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English Fantasy Roman Science Fiction

Becky Chambers – The Long Way to a Small Angry Planet

CN: sexuelle Handlungen, Gewalt, Tod, Krieg


‘ All you can do, Rosemary – all any of us can do – is work to be something positive instead. That is a choice that every sapient must make every day of their life. The universe is what we make of it. It’s up to you to decide what part you will play. […]’

Letztens hat Anya auf Mastodon nach Literaturempfehlungen gefragt und als Beispiel für ihr bevorzugtes Genre Hopepunk die Autorin Becky Chambers genannt. Tatsächlich zufällig hatte ich gerade Zugriff auf eines ihrer Bücher und habe mich ziemlich spontan in das Genre verliebt.

Works in the hopepunk subgenre are about characters fighting for positive change, radical kindness, and communal responses to challenges. (Wikipedia)

Die im oberen Zitat erwähnte Rosemary kommt als clerk auf das Raumschiff Wayfarer, auf dem sie eine diverse Crew vorfindet. Sie soll die Buchhaltung, Genehmigungen und alles andere Administrative auf Vordermann bringen, um der Wayfarer den Weg zu größeren Aufträgen zu ebnen. Der erste dieser größeren Aufträge führt die Wayfarer zu dem wütenden Planeten aus dem Titel (wobei eigentlich nicht der Planet wütend ist sondern die darum kämpfenden Clans). Wie in dem bekannten Sprichwort ist in diesem Roman tatsächlich der Weg das Ziel. Manche würden vermutlich sagen: wenig Plot, viel World- und Character-Building.

Um Konzepte wie Rassismus, Religion, Geschlechts- und sexuelle Identität niederschwellig zu thematisieren, erfindet die Autorin verschiedene Spezies, die allesamt als sapient gelten. Was, wie ich gerade nachschlage, vom lateinischen sapiens (“one who knows”) abgeleitet sein dürfte. Ein wichtiger Teil des Raumschiffs ist die künstliche Intelligenz Lovelace (Lovey genannt), die zwar als sentient (from Latin sentiēns “feeling, perceiving”) aber eben nicht sapient betrachtet wird. Die Liebesbeziehung zwischen dieser künstlichen Intelligenz und einem ihrer Techniker wirft Fragen auf (etwa nach der Definition von Persönlichkeit oder dem Wesen der Liebe), die zum eigenen Denken anregen und großteils unbeantwortet bleiben. Lovey wird jedenfalls von allen Crew-Mitgliedern als Persönlichkeit betrachtet, obwohl sie als künstliche Intelligenz nie für eine humanoide Form gedacht war. Der Tod – oder vielleicht besser: die Auslöschung – dieser künstlichen Intelligenz ist dann auch der große Verlust, den die Protagonist:innen zu verarbeiten haben.

Mich haben die (großteils) menschlich zugewandten, toleranten, akzeptierenden Umgangsformen auf dem Raumschiff in eine wohlige Stimmung versetzt, die ich zum ersten Mal in Wenn es nicht passiert erlebt habe. Als mir nicht ganz zwei Wochen später bei einem Ausflug in eine Zweigstellen-Bücherei das zweite Buch aus der Wayfarer-Welt in die Hände fiel, konnte ich nicht widerstehen. Ein weiterer Aufenthalt auf einer Insel, wo gegenseitiges Verständnis und Akzeptanz herrscht, klingt gerade sehr verlockend.

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English Roman Science Fiction

Kaliane Bradley – The Ministry of Time

CN: Mord, Gewalt, Erwähnung 2. Weltkrieg und Holocaust, Gewalt gegen Tiere, thematisiert Rassismus, sexuelle Handlungen


Der nächste Eintrag zu unserem Mini-Buchclub zu den für die Hugo Awards nominierten Werken. Ich hatte auf Lithub (zB hier) Gutes darüber gelesen und wurde nicht enttäuscht. Das Thema Zeitreisen wird in der Literatur immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, viele davon fließen hier ein in Form des titelgebenden Ministeriums, das dafür sorgen soll, dass durch das erfundene Zeitreiseportal keine unerwünschten Effekte eintreten. Es sollen daher Menschen aus der Vergangenheit in die Jetzt-Zeit gerettet werden, die in ihrer Zeitebene ohnehin verstorben wären und ihre Abwesenheit daher dort keine Veränderungen bewirkt. Diese geretteten Menschen sollen sich in die Jetzt-Zeit eingewöhnen, dazu werden ihnen sogenannte menschliche „Bridges/Brücken“ an die Seite gestellt, die sie in die moderne Zeit begleiten sollen. Dieses wissenschaftliche Experiment wirkt zu Beginn recht positiv, die Proband:innen werden immerhin in ihrer Zeit vor dem Tod gerettet und erhalten die Chance auf ein neues Leben in der modernen Zeit. Dass sie dazu niemals ihre Zustimmung (oder Ablehnung) geben konnten, wird erst weit später in der Geschichte thematisiert.

Zu sehr steht zuerst im Vordergrund, wie sehr sich das Leben in den vergangenen Jahrhunderten verändert hat. Die ExPats müssen nicht nur mit der unbekannten Technologie, sondern auch mit der modernen Lebensart vertraut gemacht werden, was jede Menge Stoff für komische Situationen bietet. Erzählerin der Geschichte ist eine der als Brücken arbeitenden Personen, eine weibliche Stimme mit gemischt-rassigem Hintergrund, ihre Familie mütterlichseits stammt aus Kambodscha. Ihre Aufgabe ist es, den Expat „1847“, auch Commander Graham Gore genannt, zu betreuen und seine Eingewöhnung in die moderne Zeit zu unterstützen und zu überwachen. Graham Gore ist eine historische Persönlichkeit, er war Teil der Franklin-Expedition mit dem Ziel, die Nordwestpassage zu durchsegeln und so einen kürzeren Seeweg von Europa nach Asien zu finden. Die Expeditionsschiffe Erebus und Terror wurden im Eis eingeschlossen, es gab keine Überlebenden.

