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Roman

Louise Penny – The Black Wolf

CN: Suizid, Mord, Mafia

Mit dem Jahresrückblick 2025 unter der Buchbesprechung.


You’re still living in a world where truth matters, where facts are important. They aren’t anymore. They’re fluid and we’re losing facts as fast as we’re losing water.

Über Louise Penny und ihre Krimireihe um Inspektor Gamache und das fiktive kanadische Dörfchen Three Pines habe ich schon viel geschrieben. Auf die aktuelle Fortsetzung habe ich einige Wochen gewartet und sie dann rechtzeitig in den Weihnachtsferien endlich bekommen.

The power of words. All wars start with words. All conflicts start with early warnings that are ignored.

Das Geniale und gleichzeitig extrem Beunruhigende an diesem Buch ist die Nähe zur aktuellen Situation. Offene Lügen und versteckte Halbwahrheiten machen es schwierig, zu entscheiden, wem wir vertrauen können. Mit diesen deutlichen Verbundenheiten war mir der Roman fast zu nahe an der aktuellen weltpolitischen Situation, um unterhaltsam (im Sinne von temporärem Eskapismus) zu sein. Gleich mehrere Personen gibt es in diesem Roman, von denen wir nicht wissen, wo ihre Loyalität tatsächlich liegt. Die Hinweise darauf ändern sich auch immer wieder, manchmal muss Gamache sehr kurzfristig entscheiden, ob er einer Person in diesem Moment vertrauen kann oder nicht. Eine Ministerin beauftragt ihre Security-Mitarbeiterin mit einem ungerechtfertigten Haftbefehl, um ihre Integrität zu testen. Alles in allem habe ich dieses Buch wegen der großen Nähe zur aktuellen politischen Lage in Nordamerika vielleicht weniger genossen als andere in der Reihe. Gleichzeitig verstehe ich auch, warum die Autorin diese Themen anspricht und ihre Plattform nutzt, um auf die Lügen und Halbwahrheiten hinzuweisen und vielleicht die eine oder den anderen dazu zu motivieren, genauer hinzuschauen und zu hinterfragen.

Isn’t that the best way to misdirect? To hide the lie inside a truth?


Mein Jahr war in einem Wort: wechselhaft. Viel Reisen bis August. Ab der Jahreshälfte insgesamt deutlich besser als davor. Dann aber geprägt von einer großen persönlichen Veränderung, die mir viel abverlangt hat, das ich mir in der ersten Jahreshälfte gar nicht vorstellen konnte. Eines bleibt, wie es immer war: Der Wahnsinn hat immer Saison.

Ein paar Einblicke:

