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Kurzgeschichten

Andreas Rainer – Der Wiener Alltagspoet fährt U6

CN: Erwähnung Obdachlosigkeit, Alkoholkonsum


Durch einen Geocache bin ich auf diesen schmalen Band gestoßen, den ich beinahe während einer einzigen Straßenbahnfahrt durchgelesen hätte. Dummerweise musste ich alle drei Seiten was für den Cache notieren und mit Gepäck und Telefon und Buch zu hantieren, war mir dann zu mühsam. Weder der Autor noch seine Alltagspoesie waren mir zuvor bekannt, liegt vermutlich daran, dass sich das alles auf Insta abspielt auf Insta entstanden ist. Aktuell gibt es auf der Webseite neben Screenshots vom Insta-Kanal auch Bühnenprogramm, Bücher, Podcasts und Merch.

In diesem Buch erzählt Andreas Rainer Geschichten von seinen Reisen in der U6 sowie den nahe gelegenen Lokalen wie dem Chelsea oder dem Café Westend. Es wird von Nowosibirsk geträumt, im Stadion den Schlachtgesängen der Fans gelauscht und am Westbahnhof der guten alten Zeit nachgetrauert. In heute (für manche) nostalgisch anmutenden Rückblicken wird in Lokalen geraucht oder in der U-Bahn eine Käsesemmel verspeist. Wer selbst in der U6 unterwegs ist (zum Beispiel zum Geocachen), wird sich in der einen oder anderen Geschichte wohl wiederfinden.


Disclaimer: Der folgende Text behandelt ausdrücklich nicht das Buch von Andreas Rainer, sondern die Plattform story.one.

Mich hat irritiert, dass es nur exakt 17 Geschichten gibt, obwohl die U6 deutlich mehr Stationen hat. Das Buch ist im Verlag (?) story.one herausgegeben, das in seinem Format „12–17 prägnante Kapitel à 400–500 Wörter“ erlaubt. Die Webseite hat mich so unmittelbar abgestoßen, dass ich dem nachgehen musste. Das folgende Zitat beschreibt die Funktion des „intelligenten Story Editors“:

Verwandle deine Texte, Dateien oder sogar Audio/Video – etwa deine Keynote oder einen YouTube-Link – in ein prägnantes, strukturiertes Buch – schnell und professionell erstellt. Ideal, wenn du schnell veröffentlichen willst, ohne alles selbst zu schreiben.

Wirf einfach irgendwas da rein und wir machen dann ein Buch daraus, auf das du deinen Namen schreiben kannst. Bemüh dich nicht um deine eigenen Inhalte, du brauchst nicht alles selbst zu schreiben, kombinier einfach zusammen und geht schon. Und damit wäre auch schon alles gesagt.

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Kurzgeschichten

Michiko Aoyama – What you are looking for is in the library

CN: –


What are you looking for?
When Ms Komachi asked me this question, my first thought was: I’m still searching. Searching for somewhere I can be accepted as I am. Just one place is all I need. Somewhere to be at peace.

Eins meiner Herzwesen hat mir dieses Buch mitgebracht, laut eigener Aussage „wegen des Japan- und Library-Bezugs“. Das Cover meiner Ausgabe zeigt den Blick aus einem japanischen Fenster, auf dem Fensterbrett sitzt eine schwarze Katze neben einem Bücherstapel, einer Pflanze und einer Tasse, draußen hinter der Katze blüht ein Kirschbaum. Für mich außerdem bemerkenswert: Das Cover enthält zwei Schmuckfarben in glänzendem Grün und Rosa, ein seltener Aufwand bei Paperbacks.

Das Buch besteht aus fünf Kapiteln, die jeweils von einer Person erzählt werden, die in ihrem Leben irgendwie feststeckt. Unterschiedliche Lebensalter und -situationen führen diese Menschen auf verschiedenen Wegen in die gleiche Bibliothek, wo sie auf die exzentrische Librarian Ms Komachi treffen. Bei ihrer Frage What are you looking for? geht es mehr oder weniger offensichtlich nicht nur um Bücher. Sie überreicht den Besucher:innen Listen mit Buchempfehlungen, die zumindest eine Überraschung enthalten. Es sind unerwartete Bücher wie ein Kinderbuch über zwei Mäuse, die im Wald ein großes Ei finden oder ein Buch über die Evolutionstheorie, in dem auch beschrieben wird, wie Charles Darwin damit berühmt wurde, während Alfred Russel Wallace, der die Idee zuerst veröffentlicht hatte, immer in Darwins Schatten stand. Solche Empfehlungen können uns nur menschliche Librarians (oder andere buch-affine Wesen) geben. Algorithmen oder LLMs werden uns immer nur „mehr vom selben“ (more of the same) empfehlen.

