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Sachbuch

Carol De Giere – Defying Gravity

Sibelius Monument Helsinki

“The problem with musicals”, Stephen Schwartz suggests, “is that you are only as strong as your weakest element. You can have a good show that gets sunk by one performance or an intrusive design element.“ Every artist faces form issues: a painter laments when a painting is poorly framed; an author worries that an unsuitable cover will misrepresent his or her book. For musicals, any number of things can obscure what the writers were trying to communicate: bad casting, distasteful costumes or sets, in appropriate orchestrations, or unappealing choreography.

Schon oft habe ich erlebt, dass Musicals nicht so richtig berühren, wenn man sie nicht auf der Bühne sieht, sondern nur (oder zuerst) auf CD erlebt. Manchmal berühren sie nicht mal von der Bühne aus (wie es mir beispielsweise bei The Woman in White erging). Bei Wicked aber war es für mich Liebe auf den ersten Ton, wenn man so will. Es war das erste Musical, dessen Aufnahme ich aus dem iTunes Store kaufte, wenn ich mich richtig erinnere, hatte ich zuvor Defying Gravity bei einem Soloabend von Maya Hakvoort gehört. So richtig erfassen konnte ich Wicked dann erst im Londoner Apollo Victoria Theatre, ein herrlicher Nachmittag (es war eine 14:30 Vorstellung).

Carol de Gieres Biographie beschäftigt sich nicht nur, aber schwerpunktmäßig mit der Entstehung von Wicked, gleichzeitig ein positiver wie negativer Effekt des Buches. Einerseits freut sich der Wicked-Fan, die verschiedenen Entwicklungsstadien des Musicals nachvollziehen zu können, andererseits kann man von einer ausgewogenen Berichterstattung eben nicht sprechen. Es fasziniert, wo Stephen Schwartz noch überall mitgewirkt hat, ich wusste beispielsweise nicht, dass unterem anderem die Songs zu The Prince of Egypt inklusive dem großartigen When You Believe auch von Stephen Schwartz stammen.

Beim Lesen stellt man fest, dass hier eine großartige Kombination aus Fan-Tum und dokumentarischen Fähigkeiten der Autorin vorliegt. Dass sie Stephen Schwartz offensichtlich zugeneigt ist, tut der Biographie keinen Abbruch, eine kritische Auseinandersetzung will der Wicked-Fan ohnehin nicht lesen und wer sollte sonst zu diesem Buch greifen? Es gelingt der Autorin, zu vermitteln, wie tief Stephen Schwartz im kreativen Arbeiten verwurzelt ist, sie zeigt manche Tricks seiner Arbeit auf, sie hat extra das Element Creativity Notes entwickelt, um seinen Arbeitsprozess zu erläutern und anderen Kreativschaffenden seine Tipps zu übermitteln.

Das Buch bietet einen guten Überblick über das Musicalschaffen von Stephen Schwartz, seine Beiträge auf dem Gebiet der Filmmusik werden ebenfalls erwähnt, allerdings im Vergleich zur detaillierten Analyse der Musicals eher nur gestreift. Gerade die Entwicklung von Wicked, dessen scheinbar endlose Folge von Revisionen wird detailliert erläutert. Ein (ent-)spannend zu lesendes Werk, von dem andere Kreativschaffende zweifellos ebenfalls profitieren können.

There were things that I knew right away. I knew how it was going to begin, I knew how it was going to end, I knew who Elphaba was, and I knew why – on some strange level – this was autobiographical even though it was about a green girl in Oz. Stephen Schwartz

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Roman

T. C. Boyle – Drop City

21 Kahlenberg Straßenbahnmuseum Wien / made with Cam+

There was a murmur from the crowd. All her senses were alive. She didn’t feel faint or nervous or sag, but just eager – eager and vigorous, ready to get on with the rest of her life. She’d waited twenty-seven years and there was no going back now.