  • Der Jänner begann mit einem Jahresanfangsurlaub in Slowenien. Maribor und Ljubljana haben mir sehr gefallen. Auch die Zugfahrten haben gehalten, was sie versprochen haben.
über einen Fluss spannt sich eine blaue Eisenbahnbrücke, auf der Brücke fährt ein blau-weißer Zug gerade schräg von rechts unten im Bild nach links oben
auf einem Sockel nebeneinander die verfremdete Statue eines Hundes oder Wolfs mit gebuckeltem Rücken und erhobener rechter Vorderpfote, daneben liegt entspannt auf der Seite ein schwarzbrauner Hund, der in dieselbe Richtung schaut, wie die Statue
  • Im Februar folgte die erste Hacktour des Jahres ins Atomkraftwerk in Zwentendorf. Es waren viele Besucher:innen auch aus anderen Bundesländern angereist, darüber habe ich mich besonders gefreut. Später im Jahr folgten Hacktours ins Schildermalermuseum in Wien und ins Gartenbaukino (leider ist der Bericht immer noch nicht fertig …). Außerdem unternahm ich mit dem Radfahrer eine Winterwanderung am Semmering.
  • Der März brachte keine großen Veränderungen abgesehen von der Ankunft meines neuen Arbeitsgeräts: ein Macbook Air M4 2025, das mich die nächsten Jahre durch meinen Arbeits- und auch sonstigen Alltag begleiten wird.
  • Der April war geprägt durch die erste große Reise des Jahres. Per Interrail fuhr ich durch Italien bis an die Côte d’Azur, wo ich den Fotografen traf. Diese Reise habe ich ausführlich auf meinem Geocaching-Blog dokumentiert: Bolzano/Bozen, Genova/Genua, Cannes, Antibes, Cuneo, Trento.
menschengroßer blauer Schriftzug „Porto Antico“, mittig davor steht eine Person in Jeans, schwarzem Shirt und mit Rucksack, daneben ein kleiner schwarzbrauner Hund
schwarzbrauner Hund liegt im Vordergrund des Bilds und schaut zur Kamera, dahinter ein hoher Turm mit einer Turmuhr und dnaben ein Brunnen mit einer Neptunfigur mit Dreizack
  • Im Mai war nichts Besonderes sicher auch einiges los, aber nichts, was ich hier wiedergeben könnte. Im Juni besuchten der Hund und ich Karlsruhe inklusive der Gulaschprogrammiernacht (GPN), wobei sich Veränderungen in einer Beziehung in Gang setzten, die ich mir so eher nicht gewünscht hatte. Einen Bericht über meinen Besuch im Zentrum für Kunst- und Medienkultur (ZKM) habe ich unter einer meiner Buchbesprechungen veröffentlicht. Ende Juni unternahm ich einen Wandertag in Gloggnitz. Außerdem gab es eine Premiere in diesem Blog: eine Restaurantbesprechung! (Der Restaurantbesuch hat jedenfalls im Juni stattgefunden, die Veröffentlichung verzögerte sich aus Gründen.)
  • Im Rahmen meines Berlin-Besuchs Anfang Juli schipperten wir auf dem Tegeler See. Danach ging mir mit einigen Aufs und Abs die Lust am Geocaching abhanden, obwohl ich meine selbst ausgedachte Geocaching-Challenge trotzdem lange vor der Zeit vollenden konnte. Ich hatte mir vorgenommen, meine Liste gelöster Mystery-Caches zu reduzieren und durchschnittlich pro Woche einen Cache aus dieser Liste zu finden. Natürlich waren das oft mehr als einer und dann lange gar nichts. Leider bin ich an einem Abend (und später wieder) umgefallen und habe der Liste wieder viele neue (einfach zu lösende) Mystery Caches hinzugefügt. Dementsprechend könnte ich vermutlich nächstes Jahr wieder genau dasselbe machen.
  • Der Juli brachte außerdem die erste Instanz des Poly Dog Picknicks, bei dem sich drei Hunde und fünf Erwachsene im Augarten verlustierten. Weiters begab sich eine Geburtstagsfeier auf der Donauinsel, bei der Lupo, der Hund, immer wieder extrem nah am Wasser in Lauerstellung ging (untypisch für ihn wegen Wasserscheuheit). Später stellte sich heraus: eine Wasserschlange hatte fette Beute gemacht und hätte diese lieber in Ruhe am Ufer verspeist. Beim diesjährlichen Besuch in Raabs an der Thaya gelang mir die Lösung eines Geocaching-Rätsels, die uns zu einem Schacht führte, wo einst Probebohrungen für einen möglichen österreichischen Standort für das CERN vorgenommen worden waren. Und dann wurde im Juli noch eine neue Erdenbürgerin geboren, die wir in unserer erweiterten Familie herzlichst willkommen heißen!
  • Anfang August brachte den zweiten großen Urlaub des Jahres: eine Woche Strand in Benalmádena südlich von Málaga mit Freundin und ihren beiden Teenager-Kids. Ich habe nur einen einzigen Geocache gefunden und ansonsten eine Woche ernsthaft relaxt. Kein Ausflug in die Stadt (es war auch viel zu heiß), einfach nur Tag für Tag am Strand oder am Pool verschwenden, essen, trinken, existieren. Später im August durfte ich an einer semi-privaten Führung durch das Theater an der Wien teilnehmen (hier aufgeschrieben). Mein Jubel darüber, dass wir sowohl ans Fundament der Drehbühne als auch in den dritten Rang zu den Stehplätzen durften, war grenzenlos.
eine Person steht mit dem Rücken zur Kamera am seitlichen Rand einer Bühne, links ist unter dem eisernen Vorhang ein Stück des Zuschauerraums zu sehen, rechts und oben die leeren Kulissenzüge
  • Ab September war ich mit der bereits oben erwähnten persönlichen Veränderung befasst, ich durfte aber auch Himbeeren ernten, Feuermelder tauschen, eine Geocache-Nemesis besiegen, eine (nicht von mir organisierte) Tour auf dem Wiener Zentralfriedhof besuchen, einen monatelangen Kampf mit einem Internetanbieter ausfechten, einen Hackathon ausrichten und ein daraus entstandenes Projekt abwickeln, meine Niblinge auf einen Ausflug ins Ikono Wien entführen, Chili-Öl herstellen und eine weitere Erdenbürgerin willkommen heißen.
  • Meine selbst ausgedachte Buch-Challenge konnte ich auf den letzten Metern auch noch vollenden. In meinem Regal der ungelesenen Bücher stehen viele Werke schon sehr lange. Immerhin konnte ich davon 12 Stück nun in den gelesenen Zustand überführen, die #12in2025 wurden also erfüllt. Weggelegt habe ich tatsächlich keins davon, obwohl das explizit erlaubt war. Vielleicht wähle ich für nächstes Jahr die Wunschlisten meiner eBook-Apps. Da gibt es auch ausreichend Bücher, die da schon länger draufstehen. Eine andere Idee hat sich erst gegen Ende des Jahres materialisiert: Es gibt so viele Länder auf der Welt, von denen ich nichts weiß. Bereisen kann ich sie nicht alle, lesen darüber sollte aber möglich sein. Zum heutigen Tag hab ich mich noch nicht entschieden. Insgesamt 55 Bücher im Jahr 2025 verbloggt, das entspricht dem üblichen Durchschnitt. Meine Buch-Highlights 2025: John Wiswell – Someone You Can Build a Nest in (ein Teil unseres Mini-Buchclubs), Suzanne Collins – Sunrise on the Reaping (ein überraschend aufgetauchtes Hunger-Games-Prequel mit der Geschichte, auf die ich gewartet hatte: wie hat Haymitch die Hunger Games gewonnen?) und N. K. Jemisin‘s Broken-Earth-Serie.
  • Ein neues Erwerbsarbeitsprojekt hat sich Ende des Jahres materialisiert. Das passt gut zum oben erwähnten privaten Veränderungsprojekt, birgt aber auch Herausforderungen. Ein neues Layout, zwölf neue Abgabetermine, Wechseln zwischen den verschiedenen drei Layouts, manchmal mehrmals an einem Arbeitstag. Das wird noch spannend.

