Valerie Fritsch – Winters Garten

Den Menschen stand die zerstörerische Wirkung des Schlafes ins Gesicht geschrieben. Die Nerven der Schlaflosen waren längst zerrüttet, und die Ohren der Träumer taub. Die Nächte traumatisierten die ganze Stadt, darum standen die Bewohner irgendwann lieber an den Fenstern, als sich hinzulegen.

Auf die Beschreibung einer Kindheit auf dem Land, dem Überfluss an Natur, an Familie, an Freiheit folgt der Verfall dieses Gartenparadieses, in Abwesenheit des Protagonisten Anton Winter, der in die Stadt gezogen ist, um dort Vögel zu züchten. Die Stimmung verdüstert sich zusehends, denn der Weltuntergang steht bevor. Was bleibt im Leben noch wichtig, wenn das Leben ein Ablaufdatum hat? Wie kann das Leben weitergehen? Kinder werden geboren, die keine Zukunft haben. Entfremdete Menschen finden zueinander. Menschen, die sich zuvor nicht kannten, finden zueinander. Das Leben reduziert sich auf das Wesentliche.

[Die Kinder] spielten Tag und Nacht, und niemand verbot es ihnen, denn sie mussten ja nichts mehr werden, vor allem nicht erwachsen.

Laura Schwerzmann – Kleingärten

Das urbane Gärtnern ist Trend und Gegenwelt.

Auch dieses Buch entstammt (wie der letzte Blog Post zum Thema Solidarische Ökonomie) einer Idee, der ich kurzfristig nachrecherchiert habe, bis jetzt aber kaum die Zeit gefunden habe, mich ernsthaft damit zu beschäftigen. Im Prinzip kann man das fast schon als Meta-Recherche bezeichnen, so weit hab ich mich inzwischen vom Thema entfernt.

Dieser Band liest sich wie eine Diplomarbeit (was es möglicherweise auch ist, die Hochschule für Technik Rapperswil, Abteilung Landschaftsarchitektur ist mit Logo auf dem Cover vermerkt). Er untersucht die Geschichte der Kleingärten in unterschiedlichen Formen in den Städten Zürich und Winterthur. Es werden sowohl die geschichtliche Entwicklung der Kleingärten (wie so vieles begann diese zur Zeit der Industrialisierung) aber auch neue Formen des Urban Gardening thematisiert.

Der Zeithorizont entscheidet stark mit, wie die Gärten sich entwickeln. Sind es temporäre Gärten, werden Gefässe bepflanzt und kurzlebige Pflanzen gewählt. Ist der Garten dauerhaft geplant, kann eine parkähnliche Anlage entstehen.

In den beschriebenen Schweizer Städten entstehen moderne Gemeinschaftsgärten (in Abgrenzung von traditionellen Kleingärten, in Österreich Schrebergarten genannt) meist als Zwischennutzung auf Flächen, die zur Bebauung vorgesehen sind. Damit bleiben die Projekte temporär, die Hochbeete müssen abgebaut und transportiert werden können. Eine langfristige Bindung der Teilnehmer an das Projekt ist somit auch nicht möglich.

Meist hat jede Person oder Familie ein eigenes Beet, das sie selbständig bepflanzen kann, daneben gibt es Gemeinschaftsflächen wie beispielsweise einen Kräutergarten oder Frühbeete, die von allen gemeinsam gepflegt werden.

Als eigener Gartentyp wird der interkulturelle Garten besprochen. Hier geht es nicht nur um die klassischen Garten-Vorteile Bewegung und Beschäftigung an der frischen Luft und die Herstellung von Nahrungsmitteln sondern vor allem um den Austausch mit anderen Menschen. Solche interkulturellen Gärten werden oft mit Sprach- oder Kochkursen und anderen gemeinschaftlichen Angeboten angereichert, um den Austausch entsprechend zu fördern.