Auf den ersten Blick entfaltet sich hier ein Kontrastprogramm. In Kalifornien im Drop City Camp praktiziert eine Hippie-Gruppe freie Liebe, distanziert sich von den Autoritäten, sucht Freiheit durch ein „Zurück zur Natur“. Im Gegensatz dazu sucht Pamela in Alaska einen Mann, mit dem sie abseits von der Zivilisation leben will. In ihren Augen geht die Gesellschaft in die falsche Richtung, sie macht sich Sorgen, um die sittenlose Gesellschaft in den Städten und sieht einen Untergang der Zivilisation in der Zukunft. Star in ihrer Hippie-Einstellung und Pamela in ihrer Suche nach Natur und Einsamkeit – ihre Denkmuster ähneln sich, aber sie leben ihre Vorstellungen vollkommen unterschiedlich aus.

He wasn’t thinking of the meat or even the hide as he eased back on the throttle and reached for the rifle. It was the claws he wanted.

Die Autoritäten holen Drop City ein, Leader Norm Sender entwirft für seine Schäfchen eine traumhafte Zukunft im fernen Alaska, wo ihm sein Onkel eine Hütte vermacht hat. Zufällig die Hütte in direkter Nachbarschaft von Pamela und ihrem frisch gebackenen Ehemann Sess. Während die beiden ihr Eheleben zelebrieren, machen sich die hartgesottenen Drop-City-Anhänger auf den Weg ins ferne Alaska. Ihre Naivität droht ihnen zum Verhängnis zu werden, für den harten Winter sind die sonnenverwöhnten Hippies nicht gerüstet. Stars Freund Ronnie – die beiden kennen sich seit ihrer Jugend und sind gemeinsam in Drop City eingetroffen, doch Star hat mittlerweile in Marco ihre verwandte Seele gefunden – entdeckt nicht nur seinen Jagdinstinkt. Er kann auch dem Kommunenleben zunehmend wenig abgewinnen. Als er erstmals auf einen Bären schießt, diesen aber nur am Ohr streift, sieht man ihn bereits wie Anthony Hopkins in Legenden der Leidenschaft im tiefsten Alaska-Winter in den Armen des Grizzly-Bärs sterben. Doch es kommt anders …

And then she was going to say, And what kind are you? but in that moment it dawned on her that Pamela was just like them. She wasn’t buying into the plastic society, she wasn’t going to live the nine-to-five life in a little pink house in the suburbs and find her meat all wrapped up in plastic for her at the supermarket. She’d done that – worked in an office in downtown Anchorage – and she’d dropped out just as surely as anybody at Drop City had.

In der unwirtlichen Kälte des Alaska-Winters muss die Hippie-Kommune eine neue Art von Zusammenhalt lernen, wohingegen Pamela es schätzen lernt, mit ihrem Mann nicht völlig allein in der Wildnis zu leben und eine Freundin in Kanunähe zu wissen.

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Roman

Salvatore Niffoi – Die barfüßige Witwe

Endstation made with Cam+

„Aber wenn wir alt sind, haben wir uns dann immer noch so lieb wie jetzt?“
„Wir haben uns auch noch lieb, wenn wir gestorben sind, Mintò!“

Es erscheint als bemerkenswerte Ironie, dass es Salvatore Niffoi einerseits gelingt, dieses Versprechen sterben zu lassen und andererseits in der Erfüllung dieses Versprechens andere sterben zu lassen. Es entspinnt sich eine Liebesgeschichte zwischen Mintonia und Micheddu, der im trostlosen Sardinien der Zwischenkriegszeit vom Kleinkriminellen schließlich zum gesuchten Banditen wird. Gegen die Widerstände der Familien heiraten die beiden, versuchen sich in der kargen Landschaft ein Leben aufzubauen. Doch eine Intrige reißt sie auseinander: das Buch beginnt mit dem Tod Micheddus, er wurde ermordet, angeblich in Notwehr. Seine Frau will dies natürlich nicht glauben. In ihrer Lebensbeichte erzählt sie die Entstehung dieser unmöglich scheinenden Liebe, angefangen von ihrer Kindheit über die Heirat und die trostlose Zeit ihrer Ehe, die sie zumeist getrennt verbringen, Micheddus schließlich unleugbar werdende Affären, bis zur Zeit nach Micheddus Tod. Sein zweites Kind trägt Mintonia noch im Bauch.