Es sind diese besonderen Bücher, die den Protagonist:innen dann neue Wege aufzeigen. Zusammen mit diesen Listen erhalten die Besucher:innen auch noch ein Bonus Gift: eine kleine Figur, die Ms Komachi mittels Needle Felting erstellt hat. Zwei dieser Figuren, ein Flugzeug und eine Bratpfanne, sind auf der Rückseite des Einbands neben Büchern und einem Bonsai zu sehen.

‘Things change, even if you want them to stay the same. At the same time, you can try to change, but you will still remain the same.’

Gerade im hektischen und finsteren Dezember war mir dieses herzerwärmende Buch ein großer Trost. Es erinnert uns daran, dass es in (nahezu) jedem Lebensalter Möglichkeiten für neue Wege gibt, wenn wir nur mit offenen Augen und Herzen danach Ausschau halten. Große Empfehlung.

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Comics Kurzgeschichten

Lustiges Taschenbuch Spezial – Nachts in Entenhausen

CN: –


Bei diesem Werk kann ich genau sagen, wann es in meinen Haushalt kam: es war Anfang März 2022, da hatte ich nämlich Covid. Ein Care-Paket von einem meiner Lieblingsmenschen enthielt dabei auch diese Lektüre, die mir damals dann aber nicht in den Kram passte. Jetzt diente sie mir als Abschluss meiner Buch-Challenge 2025 mit dem Ziel, das Regal der ungelesenen Bücher zu reduzieren. Ich schaue jetzt auf dieses Regal, ich sehe rechts, was noch übrig ist von den Büchern, die dort schon lange stehen, ich sehe links, was dieses Jahr dazu gekommen ist (beides nimmt ungefähr den gleichen Raum ein …). Was rechts noch steht, reicht nicht mehr für weitere 12/12 aus, damit erkläre ich die Challenge zum Erfolg. Auch im nächsten Jahr möchte ich mir wieder eine Buch-Challenge stellen, es gibt mehrere Ideen, ich habe mich noch nicht entschieden.

Dieses Lustige Taschenbuch Spezial enthält eine Sammlung von Geschichten, die alle zumindest teilweise nachts spielen. Viele sind aus anderen Lustigen Taschenbüchern entnommen, manche sind auch als Deutsche Erstveröffentlichung gekennzeichnet. Viele enthalten die „dunklen“ Charaktere wie die Panzerknacker oder die Hexe Gundel Gaukeley. Besonders gefreut hat mich die Wiederbegegnung mit der Runkelrübe. Die wird übrigens als UFO missverstanden …

Eine Lieblingsgeschichte kann ich nicht nennen, ich hatte jedoch große Freude mit bestimmten Szenen wie zum Beispiel Mickey und Minnie Mouse, die sich Hunderte Urlaubsdias von Bekannten anschauen müssen oder Erwachsenen, die sich beim Sternschnuppenregen ein Feuer im Finanzamt wünschen. Hier noch ein paar meiner Lieblingspanels (ich hoffe, das ist vom Zitatrecht gedeckt).

drei Panels aus einem Comic: links: Donald Duck, eine Ente in einem Matrosenanzug schreit, offensichtlich aufgeregt „Ich bin die Ruhe in Person! Verstanden?“, seine drei Neffen halten sich die Ohren zu. Mitte: ein rot-gelber Hintergrund mit züngelnden Flammen, darauf steht in Großbuchstaben das Wort FAUCH. Rechts: Dagobert Duck, eine Ente mit einem Zylinder und einem Gehstock sagt zu seinem Neffen Donald: „Nostalgischer Firlefanz! Morgen Nachmittag rücken die Bulldozer an und schaffen Platz für die Zukunft.“

#12in2025: 12/12

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Kurzgeschichten

Martin Peichl – In einer komplizierten Beziehung mit Österreich

CN: sexueller Missbrauch, Suizidgedanken, sexuelle Handlungen, Alkoholmissbrauch


Vergangenheit ist wie ein Wasserschaden, ein Fleck an der Decke, den man im besten Fall irgendwann nicht mehr wahrnimmt.

