Categories
Roman

Louise Penny – The Black Wolf

CN: Suizid, Mord, Mafia

Mit dem Jahresrückblick 2025 unter der Buchbesprechung.


You’re still living in a world where truth matters, where facts are important. They aren’t anymore. They’re fluid and we’re losing facts as fast as we’re losing water.

Über Louise Penny und ihre Krimireihe um Inspektor Gamache und das fiktive kanadische Dörfchen Three Pines habe ich schon viel geschrieben. Auf die aktuelle Fortsetzung habe ich einige Wochen gewartet und sie dann rechtzeitig in den Weihnachtsferien endlich bekommen.

The power of words. All wars start with words. All conflicts start with early warnings that are ignored.

Das Geniale und gleichzeitig extrem Beunruhigende an diesem Buch ist die Nähe zur aktuellen Situation. Offene Lügen und versteckte Halbwahrheiten machen es schwierig, zu entscheiden, wem wir vertrauen können. Mit diesen deutlichen Verbundenheiten war mir der Roman fast zu nahe an der aktuellen weltpolitischen Situation, um unterhaltsam (im Sinne von temporärem Eskapismus) zu sein. Gleich mehrere Personen gibt es in diesem Roman, von denen wir nicht wissen, wo ihre Loyalität tatsächlich liegt. Die Hinweise darauf ändern sich auch immer wieder, manchmal muss Gamache sehr kurzfristig entscheiden, ob er einer Person in diesem Moment vertrauen kann oder nicht. Eine Ministerin beauftragt ihre Security-Mitarbeiterin mit einem ungerechtfertigten Haftbefehl, um ihre Integrität zu testen. Alles in allem habe ich dieses Buch wegen der großen Nähe zur aktuellen politischen Lage in Nordamerika vielleicht weniger genossen als andere in der Reihe. Gleichzeitig verstehe ich auch, warum die Autorin diese Themen anspricht und ihre Plattform nutzt, um auf die Lügen und Halbwahrheiten hinzuweisen und vielleicht die eine oder den anderen dazu zu motivieren, genauer hinzuschauen und zu hinterfragen.

Isn’t that the best way to misdirect? To hide the lie inside a truth?


Mein Jahr war in einem Wort: wechselhaft. Viel Reisen bis August. Ab der Jahreshälfte insgesamt deutlich besser als davor. Dann aber geprägt von einer großen persönlichen Veränderung, die mir viel abverlangt hat, das ich mir in der ersten Jahreshälfte gar nicht vorstellen konnte. Eines bleibt, wie es immer war: Der Wahnsinn hat immer Saison.

Ein paar Einblicke:

  • Der Jänner begann mit einem Jahresanfangsurlaub in Slowenien. Maribor und Ljubljana haben mir sehr gefallen. Auch die Zugfahrten haben gehalten, was sie versprochen haben.
über einen Fluss spannt sich eine blaue Eisenbahnbrücke, auf der Brücke fährt ein blau-weißer Zug gerade schräg von rechts unten im Bild nach links oben
auf einem Sockel nebeneinander die verfremdete Statue eines Hundes oder Wolfs mit gebuckeltem Rücken und erhobener rechter Vorderpfote, daneben liegt entspannt auf der Seite ein schwarzbrauner Hund, der in dieselbe Richtung schaut, wie die Statue
  • Im Februar folgte die erste Hacktour des Jahres ins Atomkraftwerk in Zwentendorf. Es waren viele Besucher:innen auch aus anderen Bundesländern angereist, darüber habe ich mich besonders gefreut. Später im Jahr folgten Hacktours ins Schildermalermuseum in Wien und ins Gartenbaukino (leider ist der Bericht immer noch nicht fertig …). Außerdem unternahm ich mit dem Radfahrer eine Winterwanderung am Semmering.
  • Der März brachte keine großen Veränderungen abgesehen von der Ankunft meines neuen Arbeitsgeräts: ein Macbook Air M4 2025, das mich die nächsten Jahre durch meinen Arbeits- und auch sonstigen Alltag begleiten wird.
  • Der April war geprägt durch die erste große Reise des Jahres. Per Interrail fuhr ich durch Italien bis an die Côte d’Azur, wo ich den Fotografen traf. Diese Reise habe ich ausführlich auf meinem Geocaching-Blog dokumentiert: Bolzano/Bozen, Genova/Genua, Cannes, Antibes, Cuneo, Trento.
menschengroßer blauer Schriftzug „Porto Antico“, mittig davor steht eine Person in Jeans, schwarzem Shirt und mit Rucksack, daneben ein kleiner schwarzbrauner Hund
schwarzbrauner Hund liegt im Vordergrund des Bilds und schaut zur Kamera, dahinter ein hoher Turm mit einer Turmuhr und dnaben ein Brunnen mit einer Neptunfigur mit Dreizack
  • Im Mai war nichts Besonderes sicher auch einiges los, aber nichts, was ich hier wiedergeben könnte. Im Juni besuchten der Hund und ich Karlsruhe inklusive der Gulaschprogrammiernacht (GPN), wobei sich Veränderungen in einer Beziehung in Gang setzten, die ich mir so eher nicht gewünscht hatte. Einen Bericht über meinen Besuch im Zentrum für Kunst- und Medienkultur (ZKM) habe ich unter einer meiner Buchbesprechungen veröffentlicht. Ende Juni unternahm ich einen Wandertag in Gloggnitz. Außerdem gab es eine Premiere in diesem Blog: eine Restaurantbesprechung! (Der Restaurantbesuch hat jedenfalls im Juni stattgefunden, die Veröffentlichung verzögerte sich aus Gründen.)
  • Im Rahmen meines Berlin-Besuchs Anfang Juli schipperten wir auf dem Tegeler See. Danach ging mir mit einigen Aufs und Abs die Lust am Geocaching abhanden, obwohl ich meine selbst ausgedachte Geocaching-Challenge trotzdem lange vor der Zeit vollenden konnte. Ich hatte mir vorgenommen, meine Liste gelöster Mystery-Caches zu reduzieren und durchschnittlich pro Woche einen Cache aus dieser Liste zu finden. Natürlich waren das oft mehr als einer und dann lange gar nichts. Leider bin ich an einem Abend (und später wieder) umgefallen und habe der Liste wieder viele neue (einfach zu lösende) Mystery Caches hinzugefügt. Dementsprechend könnte ich vermutlich nächstes Jahr wieder genau dasselbe machen.
  • Der Juli brachte außerdem die erste Instanz des Poly Dog Picknicks, bei dem sich drei Hunde und fünf Erwachsene im Augarten verlustierten. Weiters begab sich eine Geburtstagsfeier auf der Donauinsel, bei der Lupo, der Hund, immer wieder extrem nah am Wasser in Lauerstellung ging (untypisch für ihn wegen Wasserscheuheit). Später stellte sich heraus: eine Wasserschlange hatte fette Beute gemacht und hätte diese lieber in Ruhe am Ufer verspeist. Beim diesjährlichen Besuch in Raabs an der Thaya gelang mir die Lösung eines Geocaching-Rätsels, die uns zu einem Schacht führte, wo einst Probebohrungen für einen möglichen österreichischen Standort für das CERN vorgenommen worden waren. Und dann wurde im Juli noch eine neue Erdenbürgerin geboren, die wir in unserer erweiterten Familie herzlichst willkommen heißen!
  • Anfang August brachte den zweiten großen Urlaub des Jahres: eine Woche Strand in Benalmádena südlich von Málaga mit Freundin und ihren beiden Teenager-Kids. Ich habe nur einen einzigen Geocache gefunden und ansonsten eine Woche ernsthaft relaxt. Kein Ausflug in die Stadt (es war auch viel zu heiß), einfach nur Tag für Tag am Strand oder am Pool verschwenden, essen, trinken, existieren. Später im August durfte ich an einer semi-privaten Führung durch das Theater an der Wien teilnehmen (hier aufgeschrieben). Mein Jubel darüber, dass wir sowohl ans Fundament der Drehbühne als auch in den dritten Rang zu den Stehplätzen durften, war grenzenlos.
eine Person steht mit dem Rücken zur Kamera am seitlichen Rand einer Bühne, links ist unter dem eisernen Vorhang ein Stück des Zuschauerraums zu sehen, rechts und oben die leeren Kulissenzüge
  • Ab September war ich mit der bereits oben erwähnten persönlichen Veränderung befasst, ich durfte aber auch Himbeeren ernten, Feuermelder tauschen, eine Geocache-Nemesis besiegen, eine (nicht von mir organisierte) Tour auf dem Wiener Zentralfriedhof besuchen, einen monatelangen Kampf mit einem Internetanbieter ausfechten, einen Hackathon ausrichten und ein daraus entstandenes Projekt abwickeln, meine Niblinge auf einen Ausflug ins Ikono Wien entführen, Chili-Öl herstellen und eine weitere Erdenbürgerin willkommen heißen.
  • Meine selbst ausgedachte Buch-Challenge konnte ich auf den letzten Metern auch noch vollenden. In meinem Regal der ungelesenen Bücher stehen viele Werke schon sehr lange. Immerhin konnte ich davon 12 Stück nun in den gelesenen Zustand überführen, die #12in2025 wurden also erfüllt. Weggelegt habe ich tatsächlich keins davon, obwohl das explizit erlaubt war. Vielleicht wähle ich für nächstes Jahr die Wunschlisten meiner eBook-Apps. Da gibt es auch ausreichend Bücher, die da schon länger draufstehen. Eine andere Idee hat sich erst gegen Ende des Jahres materialisiert: Es gibt so viele Länder auf der Welt, von denen ich nichts weiß. Bereisen kann ich sie nicht alle, lesen darüber sollte aber möglich sein. Zum heutigen Tag hab ich mich noch nicht entschieden. Insgesamt 55 Bücher im Jahr 2025 verbloggt, das entspricht dem üblichen Durchschnitt. Meine Buch-Highlights 2025: John Wiswell – Someone You Can Build a Nest in (ein Teil unseres Mini-Buchclubs), Suzanne Collins – Sunrise on the Reaping (ein überraschend aufgetauchtes Hunger-Games-Prequel mit der Geschichte, auf die ich gewartet hatte: wie hat Haymitch die Hunger Games gewonnen?) und N. K. Jemisin‘s Broken-Earth-Serie.
  • Ein neues Erwerbsarbeitsprojekt hat sich Ende des Jahres materialisiert. Das passt gut zum oben erwähnten privaten Veränderungsprojekt, birgt aber auch Herausforderungen. Ein neues Layout, zwölf neue Abgabetermine, Wechseln zwischen den verschiedenen drei Layouts, manchmal mehrmals an einem Arbeitstag. Das wird noch spannend.