Nur Blut sag ich in meinen Augen, bitteres Blut, das mir glühend in den Kopf stieg. Tziu Imbeces Ratschläge, das Beispiel von Mannai Gantina, die in ihrem Leben keine einzige Fliege getötet hatte, die Bücher, die ich wie Brot unter den Eichen konsumiert hatte, der Unterricht bei Mastru Ramiro liefen an mir herunter wie Wasser auf den wächsernen Blättern der Steineiche. In mir kochte ein ursprünglicher Hass, der sich von nichts und niemandem bändigen ließ.

Letztendlich lässt sich der Hass nur durch Rache beruhigen. Auge um Auge, so hält es die Familienjustiz in diesen dunklen Tagen in einsamen Dörfern, wo es kaum eine Zukunft gibt, schon gar nicht für Mintonia, die Frau des ermordeten Banditen Micheddu. Ihre Rache erschüttert und berührt zugleich. Eine einfühlsame Geschichte über eine unmögliche Liebe.

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Klassiker Roman

Nikolaj Gogol – Die toten Seelen

Verschiebebahnhof Wien made with CAM+

Überall kreuzt die strahlende Freude lustig all die Leiden, aus denen sich unser Leben zusammenflicht, so wie manchmal eine glänzende Equipage mit goldenem Geschirr, bildschönen Pferden und blitzendem Fensterglas plötzlich unerwartet an einem entlegenen armen Dörfchen vorüberjagt, das nichts kennt außer dem Bauernwagen: lange noch stehen die Bauern mit offenen Mündern da, die Mützen in den Händen, obwohl die wunderbare Equipage längst davongefahren und den Blicken entschwunden ist.

Ein russischer Klassiker. Meine Begegnung mit Anna Karenina ist schon ein paar Jahre her und fand auch unter denkbar ungünstigen Bedingungen statt (aber immerhin weiß ich jetzt, dass ich zwei Wochen herumliegen an einem Strand nichtmal mit Anna Karenina ertrage), aber der Gogol kann da so ganz und gar nicht mithalten. Epische Breite haben sie durchaus gemeinsam und wenn man nach dem Punkt sucht, muss man ganz schön lange suchen.

„Was heißt hier Unschuld! Ich habe sie solche Dinge reden hören, dass ich es, ehrlich gesagt, nicht einmal über mich bringe, sie zu wiederholen.“

Ganz am Ende, wenn man den Punkt gefunden hat, dann ist es natürlich eine klare Kritik am Kapitalismus und am Streben nach Reichtum, der „Held“ Tschitschikow muss erkennen, dass all sein eisernes Sparen, seine dunklen Machenschaften ihm nicht das erhoffte Ergebnis bringen. In epischer Breite beschreibt Gogol auch die herrschende Korruption im russischen Beamtenstaat, man kann bloß den Kopf schütteln, wenn man sich die Beamtenschaft an ihren Schreibtischen vorstellt, wie sie auf das Flattern von Geldscheinen lauschen.

Wie aus einem Rausch erwachten sie und sahen voller Entsetzen, was sie angerichtet hatten. Der Staatsrat ergab sich nach russischer Gewohnheit aus Verzweiflung dem Trunk, der Kollegienrat aber ließ sich nicht unterkriegen.

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Roman

Linda Stift – Kein einziger Tag

Kirnu Linnanmaki Helsinki

Irgendetwas tauchte in meinem Gedächtnis auf wie ein altes Wrackteil, das sich plötzlich aus dem Meer erhebt. Eine Leerstelle. Etwas, das nicht stattgefunden hatte, etwas, das versäumt worden war. Jenny! … Das hatte ich nicht getan. Ich hatte sie praktisch versetzt. Ich hatte sie noch nie versetzt. Mir lief es kalt über den Rücken.

Linda Stift hat nicht davor zurückgescheut, tief in die Psyche ihrer Protagonisten einzutauchen. Jede Menge Konfliktstoff bietet die Beziehung zwischen den Brüdern Paco und Paul. Als siamesische Zwillinge geboren würden sie erst nach mehreren gemeinsamen Lebensjahren getrennt. Zur Freude von Paul, zum Ärger von Paco. Genau wie die Eltern empfinden auch die beiden Buben komplett konträr über die Trennung. Für Paul ist die körperliche Trennung von seinem Bruder die Befreiung und der wichtige Schritt in ein eigenes Leben. Paco hingegen sucht sein Leben lang Bestätigung und die Nähe zu seinem Bruder.