Lange beschäftigt sich die Geschichte mit den zwischenmenschlichen Aspekten der unterschiedlich verlaufenden Eingewöhnung der ExPats. Zuneigungen und Abneigungen entwickeln sich; unerwartete Charakterzüge kommen zum Vorschein. Die Beziehungen zwischen den Brücken und den ExPats entwickeln sich auf unterschiedliche Arten. Erst gegen Ende des Buchs erhöht sich das Tempo; Fragen, die (vom Ministerium) bereits beantwortet schienen, werden neu aufgeworfen und wachsen zu unüberwindbaren Gräben heran. Selbst Entscheidungen, die nach bestem Wissen und Gewissen getroffen wurden, können auf diese Art in ein neues Licht gerückt werden. Dabei wird auch thematisiert, wie unsere jeweilige Lebensgeschichte unsere Meinungen und Entscheidungen prägt.

Die Autorin pflegt einen extravaganten Schreibstil, der zum Hintergrund der Erzählerin als Übersetzerin im Verteidigungsministerium passt. Als Sprachenexpertin kann die Erzählerin Wörter verwenden, die sich meinem Englisch-Wortschatz entziehen, ohne dabei prätentiös zu wirken. Zu oft habe ich mir gewünscht, anstatt der Paperback-Ausgabe das eBook vor mir zu haben, in dem ich einzelne Worte einfach nachschlagen könnte. Gemischt wird diese Vielfalt mit den Sprechweisen und Dialekten der ExPats, die jeweils ihren eigenen Stil mitbringen. Graham Gores viktorianischer Ausdrucksweise wird dabei am meisten Platz eingeräumt, aber auch die anderen ExPats erhalten eigene Stilmerkmale.

Von mir eine herzliche Empfehlung dieses Buchs: Die Mischung aus dem Zeitreise-Thema mit der sich entwickelnden zeitüberspannenden Romanze, die sich innerhalb eines Behördenthrillers entspinnt, hat mich mitgerissen und persönlich berührt. Eine wilde Mischung, die unterhält und gleichzeitig nachdenklich stimmt.

But I wrote it down because I need you to bear witness to it. He was here, by and with me and in my body. He lives in me like trauma does. If you ever fall in love, you’ll be a person who was in love for the rest of your life.


Randnotiz: Einen Bericht mit vielen Fotos über unseren Hacktours-Besuch im Schildermalermuseum in Wien habe ich drüben auf der C3W-Webseite veröffentlicht.

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English Roman Science Fiction

Adrian Tchaikovsky – Alien Clay

CN: autoritäres Regime, Dystopie, Folter, Gewalt, Tod, Arbeitslager


Das zweite Buch unseres Minibuchclubs aus der Reihe der Hugo Award Nominees (das erste war Calypso).

Sometimes in order to escape the bad place you’re in, you have to go through trauma and hardship. Sometimes letting go of the barbed wire means tearing your skin some more, before you’re free.

Das Buch beginnt mit der Landung des Protagonisten Arton Daghdev auf dem Planeten Kiln, auf dem er als politischer Gefangener in einem Arbeitslager sein Dasein fristen soll. Schnell wird klar, dass die menschliche Welt von einem autoritären Regime beherrscht wird, dass nur The Mandate genannt wird. Als Akademiker war Daghdev auf der Erde Teil einer Widerstandsgruppe, die sich dem Regime entgegenstellte. Dabei störte ihn hauptsächlich die intellektuelle Unehrlichkeit des Regimes, das von der Wissenschaft einfache Antworten auf komplexe Fragen verlangt und Forschungsergebnisse, die nicht in ihr Weltbild passen, gnadenlos unterdrückt.

[…], but it was the intellectual dishonesty of the whole orthodox thing that galled me into action. 

Der Autor zeigt an verschiedensten Beispielen, wie ein oppresives Regime die Menschen unterdrückt. Kontinuierliche Überwachung, Manipulation von Geschehen und Geschichte, niemand kann dem anderen noch trauen, jede:r fragt sich ständig, wer ihn oder sie an das Regime verraten hat. Auch für treue Diener:innen des Systems bietet es keine Sicherheit. Ein bürokratischer Fehler kann genauso zur Verbannung ins Arbeitslager führen wie tatsächliche Revolutionsaktivitäten. Auch der Bias in Algorithmen und künstlichen Intelligenzen, der aktuell so häufig thematisiert wird, wird angesprochen: Wenn du einen Computer so programmierst, dass er etwas Bestimmtes erwartet, dann wird er es auch finden (selbst, wenn es nicht existiert). Dieser Faktor erscheint mir als zentral in der Debatte um Überwachung, die alle paar Jahre immer wieder aufflammt: Selbst wenn du dir nichts zuschulden kommen lässt, kann die Auswertung von Überwachungsdaten etwas finden, das dir dann zum Vorwurf gemacht wird. Anlasslose Massenüberwachung macht die Welt nicht sicherer. Es gibt keine Person, die nichts zu verbergen hat.

A blameless cog in the Mandate’s machine, until a bureaucratic error pointed the wrong finger at him. […] If you program your computers to expect wrongdoing, then they’ll most certainly find it.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der speziellen Beschaffenheit der Flora und Fauna auf dem Planeten Kiln. Ziel ist die Erforschung der Ruinen, die eine schriftliche Dokumente enthalten, die jedoch noch nicht entziffert werden konnten. Das Regime erwartet die Lüftung des Geheimnisses der Entstehung dieser Ruinen, es wird nach den Erbauer:innen geforscht. Gefunden wurde bisher jedoch nur eine sehr angriffslustige Biosphäre, von der aufgrund bisheriger Präzedenzfälle angenommen wird, dass sie Menschen in kürzester Zeit tötet oder verrückt macht. Mit den ausführlichen Beschreibungen von Pflanzen und Tieren konnte ich nicht so viel anfangen, irgendwie konnte ich mir die beschriebene Natur nicht bildlich vorstellen.