Persönlich wünsche ich mir für 2026 harmonische Beziehungen, ein gutes Ergebnis des nach wie vor andauernden Veränderungsprozesses und neue Erfahrungen, an denen ich hoffentlich wachsen kann. Für die Welt wünsche ich mir ein Umkehren. Eine Abkehr von kriegerischen Handlungen, Heilung für all die Menschen, die von diesen betroffen waren und sind und einen deutlichen Schwenk weg von Techno-Kapitalismus hin zu mehr Bewusstsein für die Klimakatastrophe, das sich in ernsthaften politischen Veränderungen äußert. Was ich dazu tun kann, soll geschehen, als einzelne Person kann ich jedoch nur einen kleinen Beitrag leisten. Als positiven Abschluss entlasse ich alle, die bis hierher mitgelesen haben mit ein paar Tierfotos.

Oben: ein schwarzbrauner Hund liegt auf dem Boden neben einem Zwerg aus Metall und schaut aufmerksam in die Kamera
Mitte: links ein rot getigerter Maine Coone Kater auf einer Küchenarbeitsfläche, rechts Blick von oben auf einen flauschigen grau getigerten Kater, der zwischen den Füßen einer Person steht und nach oben schaut
Unten: ein sehr kleiner Igel, das Gesicht mit offenen Augen und schnüffelnder Nase bildet ein Drittel des Gesamtkörpers
Categories
Fantasy Roman

Marion Wiesler – Das Lied der Morrigan

CN: Krieg, Gewalt, Tod, Inzest, Vergewaltigung, Verstümmelung, Suizid, Gewalt gegen Tiere


»Sie haben getötet, sie wurden verletzt, sie haben Brüder verloren. Sie lachen und feiern, denn sie haben die Toten auf dem Schlachtfeld gelassen. Du aber, du trägst deinen Vater und den Hass immer noch mit dir herum. So wie die Herrin der Hügel unserer Mutter gegenüber.«

Eine liebe Freundin drückte mir vor ein paar Wochen dieses Buch in die Hand – ein Hardcover, von der Autorin signiert. Ich hatte schon vergessen, wie schwer so ein dickes Hardcover in der Hand liegt. Ein Blick auf die Webseite von Marion Wiesler überrascht mich: Unzählige Bücher in ihrer eigenen Welt der Kelten, aber auch historische Romane anderer Epochen und Romane in modernen Zeiten sind da zu finden. Andere würden gerne mal ein Buch schreiben … ich gebe zu, ich bin etwas neidisch, für sie scheint das Veröffentlichen ihrer Bücher im Self-Publishing nicht schlecht zu funktionieren.