Persönlich wünsche ich mir für 2026 harmonische Beziehungen, ein gutes Ergebnis des nach wie vor andauernden Veränderungsprozesses und neue Erfahrungen, an denen ich hoffentlich wachsen kann. Für die Welt wünsche ich mir ein Umkehren. Eine Abkehr von kriegerischen Handlungen, Heilung für all die Menschen, die von diesen betroffen waren und sind und einen deutlichen Schwenk weg von Techno-Kapitalismus hin zu mehr Bewusstsein für die Klimakatastrophe, das sich in ernsthaften politischen Veränderungen äußert. Was ich dazu tun kann, soll geschehen, als einzelne Person kann ich jedoch nur einen kleinen Beitrag leisten. Als positiven Abschluss entlasse ich alle, die bis hierher mitgelesen haben mit ein paar Tierfotos.

Oben: ein schwarzbrauner Hund liegt auf dem Boden neben einem Zwerg aus Metall und schaut aufmerksam in die Kamera
Mitte: links ein rot getigerter Maine Coone Kater auf einer Küchenarbeitsfläche, rechts Blick von oben auf einen flauschigen grau getigerten Kater, der zwischen den Füßen einer Person steht und nach oben schaut
Unten: ein sehr kleiner Igel, das Gesicht mit offenen Augen und schnüffelnder Nase bildet ein Drittel des Gesamtkörpers
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Fantasy Roman

Marion Wiesler – Das Lied der Morrigan

CN: Krieg, Gewalt, Tod, Inzest, Vergewaltigung, Verstümmelung, Suizid, Gewalt gegen Tiere


»Sie haben getötet, sie wurden verletzt, sie haben Brüder verloren. Sie lachen und feiern, denn sie haben die Toten auf dem Schlachtfeld gelassen. Du aber, du trägst deinen Vater und den Hass immer noch mit dir herum. So wie die Herrin der Hügel unserer Mutter gegenüber.«

Eine liebe Freundin drückte mir vor ein paar Wochen dieses Buch in die Hand – ein Hardcover, von der Autorin signiert. Ich hatte schon vergessen, wie schwer so ein dickes Hardcover in der Hand liegt. Ein Blick auf die Webseite von Marion Wiesler überrascht mich: Unzählige Bücher in ihrer eigenen Welt der Kelten, aber auch historische Romane anderer Epochen und Romane in modernen Zeiten sind da zu finden. Andere würden gerne mal ein Buch schreiben … ich gebe zu, ich bin etwas neidisch, für sie scheint das Veröffentlichen ihrer Bücher im Self-Publishing nicht schlecht zu funktionieren.

