Vernor Vinge – Das Ende des Regenbogens

Die Empfehlung für dieses Buch stammt aus einem Artikel, der sich mit dem Erfolg von Pokémon Go und den dabei relevanten Faktoren zwischen Spiel und Realität auseinandersetzt. Aus dieser Quelle habe ich bereits Cory Doctorows For the Win gelesen.

In Das Ende des Regenbogens entwirft der Autor eine veränderte Welt im Jahr 2025. Die Medizin hat immense Fortschritte gemacht, viele bislang als unheilbar geltende Krankheiten können nun therapiert werden. Zumindest bei den Menschen, die auf die jeweilige Therapie ansprechen. Die Interaktion zwischen den Menschen und Institutionen ist aber trotz der vielen technologischen Entwicklungen kaum verändert. Kurznachrichten können nun direkt „telepathisch“ verschickt werden und werden von den intelligenten Kontaktlinsen den Empfängern direkt im Blickfeld angezeigt. Interessant ist auch die Beschreibung des Verkehrskonzepts: Niemand besitzt ein eigenes Auto, auf den Straßen fahren Autos herum, die bei Bedarf gerufen werden können und den Nutzer ohne dessen Mitwirkung an seinen Bestimmungsort bringen.

Der Autor konzentriert sich sehr auf die Perspektive der „Technologieverlierer“. Der Protagonist Robert Gu kann nach etwa 20 Jahren Demenz von Alzheimer geheilt werden, die Therapie verjüngt auch seinen Körper und gibt ihm das Aussehen eines Teenagers. Was Robert Gu allerdings verloren hat, ist seine Fähigkeit, Poesie zu erschaffen, und dieser Fähigkeit trauert er dermaßen nach, dass er beinahe alles tun würde, um sie wieder zu erlangen. Seine Ex-Frau Lena gehört zu den Verlierern der modernen Medizin. Sie sitzt von Osteoporose gebeugt im Rollstuhl, hat sich jedoch den modernen technologischen Möglichkeiten angepasst und nimmt per Wearable am Geschehen teil. Auch junge Menschen kommen nicht vollständig mit den modernen Technologien klar, obwohl sie damit aufwachsen. Je nach Begabung gibt es auch unter ihnen Technologieverlierer, die die höheren Ebenen der Technik nicht zu meistern imstande sind.

Besonders gut gefallen hat mir, dass in dieser Utopie oder Dystopie (nach meiner Meinung ist das hier und in vielen anderen Zukunftsromanen nicht ganz klar) alle Protagonisten keinen Überblick über die Lage haben. Jeder sieht nur seinen eigenen Ausschnitt der Welt, und versucht, sich darauf einen Reim zu machen. Selbst der teilweise allmächtig erscheinende Rabbit – eine Figur, die immer nur als virtuelle Präsenz in der Gestalt eines Kaninchens auftritt –, stellt schließlich fest, dass er nicht alle seine Marionetten steuern kann, denn jeder von ihnen hat seine eigene Agenda.

Der Einstieg gestaltet sich wie so oft bei zukünftigen Welten etwas schwierig, aber nach den ersten 100 Seiten hat sich auch der Leser in der modernen Welt zurecht gefunden. Das Buch stammt aus dem Jahr 2007, viele der vom Autor damals visualisierten technologischen Entwicklungen haben inzwischen deutliche Fortschritte erreicht. Er beschreibt unter anderem eine große Demonstration, in der zwei verfeindete Lager in einer virtuellen Überlagerung gegeneinander um die Herrschaft über die Zukunft einer Bibliothek (und das Überleben der echten Bücher!) kämpfen. Der Kampf findet rein virtuell statt, vergleichbar mit einer World of Warcraft-Schlacht, ohne Netzwerkausfälle müsste dabei niemand zu Schaden kommen. Gleichzeitig ist jedoch der amerikanische Geheimdienst mit seiner Masse an Analysten bereit, jederzeit eine Nuklearwaffe auf die Demonstranten zu richten, sollte die Lage außer Kontrolle geraten.

Zum Abschluss noch ein motivierendes Zitat, das in jeder Zeit und Lebenslage gelten kann:

Es gibt immer einen Weg. Ihr, jeder Einzelne von euch, habt irgendwelche besonderen Joker. Nutzt sie. Findet heraus, was euch von den anderen unterscheidet und euch besser macht. Sobald ihr das tut, könnt ihr anderen helfen, und andere werden bereit sein, im Gegenzug euch zu helfen. Kurz gesagt, künstliche Glücksfälle entstehen nicht einfach. Verdammt, ihr müsst sie erschaffen.