Das hier vorliegende Buch spielt in einem magischen Irland, in das die Titelheldin Morrigan mit ihren Schwestern und ihrem Stamm, den Tuatha Dé, zurückkehrt. Vor Jahren wurden sie vertrieben und wollen sich nun ihr Reich zurück erobern. Morrigan und ihren Schwestern kommt dabei eine entscheidende Rolle zu: Als Hüterinnen beschützen sie Mensch, Tier und Land, lassen in Schlachten Feuer auf ihre Feinde regnen und schauen in die Zukunft. Die Schwestern sind sehr verschieden und doch – wie ein ums andere Mal wiederholt wird – wie eine.

Die Herrin der Hügel war gekommen, mein Kind zu sehen. Mit unsäglicher Trauer im Blick. Im Blick auf mich, nicht auf meinen Sohn.

Starke weibliche Charaktere, eine überzeugende Geschichte mit spannenden Wendungen – was wollen wir mehr? Ein Blick auf die Liste an Content Notices ganz oben zeigt, dass es für die eine oder den anderen eventuell zu blutig zugeht. Blut, Tod und Schlachten stören mich persönlich jetzt nicht, allerdings hat mich die religiöse Komponente etwas irritiert. Eine Frau muss mittels Gewalt entstandene Kinder austragen, weil die Götter es so befehlen? Ein neu geborenes Baby wird geopfert, weil der Frieden für Stamm und Land dadurch gerettet werden soll? Das stellt die Frage, welches Leben mehr Wert ist und diese Frage möchte ich nicht mehr gestellt wissen. Religiöse Vorstellungen, nach denen das Opfern eines unschuldigen Kinds zum Wohle anderer Menschen in Ordnung ist, möchte ich nicht mehr lesen, nicht in der Realität und auch nicht in Fantasy-Romanen.

Categories
Novelle

Chloé Caldwell – Women

CN: toxische Beziehung, Drogenkonsum, sexuelle Handlungen


Ein Blurb wie auf dem Cover dieses eBooks lässt mich normalerweise milde lächeln: ‘You will read it in one sitting.’ Tatsächlich habe ich es dann an einem Tag gelesen, aber es waren zwei Sittings. Es ist eigentlich auch eine Novelle und kein Roman. Nichtsdestotrotz habe ich schnell gelesen und das war in gewisser Weise auch eine Schwierigkeit, „wegzuschauen“. Und das meine ich im Sinne von „wegschauen von einem Unfall“, denn als das könnte die hier beschriebene (aus meiner Sicht toxische) Beziehung irgendwie auch verstanden werden. Für viele andere Leser:innen war es aber ein Erkennen, ein Finden auf der Suche nach sich selbst, nach der eigenen Identität.

Dieses Buch ist mir auf LitHub begegnet, wo die Autorin beschreibt, wie sie ihre Autorinnenschaft in ihrem Dating-Profil erwähnt und welche Begegnungen und Gespräche sich daraus ergeben. Im Buch beschreibt sie (unklar wie vieles davon autobiografisch), wie die Protagonistin ihre sexuelle Orientierung in Frage stellt. Das geschieht unter anderem im Rahmen einer (sich für mich sehr toxisch anfühlenden) Beziehung zu einer älteren Frau namens Finn. Es bleibt immer klar, dass Finn in einer Beziehung mit einer anderen Frau lebt (stets nur girlfriend genannt). Was zwischen der Protagonistin und Finn abläuft (und das ist verdammt viel Sex), muss immer geheim bleiben. Es wird von ungezählten Textnachrichten und E-Mails erzählt; eine Kontaktflut, die für meine Maßstäbe allein schon zutiefst problematisch erscheint. Wie kann das auch noch funktionieren, wenn eine der beteiligten Personen in einer Beziehung ist und diese Nachrichten geheim halten muss? Ich will mir nicht anmaßen, Übertreibung zu unterstellen, ich bin in dieser Hinsicht einfach komplett anders gepolt. Ich brauche keinen regelmäßigen (nicht mal täglichen) Kontakt mit meinen Herzwesen, um mir ihrer sicher zu sein.