Bei ungefähr 70 Prozent des Buchs war ich mir vollkommen unsicher, wo die Geschichte noch hinführen könnte. Die Situation von Arton und den anderen Gefangenen wurde ständig hoffnungsloser, ein weiterer Revolutionsversuch scheitert aufgrund von Verrat, Artons Exkursionsgruppe verliert ihr Fluggerät und wird im Dschungel zurückgelassen. Ohne zu spoilern möchte ich sagen, dass mich das Ende sehr überrascht hat. Der Weg dorthin war vielleicht etwas länger als nötig, aber die Auflösung war sehr überraschend.

Weitere Erkenntnisse aus unserer Buchclub-Besprechung trage ich demnächst nach.

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Lyrik Roman Science Fiction

Oliver K. Langmead – Calypso

CN: Gewalt, Tod


I can hear the Calypso‘s heart beating
loud beneath her bulkheads reverberating
a heartbeat like waves crashing, the waves of an ocean
her hallway windows alight so bright with the magnificent clouds
gushing clouds in which we tremble suspended afloat
and I know that I am enough, that this is enough
I don’t need extra senses strong bones
thoughts as quick as this
I am enough
to witness
this prayer

Die Wege der Bücher sind ja bekanntlich unergründlich, bei diesem weiß ich jedoch sehr konkret, wie es zu mir gekommen ist. Eine Einladung in einen sehr kleinen, sehr exklusiven Buchclub, der Bücher zum Thema haben soll, die für die diesjährigen Hugo Awards nominiert sind, konnte ich unmöglich ausschlagen. Mit diesem Buch haben wir begonnen, noch bevor die Nominierungen veröffentlicht wurden. G. hat gut recherchiert, nur ist dieses Buch in der Kategorie Best Poem nominiert, wir hatten uns eigentlich Novels vorgenommen. Wie schon das obige Zitat andeutet, handelt es sich hier um eine Novel in verse. Von dieser alten und gleichzeitig gerade wieder aktuellen Textgattung hatte ich hin und wieder Spuren auf Lithub gesehen, konnte mir jedoch nicht vorstellen, wie ich damit zurecht kommen würde. Lyrik ist ja nicht gerade meine Stärke (hier der bisher einzige Lyrik-Post auf diesem Blog), und dann auch noch in englischer Sprache, das erschien mir eine große Herausforderung, die ich jedoch des Buchclubs wegen annehmen wollte. Wir treffen uns demnächst, um über das Buch zu sprechen, möglicherweise schreibe ich dann noch eine Ergänzung, jetzt lest ihr hier erstmal meine eigene Meinung wie gewohnt.

Das Buch beinhaltet vier unterschiedliche erzählende Personen bzw. Perspektiven. Die Kapitel sind jeweils durch ein Symbol gekennzeichnet, das die Erzählperspektive visuell kommuniziert. Daneben haben die vier Erzählperspektiven auch noch verschiedene Satzeigenschaften: Rochelles Texte sind linksbündig im Flattersatz angeordnet, Sigmunds Texte rechtsbündig im Flattersatz. Catherines Texte sind zuerst mittig, aber scheinbar organisch fließend gesetzt, das verändert sich jedoch im Laufe der Geschichte. Der Text des Heralds schließlich ist in einer Spalte im Blocksatz gesetzt. An einigen Stellen wird diese Struktur aufgebrochen, es gibt beispielsweise Stellen, an denen der Text in zwei nebeneinander stehenden Säulen verläuft, weil hier Personen gleichzeitig bzw. durcheinander sprechen. Im Kapitel, in dem Catherines Transformation passiert, werden über mehrere Seiten die Wörter immer weniger und die Illustration einer Pflanze immer mehr. Es ist schwierig zu beschreiben, das müsst ihr vermutlich selbst gesehen haben.

Erzählt wird die Geschichte des Raumschiffs Calypso, das auf dem Weg ist, einen neuen Planeten zu kolonisieren. Dabei lebt auf der Calypso während ihrer langen Reise die Crew, deren Aufgabe es ist, für das Funktionieren des Raumschiffs und die Sicherheit der engineers zu sorgen. Die engineers, zu denen unsere Protagonist:innen Rochelle, Catherine und Sigmund gehören, verbringen die lange Reise im Cryoschlaf und sollen erst zum rechten Zeitpunkt erweckt werden.

Was ich jetzt hier relativ organisiert erzähle, wird aus dem Text erst sehr langsam klar. Mir ist es schwer gefallen, in die Geschichte hinein zu kommen, ich musste die ersten Kapitel auch zwei Mal lesen, weil sich eine Lesepause ergeben hatte und ich mich dann nicht mehr ausreichend erinnern konnte, um an der Stelle wieder in die Geschichte einzusteigen. Viele Fragen, viele angedeutete Ereignisse der Vergangenheit werden erst in dem Kapitel klarer, indem der Herald Rochelle erzählt, was während ihres Schlafs mit der Crew passiert ist.

Das Ende ist … unerwartet und wirft eigentlich neue Fragen auf anstatt die Geschichte sinnvoll abzuschließen. Ich bin schon sehr gespannt auf unser Buchclubgespräch, bei dem ich sicher noch Neues entdecken werde, das mir bisher entgangen ist. Als nächstes Buch haben wir Alien Clay von Adrian Tchaikovsky ausgewählt.