Daniel Suarez – Influx

A sudden influx of innovation could disrupt social order, and disruption of social order is not to be taken lightly, Jon.

Disclaimer: Wer das Buch lesen will oder darüber nachdenkt, sollte sich diesen Artikel sparen und gleich zum Buch greifen ;-)

Wie schon bei seinen früheren Romanen, lässt Daniel Suarez seinen Lesern keine Zeit für einen ruhigen Einstieg. Jon Grady und seine Kollegen haben in ihrer Forschung zur Schwerkraft einen Durchbruch erzielt, als ihr Labor Ziel eines Terroranschlags wird. Als Grady jedoch erwacht, findet er sich im Hauptquartier einer staatlichen Organisation wieder. Deren Chef behauptet, seine Aufgabe sei die Kontrolle von Innovationen, um die Gesellschaft zu schützen. Jon Grady weigert sich, daran mitzuarbeiten und wird in einem hochtechnologischen Gefängnis eingekerkert.

Die weiteren Kapitel, in denen beschrieben wird, wie Jon Grady von einer grausamen artifiziellen Intelligenz gefoltert wird, sind definitiv das Verstörendste, was ich bisher gelesen habe. Jon will nicht aufgeben, er versucht alles, um mental stabil zu bleiben und seine Forschungsergebnisse nicht preiszugeben. Und verliert dadurch seine wichtigsten Erinnerungen.

Hackers gonna hack. Die Pointe des gruseligen ersten Teils dieses Buches ist, dass die Technik dem menschlichen Geist immer noch unterlegen ist. Jon ist nicht der einzige Gefangene, manche von ihnen sind bereits Jahrzehnte eingesperrt und haben die Technik überlistet. Sie konnten ihr Leben erträglich gestalten, haben jedoch keine Möglichkeit, zu entkommen. Bis Jon Grady für die Verantwortlichen so wichtig wird, dass sie in aus dem Gefängnis zurückholen.

Nun beginnt der actiongeladene Wettlauf, den wir aus den früheren Suarez-Romanen kennen. Schritt für Schritt kämpft sich Jon vor, um seine Kollegen aus dem Gefängnis zu befreien und die Macht der Organisation zu brechen.

He studied her for a moment. ‘Your intelligence, your appearance, your life span, your physical prowess – the organization gave you all those things. Your genetic sequence is proprietary. You need our permission to make copies of it. Otherwise you’re stealing.’

Vorgestern habe ich begonnen, in Judith Schalanskys Taschenatlas der abgelegenen Inseln zu stöbern. Daher musste ich herausfinden, ob an den im Buch erwähnten Koordinaten der Gefängnisinsel tatsächlich eine Insel ist. Die Koordinaten liegen jedoch mitten im Atlantischen Ozean. Falls dort eine Insel sein sollte, ist sie also noch nicht entdeckt ;-) Die nächst gelegene Insel ist St. Helena.

Reading Challenge: A book with non-human characters
(Die artifizielle Intelligenz Varuna, die eine Art Gefühle entwickelt, ist ein genialer literarischer Schachzug.)

David Levithan – Every Day

If there’s one thing I’ve learned, it’s this: We all want everything to be okay. We don’t even wish so much for fantastic or marvelous or outstanding. We will happily settle for okay, because most of the time, okay is enough.

Es ist ein seltsames Setting, das David Levithan für diese Lovestory gewählt hat. Die Geschichte wird erzählt aus der Perspektive von A. A hat keinen eigenen Körper, sein Bewusstsein erwacht jeden Tag im Körper eines anderen Menschen. A hat dann Zugriff auf das Wissen und die Erinnerungen dieses Menschen und hat gelernt, sich jeden Tag durch ein neues, fremdes Leben zu manövrieren.

In your heart, in your bones, no matter how silly you know it is, you feel that everything has been leading to this, all the secret arrows were pointing here, the universe and time itself crafted this long ago, and you are just now realizing it, you are just now arriving at the place you were always meant to be.