Das hier vorliegende Buch spielt in einem magischen Irland, in das die Titelheldin Morrigan mit ihren Schwestern und ihrem Stamm, den Tuatha Dé, zurückkehrt. Vor Jahren wurden sie vertrieben und wollen sich nun ihr Reich zurück erobern. Morrigan und ihren Schwestern kommt dabei eine entscheidende Rolle zu: Als Hüterinnen beschützen sie Mensch, Tier und Land, lassen in Schlachten Feuer auf ihre Feinde regnen und schauen in die Zukunft. Die Schwestern sind sehr verschieden und doch – wie ein ums andere Mal wiederholt wird – wie eine.

Die Herrin der Hügel war gekommen, mein Kind zu sehen. Mit unsäglicher Trauer im Blick. Im Blick auf mich, nicht auf meinen Sohn.

Starke weibliche Charaktere, eine überzeugende Geschichte mit spannenden Wendungen – was wollen wir mehr? Ein Blick auf die Liste an Content Notices ganz oben zeigt, dass es für die eine oder den anderen eventuell zu blutig zugeht. Blut, Tod und Schlachten stören mich persönlich jetzt nicht, allerdings hat mich die religiöse Komponente etwas irritiert. Eine Frau muss mittels Gewalt entstandene Kinder austragen, weil die Götter es so befehlen? Ein neu geborenes Baby wird geopfert, weil der Frieden für Stamm und Land dadurch gerettet werden soll? Das stellt die Frage, welches Leben mehr Wert ist und diese Frage möchte ich nicht mehr gestellt wissen. Religiöse Vorstellungen, nach denen das Opfern eines unschuldigen Kinds zum Wohle anderer Menschen in Ordnung ist, möchte ich nicht mehr lesen, nicht in der Realität und auch nicht in Fantasy-Romanen.

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Roman

Vea Kaiser – Blasmusikpop

CN: Tod von Familienangehörigen, Gewalt, Vergewaltigung


[6.2.] Ich vermute, ihr Desinteresse an dieser neuen Glaubensform lag in ihrer hedonistischen Natur – denn sie sind auch heutzutage noch freudig bereit, ihre Sünden durch Ablaß zu begleichen, um dann neue begehen zu können. Bei den Bergbarbaren muß es stets vergnüglich zugehen, sogar in der Religion.

Aus diversen Gründen habe ich in den letzten Tagen mehr gelesen als sonst etwas getan und daher ist dieses Buch in meiner Erinnerung schon etwas verblasst. Was es eigentlich gar nicht verdient hat, es ist eine gut geschriebene Geschichte mit scharf gezeichneten Charakteren, unerwarteten Wendungen und jeder Menge Witz, der zum Ende hin neue Höhepunkte erreicht. Falls euch das noch nicht ausreichend überzeugt, lest gerne hier weiter, eure Zeit ist aber mit dem Buch besser verbracht ;-)

Zu Beginn lernen wir Johannes Gerlitzen kennen, dem der Doktor einen Bandwurm diagnostiziert, mit dem der junge Johannes noch so einige Zeit leben muss, bis das Medikament gegen den Wurm aus der Großstadt im kleinen Bergdorf eintreffen kann. Als seine Tochter mit einem dunklen Haarschopf geboren wird, der für Johannes ganz deutlich auf den Nachbarn als Vater hinweist, zieht dieser in die Bibliothek, wo er sich nun erst recht dem Studium der Wurm-Literatur widmet. Schließlich tut er das scheinbar Unmögliche: Er verlässt das heimatliche Bergdorf (und seine Frau und Tochter), um selbst Doktor zu werden. Es muss abgekürzt werden: Johannes kehrt als Doktor zurück und wird für seinen Enkel Johannes zum geliebten Doktor Opa. Im jungen Johannes weckt nicht der Bandwurm die Liebe zur Wissenschaft sondern der studierte Opa, den die Bewohner:innen des Bergdorfs immer noch mit Skepsis betrachten.