Im Rahmen meiner persönlichen diesjährigen Geocaching-Challenge #52in2025 hatte ich mir ja vorgenommen, keine neuen Rätsel zu lösen, damit sich die Liste der gelösten Mystery-Caches auch tatsächlich mal reduzieren lässt. Von den Literatur-Caches kann ich jedoch trotzdem nicht lassen. Zum Glück kann ich vermelden, dass ich in drei Tagen die 52 geknackt haben werde! (Für in die Vergangenheit geschriebene Blog Posts wie diesen wurde übrigens das Futurum exactum erfunden …) Als erstes Stretch-Goal lege ich ein Vierteljahr drauf, es ist ja erst September. Also schauen wir mal ob wir auf 65 in 2025 kommen werden. Eventuell trägt ja dieser Literatur-Cache auch dazu bei (wenn ich ihn auch bis dato nicht abschließend lösen konnte).

Das Buch hat in mehrerer Hinsicht ein interessantes Format. Das Hardcover ist quadratisch, innen im Umschlag klebt tatsächlich ein echter Bierdeckel, auf dem nochmal der Titel steht. Inhaltlich besteht das Buch aus unzusammenhängenden Geschichten, die aber dann doch Überschneidungen der Protagonist:innen aufweisen. Prosatexte wechseln sich ab mit ungewöhnlichen Formaten wie Staffelbeschreibungen einer fiktiven TV-Krimi-Serie namens Schalko und Pichler. Besonders gelungen fand ich den Teil, der sich mit den Spielen unserer Kindheit und Jugend befasst und was wir im jeweiligen Alter daraus über die Gesellschaft lernen.

Meine Familie, denke ich beim Betrachten der Fotos, ist zusammengeschüttet aus Getränken, die man besser nicht mischen sollte, aber wir trinken alles, was uns in die Hand gedrückt wird.

Eine Grundmelancholie tränkt alle Geschichten, manche gehen jedoch tiefer als andere. Das obige Zitat stammt aus einem Text, der sich mit der komplizierten Beziehung zum eigenen Vater beschäftigt. Die auf schwarz-weiß reduzierten Fotos lassen die abgebildeten Personen nur noch erahnen. Das dient nicht nur der Anonymisierung der abgebildeten Personen, es symbolisiert auch die Undurchschaubarkeit der Vaterfigur.

Auch bricht das herkömmliche Empfinden von Zeit auseinander: in der Sperrzone sammelt sich diese scheinbar endlos an. Gleichzeitig ist Tschernobyl eine überdimensionale Zeitkapsel, in der sich nichts verändert, das Jahr 1986 in Endlosschleife.

Für den Autor und/oder seine Figuren ist Tschernobyl in gewisser Weise ein Sehnsuchtsort. In der Geisterstadt Prypjat ist die Zeit stehen geblieben, es ist ein Ort mitten in Europa, an dem sich die Natur ihren Platz zurückholt. Die Strahlung ist unsichtbar, sie rückt angesichts der besonderen Stimmung dieses Orts in den Hintergrund. Ich kann die Faszination für diesen Ort nachvollziehen, auch wenn ich niemals hinfahren würde.

[…] dass meine Vorstellung von Romantik vielleicht immer schon ein Autounfall war, will ich ihr sagen, sage ich ihr nicht.

Natürlich geht es in vielen Texten um zwischenmenschliche Beziehungen und die daraus entstehenden Komplikationen. Dazu fallen dem Autor auch unzählige Metaphern ein. Die Begegnungszone zwischen zwei Menschen vergleicht er mit einem Chemiebaukasten, der Ich-Erzähler einer Geschichte bezeichnet sich als der blinde Passagier in deinem Leben. Mir persönlich haben die weniger sentimentalen Texte besser gefallen, an originellen Sprachbildern mangelt es jedenfalls nicht, wie auch das folgende Beispiel zeigt:

[…] unsere alten Ichs, die wir wie Bücher in die Regale stellen.

Ein interessantes Werk, zu dem ich ohne den Literatur-Cache vermutlich nicht gefunden hätte.