Eines Tages wacht A im Körper von Justin auf und verbringt einen Tag mit dessen Freundin Rhiannon. Und verliebt sich in sie. Von diesem Zeitpunkt an ist für A nichts mehr wie zuvor. A weiß, er kann mit Rhiannon niemals so zusammen sein, wie Justin es kann. Und doch sind die Gefühle so stark, dass für A alle selbst aufgestellten Regeln nicht mehr gelten.

Mir fällt gerade auf, wie schwer es ist, im Schreibfluss das Wort er zu vermeiden. Da A keinen Körper hat und sowohl Junge als auch Mädchen ist (oder auch keines von beidem), hat er auch kein Geschlecht. Dies wird im Buch mehrfach thematisiert. Es ist schwierig für Rhiannon, zu verstehen, dass man sich weder als Mann noch als Frau fühlen kann. Durch die unterschiedlichen Perspektiven, die A Tag zu Tag erfährt, scheint sein Bewusstsein deutlich reifer zu sein als das gleichaltriger Jugendlicher. Der Leser begleitet A durch die unterschiedlichen Leben. Besonders bedrückend und realistisch ist A’s Tag im Körper eines depressiven Mädchens. Der Autor beschreibt, wie sich alles schwarz anfühlt, als würde eine dunkle Wolke stets den Körper umhüllen, sodass von außen nichts durchdringen kann.

Beim Lesen stellte ich mir unwillkürlich die Frage, was einen Menschen ausmacht. Ist A ein vollständiger Mensch, obwohl er keinen eigenen Körper hat? Kann Rhiannon ein Bewusstsein lieben, das ihr täglich in einem anderen Körper erscheint? Der eigene Körper definiert einen wichtigen Teil unserer Selbsterscheinung, auch, wenn man sich nicht ständig mit den Schönheitsidealen der Medien beschäftigt. Wer jahrelang wegen seines Aussehens verspottet wird, entwickelt sich zu einem anderen Menschen als ein besonders schöner Mensch. Es muss nicht unbedingt eines von beidem besser sein, aber es macht auf jeden Fall einen Unterschied. Die körperliche Entwicklung gehört ebenfalls zum Bewusstsein. Kann Liebe über das Bewusstsein triumphieren? David Levithan findet eine ungewöhnliche Antwort in seinem überraschenden Ende dieser Geschichte.

It’s as if when you love someone, they become your reason.

Charles Stross – Accelerando

abstract(c)clix/SXC

„Your drink.“ The barman holds out an improbable-looking goblet full of blue liquid with a cap of melting foam and a felching straw stuck out at some crazy angle. Manfred takes it and heads for the back of the split-level bar, up the steps to a table where some guy with greasy dreadlocks is talking to a suit from Paris.

The story starts in an already advanced world where implants are getting widespread throughout the population. Manfred Macx is a political activist fighting for the rights of lobsters and uploaded kittens.

„But they’re only uploads.“ Pamela stares at him. „Software, right? You could reinstantiate them on another hardware platform, like, say, your Aineko. So the argument about killing them doesn’t really apply, does it?“

Manfred and Pamela somehow get a daughter – Amber – who escapes the imprisonment of her mother and takes the robot cat Aineko with her. Her adventures take her to a faraway router. She reigns over a planet, and leaves a backup behind. While the „real“ Amber is away, her backup is getting married and having a baby with Sadeq. She returns to find her son Sirhan, whom she never met before. Sirhan has had several childhoods and is very interested in the complicated history of his family. His grandmother Pamela (aged in a time where aging is avoidable) has returned to answer at least some of his questions.

Pamela raises her cane and points out into the billowing methane thunderclouds, her expression puzzled. „I’ll swear I saw a lobster out there …“

Interesting aspects of the family story are the thought that politics will stay with us although technology evolves constantly. The robot cat Aineko accompanies the family throughout the centuries, until the last pages nobody has noticed that what has startet as a software-driven robot has achieved consciousness and is silently controlling all the persons in its range.

Did we really split up because Aineko made us? It’s hard to believe: Manfred is too much of a realist to trust the cat to tell the truth except when it serves to further his interests. But this –

I’m not that into Science Fiction literature which I had to see once more while I worked through this complicated book with all its technical details and absurd hops through time and space. But I guess it gave me an interesting insight into the genre of Cyberpunk. I’ll give myself a little break with Terry Pratchett until I take the attempt to read „Halting state“ which is still living on the shelf of unread books.

Weitere Informationen: Accelerando – Charles Stross’s blogPhantastik-Couch.deCyberpunk @ feedbooks.com