Ab jetzt begleiten wir den jungen Johannes, der abgesehen vom Großvater kaum Unterstützung für seine Interessen und seinen Wunsch nach höherer Bildung erfährt. Er fühlt sich im Bergdorf immer wie ein Fremdkörper. Ein Mönch aus dem nahen Konvent, der als Pfarrer ins Bergdorf geschickt wird, erkennt schließlich das Potenzial und beschafft dem Jungen einen Platz im Gymnasium, das er bis zur Matura besucht. Eine hellenistische Geheimgesellschaft mit älteren Schülern verschafft Johannes endlich Freundschaft, Anerkennung und Selbstvertrauen. Bei der mündlichen Reifeprüfung lässt Johannes sich vom Professor provozieren und fällt durch. Zurück geworfen in sein Heimatdorf beschließt er, mangels anderer Alternativen, die Bergbarbaren auf anthropologische Art zu studieren.

Johannes schließt Freundschaft mit dem Fußballer Peppi, durch den er ungewollt zum Schriftführer des Fußballvereins gewählt wird, was einen Besuch des (aus Bergbarbaren-Sicht) Skandalvereins FC St. Pauli aus Hamburg im Bergdorf nach sich zieht. Die Ankunft der Stadtschönheit Simona Nowak stürzt Johannes erst recht in Verwirrung, was durch den Wirt, der mit Kondomen dealt wie andere mit Drogen, erst recht verkompliziert wird. So nehmen die Dinge ihren Lauf und alles endet in einem furiosen und unerwarteten Finale. Große Empfehlung.

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Roman

Hermann Bauer – Nestroy-Jux

CN: Mord, Vergewaltigung


Wegen eines Geocaches gelesen. Belanglos. (Der Text könnte hier enden, aber das erlaubt mir meine Ehre dann doch nicht.)

Das Lesevergnügen hängt hier meiner Einschätzung nach hauptsächlich davon ab, ob einem die Figur des neugierigen Oberkellners Leopold (und dessen Spezis) sympathisch ist. Beim Lehrer Korber war mir relativ bald klar, dass ich den definitiv nicht leiden kann, ist sein Welt- und Frauenbild doch so eindeutig im vergangenen Jahrhundert verhaftet. Ein Blick auf die Wikipedia-Seite des Autors bekräftigt meine Annahme, dass wir es hier mit einem weißen Mann zu tun haben, der das Gesellschaftsmodell seiner Jugendzeit nur mangelhaft angepasst hat. Dafür finden sich offenbar ausreichend Leser:innen, Stand 2025 gibt es bereits 18 Kaffeehauskrimis von Hermann Bauer. Mich hat die Geschichte nicht abgeholt, ich fand auch die Auflösung des Plots, die auf einer simplen Namensverwechslung aufsetzt, eher schwach.

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English Roman

Kate Sawyer – Getting Away

CN: Vergewaltigung, Panikattacke, Fehlgeburt, Beziehungsgewalt, Alkoholkonsum


Manchmal scrolle ich einfach durch die Neuerscheinungen in der OverDrive eLibrary. Diesmal fiel mir dieses Buch ins Auge und die Grundidee hat mich dermaßen interessiert, dass ich sofort auf Borrow geklickt habe: Das Buch erzählt die Geschichte einer Familie über Jahrzehnte hinweg. Erzählt wird immer nur die Zeit, die die Familie auf Urlaub verbringt, was dazwischen passiert, wird angedeutet oder aus den Konversationen deutlich.

Zu Beginn steht eine Liebe, die aufgrund gesellschaftlicher Unterschiede nicht sein darf, gefolgt von einer Schwangerschaft eine Generation später, die erst recht versteckt werden muss. Erst Jahrzehnte später werden die wahren Verwandtschaftsverhältnisse aufgedeckt.

Kinder, Kindeskinder und wechselnde Partner:innen machen die Geschichte zunehmend komplex, in den späteren Kapiteln fiel es mir manchmal schwer, den Überblick zu behalten. Ein Stammbaum hätte da geholfen.

Die vielen verschiedenen Urlaubsschauplätze tragen ihr Eigenes zur Geschichte bei. Da wird auf dem Jakobsweg gewandert, Europa auf dem Fahrrad durchquert oder im Wohnwagen campiert. Verschiedene Strandurlaube sind natürlich auch mit dabei.

Vielleicht hat die Geschichte bei mir nicht ganz gezündet, weil ich sie über so lange Zeit und mit wechselnder Aufmerksamkeit gelesen habe. Die Grundidee finde ich aber nach wie vor sehr spannend und auch interessant umgesetzt.