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Kurzgeschichten Spanish

Eloy Moreno – Cuentos Para Entender El Mundo

CN: –


(deutsche Zusammenfassung weiter unten)

–Paz no significa estar en un lugar sin ruidos, sin problemas, sin viento, sin lluvia… Paz significa que, a pesar de estar en medio de la tormenta, ese pájaro es capaz de mantenerse sereno y tranquilo. Ese es el verdadero significado de la paz perfecta.

Recientemente me di cuenta de que leer libros para adultos en español es mas difícil para mi todavía. En la biblioteca encontré este libro con cuentos cortos. Son cuentos sobre reyes, monjes y muchos animales. Por ejemplo: un rey estaba buscando el equilibrio. Lo que le ayudó finalmente era un anillo con estas palabras: Esto también pasará. Me gusta mucho este cuento.

Algunos cuentos tienen la calidad de chismes. Por ejemplo el cuento que habla de un hombre quien estaba buscando una mujer perfecta. Al final, cuando encontró la mujer perfecta, ella no quiere casarse con él porque ella también quiere un novio perfecto.

Este verano estaré en España otra vez. Será interesante ver como mi conocimiento de Español mejoró desde el invierno de 2022/23.


Deutsche Zusammenfassung:

Bücher für Erwachsene in spanischer Sprache sind leider noch immer zu schwierig für mich. Diese Kurzgeschichten habe ich geschafft und mich dabei auch gut unterhalten. Es geht um Könige, Mönche und viele Tiere. Unter anderem einen König, der nach Balance sucht und diese schließlich in der Aufschrift in einem Ring findet: Esto también pasará. This too shall pass.

Eine Geschichte erzählt von einem Mann, der nach der perfekten Frau sucht. Als er sie endlich findet, stellt sich heraus, dass sie ihn nicht heiraten will, weil sie wiederum nach einem perfekten Mann sucht.

Diesen Sommer bin ich wieder in Spanien. Und bin gespannt darauf, wie sich meine Spanisch-Kenntnisse seit dem Winter 2022/23 verbessert haben.

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Erzählung Kurzgeschichten

Peter Henisch – Baronkarl

CN: Obdachlosigkeit, Krieg, Alkoholmissbrauch, Tod, Erwähnung von Migrant:innenfeindlichkeit im historischen Kontext


Weil ich es anders gerade nicht schaffe, folgt ein Post im Telegrammstil:

  • Der Autor erzählt in diesem Buch die Geschichte des im Grätzl Favoriten zu seiner Zeit sehr bekannten Obdachlosen, der im Volksmund Baronkarl genannt wurde. Er wird als Wiener Original und als eine Art Legende beschrieben, der das Wenige, das er hatte, stets mit anderen teilte.
  • Die „Peripheriegeschichten“ um den Baronkarl und andere Originale der damaligen Zeit glänzen mit Lokalkolorit aus dem vergleichsweise früh von Migrant:innen geprägten Wiener Bezirk Favoriten. Sie vereinen Geschichten aus dem Wien der damaligen Zeit (ca. die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts inkl. Krieg und Zwischenkriegszeit) mit Beobachtungen des Autors zur Zeit der Entstehung des Buchs (Erstveröffentlichung: 1972).
  • In gewisser Weise wird in der Person des Baronkarl die „sozial verträgliche“ Obdachlosigkeit romantisiert. Ein gewisser Zynismus kann beim Lesen übel aufstoßen, wenn die Leser:in bedenkt, dass so viele Jahre später noch immer Menschen ungewollt auf der Straße leben müssen. Womit wir wieder beim Kapitalismus wären, den Rest erspar ich uns allen einfach, ich bin nicht in der Stimmung.

EDIT: Kürzlich habe ich den Matzleinsdorfer Friedhof und dort auch das Grab des Baronkarl besucht. Dabei ist dieses Foto entstanden:

ein Grab auf dem Friedhof, der Grabstein ist aus weißem Marmor mit oben einem Kreuz, das von Efeu umrankt ist, auf dem Stein steht „Baron Karl, 24.01.1882 – 13.10.1948, Er liebte die Menschen und die Freiheit“

 

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Comics Kurzgeschichten

Nicolas Mahler – Kunsttheorie versus Frau Goldgruber

CN dieses Buch: –
CN dieser Post: –


Na das wird schon irgendwie ‘KUNST’ sein.