EDIT 4. Mai 2025 (nach dem Buchclub-Treffen): Bei der Besprechung dieses Buchs wurden viele Themen genannt, dir mir vorher gar nicht so bewusst gewesen waren. Wir haben uns mit Calypso aus der griechischen Mythologie beschäftigt und überlegt, warum Oliver K. Langmead sein Raumschiff so genannt hat. Wir haben die Schaffung des Wetters und der Jahreszeiten auf dem neuen Planeten mit der Schöpfungsgeschichte der Genesis verglichen. In meinem obigen Text hatte ich nicht mal erwähnt, dass mich Rochelles religiöse Anwandlungen so irritiert hatten, als sie zum Beispiel auf der Calypso einen Gebetsraum einrichtet. Dass ihr Vater Priester gewesen war, hatte ich nicht mehr im Kopf. G. erinnerte sich an sehr konkrete Stellen innerhalb der Geschichte; nach einigen gemeinsamen Überlegungen endeten wir damit, dass Rochelle den Humanismus symbolisiert, während Sigmund für den Transhumanismus steht. Für mich war es extrem spannend, andere Meinungen über die Geschichte zu hören und sich darüber auszutauschen und ich frage mich jetzt, warum ich bisher nie an einem Buchclub teilgenommen habe.

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Fantasy Roman Science Fiction

skye gänseblum – Die Träume sind kaputt

CN: Depression, Krankheit, Erwähnung von ableistischen Diskriminierungen, sexuellem Missbrauch und Gewalt, Mord


Ich habe keine Ahnung, seit wann meine Träume nicht mehr meine waren. Vielleicht war es schon immer so und ich hab es erst später gemerkt, aber ehrlich gesagt kommt es mir nicht so vor.

Also zuerst möchte ich sagen, dass das ein ganz besonderes Buch ist. Eine kurze Beschreibung ist aus meiner Sicht nicht möglich oder zumindest nicht aussagekräftig. Ich werde versuchen, auf die Inhalte einzugehen, die mir besonders herausragend erscheinen, möchte aber trotzdem die Kurzbeschreibung zitieren, die der nichtbinäre Autor skye gänseblum selbst seinem Buch gegeben hat:

Es ist Cripplepunk Science Fantasy mit Umgangssprache und Neopronomen. Chronisch kranke Hauptcharaktere, Queerness, Behinderung, Freundschaft und Abenteuer.

Im Zentrum stehen die Protagonist:innen Tuniriam [sier] und Otogo [sie], die sich erst im Verlauf der Geschichte kennenlernen. Aus ihren beiden Perspektiven wird erzählt, wie sie und ihre Freund:innen dem Spuk um die kaputten Träume auf die Spur kommen. Denn Tuniriam und Otogo leiden unter derselben chronischen Krankheit: Schlafen bringt ihnen keine Erholung, da sie im Schlaf in der Traumwelt herumwandeln und dabei auch in die Träume anderer Menschen eindringen können. Im Wachzustand müssen sie sich vom Schlaf erholen und im Schlaf vom Wachzustand. Das führt dazu, dass sie ständig müde sind und im Alltag Unterstützung benötigen.

Tuniriam erhält diese Unterstützung von der Familie, oder zumindest von Teilen dieser Familie. Tuniriams Mutter hingegen verkörpert einen sehr ableistischen Charakter, sie hält Tuniriam ständig vor, dass sier ja nichts zum Haushalt beiträgt und sich doch einfach mal zusammenreißen soll.

Otogo ist bei Pflegeeltern aufgewachsen und schließlich in einem Heim gelandet, wo ihre Traumerkrankung durch die vielen Alpträume der anderen Bewohner:innen noch verschlimmert wird. Erst als sie vom Investigativjournalisten Rob aus dem Heim entführt (bzw. gerettet) wird, bekommt sie die Chance, ihren Schlaf-Wach-Rhythmus selbst zu regulieren und so eine Art Pacing (Energiemanagement wie zB als Therapie für ME/CFS) hinzubekommen, das ihr das Leben erleichtert bzw. in gewisser Weise erst ermöglicht.

Die Erkenntnis, dass beide dieselbe Krankheit haben, die ihnen einerseits ermöglicht, in den Träumen anderer Menschen auch Dinge zu verändern, aber eben dazu führt, dass sie ständig müde sind, verändert einiges für die beiden. Stück für Stück finden sie durch Unterhaltungen miteinander und mit anderen Traumwesen mehr über sich und ihre Situation heraus. Diese Traumwesen sind zumeist nicht das, was sie zu sein scheinen, das müssen Otogo und Tuniriam aber erst auf die harte Tour herausfinden.

All dies geschieht in einer Welt, die von unserer fast soweit entfernt ist, wie die Traumwelt, in der Tuniriam und Otogo ihre Abenteuer erleben. Es werden aber auch immer wieder die gesellschaftlichen Parallelen aufgezeigt. Es handelt sich um eine Gesellschaft, in der das Leistungsprinzip eine Rolle spielt, in der Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Gegebenheiten nicht so viel leisten können, als weniger wertvoll betrachtet werden.

Einfach nur krank sein und weiterleben war für ihn nicht okay, weil dann belastet man ja die Gesellschaft oder so.

Auch das Streben nach größtmöglicher Normalität, das in unserer heutigen Gesellschaft vielen Menschen das Leben so schwer macht, spielt eine Rolle. Menschen, die in das Schema nicht reinpassen, werden versteckt bzw. es wird ihnen unmöglich gemacht, am öffentlichen Leben teilzunehmen.

Die ganze Idee dahinter ist, dass die Unterschiede zwischen den Leuten weggelöscht werden sollen, damit alle perfekt sind. Es gibt so einen Bereich, der als normal angesehen wird, und wer da nicht reinpasst, wird halt trotzdem reingequetscht.

