Alberto Manguel – Eine Geschichte der Neugierde

Für jedes neue literarische Unternehmen existiert bereits ein Modell, und unsere Bibliotheken erinnern uns ständig daran, dass es absolute Originalität nicht gibt.

Dieses Buch lag jetzt monatelang neben meinem Bett. Das lag zum einen daran, dass es so dick ist und daher nicht zum Lesen unterwegs taugt und zum anderen daran, dass die einzelnen Kapitel in sich abgeschlossen sind und in einem Stück gelesen werden sollten, um den Faden nicht zu verlieren. Der Autor beschäftigt sich in diesem Buch mit den essentiellen Fragen des Lebens und versucht anhand Dantes „Göttlicher Komödie“ diese zu beantworten oder zumindest den Nebel um diese Antworten soweit zu lichten, dass sich ein Teil des Weges aufzeigt.

Dantes Commedia mag nur die Vision eines einzelnen Mannes sein, dennoch ist sie von geradezu universeller Gültigkeit. Dantes intimste Erfahrungen, seine Überzeugungen, sein Zweifel und seine Furcht, sein Verständnis von Ehre und sozialer Verpflichtung entstammen einer Welt, die nicht von ihm kreiert wurde. Sie entstanden in einem Universum, das von einem Gott geschaffen wurde, dessen Wege nicht hinterfragt werden können.

Was wollen wir wissen?

Unsere heutigen Bildungssysteme tun im Großen und Ganzen so, als wäre das unvermeidliche Scheitern keine notwendige Etappe auf dem Weg zur Erkenntnis. Weil sie nur noch an messbarer Effizienz und finanziellem Profit interessiert sind, ermutigen unsere Bildungsinstitutionen die ihnen anvertrauten Jugendlichen nicht mehr zum Denken um des Denkens willen oder zum zweckfreien Gebrauch der Einbildungskraft.

In diesem Kapitel geht der Autor nicht nur der Frage nach, was Wissen und Erkenntnis überhaupt ist und wie wir uns jemals eines Wissens sicher sein können, sondern er untersucht auch die Bedeutung der Frage an sich. Das Lesen und Erzählen von Geschichten ist genauso ein Ausdruck von Neugierde, wir suchen in Geschichten Antworten auf Fragen, die wir (noch) nicht formulieren können, die aber in unserem Selbst schlummern und unsere täglichen Entscheidungen beeinflussen. Die Neugierde kann uns einerseits antreiben, nach Antworten zu suchen, aber auch an verbotene oder gefährliche Orte führen. Als Beispiel wird hier unter anderem die Geschichte von Pandora aus der griechischen Mythologie angeführt.

Das Scheitern ist tatsächlich ein integraler Bestandteil jeder künstlerischen oder wissenschaftlichen Bemühung. Die Kunst muss sich selbst aufgrund ihres Scheiterns immer neu erfinden, genau wie die Wissenschaften am meisten durch Fehler lernen.

Wer bin ich?

Unsere Identität scheint davon abzuhängen, was andere von uns halten. Heute starren wir in die Bildschirme unserer elektronischen Geräte wie Narziss, der in seine Quelle blickt. Wir hoffen in unserer Identität versichert oder bestärkt zu werden, jedoch nicht von der uns unmittelbar umgebenden Umwelt oder den Vorgängen in unserem Innenleben, sondern durch die allzu oft belanglosen Posts anderer, die unsere Existenz virtuell registrieren und deren Vorhandensein wir im Gegenzug bestätigen.

Auf seiner Reise durch die Kreise der Hölle und des Läuterungsbergs soll Dante nicht nur die Seelen der anderen erkennen lernen, sondern auch seine eigene. Die Frage danach, was unsere Identität bestimmt, konnte von der Wissenschaft nach wie vor nicht beantwortet werden. Der Essentialismus beispielsweise behauptet, dass soziale Kategorien biologisch fundiert sind und daher robust gegenüber situativen Einflüssen. Daraus leitet sich eine Bestimmung der Identität überwiegend durch das genetische Material ab. Der Mensch entwickelt sich jedoch immer in Auseinandersetzung mit seiner Umwelt und die Einflüsse dieser Umwelt wiederum werden von jedem Menschen abhängig von seinen genetischen Vorgaben und aber auch seinen bisherigen Erfahrungen unterschiedlich verarbeitet. Es gibt keinen „fertigen“ Zustand der Identität, diese verändert sich im Lebensverlauf und ist damit etwas Fluides, das nicht an einem Punkt der Entwicklung festgehalten oder dokumentiert werden kann.

Bis zu einem gewissen Grad sind wir vielleicht jemand, von dem wir einst glaubten, es zu sein, der uns nun aber verlorengegangen ist.