In diesem kurzweiligen Comic-Band setzt sich der Comic-Zeichner Nicolas Mahler mit dem Spagat zwischen Kunst und Kommerz auseinander. Die titelgebende Frau Goldgruber arbeitet beim Finanzamt und hat die Aufgabe, zu beurteilen, ob die vom Protagonisten mit 10% Umsatzsteuer versteuerten Comics nun tatsächlich Kunst sind oder doch eher Werbung. Auch die Zollbehörde und das Bundeskanzleramt kommen zu ihrem Auftritt bei der Erläuterung der Frage, wie sich der künstlerische Wert eines Comics bemessen lässt.

Der schwarze Humor äußert sich in Panels wie diesem: Über dem Bild steht folgender Text (Hervorhebung im Original): „Eigentlich haben COMICNERDS und KUNSTIDIOTEN viel gemeinsam … mehr als sie sich selbst eingestehen würden …“ Darunter ist links ein Männchen mit Krawatte und Weinglas in der Hand zu sehen, mit folgender Sprechblase: „So was schau ich mir ja gar nicht erst an … das ist ja KEINE KUNST!“. Rechts daneben ein Männchen in einem Matrix-T-Shirt, angedeutet ist außerdem Körpergeruch, mit folgender Sprechblase: „So was schau ich ja gar ned amal an … das ist ja KUNST!“

Mein Fazit: Fast zu unterhaltsam, um Kunst zu sein. ;-)

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Kinder Kurzgeschichten Spanish

Elena Favilli, Francesca Cavallo – Cuentos de Buenas Noches para Niñas Rebeldes

CN dieses Buch: Das Buch beschäftigt sich mit Frauen, die gegen schwierige Umstände kämpfen, dazu gehören auch Sklaverei und Rassismus. Es ist alles sehr kindgerecht erzählt, keine grausamen Details.
CN dieser Post: –


Auch wenn ich nicht angeben will: das ist das erste richtige Buch, das ich auf Spanisch gelesen habe. Ein großer Erfolg. Seit nicht ganz zwei Jahren unternehme ich wieder einen Anlauf, Spanisch zu lernen, diesmal mit dem Ziel fließend Spanisch lesen zu können. Bei diesem Blog Post über berühmte Fotografien der Geschichte ist es mir auch schon halbwegs gelungen. Das Buch ist in der Originalsprache Englisch (Good Night Stories for Rebel Girls) und in vielen anderen Sprachen übersetzt erhältlich.

Viele der Frauen, die hier in kurzen Portraits vorgestellt werden, waren mir bereits bekannt (zB die schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren, die argentinische Politikerin Evita Perón, die mexikanische Malerin Frida Kahlo), von vielen anderen hatte ich jedoch noch nie in meinem Leben gehört. Die Autorinnen haben sich sehr bemüht, starke Frauen aus unterschiedlichsten Kulturen und Epochen zu finden und damit die oft gehörte Ausrede, es hätte ja gar keine beeindruckenden Frauen in dieser Zeit gegeben zu widerlegen. Neben auf der ganzen Welt bekannten Frauen wie zB Michelle Obama stehen daher Frauen wie Maud Stevens Wagner, die sich als Tätowierkünstlerin einen Namen machte. Viele Frauen und Mädchen haben sich als Sportlerinnen oder Wissenschaftlerinnen in Männerdomänen durchgekämpft. Wieder begegnet bin ich auch Journalistin Nellie Bly, deren Report Zehn Tage im Irrenhaus ich vor einigen Jahren mit großem Interesse gelesen habe.

Aus Neugierde habe ich durchgezählt und festgestellt, dass ich von den 100 vorgestellten Frauen nur 38 schon vorher kannte. Da dürfte also für alle etwas Neues drin sein. Nicht nur zum Vorlesen für rebellische Töchter.