Es werden viele Aspekte angesprochen, die im Leben von behinderten Menschen allgegenwärtig sind. Das geschieht allerdings nicht mit dem Holzhammer oder dem erhobenen Zeigefinger. Es wird einfach erzählt, wie es den behinderten Charakteren im Alltag ergeht, was ihnen das Leben schwer macht und wie sie versuchen, damit umzugehen. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass Reisen an entfernte Orte für manche Menschen allein aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation undenkbar sind:

Diese Bekanntschaften pflegte ich allerdings nur halbherzig, da es mich zu sehr deprimierte, dass ich niemals die Gesundheit oder das Geld für eine Reise an einen anderen Ort haben würde.

Einen einzigen Kritikpunkt kann ich nicht verschweigen: Das Ende des bösen Traumgeists geht mit einer sehr gewaltvollen Szene einher, wobei eine Person, die bislang nur am Rande aufgetreten ist, aus reinem Pech in die (buchstäbliche) Schusslinie gerät. Als Auflösung der Geschichte finde ich es gerechtfertigt, ich kann nur nicht ganz nachvollziehen, warum es dermaßen gewaltvoll geschehen musste. Gerade in einem Buch, das vor der Thematisierung von Gewalt und Missbrauch nicht zurückschreckt, aber diesen zuvor niemals im Detail graphisch beschrieben hat, hat mich diese Szene einfach sehr überrascht und ich finde sie passt nicht ganz zum Rest.

Im Ganzen möchte ich dieses Buch sehr herzlich empfehlen. Es bietet die Möglichkeit, Einblicke in eine Lebenswelt zu bekommen, die den meisten Menschen verschlossen ist und auch viel zu oft gar nicht gesehen werden will. Die Charaktere repräsentieren Persönlichkeiten und Eigenschaften, die in der Literatur noch immer wenig vertreten sind. Ich würde mir wünschen, dass dieses Buch viel Aufmerksamkeit bekommt und hoffentlich bei dem einen oder der anderen Leser:in einen Denkprozess auslöst. Das Buch ist bei BOD und auch auf anderen Plattformen erhältlich.

Disclaimer: Ich habe dieses Buch vor der Veröffentlichung als Rezensionsexemplar erhalten. Es ist kein Geld geflossen und wie immer lest ihr hier ausschließlich meine persönliche Meinung zum Buch. 

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English Roman Science Fiction

Ernest Cline – Ready Player One

CN: Tod, Mord


Ewig lange hatte ich dieses Buch schon auf meiner Liste, dann verschwand es irgendwann aus dem Angebot meiner lokalen Bücherei in der Overdrive eLibrary. Im Rahmen der Listenpflege stellte ich dann fest, dass es auf englisch in der Hauptbücherei als Paperback verfügbar war und nahm es für meine Weihnachtsurlaubslektüre mit.

Der Anfang zieht sich etwas, ich hatte es dem Fotografen ungefähr so beschrieben: was im Film ungefähr drei Minuten dauern würde – nämlich die Erklärung der Welt, in der diese Geschichte spielt – dauert hier über 100 Seiten. Und auch im Verlauf der Geschichte gibt es immer wieder erläuternde Passagen, die erklären, warum etwas so geworden ist, wie es ist oder die sich rein auf die (erfundene) Technik beziehen.

Als die Suche nach dem Gral Osterei schließlich in die entscheidende Phase geht, wird es jedoch zunehmend spannend. Kapitalismuskritik ist ein großes Thema und gerade in der entscheidenden (virtuellen) Schlacht um (das virtuelle) Castle Anorak wird klar, dass hier die Crowd gegen die Corporation kämpft.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich die vielen kulturellen Referenzen auf Computerspiele, Musik und Filme des vergangenen Jahrhunderts. Da dürfte für jede:n Retro Nerd etwas dabei sein. Für mich zum Beispiel:

Art3mis played a note-perfect Columbia, and I had the honor of playing her undead love interest, Eddie. I altered my avatar’s appearance so that I looked exactly like Meat Loaf did in the role, but my performance and lip-syncing still kinda sucked. Luckily, the audience cut me a lot of slack, because I was the famous gunter Parzival, and I was clearly having a blast.


Jahresrückblick 2023.

  • 29 Geocaching Blog Posts. 528 Geocaches gefunden. Besonders in Erinnerung geblieben (in umgekehrt chronologischer Reihenfolge):
  • 54 Bücher gelesen. Habe kurz versucht, Favoriten auszuwählen, aber es waren dieses Jahr einfach sehr viele ausgezeichnete Bücher dabei. Für mich überraschend: ich habe dieses Jahr deutlich mehr Bücher von Frauen gelesen als von Männern. (Als dritte Kategorie habe ich „divers / unbekannt / mehrere Autor:innen“ zusammengefasst, das waren vier Bücher.)
  • Größter Erfolg: Zusammenschluss mit Kolleg:innen zum Zwecke der Verbesserung der Honorarverhandlungsbasis.
  • Zweitgrößter Erfolg: ein neues Projekt gestartet. Hacktours by C3W und Metalab. Der erste Termin wird im Jänner stattfinden. Mit ÖGS-Dolmetschung. Danach schauen wir weiter. Das Interesse war überraschend groß.
  • Reisen: Spanien, Schweiz, Deutschland, Frankreich, Belgien, Großbritannien, Griechenland.
  • Bestes Konzert: The 1975 in der Wiener Stadthalle. Leider konnte ich aus Gründen nicht zu Fall Out Boy in Berlin.
  • Größte Veränderung: Neuestes Mitglied in unserem großen Familien- und Freundeskreis: Lupo.