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Roman

Lena Wolf – Winterzauber auf Sylt

CN: Tod der Partnerperson (lange vor der Romanhandlung passiert)


„Ein Buch so herzerwärmend und einladend wie Schokolade vorm Kamin.“ So hieß es in der Beschreibung in der Onleihe und genau das habe ich zu dem Zeitpunkt gebraucht. An nur zwei Abenden vertiefte ich mich in diese Geschichte, die extrem lange braucht, um zum Punkt zu kommen. Es war ein bißchen, wie in manchen Krimiserienfolgen oder Horrorfilmen, wo du die Protagonist:innen anschreien willst, dass sie nicht in dieses Haus gehen sollen, weil es müsste ihnen doch längst klar sein, dass das ihr Verderben wird. Hier wollte ich schreien, dass doch längst klar ist, dass irgendwas nicht stimmt und dass es mit Geld und dem Haus zu tun hat, war auch schon lange offensichtlich. Die Auflösung überschaubar, am Ende alles paletti.

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Roman

Robert Schneider – Die Offenbarung

CN: Suizid, Alkoholmissbrauch, Krebserkrankung, Erwähnung Nationalsozialismus


Der Fund im Wäscheschrank verbreitete eine stumme, ungeheuerliche Macht. Sehnsüchte und Ängste, Euphorie und Entsetzen, Jubel und Allmachtsphantasien wirkten und woben durch- und ineinander. Die Zeit war wie angefroren, und er selbst in ihr.

Ein Roman über die Macht und den Zauber der Musik, den ich leider trotzdem nicht mochte. Der Protagonist ist einfach extrem unsympathisch in seiner selbstverliebten Art. Es wird zwar klar, dass sein Verhalten auf das Verhältnis zum Vater zurückgeht, das mag seine verwirrte Persönlichkeit erklären, kann aber seine Handlungen nicht rechtfertigen.

Egal, was ihn da erwartete, es war nicht böse. Es konnte gar nicht böse sein und zerstörerisch, denn es war aus der Tiefe der Musik zu ihm heraufgestiegen. In den unerschöpflichen Gedanken der Partitur hatte es gewohnt, in ihren Worten, Melodien, Stimmen und Klängen.

#12in2025: 10/12

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Roman

Françoise Sagan – Blaue Flecken auf der Seele

CN: sexuelle Handlungen (angedeutet), Suizid


Dieses Buch hatte ich aus irgendeinem Bücherschrank genommen. Der Titel hatte mich angesprochen, und dann auch die reduzierte Covergestaltung, die an Text nur den Nachnamen der Autorin und den Titel des Buches enthält zusätzlich zu einer Zeichnung zweier menschlicher Köpfe. Es handelt sich um liebliche Gesichter, das vordere mit längeren gelockten Haaren strahlt eindeutig feminine Vibes aus, beim hinteren Gesicht ist dies nicht so klar.

Beim Lesen ergibt sich, dass auf dem Cover wohl das Geschwisterpaar Eléonore und Sébastien zu sehen ist, zwei, die sich und einander genug sind. Um jedoch in Paris ein luxuriöses Leben zu führen ohne zu arbeiten, müssen sie sich in Gesellschaft begeben, wobei manchmal auch Herzen zu Bruch gehen.

Dies ist das Salz der Erde und dieses jämmerlichen Daseins. Nicht die Strände tauchen in den Traumkulissen auf, nicht der Club Méditerranée und nicht die Kameraden, sondern irgend etwas Zerbrechliches, Kostbares, das man heutzutage freiwillig verwüstet und das die Christen »Seele« nennen.

Der interessantere Teil des Buchs sind jedoch die Reflexionen der Autorin, die sie aus der Geschichte ihres Geschwisterpaares ableitet. Mir sagte der Name der Autorin nichts, obwohl Françoise Sagan einen Roman geschrieben hat, dessen Titel viele Menschen schon einmal gehört haben dürften: Bonjour tristesse. Sie schrieb diesen Roman im Alter von 17 Jahren und gelangte dadurch unmittelbar zu Berühmtheit. Blaue Flecken auf der Seele (original: Des bleus à l’ame) ist hingegen als Spätwerk zu betrachten (lt. Wikipedia im französischen Original 1972 erschienen). In ihren Exkursen philosophiert die Autorin etwa über die Gesellschaft, den Buchmarkt und das Schreiben. Gerade fällt mir keine bessere Umschreibung ein als dieses Zitat aus dem Klappentext:

Mit dieser Mischung aus scheinbar oberflächlich hingetupfter Handlung und Reflektion über ihr eigenes Leben hat Françoise Sagan endlich den Roman geschrieben, der sie von der Verfasserin von Bestsellern zur wirklichen Schriftstellerin herangereift zeigt.