Paco schleicht sich in Pauls Leben ein. Da die Geschichte aus Pauls Sicht erzählt wird, empfindet der Leser den dominanten Paco als Eindringling, jeder würde sich wohl gestört und genervt fühlen, wenn ein Familienmitglied von einem Tag auf den anderen in die eigene Wohnung eindringt und den Lebensraum Stück für Stück annektiert. Und auch Pauls Freundin Jenny scheint in Paco schließlich den besseren Bruder zu sehen, wenn auch der Schein der intakten Beziehung stets gewahrt bleibt.

Als Nebenschauplatz existiert das „Tier“, das Paul im Keller seines Geschäfts hält. Ein verzweifelter Versuch, da er sein eigenes Leben nicht unter Kontrolle hat, irgendetwas zu kontrollieren. Seine Überlegungen, was dem „Tier“ geschehen könnte, sollte ihm etwas zustoßen und er nicht mehr in den Keller gehen können, zeigen einerseits eine gewisse Verbundenheit, andererseits muss der Leser zusehends an Pauls geistiger Gesundheit zweifeln. Vielleicht ist nicht Paco der gestörte Bruder?

Der abschließende Knalleffekt kommt überraschend und ist so undenkbar, dass einem die Vorstellung kalte Schauer über den Rücken jagt und man beim Zuklappen des Buches einen verstörten Gesichtsausdruck trägt. Empfehlung.

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Sachbuch

Holm Friebe, Sascha Lobo – Wir nennen es Arbeit

Stromkugel im Technischen Museum Wien, made with Cam+

Ihre Sprache und ihre E-Mails orientierten sich am Stil des Beat-Poeten Jack Kerouac. Wie nachhaltig der Eindruck der Hippie-Revolte sogar auf die Welt der Hochfinanzen durchgeschlagen hat, zeigt auch ein aktuelles und anekdotisches Beispiel aus England, wo rund 4.000 Investmentbanker und Manager von Hedgefonds sich alljährlich auf einer Wiese bei Knebworth zum „Hedgestock“-Festival treffen. Unter dem Motto „Make money, not war“ feiern sie dort drei Tage lang in Batikgewändern und Blumenkostümen zu Original-Woodstock-Musik.

Ich bin nicht up-to-date. Dieses Buch, diese Hommage an die Internetgesellschaft des neuen Jahrtausends, erschien erstmals 2006, hat also bereits 5 Jahre auf dem Buckel. Im Netz entspricht das wohl eher Jahrzehnten. Heute würde so ein Werk seine Verbreitung vermutlich nur mehr werbefinanziert als eBook finden.

Gerade die deutsche Bloglandschaft spiegelt diese digitale Bohème, die Friebe und Lobo portraitieren, ausführlich wieder. Obwohl nur die wenigsten Mitglieder dieser Gesellschaft tatsächlich von ihren Internetaktivitäten leben können, sympathisieren große Gruppen von Angestellten (speziell in technikaffinen Branchen) mit dem Freiberuflerdasein der Bohèmians. Damals wie heute. Somit findet sich eine ausreichend große Zielgruppe, die sich dieser neuen (?) Subkultur zugehörig oder zumindest verbunden fühlen.

In den ersten Kapiteln erörtern die Autoren die Merkmale dieser Gesellschaft bzw. ihrer Mitglieder und beschreiben mitreißend, wie Lebensmodelle abseits der Norm aussehen können. Im Internet kann jeder seine 15 Minuten Ruhm finden und manchmal entsteht daraus sogar eine erfolgreiche Karriere, von der die Protagonisten sogar leben können. Dazu muss man sagen, dass die Möglichkeiten in diesem Bereich sich in den fünf Jahren, die seit dem Erscheinen vergangen sind, die Vorzeichen doch gravierend geändert haben. Die Geschäftsmodelle ändern sich, die Finanzierung durch Werbung hat signifikant den sauren Beigeschmack verloren. Gerade der iTunes App Store trägt weiter dazu bei, die Gratiskultur zu fördern. Wo sich User manchmal über Spiele beschweren, die für 99 Cents oder 0,79 Euro ohnehin beinahe geschenkt sind, und lieber auf werbefinanzierte Gratisangebote zurückgreifen.