In einem gewissen Sinne muss das auch so sein und ist gut so. Vor einigen Tagen habe ich im Gespräch mit Freundinnen von einer Änderung meiner Einstellung zu einem bestimmten Thema erzählt. Vor einigen Jahren war ich mir dieser Problematik schlicht nicht bewusst und falls ich darüber nachgedacht hätte, hätte ich wohl befunden, dass ich daran sowieso nichts ändern kann. Auf der einen Seite bin ich natürlich der selbe Mensch, der ich vor 15 Jahren war. Auf der anderen Seite sehe ich nun aber viele Dinge klarer oder anders, habe dazu gelernt, habe meine Meinung(en) hinterfragt und teilweise auch revidiert. Dieser Entwicklungsprozess verändert unsere Einstellung zu unserer Umwelt, jedoch nicht den Kern unserer Identität, wenn wir annehmen, dass der Kern unserer Identität bereits genetisch vor unserer Geburt festgelegt wurde.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus unseren Handlungen?

Nach Oppenheimers Ansicht ergaben sich aus diesen erschütternden Konsequenzen nicht zwangsläufig Grenzen für die Neugierde selbst, allerdings durchaus für die Zwecke, für die die Neugierde instrumentalisiert werden kann.

J. Robert Oppenheimer war als Koordinator des Manhattan-Projekts für den Bau der Atombombe verantwortlich. Dem obigen Zitat geht eine Analyse von Oppenheimers Neugierde voraus, „die ihn dazu trieb, selbst den fundamentalen, atomaren Aufbau des Universums zu hinterfragen“. Die Konsequenzen seiner Neugierde, die sich unter anderem in der Zerstörung von Hiroshima und im Leid von einer ungezählten Menge an Menschen äußerten, musste er vor sich selbst rechtfertigen.

Die Frage nach den Konsequenzen von Handlungen und der Verantwortung der Wissenschaft wird unter anderem auch in Friedrich Dürrenmatts Komödie Die Physiker behandelt. Das Stück wird vom 24. bis 27. April und 30. Mai bis 1. Juni 2019 vom Theater Delphin in Wien gezeigt, einer herzliche Empfehlung von meiner Seite.

Was ist Wahrheit?

Wenn alles vorherbestimmt wäre, könne sündhaftes Verhalten nicht als falsch oder richtig gewertet werden, und auch der Zorn wäre dann nur eine mechanische Reaktion auf ein bereits vorherbestimmtes Ereignis.

Der Glaube daran, dass alles vorherbestimmt ist, hat sich für mich immer schon wie eine Ausrede angefühlt. Es nimmt den Menschen aus der Verantwortung, über sein Handeln und seine Entscheidungen reflektieren und die Konsequenzen bedenken zu müssen (siehe oben bei Oppenheimer). Der freie Wille und die Möglichkeit der Reflektion und der Einsicht sind das, was den Menschen von Tieren und Robotern unterscheidet. Wir haben die Pflicht, diese Fähigkeiten auch zu nutzen und daraus nicht nur wissenschaftliches Wissen zu generieren sondern auch über dessen Nutzung und die Konsequenzen nachzudenken.

Randnotiz: Heute protestiert Wikipedia gegen die geplante europäische Urheberrechtsreform mit einer 24-stündigen Abschaltung.

Nach Abstimmung der Wikipedia-Gemeinschaft wird die Online-Enzyklopädie am Donnerstag, 21. März 2019 aus Protest gegen Teile der EU-Urheberrechtsreform abgeschaltet. Wikimedia Österreich unterstützt den Protest der Community und hat darüber hinaus zusammen mit anderen netzpolitischen Organisationen ein Statement erarbeitet, das am 14. März 2019 veröffentlicht wurde.

Aus diesem Grund enthält dieser Beitrag mit Ausnahme derjenigen zum Theater Delphin und zum Wikipedia-Protestaufruf keine externen Links. Informationen zu weiteren geplanten Protesten gibt es bei Save The Internet.

Daniel Glattauer – Die Wunderübung

Dieses Büchlein hatte mir vor einiger Zeit eine Freundin zum Geburtstag geschenkt. Ich hatte es mir dann als Notfallbuch in eine selten benutzte Tasche gepackt, für den Fall, dass ich mal nichts zu lesen dabei haben sollte (…). Passiert ja doch nie …

Ein Drei-Personen-Theaterstück. Der Paartherapeut (im ersten Akt nur Berater genannt), sowie das Ehepaar Dorek. Das Ehepaar ist tief in Beziehungsprobleme verstrickt, der erste Akt reitet beide immer mehr hinein in alle Konflikte, die schon lange zwischen ihnen schwelen.

Im zweiten Akt ändert sich plötzlich die Stimmung. Die Richtung kehrt sich um, der Therapeut gerät selbst in eine unangenehme Situation und wird schließlich vom (nicht mehr streitenden) Ehepaar gemeinsam in die Zange genommen. Bis die Therapiestunde mit einem Knalleffekt endet.

Mit drei guten Schauspielern auf einer intimen Bühne stelle ich mir das wirklich lustig vor. Genug Platz für Regieanweisungen und originelle Interpretationen durch die Darsteller ist auch noch offen gelassen. Wikipedia meint:

Daniel Glattauers Theaterstück Die Wunderübung wurde unter der Regie von Michael Kreihsl im Januar 2015 am Wiener Theater in der Josefstadt uraufgeführt.

Reading Challenge: A book you can finish in a day