Blick durch den offenen Kofferraum in das Auto, auf der Lehne des Rücksitzes schaut ein schwarz-brauner-Hund interessiert zur Seite

  • Fazit: Für mich persönlich ist das vergangene Jahr eigentlich ziemlich gut verlaufen, für die Welt mache ich mir jedoch große Sorgen. Wir haben nicht weniger Krieg sondern mehr, nicht weniger leidende Menschen, sondern mehr. Hinsichtlich der Klimakrise wurde nichts Wesentliches unternommen, die Entscheidungsträger:innen tun noch immer so, als wäre alles nicht so schlimm.
  • Ausblick: Was wünsche ich mir für 2024? Dass die Welt zur Ruhe kommt. Dass Entscheidungsträger:innen einsehen, dass wir JETZT etwas tun müssen, um die Erderwärmung zu verlangsamen. Dass meine geliebten Menschen mit den Herausforderungen, die ihnen das Leben 2024 hinwirft, gut klarkommen und daran wachsen können. Für mich selbst: weiter auf dem Pfad der Entschleunigung. Mit dem Klimaticket durch Österreich. Kleine Erfolge am Wegesrand des Lebenspfads.
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Roman Science Fiction

skalabyrinth – Wenn es nicht passiert

CN dieses Buch/dieser Post:
Erwähnung von Gefühlen wie Anxiety, Overload und Meltdown

Mehr Informationen zum Inhalt dieses Buchs findet ihr in diesem Thread von skalabyrinth auf Mastodon, über den ich dieses Buch entdeckt habe.


Ich bin gewohnt, durch meine pure Existenz zu verwirren.

In letzter Zeit habe ich mich aufgrund von unterschiedlichen persönlichen Begegnungen etwas mehr mit dem Thema Autismus und den unterschiedlichen Erfahrungen betroffener Menschen befasst. Die Kombination der Themen, die in diesem Buch behandelt werden, fand ich daher sehr interessant. Und nach dem Lesen kann ich nicht sagen, was mir am meisten die Augen geöffnet hat (weil alles so augenöffnend war):

  • Zentrales Thema in diesem Buch ist die Repräsentation von autistischen Personen mit Autismus, den unterschiedlichen Formen, die Autismus annehmen kann, den Erfahrungen, die betroffene autistische Menschen machen und mit welchen Unterstützungen sie in ihrem Leben besser zurecht kommen können. Für mich sind durch diese Beschreibungen manche Begegnungen, die ich in der Vergangenheit hatte, klarer geworden. Ich habe das Gefühl, dass es mein Verständnis von dem Alltagserleben von autistischen Menschen mit Autismus erweitert hat. Ich konnte auch Parallelen zu Situationen erkennen, wo ich selbst die Person war, der ein anderer Umgang, ein anderes Verständnis, eine andere soziale Normalität geholfen hätte, mit der Situation besser umzugehen:
    • Sehr intensiv fühle ich den Wunsch, in einer Welt zu leben, wo Menschen so miteinander umgehen wie in diesem Buch. Es wird darauf geachtet, wie es anderen Personen geht, es werden einfache Unterstützungsleistungen angeboten, es wird klar kommuniziert. Es wird Verständnis geübt, wenn Menschen das Bedürfnis haben, sich mal zurückzuziehen bzw. eine Pause brauchen auch in bzw. speziell von sozialen Situationen.
    • Eine Art Höhepunkt des Buchs ist der Besuch eines Festivals durch eine Person, für die solche Situationen besonders schwierig sind. Dies wird ermöglicht durch Teams, die es Menschen, die mit sozialen Situationen oder großen Menschenmengen Schwierigkeiten haben, ermöglichen, trotzdem an Veranstaltungen teilzunehmen. In einer Form, von der ich nicht beurteilen kann, wie sehr sie der im Buch beschriebenen Betreuung entspricht, gibt es das bereits bei den Veranstaltungen des Chaos Computer Clubs (CCC) durch das Team c3auti.

Viele Leute kommunizierten nach bestimmten Regeln, die für ihn nicht erfassbar waren, weshalb er es durch so etwas wie Vorsichtsverhalten ausglich, bestimmtes Kopieren, Nachahmen von Verhaltensmustern, die für ihn nicht viel Sinn ergaben, aber ohne die es regelmäßig zu Missverständniskatastrophen kam.

    • Das Thema „klare Kommunikation“ ist so wichtig, dass ich es erneut erwähnen will. Immer wieder wird auch das Thema Subtext erwähnt, eine Form der unterschwelligen Kommunikation, die von vielen neurodivergenten Menschen nicht verstanden werden kann. Durch die klare Kommunikation von eigenen Bedürfnissen und Grenzen können alle Beziehungen profitieren, nicht nur jene, die neurodivergente Personen einschließen.
  • Die Einteilung von Büchern in (fiktive?) Genres, die irgendwelche Menschen in der Buchindustrie erfinden, damit sie Bücher an bestimmte Personengruppen vermarkten können, ist mir seit Langem unangenehm. Ich hatte lange gedacht, ich würde diesen Blog Post einleiten mit einer Beschreibung davon, wie dieses Buch meine persönlichen Genre-Grenzen erweitert hat und bin jetzt erst darauf gekommen, dass ich diese Genres und die darauf beruhenden Grenzen ja gar nicht leiden kann. Also weg damit.
  • Über die unterschiedlichen Formen von Asexualität wusste ich bisher überhaupt nichts. Eine Übersicht (in englischer Sprache inkl. Abkürzungen und Flaggen) habe ich bei asexuals.net gefunden.
  • Weiters möchte ich aus diesem Buch gern die Bezeichung Herzwesen in meinen Alltagssprachgebrauch übernehmen. Immer wieder kommt im Gespräch die Frage auf, wie wir die wichtigen Menschen in unserem Leben bezeichnen: Im Englischen und genderneutral funktioniert partner meiner Meinung nach ganz gut. Im Deutschen wird darin immer gleich das Geschlecht mitkommuniziert bzw. impliziert (Partner:in). Ähnliches gilt für andere deutsche Formen von Beziehungsbeschreibungen wie Lebensgefährt:in. Die Bezeichnung Herzwesen umgeht einerseits das ganze Genderthema und beinhaltet außerdem keine Definition der Art der Beziehung bzw. was die Beziehung alles beinhaltet oder nicht beinhaltet.