Laut der deutschen Wikipedia wurde diese 2014 erschienene Novelle „zu einem Kultklassiker der queeren Literatur“. Im Nachwort des Buchs beschreibt die Autorin die vielen Kontakte, die sie mit Leser:innen hatte, die sich selbst in der Geschichte wieder gefunden haben. Schon allein deshalb ist dieses Buch wichtig: ein Buch, das Repräsentation gibt, wo vorher keine war. Wo sich Menschen in ihrer Unsicherheit über ihre sexuelle Orientierung oder ihre Geschlechtsidentität gesehen fühlen können. Für mich hat es diese Wirkung nicht erzielt, aber ich kann nachvollziehen, welchen Effekt es auf andere Menschen haben kann.

Categories
Roman

Vea Kaiser – Blasmusikpop

CN: Tod von Familienangehörigen, Gewalt, Vergewaltigung


[6.2.] Ich vermute, ihr Desinteresse an dieser neuen Glaubensform lag in ihrer hedonistischen Natur – denn sie sind auch heutzutage noch freudig bereit, ihre Sünden durch Ablaß zu begleichen, um dann neue begehen zu können. Bei den Bergbarbaren muß es stets vergnüglich zugehen, sogar in der Religion.

Aus diversen Gründen habe ich in den letzten Tagen mehr gelesen als sonst etwas getan und daher ist dieses Buch in meiner Erinnerung schon etwas verblasst. Was es eigentlich gar nicht verdient hat, es ist eine gut geschriebene Geschichte mit scharf gezeichneten Charakteren, unerwarteten Wendungen und jeder Menge Witz, der zum Ende hin neue Höhepunkte erreicht. Falls euch das noch nicht ausreichend überzeugt, lest gerne hier weiter, eure Zeit ist aber mit dem Buch besser verbracht ;-)

Zu Beginn lernen wir Johannes Gerlitzen kennen, dem der Doktor einen Bandwurm diagnostiziert, mit dem der junge Johannes noch so einige Zeit leben muss, bis das Medikament gegen den Wurm aus der Großstadt im kleinen Bergdorf eintreffen kann. Als seine Tochter mit einem dunklen Haarschopf geboren wird, der für Johannes ganz deutlich auf den Nachbarn als Vater hinweist, zieht dieser in die Bibliothek, wo er sich nun erst recht dem Studium der Wurm-Literatur widmet. Schließlich tut er das scheinbar Unmögliche: Er verlässt das heimatliche Bergdorf (und seine Frau und Tochter), um selbst Doktor zu werden. Es muss abgekürzt werden: Johannes kehrt als Doktor zurück und wird für seinen Enkel Johannes zum geliebten Doktor Opa. Im jungen Johannes weckt nicht der Bandwurm die Liebe zur Wissenschaft sondern der studierte Opa, den die Bewohner:innen des Bergdorfs immer noch mit Skepsis betrachten.

Ab jetzt begleiten wir den jungen Johannes, der abgesehen vom Großvater kaum Unterstützung für seine Interessen und seinen Wunsch nach höherer Bildung erfährt. Er fühlt sich im Bergdorf immer wie ein Fremdkörper. Ein Mönch aus dem nahen Konvent, der als Pfarrer ins Bergdorf geschickt wird, erkennt schließlich das Potenzial und beschafft dem Jungen einen Platz im Gymnasium, das er bis zur Matura besucht. Eine hellenistische Geheimgesellschaft mit älteren Schülern verschafft Johannes endlich Freundschaft, Anerkennung und Selbstvertrauen. Bei der mündlichen Reifeprüfung lässt Johannes sich vom Professor provozieren und fällt durch. Zurück geworfen in sein Heimatdorf beschließt er, mangels anderer Alternativen, die Bergbarbaren auf anthropologische Art zu studieren.

Johannes schließt Freundschaft mit dem Fußballer Peppi, durch den er ungewollt zum Schriftführer des Fußballvereins gewählt wird, was einen Besuch des (aus Bergbarbaren-Sicht) Skandalvereins FC St. Pauli aus Hamburg im Bergdorf nach sich zieht. Die Ankunft der Stadtschönheit Simona Nowak stürzt Johannes erst recht in Verwirrung, was durch den Wirt, der mit Kondomen dealt wie andere mit Drogen, erst recht verkompliziert wird. So nehmen die Dinge ihren Lauf und alles endet in einem furiosen und unerwarteten Finale. Große Empfehlung.