Wie intensiv ein interkultureller Austausch stattfindet, hängt stark von dem Mass an aktiver Auseinandersetzung mit den Mitgärtnern vor dem Hintergrund des Gartens ab. Je mehr Austausch mit Aktivitäten gefördert wird, umso erfolgreicher ist also ein interkultureller Garten in seinen spezifischen Zielsetzungen.

Auch der regionalen Vertragslandwirtschaft, wie ich sie aus den Erzählungen der Kaltmamsell über das Kartoffelkombinat kenne, ist ein Kapitel gewidmet. Dabei organisiert ein Verein oder eine Genossenschaft den Anbau von Gemüse, das dann an die Abonennten verteilt wird. Im Kartoffelkombinat wird auch der gemeinschaftliche Aspekt betont, die Abonennten helfen etwa beim Packen der Ernteanteile oder beim Einkochen von Sugo für die kalte Jahreszeit.

Zum Abschluss liefert die Autorin Argumentationshilfen über die Vorteile von städtischen Gartenprojekten. Der Trend zum Urban Gardening ist zwar nicht mehr neu, hat aber vermutlich seinen Zenit noch nicht erreicht. Jedes Fleckchen Grün in der Stadt ist zu begrüßen.

Giovanni Boccaccio – Das Dekameron

Weintrauben (c) nkzs / SXC

„Daher bitte ich Euch um der Liebe willen, die ich Euch entgegenbringe, mir auch die Eure nicht zu versagen, sondern Euch meiner Jugend zu erbarmen, die sich nach Euch verzehrt wie Eis am Feuer!“

Würde ich meine Posts betiteln, dieser erhielte die Überschrift „Hedonismus in Zeiten der Pest“. Die Rahmenhandlung lässt sieben Damen und drei junge Herren eine von der Pest heimgesuchte Stadt verlassen, um sich in angenehmer Atmosphäre nach Möglichkeit zu vergnügen. Zu diesem Zwecke verbringen sie den Großteil des Tages mit dem Erzählen von Geschichten. Zehn Tage lang erzählt jeder der zehn Beteiligten jeweils eine Geschichte. Die Geschichten bieten dabei eine große Themenvielfalt, auch wenn sich natürlich die meisten um die Liebe drehen.

Wenn nun schon der an sich standhafte Mann nicht umhinkann, eine Frau, die ihm gefällt – von Weibern, die sich anbieten, ganz zu schweigen –, zu begehren, und alles daransetzt, diese Frau zu besitzen, was ihm nicht alle vier Wochen einmal, sondern täglich unzählige Male passiert, wie kannst du dann von einer Frau, die schon ihrer Natur nach unbeständig ist, erwarten, dass sie allen Bitten, Schmeicheleien, Geschenken und tausenderlei Verführungskünsten widerstehen soll, die ein schlauer Mann anwendet, der sie begehrt?

Noch so einiges mehr lässt Boccaccio seine Protagonisten über das Wesen der Frau sagen. Dies mag der damaligen Zeit angemessen erscheinen, erscheint aber heute doch zutiefst befremdlich. Das obige Zitat wird von einer Frau gesprochen, diese bezichtigen sich also selbst aller möglichen Schwächen und Unarten. Die Herren üben sich da eher noch in vornehmer Zurückhaltung und zeigen ihre Verachtung der Damen nur indirekt über die erzählten Geschichten.

Vielleicht wäre ich in dieser Hinsicht nicht so großzügig gewesen, wenn man auch Frauen so selten und mit soviel Schwierigkeiten fände wie einen guten Freund.

Diese Stelle sticht insofern hervor, als dass sich der Bezug auf das Sprichwort herstellen lässt, das besagt, Männer/Frauen mögen kommen und gehen, Freunde jedoch bleiben für immer. Das ist ein interessanter Kontrast in all diesen Geschichten, in denen immer wieder aus Liebe gestorben oder zumindest die Absicht dazu bekundet wird. So zeigt sich hier ein breites Feld an Geschichten, das alle möglichen Emotionen im Portfolio hat.