#12in2025: 8/12

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English Roman

Gabrielle Zevin – Tomorrow, and Tomorrow, and Tomorrow

CN: Tod eines Hauptcharakters, Gewalt, toxische Beziehung, sexuelle Belästigung, Suizid, Depression, Essstörung, Sexismus


Ein wundervoller Roman über eine wundervolle Freundschaftsbeziehung, kreativen Austausch und Videospiele. Wenn euch das irgendwie anspricht, dann hört hier auf und lest lieber das Buch ;-)

Im Weiteren werde ich ein paar Dinge beschreiben, die mir besonders gefallen haben (und versuchen, dabei nichts von der Geschichte zu verraten, aber siehe oben …).

Mir hat gefallen, wie Sams Behinderung nicht nur die Geschichte beeinflusst, sondern dass auch erklärt wird, wie sie sich auf seine Emotionen und Beziehungen auswirkt. Er möchte nicht schwach auf seine Mitmenschen wirken und gleichzeitig ist er so frustriert über seinen Körper, der ihn immer wieder im Stich lässt. An einer Stelle wird das so formuliert, dass Sam sich am glücklichsten fühlt, wenn er vergessen kann, überhaupt einen Körper zu haben. Dieses Unwohlsein in seinem eigenen Körper, diese große Verletzlichkeit bringt er in die Spiele ein, die er mit Sadie entwickelt.

Sometimes she didn’t even like him, but the truth was, she didn’t know if an idea was worth pursuing until it had made its way through Sam’s brain, too. It was only when Sam said her own idea back to her – slightly modified, improved, synthesized, rearranged – that she could tell if it was good.

Sadie und Sam lernen sich als Jugendliche kennen. Als sie als junge Erwachsene ihr erstes eigenes Spiel veröffentlichen, wird Sadie mit dem Patriarchat in der Gaming-Industrie konfrontiert. Sie fühlt sich nicht ernst genommen, die Verdienste werden Sam zugeschrieben, schließlich macht sie selbst Sam dafür verantwortlich, sie in den Hintergrund gedrängt zu haben. Gabrielle Zevin hat ein ausgezeichnetes Gespür dafür, wie sich strukturelle Ungerechtigkeiten auf eine kreative Freundschaftsbeziehung auswirken können. Sadies Unsicherheit über ihre eigenen kreativen Entscheidungen (wie sie sich im obigen Zitat auch widerspiegeln) gepaart mit der sexistischen Atmosphäre der Gaming-Industrie führen in ihrer kreativen Freundschaft langfristig immer wieder zu Konflikten.

She had thought she arrived. But life was always arriving. There was always another gate to pass through. (Until, of course, there wasn’t.)

Sadies Frustration mit ihren (Miss-)Erfolgen kann ich gut nachvollziehen. Ich muss mich immer wieder erinnern, dass es keinen Zustand geben wird, den ein Mensch erreichen kann und dann ist alles gut. Es bleibt alles immer im Fluss.

Auch der Titel wird im Buch ausgezeichnet erklärt: Ein Spiel kann immer wieder von vorn begonnen werden. Es ist eine unendliche Serie von Tomorrows, beim nächsten Versuch könnten wir gewinnen.

Für mich war besonders schön, dass der Fokus auf der kreativen Freundschaftsbeziehung zwischen Sadie und Sam lag. Es wird verdeutlicht, dass romantische Beziehungen nicht zwingend immer das Wichtigste im Leben sein müssen. Wie die gemeinsam ausgelebte Kreativität sich in Sadies und Sams Leben in Erfolge und Misserfolge verwandelt, wie diese Zusammenarbeit kreativer Geister ihrer beider Leben prägt, zeigt eindrucksvoll, dass romantische Gefühle nicht das Einzige sind, das Menschen fürs Leben aneinander binden kann. Herrlich illustriert wurde das auch in der Szene, als Sam von Sadie und Marx im Krankenhaus besucht wird und die diensthabende Krankenschwester rätselt, in welcher Beziehung die drei wohl zueinander stehen.

Große Empfehlung meinerseits!

