wissen über die verräterischen Luftspiegelungen in der Wüste hilft ihm nicht mehr nachdem der Wasservorrat lange zur Neige gegangen ist und keine Rettung in Sicht. Die Seen und Oasen, die ihm die Luftspiegelungen vorgaukeln, kann er noch mit dem Verstand erfassen, jedoch sieht er schließlich rettende Araber auf Kamelen, die sich beim Näherkommen genauso in Luft auflösen. Aber auch hier gelingt die Rettung. Klarer könnte man nicht beschreiben, wie sich das Leben eines Menschen reduziert auf das Wesentliche. „Wind, Sand und Sterne“ ist bei weitem nicht so zugänglich wie „Der kleine Prinz“, ist aber trotzdem eine Empfehlung für alle, die sich mit philosophischen Fragen und dem Sinn des Lebens auseinandersetzen möchten. Eis und Sand schärfen auch beim Leser den Blick für das Wesentliche.

Das, worauf es im Leben am meisten ankommt, können wir nicht vorausberechnen. Die schönste Freude erlebt man immer da, wo man sie am wenigsten erwartet hat. Diese Sternstunden aber lassen eine so tiefe Sehnsucht im Herzen zurück, daß manche Menschen Heimweh nach ihren trübsten Zeiten fühlen, wenn diesen ihre Freuden entsprossen sind.