Charlotte Roche – Schoßgebete

So ist man doch, wenn man wirklich liebt, man ist ja dann nicht selbstsicher und sagt sich: Klar, kein Problem, du kommst sowieso wieder.

Gerade wird mir klar, dass auch das literarische Umfeld, in dem ein Buch gelesen wird, beeinflusst, wie es wahrgenommen wird. Wenn ich My Year of Rest and Relaxation nicht direkt im Anschluss an A Little Life gelesen hätte, wäre ich vielleicht anders damit umgegangen. Mit Schoßgebete habe ich vor einigen Wochen an einem „verlorenen“ Abend begonnen, an dem ich mich zu keiner „anspruchsvollen“ Lektüre mehr aufraffen konnte. Beendet habe ich es nun in diesem Umfeld, wo sich erstaunliche Parallelen zu My Year of Rest and Relaxation auftun, die mir vor einer Woche gar nicht auffallen hätten könnten und in ein paar Wochen vielleicht schon nicht mehr aufgefallen wären.

Die erzählende Protagonistin stellt ein Klischeebild einer modernen Frau dar: unsicher, perfektionistisch, die eigenen Bedürfnisse verleugnend, um ihrem Mann zu gefallen. Aus feministischer Sicht ließe sich hier einiges kritisieren und zerpflücken, aber hier ist (zumindest mir) so deutlich klar, dass es sich um eine Paraodie handelt, dass ein „Ernstnehmen“ gar nicht in Frage kommt. Die Autorin macht sich lustig darüber, wie die Gesellschaft den Frauen vorgaukelt, wir müssten ständig perfekt gepflegt sein, uns vegetarisch oder noch besser vegan ernähren, ein umweltschonendes Elektroauto fahren und für den Partner jederzeit sexuell verfügbar sein.

Wenn ich mich aber darauf konzentrieren kann, was Gutes zu machen, zum Beispiel Vegetarierin zu werden, dann geht es mir besser.

Ein großes Thema ist auch das Verhältnis zur abwesenden Mutter, geprägt von einem Autounfall, bei dem zwei Brüder der Autorin ums Leben gekommen sind, die Mutter jedoch schwer verletzt überlebt hat. Hier bricht das parodistische Narrativ etwas, die Erzählung untersucht, wie die Beziehung der eigenen Mutter das weibliche Rollenerleben prägen kann, im positiven wie im negativen Sinn. Weibliches Konkurrenzdenken kommt in der Rolle der nur am Rande erwähnten Freundin der Protagonistin zum Ausdruck. Über allem schwebt jedoch immer das Streben nach Perfektion, nach Fehlerlosigkeit oder zumindest dem Verstecken der eigenen Mängel dort, wo niemand anders sie sehen kann. Ein Unterfangen, das unwiderruflich zum Scheitern verurteilt ist.

Daniel Glattauer – Die Wunderübung

Dieses Büchlein hatte mir vor einiger Zeit eine Freundin zum Geburtstag geschenkt. Ich hatte es mir dann als Notfallbuch in eine selten benutzte Tasche gepackt, für den Fall, dass ich mal nichts zu lesen dabei haben sollte (…). Passiert ja doch nie …

Ein Drei-Personen-Theaterstück. Der Paartherapeut (im ersten Akt nur Berater genannt), sowie das Ehepaar Dorek. Das Ehepaar ist tief in Beziehungsprobleme verstrickt, der erste Akt reitet beide immer mehr hinein in alle Konflikte, die schon lange zwischen ihnen schwelen.

Im zweiten Akt ändert sich plötzlich die Stimmung. Die Richtung kehrt sich um, der Therapeut gerät selbst in eine unangenehme Situation und wird schließlich vom (nicht mehr streitenden) Ehepaar gemeinsam in die Zange genommen. Bis die Therapiestunde mit einem Knalleffekt endet.

Mit drei guten Schauspielern auf einer intimen Bühne stelle ich mir das wirklich lustig vor. Genug Platz für Regieanweisungen und originelle Interpretationen durch die Darsteller ist auch noch offen gelassen. Wikipedia meint:

Daniel Glattauers Theaterstück Die Wunderübung wurde unter der Regie von Michael Kreihsl im Januar 2015 am Wiener Theater in der Josefstadt uraufgeführt.

Reading Challenge: A book you can finish in a day