Categories
Roman

Hermann Bauer – Nestroy-Jux

CN: Mord, Vergewaltigung


Wegen eines Geocaches gelesen. Belanglos. (Der Text könnte hier enden, aber das erlaubt mir meine Ehre dann doch nicht.)

Das Lesevergnügen hängt hier meiner Einschätzung nach hauptsächlich davon ab, ob einem die Figur des neugierigen Oberkellners Leopold (und dessen Spezis) sympathisch ist. Beim Lehrer Korber war mir relativ bald klar, dass ich den definitiv nicht leiden kann, ist sein Welt- und Frauenbild doch so eindeutig im vergangenen Jahrhundert verhaftet. Ein Blick auf die Wikipedia-Seite des Autors bekräftigt meine Annahme, dass wir es hier mit einem weißen Mann zu tun haben, der das Gesellschaftsmodell seiner Jugendzeit nur mangelhaft angepasst hat. Dafür finden sich offenbar ausreichend Leser:innen, Stand 2025 gibt es bereits 18 Kaffeehauskrimis von Hermann Bauer. Mich hat die Geschichte nicht abgeholt, ich fand auch die Auflösung des Plots, die auf einer simplen Namensverwechslung aufsetzt, eher schwach.

Categories
Kurzgeschichten

Michiko Aoyama – What you are looking for is in the library

CN: –


What are you looking for?
When Ms Komachi asked me this question, my first thought was: I’m still searching. Searching for somewhere I can be accepted as I am. Just one place is all I need. Somewhere to be at peace.

Eins meiner Herzwesen hat mir dieses Buch mitgebracht, laut eigener Aussage „wegen des Japan- und Library-Bezugs“. Das Cover meiner Ausgabe zeigt den Blick aus einem japanischen Fenster, auf dem Fensterbrett sitzt eine schwarze Katze neben einem Bücherstapel, einer Pflanze und einer Tasse, draußen hinter der Katze blüht ein Kirschbaum. Für mich außerdem bemerkenswert: Das Cover enthält zwei Schmuckfarben in glänzendem Grün und Rosa, ein seltener Aufwand bei Paperbacks.

Das Buch besteht aus fünf Kapiteln, die jeweils von einer Person erzählt werden, die in ihrem Leben irgendwie feststeckt. Unterschiedliche Lebensalter und -situationen führen diese Menschen auf verschiedenen Wegen in die gleiche Bibliothek, wo sie auf die exzentrische Librarian Ms Komachi treffen. Bei ihrer Frage What are you looking for? geht es mehr oder weniger offensichtlich nicht nur um Bücher. Sie überreicht den Besucher:innen Listen mit Buchempfehlungen, die zumindest eine Überraschung enthalten. Es sind unerwartete Bücher wie ein Kinderbuch über zwei Mäuse, die im Wald ein großes Ei finden oder ein Buch über die Evolutionstheorie, in dem auch beschrieben wird, wie Charles Darwin damit berühmt wurde, während Alfred Russel Wallace, der die Idee zuerst veröffentlicht hatte, immer in Darwins Schatten stand. Solche Empfehlungen können uns nur menschliche Librarians (oder andere buch-affine Wesen) geben. Algorithmen oder LLMs werden uns immer nur „mehr vom selben“ (more of the same) empfehlen.

Es sind diese besonderen Bücher, die den Protagonist:innen dann neue Wege aufzeigen. Zusammen mit diesen Listen erhalten die Besucher:innen auch noch ein Bonus Gift: eine kleine Figur, die Ms Komachi mittels Needle Felting erstellt hat. Zwei dieser Figuren, ein Flugzeug und eine Bratpfanne, sind auf der Rückseite des Einbands neben Büchern und einem Bonsai zu sehen.

‘Things change, even if you want them to stay the same. At the same time, you can try to change, but you will still remain the same.’

Gerade im hektischen und finsteren Dezember war mir dieses herzerwärmende Buch ein großer Trost. Es erinnert uns daran, dass es in (nahezu) jedem Lebensalter Möglichkeiten für neue Wege gibt, wenn wir nur mit offenen Augen und Herzen danach Ausschau halten. Große Empfehlung.