Machen wir uns keine Illusionen über die maximale Reichweite der digitalen Bohème. Es könnten vielleicht ein paar Leute mehr nach ihren Regeln leben und arbeiten, als sich derzeit trauen, aber nicht alle. Wie die alte Bohéme nicht ohne das Bürgertum und seine Mäzene denkbar war, so braucht auch die digitale Bohème ein prosperierendes wirtschaftliches Hinterland, sonst kann sie einpacken.

Beruhigenderweise verkünden die Autoren kein Evangelium (wäre auch sehr unpassend in der zunehmend religionsfeindlichen Zielgruppe der digitalen Bohèmians). Der Müllmann wird niemals freiberuflich tätig sein und frei entscheiden können, ob er den Müll im Stadtteil am Montag oder Donnerstag abholt (oder mal eine Woche gar nicht, wenn er keine Lust hat). Die Prinzipien, die Lebenswelten, die Möglichkeiten, die sich den Angehörigen der Internetkultur bieten, lassen sich nicht auf alle Lebens- und Arbeitsbereiche übertragen, eine funktionierende Infrastruktur wird weiterhin von Firmen- und öffentlichen Strukturen gewährleistet werden müssen. Greifen Sie zu, es sind nur wenige Plätze frei in diesem Boot …

Was Ansätze wie der von Bergmann demonstrieren, ist aber vor allem, dass die Landkarte der zukünftigen Arbeit noch viele weiße Flecken aufweist und mehr Dinge zwischen Himmel, Erde und Internet machbar sind, als sich Politiker trauen, ins Parteiprogramm zu schreiben. Das Wechselspiel aus Technologie, Stadtentwicklung, Kultur, sozialem Wandel und Politik wird Lebens- und Arbeitsformen ermöglichen und hervorbringen, die uns heute noch utopisch erscheinen.

Nach fünf Jahren wäre bereits ein Update, nein, sogar ein völlig neues Werk möglich, das beispielsweise die technischen Aspekte der Cloud-Technologie, politischer Themen wie Datenschutz und Vorratsdatenspeicherung oder wirtschaftlichen Faktoren wie die Weltwirtschaftskrise im Internetkontext behandelt. Aufruf an die Autoren der digitalen Bohème: Es gibt noch viel zu tun.

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Krimi Roman

Donna Leon – Sanft entschlafen

Bridge Of Love, Helsinki

Wenn es ein in Rätsel gehülltes Geheimnis gab, dann Opera Pia. Brunetti wusste nicht mehr darüber, als dass es eine religiöse Organisation war, halb geistlich, halb weltlich, die sich dem Papst zu absolutem Gehorsam verpflichtet fühlte und nach einer irgendwie gearteten Erneuerung der Macht oder Autorität der Kirche strebte.

Erst war ich geneigt, dies als „weiteres Brunetti-Buch“ abzutun, man sollte einfach nicht zu viele hintereinander lesen, damit sich eine Brunetti-Müdigkeit nicht einschleichen kann. Auf der einen Seite sollte es tröstlich sein, dass dieser Commissario ein normaler Mann ist, ohne nennenswerte Probleme in seinem eigenen Leben und seiner eigenen Familie, aber für den Roman würde vielleicht ein anderes familiäres Setting mehr Würze verleihen. Aber lassen wir sie leben, sterben muss ohnehin immer jemand.

Beinahe die ersten beiden Drittel des Romans müssen vergehen, bevor Brunetti wirklich eine ernsthafte Spur hat, worum es bei den Todesfällen, die offiziell als natürlicher Tod durch Krankheit geführt werden, geht. Bis zum Schluss gibt es keine offizielle Ermittlung und Brunetti muss sich wiederum gegen seinen eigensinnigen Chef durchsetzen. Zumindest für einen Teil der Opfer geht die Geschichte gut aus. Oder eigentlich nicht gut, denn was tatsächlich weiter mit ihnen passiert, bleibt offen.

Das Thema der Vorgänge unter dem Deckmantel der Kirche ist nach wie vor aktuell. So gesehen ist das vermutlich einer der zeitloseren Brunetti-Geschichten.

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Roman

Ann Patchett – Bel Canto

Gaensebluemchen

When the lights went off the accompanist kissed her.