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English Kurzgeschichten

Lily King – Five Tuesdays in Winter

CN dieses Buch: sexuelle Handlungen, Vergewaltigung, Mord, psychische Krankheit
CN dieser Post: –


Eigentlich lese ich sehr selten Kurzgeschichten, weil mir diese Kurzform irgendwie die Protagonist:innen, an die ich mich gerade gewöhnt habe, die ich noch nicht mal richtig kennen gelernt habe, zu schnell wieder entzieht. Hier habe ich eine Ausnahme gemacht, einerseits wegen einer Empfehlung von Ann Patchett im Parnassus Blog, andererseits weil mir Lily King’s Zugang zum schöpferischen Schreiben in ihrem Roman Writers & Lovers gefallen hat. (Dass die Kurzgeschichten in der OverDrive eLibrary verfügbar waren, hat auch nicht geschadet …)

Die verschiedenen Geschichten erzählen von Träumen, von Menschen, die gerne woanders oder jemand anders oder mit jemand anderem wären. In den Geschichten, in denen sich diese Wunschträume erfüllen, ist diese Erfüllung jedoch immer eine Enttäuschung. Manche Geschichten erzählen von Menschen, die auf die eine oder andere Art nicht mehr präsent sind und den Menschen, die zurück geblieben sind und nun weiterleben, einen neuen Weg ins Leben finden müssen. Manche Geschichten erzählen von gescheiterten Beziehungen und wie die beteiligten Menschen dieses Scheitern, das Vorher und das Nachher unterschiedlich erleben und erinnern. Und auch das schwierige Verhältnis zwischen Leben und Kunst, der Wunsch nach schöpferischem Ausdruck inmitten des alles bestimmenden Bedürfnisse des Alltags findet seinen Platz. Wer Kurzgeschichten mag, wird hier bestens bedient.

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Kurzgeschichten Roman

Tove Jansson – Fair Play

In fact, it felt good having things unfinished, a little as if she had just moved in and didn’t have to take the thing so seriously.

Beim Lesen dieses Buchs wurde mir wieder einmal klar, wie wenig ich mit dem Konzept der Kunst bzw. der Rolle der Künstler*innen anfangen kann. Mein persönliches Arbeiten ist geprägt von dem Wunsch, Dinge zu erledigen, To-Dos abzuhaken und das soll in der effizientesten Weise wie möglich geschehen. Der künstlerische Ansatz, der in diesem Buch (und im obigen Zitat) beschrieben ist, ist ein mir völlig fremdes Konzept. Ich fühle mich immer unwohl angesichts der vielen halbfertigen Dinge, die sich für mich wie unerledigt anfühlen. Es fällt mir schwer, angefangene Projekte als Möglichkeiten zu sehen, als Konzepte, die sich noch entwickeln können, die mehr Zeit erfordern. Zeit meint in diesem Fall nicht Arbeitszeit, die gefunden und in das Projekt investiert werden muss und dann ist das Projekt irgendwann erledigt, sondern Entwicklungszeit, um andere Inspirationen zu finden, die dann das Konzept verfeinern und ein klareres Bild von einer zuerst diffusen Idee ergeben.

This novel is about creativity from the very start – about how you take a day, the same as all the other old one-after-the-other days, and make it really new and fresh, no matter what age you are, what life you’re in.

Das Buch beschreibt in kurzen Geschichten die Beziehung von Mari und Jonna, Freundinnen, Partnerinnen (?), die zusammen leben und jede für sich künstlerisch arbeiten. Das beinhaltet so vieles, das in wenigen Worten beschrieben wird, die unheimlich viel Raum für Interpretation lassen.

Mari sat down and wrote. When she was done, she went into the studio and asked if she could read it aloud.

Manche dieser Geschichten lassen so viel Raum, dass ich für das, was zwischen den beiden Protagonistinnen passiert, keine Erklärung finden konnte. Das obige Zitat stammt aus einer Geschichte, in der Mari über einem schwierigen Brief brütet. Eine Frau fragt sie nach dem Sinn des Lebens und Mari weiß nicht, was sie antworten soll. Nun könnte die Geschichte die verschiedenen Sinnmöglichkeiten, die uns das Leben anbietet, untersuchen; sie zeigt uns aber stattdessen, dass es Momente gibt, in denen eine Beziehung frustrierend sein kann, in denen die Menschen, die uns am nächsten stehen, uns gewissermaßen mit unseren Problemen und Entscheidungen allein lassen. Laut der Einleitung sind Liebe und Arbeit die großen Themen der Autorin. Beides beinhaltet schwierige und frustrierende Momente und gleichzeitig so viel Potential, das wir an manchen Tagen ausschöpfen können und an anderen nicht.