Categories
Comics Kurzgeschichten

Lustiges Taschenbuch Spezial – Nachts in Entenhausen

CN: –


Bei diesem Werk kann ich genau sagen, wann es in meinen Haushalt kam: es war Anfang März 2022, da hatte ich nämlich Covid. Ein Care-Paket von einem meiner Lieblingsmenschen enthielt dabei auch diese Lektüre, die mir damals dann aber nicht in den Kram passte. Jetzt diente sie mir als Abschluss meiner Buch-Challenge 2025 mit dem Ziel, das Regal der ungelesenen Bücher zu reduzieren. Ich schaue jetzt auf dieses Regal, ich sehe rechts, was noch übrig ist von den Büchern, die dort schon lange stehen, ich sehe links, was dieses Jahr dazu gekommen ist (beides nimmt ungefähr den gleichen Raum ein …). Was rechts noch steht, reicht nicht mehr für weitere 12/12 aus, damit erkläre ich die Challenge zum Erfolg. Auch im nächsten Jahr möchte ich mir wieder eine Buch-Challenge stellen, es gibt mehrere Ideen, ich habe mich noch nicht entschieden.

Dieses Lustige Taschenbuch Spezial enthält eine Sammlung von Geschichten, die alle zumindest teilweise nachts spielen. Viele sind aus anderen Lustigen Taschenbüchern entnommen, manche sind auch als Deutsche Erstveröffentlichung gekennzeichnet. Viele enthalten die „dunklen“ Charaktere wie die Panzerknacker oder die Hexe Gundel Gaukeley. Besonders gefreut hat mich die Wiederbegegnung mit der Runkelrübe. Die wird übrigens als UFO missverstanden …

Eine Lieblingsgeschichte kann ich nicht nennen, ich hatte jedoch große Freude mit bestimmten Szenen wie zum Beispiel Mickey und Minnie Mouse, die sich Hunderte Urlaubsdias von Bekannten anschauen müssen oder Erwachsenen, die sich beim Sternschnuppenregen ein Feuer im Finanzamt wünschen. Hier noch ein paar meiner Lieblingspanels (ich hoffe, das ist vom Zitatrecht gedeckt).

drei Panels aus einem Comic: links: Donald Duck, eine Ente in einem Matrosenanzug schreit, offensichtlich aufgeregt „Ich bin die Ruhe in Person! Verstanden?“, seine drei Neffen halten sich die Ohren zu. Mitte: ein rot-gelber Hintergrund mit züngelnden Flammen, darauf steht in Großbuchstaben das Wort FAUCH. Rechts: Dagobert Duck, eine Ente mit einem Zylinder und einem Gehstock sagt zu seinem Neffen Donald: „Nostalgischer Firlefanz! Morgen Nachmittag rücken die Bulldozer an und schaffen Platz für die Zukunft.“

#12in2025: 12/12

Categories
English Erfahrungsbericht Sachbuch

Dani Shapiro – Still Writing

CN: Krankheit und Tod von nahen Angehörigen


Every one of us walking the planet wonders, secretly, if we are getting it wrong. We stumble along. We love and we lose. At times, we find unexpected strength, and at other times, we succumb to our fears. We are impatient. We want to know what’s around the corner, and the writing life won’t offer us this. It forces us into the here and now. There is only this moment, when we put pen to page.

Nicht im Regal der ungelesenen Bücher, sondern auf meinem Nachtkastl hat dieses Buch schon lange sein Dasein gefristet. Das lag daran, dass ich schon einmal angefangen hatte, es zu lesen und mir eingebildet hatte, ich müsste das alles ganz genau aufnehmen, um daraus Inspiration oder Impulse für meine eigenen Schreibideen zu generieren. Das könnte vielleicht sogar klappen – wobei ein (nicht vorhandenes) Inhaltsverzeichnis mit den Titeln der einzelnen Texte extrem helfen würde. Die Autorin erzählt viel aus ihren eigenen Erfahrungen und gibt dabei durchaus auch Anregungen, die aufstrebenden Autor:innen weiterhelfen können. Mich hat allerdings diese Einstellung, dieses Buch „durchzuarbeiten wie ein Lehrbuch“ komplett blockiert. Das habe ich auch bei meinen Versuchen, spanischsprachige Bücher zu lesen, schon erlebt und die Lösung dafür ist einfach, es sein zu lassen. Daher hab ich die kurzen Kapitel dieses Buchs jetzt einfach immer wieder zwischendurch gelesen – ohne Notizen, nur die drei Zitate, die ihr hier lest, habe ich mit Haftnotizen markiert.