Schon bei diesem ersten wunderbar poetischen Satz entfaltet sich ein Hauch der Stimmung, die später ein charakteristisches Element dieser Erzählung darstellen wird. Der Grund fürs Ausgehen des Lichts ist die feindliche Übernahme einer Gruppe von Terroristen, die in die Abendgesellschaft zu Ehren von Mr. Hosokawa platzen, auf der die Sopranistin Roxane Coss gerade ihren Auftritt absolviert. Die Geiselnahme wird sich über Monate hinziehen und Menschenleben fordern. Sowohl auf Seiten der Geiseln als auch auf Seiten der Geiselnehmer.

Kato closed his eyes so that he could imagine he was home, playing his own piano. His wife was asleep. His children, two unmarried sons still living with them, were asleep. For them the notes of Kato’s playing had become like air, what they depended on and had long since stopped noticing.

In weiterer Folge entspinnt sich eine Liebeserklärung an das Leben und an all die Facetten, die das Leben so lebenswert machen. In erster Linie steht hier natürlich die Musik als verbindendes Element. Die Opfer der Geiselnahme stammen aus verschiedensten Ländern und können sich teilweise nur mit Hilfe des Dolmetschers Gen verständigen. Er vermittelt auch zwischen den Kidnappern und dem Verhandler aus der Außenwelt. Nicht nur aus diesem Grund wird Gen zur zentralen Figur in dieser Oper.

In fate there was reward, in turning over one’s heart to God there was a magnificence that lay beyond description. At the moment one is sure all is lost, look at what is gained!

Wenn man in einer Extremsituation gefangen ist, wird plötzlich vieles unwichtig und anderes tritt in den Vordergrund. Die gefangen genommenen Menschen müssen sich mit ihrer neuen Lebenswelt arrangieren und gewinnen dabei allerhand Erkenntnisse. Natürlich erkennen sie den Wert der Familie und wie unwichtig die Arbeit ist, mit der viele von ihnen bis vor dem Ereignis soviel Zeit verbrachten. Aber auch der Wert der einfachen Dinge im Leben, die Freude an Musik, an Sonnenlicht und schließlich dem Gefühl der nackten Fußsohlen auf frischem Gras entfaltet sich Tag für Tag und Wort für Wort.

It was the interpretation of their lives in the very moment they were being lived.

Erzählt wird eine Geiselnahme, aber in Wirklichkeit geht es nur um Liebe. Verschiedene Arten von Liebe, unerwiderte Liebe, wie Liebe beginnt und vielleicht sogar wie sie endet. Aber manchmal verwandelt sich Liebe auch in etwas anderes. Liebe kann Leben zusammenhalten aber auch in Stücke schlagen.

That is larger than life. Everything is sort of worse than you can imagine and better than you can imagine.

Anschließen möchte ich hier noch eine Lobeshymne an das iPad und die Kindle App. Zu Ende gelesen habe ich dieses Buch in den heißesten Tagen des Jahres, Ende August, nachts draußen in der abkühlenden Luft ohne zusätzliches Licht, was mit dem klassischen Papierbuch so nicht möglich gewesen wäre.
Absolute Leseempfehlung. Bisher das Highlight meines Lesesommers.

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Roman

Ildikó von Kürthy – Endlich!

Hafenpromenade Helsinki

Ob ich es jemals bereut habe? Ja, selbstverständlich. So, wie ich jede Entscheidung, die ich jemals getroffen habe, bereut habe. Ich bin einfach nicht der Typ, der sich gerne entscheidet und dann auch noch seinen Frieden macht mit der einmal getroffenen Entscheidung.

Ja, wer sich für Sommerunterhaltung auf niedrigem Niveau entscheidet (zum Ausgleich für andere Strapazen), der könnte wohl genau das bekommen. Allerdings hatte ich es mir so dann doch nicht vorgestellt. Jammern kann ich nämlich selber ganz gut.

Aber mir persönlich sind keine Frauen bekannt, die sich behaglich zurücklehnen. Frauen sind stetig vor sich hin sprudelnde Nölquellen, immer unzufrieden, immer damit beschäftigt, irgendwas zu optimieren, meistens ihren Partner oder ihre Figur.