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Fantasy Roman

Eleanor Bardilac – Knochenblumen welken nicht

CN: sexuelle Belästigung (verbal), Gore (Sezieren von menschlichen Schädeln), Töten eines Tiers und Verspeisen seines Herzens (Flashback), Charaktertod, Blut, Gewalt

[Ich finde es sehr angenehm, die Content Notices aus dem Buch abschreiben zu können, die Autorin hat sie sogar kapitelweise aufgelistet. 💜]


Um mich wieder mehr ins Lesen zu bringen, griff ich zu einem Buch auf der „falschen“ Seite des Regals der ungelesenen Bücher. Es handelt sich um jene Bücher, die erst seit diesem Jahr im Regal stehen und damit nicht zu meiner Buch-Challenge #12in2025 zählen. Das Experiment hat jedoch gefruchtet und ich fühle mich wieder mehr im Fluss sowohl fürs Lesen als auch fürs Schreiben. Dieses Buch ist außerdem in den Leseempfehlungen enthalten, die ich im April 2014 gesammelt habe. Danke an dieser Stelle auch an das liebe Wesen, das mir drei Bücher aus seiner Sammlung geliehen hat, von denen nun nur noch zwei auf der „falschen“ Seite des Regals stehen.

Die Geschichte spielt in einer Fantasie-Welt, deren Gesellschaft von einer zunehmenden Spaltung zwischen magischen und nicht-magischen Wesen bestimmt ist. Zu Beginn wird die Protagonistin Aurelia als magisch entlarvt, was ihre Eltern durch Medikamente und Isolation zu verbergen versuchten. Aurelia landet nun im magischen Teil der Gesellschaft, wodurch ihr Weltbild zutiefst in Frage gestellt wird. Dadurch lernt auch die Leser:in mehr über das Wesen dieser Welt, ihre Regeln und Gebräuche, ihre Stärken und Schwächen. Dieses Worldbuilding erfordert Zeit und Raum; die Mordfälle, in die Aurelia als Zeugin verwickelt ist, werden lange Zeit in den Hintergrund gedrängt.

Was mir zuerst zu langsam vonstatten ging, wurde aber mit der Zeit zu einem äußerst angenehmen Gefühl. Aurelia lernt verschiedene Wesen der magiebegabten Welt kennen, darunter finden sich Repräsentationen, die in vielen anderen Romanen kaum vorkommen: Wesen mit Behinderungen (zum Beispiel mit einer Beinprothese aufgrund einer Kriegsverletzung), Wesen, die auf besondere Art kommunizieren (zum Beispiel Gebärdensprache), Wesen, die aufgrund ihrer speziellen Magiebegabung selbst in der Welt der Magie eher an den Rand gedrängt werden. Die Autorin lässt Aurelia in der Begegnung mit dieser unbekannten Welt ihre eigenen Werte und ihre eigenen Persönlichkeitszüge hinterfragen. In dieser Auseinandersetzung wächst sie an sich selbst, was sich am Ende des Buchs ganz deutlich in ihren Entscheidungen zeigt.

Schwäche zu zeigen hatte noch nie zu ihren Stärken gehört, und sie hasste es, dass sie sich nicht besser unter Kontrolle hatte, dass der Lärm und die Leute und die Weite der Stadt sie so verrückt machten, dass sie selbst hier unter anderen Magiebegabten nicht normal sein konnte.

Vermutlich aus aktuellem Anlass hatte ich sehr viel Spaß mit der Idee des magischen Hauses, das sich selbstständig an seine Bewohner:innen anpasst. Diese undefinierbare magische Präsenz mag gruselig erscheinen (Überwachung?), für Aurelia empfindet sie aber offensichtlich freundschaftliche Gefühle und steht ihr helfend zur Seite. Mehr gelesen hätte ich gern vom magischen Skelett-Affen und dem Geist, der in der Schlafzimmeruhr lebt. Diese Ideen wurden für mein Gefühl nur angerissen und hätten durchaus mehr Backstory bzw. eine Rolle in der Auflösung vertragen können.

Im Vergleich zum langsamen Aufbau der Geschichte erschien mir das Ende dann zu abrupt (als wäre der Autorin die Zeit ausgegangen). Dies bleibt jedoch ein verschmerzbarer Wermutstropfen an diesem sonst sehr gelungenen Stück Fantasy-Literatur. Die Idee einer Welt, in der viele Menschen versuchen, das Richtige zu tun, auch wenn es sich manchmal im Einzelnen extrem falsch anfühlt, liegt vielen Geschichten zugrunde, ich persönlich finde sie hier besonders gut umgesetzt.

Randnotiz: In Wien Penzing wird gerade eine genossenschaftlich organisierte Buchhandlung begründet. Es soll auch ein 3. Ort für die Gegend werden. Ich habe das Crowdfunding unterstützt, vielleicht ist das ja auch was für euch.