But if we have our own way of working – a number of pages, or hours, or words – we will eventually return to it. […] We have wandered and now we are back. There is comfort in the familiar. We can do this. Breathe in, breathe out. Once again, just as we’ve been doing all along.

Viele von Dani Shapiros Erzählungen verbinden die Unsicherheit des Lebens allgemein mit der Unsicherheit des kreativen Ausdrucks. Dabei geht es um die persönlichen Unsicherheiten (bin ich gut genug, kann ich überhaupt irgendwas, wer wird dieses Geschreibsel jemals lesen), aber auch darum, dass wir nie wissen können, was uns am nächsten Tag erwartet. Jeden einzelnen Tag stellen Schicksalsschläge das Leben von Menschen auf den Kopf. Was ich aus diesem Buch mitgenommen habe, ist daher der Versuch einer Gelassenheit, ein Akzeptieren, dass uns manchmal nichts anderes übrig bleibt, als Auszuhalten, was uns das Leben gerade vor die Füße wirft. Dabei können uns Routinen helfen, das rituelle putting-pen-to-paper-Gefühl, das Wissen, das wir es bisher getan haben und jetzt tun wir es wieder.

No satisfaction whatever at any time. I find this bracing, honest, enormously comforting. Very possibly only a writer would find the notion of no satisfaction whatever at any time enormously comforting. But I do. It reminds me that I signed up for this, after all.

#12in2025: 11/12

Categories
English Roman

Kate Sawyer – Getting Away

CN: Vergewaltigung, Panikattacke, Fehlgeburt, Beziehungsgewalt, Alkoholkonsum


Manchmal scrolle ich einfach durch die Neuerscheinungen in der OverDrive eLibrary. Diesmal fiel mir dieses Buch ins Auge und die Grundidee hat mich dermaßen interessiert, dass ich sofort auf Borrow geklickt habe: Das Buch erzählt die Geschichte einer Familie über Jahrzehnte hinweg. Erzählt wird immer nur die Zeit, die die Familie auf Urlaub verbringt, was dazwischen passiert, wird angedeutet oder aus den Konversationen deutlich.

Zu Beginn steht eine Liebe, die aufgrund gesellschaftlicher Unterschiede nicht sein darf, gefolgt von einer Schwangerschaft eine Generation später, die erst recht versteckt werden muss. Erst Jahrzehnte später werden die wahren Verwandtschaftsverhältnisse aufgedeckt.

Kinder, Kindeskinder und wechselnde Partner:innen machen die Geschichte zunehmend komplex, in den späteren Kapiteln fiel es mir manchmal schwer, den Überblick zu behalten. Ein Stammbaum hätte da geholfen.

Die vielen verschiedenen Urlaubsschauplätze tragen ihr Eigenes zur Geschichte bei. Da wird auf dem Jakobsweg gewandert, Europa auf dem Fahrrad durchquert oder im Wohnwagen campiert. Verschiedene Strandurlaube sind natürlich auch mit dabei.

Vielleicht hat die Geschichte bei mir nicht ganz gezündet, weil ich sie über so lange Zeit und mit wechselnder Aufmerksamkeit gelesen habe. Die Grundidee finde ich aber nach wie vor sehr spannend und auch interessant umgesetzt.

Categories
Roman

Lena Wolf – Winterzauber auf Sylt

CN: Tod der Partnerperson (lange vor der Romanhandlung passiert)


„Ein Buch so herzerwärmend und einladend wie Schokolade vorm Kamin.“ So hieß es in der Beschreibung in der Onleihe und genau das habe ich zu dem Zeitpunkt gebraucht. An nur zwei Abenden vertiefte ich mich in diese Geschichte, die extrem lange braucht, um zum Punkt zu kommen. Es war ein bißchen, wie in manchen Krimiserienfolgen oder Horrorfilmen, wo du die Protagonist:innen anschreien willst, dass sie nicht in dieses Haus gehen sollen, weil es müsste ihnen doch längst klar sein, dass das ihr Verderben wird. Hier wollte ich schreien, dass doch längst klar ist, dass irgendwas nicht stimmt und dass es mit Geld und dem Haus zu tun hat, war auch schon lange offensichtlich. Die Auflösung überschaubar, am Ende alles paletti.