Gerade im ersten Teil des Buches kann man sich schon mal etwas verwirren lassen, wenn man zwischendurch eventuell auch mal was anderes zu tun hat. Die Protagonistin Vera erzählt in Rückblenden nicht nur ihre eigene, sondern auch nahezu die gesamte Lebensgeschichte ihrer Freunde. Das geht dann ein Stückchen zu weit. Von einem Moment auf den anderen ist die Rede von Marcus (Veras Mann), dem Betrüger, und ich musste zurückblättern, wo ich jedoch nicht fündig wurde. Erst 10 Seiten später wird die ganze Geschichte aufgelöst, das grenzt dann fast schon an Anstrengung. Wenigstens haben die Freunde Johanna und Erdal etwas spritzigere Lebensansichten zu bieten:

„Frisch und ausgeruht, wenn ich das schon höre! Du hast keine Illusionen mehr, kaufst einen Luftbefeuchter und trinkst zu jedem Glas Wein ein Glas Wasser. Schnarch.“

Vera selbst jammert leider nur großräumig rum. Schon als ihre heile Welt noch in Ordnung ist, kann man ihr kaum was recht machen, aber als der Betruf ihres Mannes erstmal aufgedeckt ist, gibt’s außer Gejammer über die Männer noch jede Menge Gejammer über gesellschaftliche Konventionen, die Frauen auferlegt werden (Karrierefrauen, Rabenmütter, muss ich mehr sagen?) und die Probleme, diesen zu entsprechen. Und auch zum Schluss entscheidet das Schicksal über das Leben von Vera. Und nicht Vera selbst.

Ich könnte jetzt tatsächlich ganz einfach mal so sein, wie ich bin – oder so, wie ich immer schon mal sein wollte.

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Roman Thriller

Anthony Burgess – A Clockwork Orange

Burning Skies / „Brennende“ Wolkenberge

The millicents now got down to making this long statement for me to sign, and I thought to myself, Hell and blast you all, if all you bastards are on the side of the Good then I’m glad I belong to the other shop.

Während ich das Buch mit mir herumtrug, hörte ich unter anderem den Kommentar: „Was lest’n du für einen abgedrehten Dreck?“ (oder so ähnlich) Ich war erst etwa 20 Seiten drin und hab den Film nie gesehen, daher wusste ich weder, was mich erwartete noch worauf sich dieser explizite Kommentar bezog. Es wurde relativ schnell klar und dann wollte ich das Buch nur mehr schnellstmöglich loswerden und den Film niemals sehen.

Das Buch dauerhaft weglegen, kam leider nicht in Frage, daher hab ichs ausgelesen und war dann doch beinahe enttäuscht, ob des Endes. Anthony Burgess verleiht dem Buch damit viel Interpretationsspielraum, man kann es als Anklage an den Staats- und Polizeiapparat sehen, gerade im Hinblick auf die aktuellen (August 2010) Ereignisse (riots) in London lässt sich aber auch trefflich über die Verrohung der Jugend schimpfen, die offenbar den Unterschied zwischen Recht und Unrecht nicht kennt und vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Immer wieder drängt sich beim Lesen der Gedanke auf, was Stanley Kubrick wohl für ein seltsamer Mensch gewesen sein muss, dass er gerade dieses Buch verfilmen wollte. All diese Gewalt ist schon schlimm zu ertragen, wenn man den seltsamen englischen Dialekt, den der Protagonist Alex als Erzähler verwendet, nicht in allen seinen Facetten versteht. Aber diese zwangsläufig im Kopf entstehenden Bilder auch noch festhalten zu wollen, geht über mein Verständnis. Anthony Burgess selbst hält A Clockwork Orange übrigens nicht für sein bestes Werk, er schreibt dessen Popularität nur dem kontroversiellen Kubrick-Film zu. Der dämonische Blick von Malcolm McDowell in der Rolle des Alex kann einen sogar verfolgen, wenn man den Film nicht mal gesehen hat …

Eine Empfehlung kann ich aufgrund der Gewaltexzesse nicht aussprechen, weder dafür noch dagegen. Ich kann nicht ausschließen, dass mich die Beschreibungen der „Heldentaten“ des Protagonisten nicht so abstoßen, dass ich den künstlerischen Wert einfach nicht erkennen kann. Spaß machte mir das Lesen jedenfalls nicht.