Außerdem hat mich dieses Buch dazu inspiriert, auch mal außerhalb meiner üblichen und etablierten Quellen für meine Literaturauswahl nachzuschauen. Auf Mastodon habe ich inzwischen zwei Bücher in meinen Bookmarks, die ich mir näher anschauen möchte. Ziel: pro Monat ein Buch aus einer alternativen Quelle (zB Self-Publishing) und/oder mit einem Thema, das im Mainstream zu wenig Platz findet.

EDIT (9. März 2023): Ich wurde darauf hingewiesen, dass sich die Mehrheit der autistischen Menschen für Identity First ausspricht, „also nicht Menschen mit Autismus, sondern Autist*innen oder autistische Menschen“. Daher habe ich im Text oben die entsprechenden Korrekturen vorgenommen.

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English Science Fiction

Ursula K. Le Guin – The Left Hand of Darkness

CN dieses Buch: Folter, Verhör, Drogen, Tod, Hunger, Geschlechtsteile
CN dieser Post: –


Out entire pattern of sociosexual interaction is nonexistent here. […] This is almost impossible for our imagination to accept.

Was mich am meisten fasziniert an diesem Buch, ist, dass es bereits 1969 veröffentlicht wurde. Die Autorin hat dabei eine Weitsicht bewiesen, wie sie mir bisher selten begegnet ist. Sie beschreibt einen Planeten, auf dem alle Menschen den Großteil der Zeit mehr oder weniger asexuell sind. Nur für wenige Tage jedes Monat nehmen sie ein Geschlecht an und dies kann jedes Monat ein anderes sein. Die gesellschaftliche Konsequenz daraus: traditionell etablierte Geschlechterbilder und -rollen existieren nicht. Die Zeugung, Geburt und Aufzucht von Kindern wird von allen Personen gleichermaßen übernommen. Jede*r Erwachsene kann zugleich Vater und Mutter sein.

Burden and privilege are shared out pretty equally; everybody has the same risk to run or choice to make. 

Partnerschaften sind daher tendenziell sehr fluktuierend. Die traditionelle monogame Ehe ist vorhanden in der Form, dass Menschen sich dazu verpflichten können, nur mit einem Partner sexuell aktiv zu sein. Dies wird aber als altertümliche Instanz beschrieben und hat keine rechtlichen oder gesellschaftlichen Konsequenzen.

Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt und beinhaltet auch alte Sagen oder Kalender, die die erzählte Welt plastischer machen. Der Protagonist Genly Ai ist als Botschafter einer Assoziation von Welten auf dem Planeten Winter angekommen. Der Name ist Programm: es ist eine kalte Welt, die viele verschiedene Worte für Schnee kennt, in der die lokale Bevölkerung an das unwirtliche Wetter angepasst ist. Genly Ai soll die lokalen Machthaber davon überzeugen, sich der Vereinigung von Welten anzuschließen. Diese Position bringt schließlich nicht nur ihn sondern auch seinen Unterstützer Estraven in große Gefahr.

Das Buch berührt viele gesellschaftspolitische Themen, auch der Faschismus wird an verschiedenen Stellen angesprochen. Die Beschreibung des Cousins des Königs, der Estraven als ausführende Hand des Königs nachfolgt, trifft meines Erachtens sehr gut meine Vorstellung eines machthungrigen Menschen, der keine Grenzen kennt:

His cousin Tibe was another kind of fish, for his insanity had logic. Tibe knew when to act, and how to act. Only he did not know when to stop.

Auch das Konzept des Nationalismus wird kurz aber prägnant kritisiert:

What is love of one’s country; is it hate of one’s uncountry? Then it’s not a good thing.

Für eine Zusammenfassung möchte ich auf das Nachwort von Charlie Jane Anders verweisen, in dem sie sinngemäß beschreibt, dass das Buch erzählt, wie zwei Menschen versuchen, Kommunikation und Verständnis untereinander herzustellen trotz kultureller Barrieren und sexueller Stereotype.

There’s really only one question that can be answered, Genry, and we already know the answer … The only thing that makes life possible is permanent, intolerable uncertainty: not knowing what comes next.

Und zuletzt möchte ich auf dieses Zitat einfach nicht verzichten:

It is a terrible thing, this kindness that human beings do not lose. Terrible, because when we are finally naked in the dark and cold, it is all we have. We who are so rich, so full of strength, we end up with that small change. We have nothing else to give.

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Roman Science Fiction

Philip K. Dick – Blade Runner

CN dieses Buch: Mord, Gewalt gegen Menschen und Tiere, Depression
CN dieser Post: Depression


Empathie existierte offenbar nur in der menschlichen Rasse, während man Intelligenz bis zu einem gewissen Grad bei jeder Art und jedem Stamm von Lebewesen bis hinunter zu den Spinnen antraf.

Meine Erinnerung an die Verfilmung mit Harrison Ford und Rutger Hauer aus dem Jahr 1982 ist mangelhaft. Mehr in Erinnerung ist mir der Blog Post von Typeset in the future, der sich intensiv mit der verwendeten Typographie, aber auch mit einigen anderen Unklarheiten des Films befasst.

Das Buch selbst befasst sich im Prinzip mit der Frage, was einen Menschen eigentlich menschlich macht. Androiden, also humanoide Roboter, werden einem Empathietest unterzogen. Sie sollen als moderne Sklaven dienen; wenn sie entkommen, werden sie von Prämienjägern gejagt. Der Empathietest ist neben einer Knochenmarksanalyse die einzige Methode, um mit relativer Sicherheit einen Androiden von einem Menschen unterscheiden zu können. Der Empathietest beinhaltet hauptsächlich Fragen zu Tieren, die rar und teuer sind in dieser Zukunftswelt, die durch Kriege gezeichnet sind. Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Was unterscheidet den humanoiden Roboter vom Menschen? Ist ein Mensch, der seine Gefühlswelt von einer Einswerdungsbox (der unklar ausgearbeitete religiöse Teil scheint in der Verfilmung nicht vorzukommen, jedenfalls kommt die Person Mercer in der Cast-Liste nicht vor) oder einer Stimmungsorgel steuern lässt, tatsächlich noch menschlicher als ein Roboter?

Bis jetzt hatte er noch nie über die Ähnlichkeit zwischen einem elektrischen Schaf und einem Androiden nachgedacht. Das elektrische Tier, überlegte er, konnte als unterentwickelte Form des andern betrachtet werden, als eine Art minderwertiger Roboter.

Das Ende des Buchs betrachtend kann ich mir nicht vorstellen, dass in der Verfilmung nicht einiges geändert wurde. In dieser Form, die ich hier gelesen habe, scheint das Buch eher komplett unverfilmbar zu sein. Vielleicht werde ich mir den Film bei Gelegenheit nochmal ansehen.

Vielleicht könnte daraus eine Depression werden wie bei dir. Ich kann verstehen, wie du unter dem Gefühl leidest. Ich habe immer geglaubt, das mache dir Spaß, und du könntest dieses Gefühl nach Belieben abstellen, wenn schon nicht aus eigener Kraft, dann doch zumindest mit Hilfe der Stimmungsorgel. Aber wenn man so bedrückt ist, dann wird einem alles gleichgültig, weil man keinen Wertmaßstab mehr hat.

Nochmal kurz zurück zum Thema Stimmungsorgel und mentale/psychische Gesundheit: Nein, ein Depressionsgefühl lässt sich nicht beliebig abstellen. Nein, es macht keinen Spaß. Es ist nicht mal ein richtiges Gefühl, das sich beschrieben ließe, es ist mehr wie Eifersucht, die sich in unterschiedlichen Gefühlen (Verlustangst, Ärger, Minderwertigkeit, etc.) äußern kann. Die Gleichgültigkeit, dieses Gefühl, nichts zu wollen und nichts zu können, lässt sich nicht abstellen, Betroffene sind mehr oder weniger hilflos. Wer sich darüber informieren möchte, der*dem empfehle ich das Buch Der Schwarze Hund von Matthew Johnstone.

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English Roman Science Fiction

John Scalzi – Redshirts

“Jenkins, listen to me,” Dahl said, leaning in, “There’s no way to hide from this. There’s no way to run from it. There’s no way to avoid fate. If the Narrative exists – and you and I know it does – then in the end we don’t have free will. Sooner or later the Narrative will come for each of us. […]”

Ohne Spoiler wird dieser Blog Post nicht funktionieren. Ich glaube zwar, dass durch ein voriges Wissen der Struktur der Geschichte der Lesespaß nicht vollkommen verdorben wird. Ich könnte mir nach dem letzten Drittel durchaus vorstellen, dass es interessant wäre, den vorderen Teil nochmal mit anderem Wissen zu lesen. Aber seid gewarnt, ich werde essenzielle Teile der Geschichte verraten müssen, um zu beschreiben, was an dieser Geschichte gut und irritierend ist. Wobei ich vorab sagen möchte, dass es sich sowohl als Unterhaltung gut lesen lässt, als auch als existenzielle Frage nach dem Wesen des Menschen und der Möglichkeit des Freien Willens.

Im ersten Teil geht alles sehr schnell, wir lernen einige Personen kennen, die gerade ihren Dienst auf dem Raumschiff Intrepid antreten. Bevor ich mir noch alle Namen gemerkt hatte, waren bereits die ersten dieser Personen auf einer Außenmission zu Tode gekommen. Wie sich später zeigt, steckt dahinter ein Muster. Während die lange gedienten Crew-Mitglieder immer wieder mit dem Leben davon kommen, kommt bei jeder Außenmission zumindest ein frisches Crew-Mitglied grausam zu Tode. Was die neuen Crew-Mitglieder misstrauisch macht. Ein mysteriöser Yeti-ähnlicher Charakter, der aus den Frachttunneln tief im Inneren des Raumschiffs auftaucht, trägt zusätzlich zur Verwirrung bei.

Es folgt die Erkenntnis, dass die handelnden Personen Nebencharaktere in einer schlechten Science-Fiction-Serie sind. Wobei unterschwellig die Frage nach dem freien Willen erörtert wird und die Frage, was eine Person überhaupt zu einer Person macht. Sind die Charaktere der Serie nun eine eigene Person, obwohl derselbe Körper in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort ein völlig anderes Leben führt?

Die Charaktere auf der Intrepid erarbeiten einen relativ absurden Plan, um mit den Produzent*innen der Serie in Kontakt zu treten, um so ihren eigenen Tod zu verhindern. Mit einem großen Knall verschwinden sie dann alle aus dem Buch, um im letzten Teil Platz zu machen für den Schreiber der Serie, der nun damit hadert, dass er nichts mehr schreiben kann, ohne sich dabei als Mörder zu fühlen. Das Ende wartet mit einer überraschenden Enthüllung auf, die für den abrupten Bruch mitten im Buch nur halbwegs entschädigt.

“Doesn’t that mess with you?” Abnett asked. “Knowing that you exist, and don’t exist, and are real and aren’t, all at the same time?”