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Memoir

Susan Faludi – In the Darkroom

Einen traditionellen Jahresrückblick wird es auch in diesem Jahr nicht geben. Die Umstände haben dazu geführt, dass ich deutlich weniger Zeit zum Lesen hatte als erhofft. Eine interessante Idee musste ich jedoch verfolgen und ich kam zu einem sehr erfreulichen Ergebnis: Etwa die Hälfte aller Bücher, die ich 2017 gelesen habe, stammten aus der Bücherei Wien. Obwohl ich auch 2017 wieder einige Bücher gekauft habe (kaufen musste!), ist das Angebot so breit gefächert, dass ich auch immer wieder Empfehlungen von Lithub in der Bücherei finde. Auch das im Folgenden besprochene Werk gehört dazu.

„People can’t survive without categories. Even people on the fringes need categories, so they can be on the fringes. You have to have an identity.“

Dieses Buch hat sich als eine große Herausforderung erwiesen. Auf einer Ebene erzählt die Autorin die Lebensgeschichte ihres Vaters. Auf einer anderen Ebene erzählt sie jedoch, wie sie ihren seit ihrer Kindheit abwesenden Vater kennenlernt. Sie lernt jedoch nicht nur ihren Vater kennen, sondern eine neue Person, die ihr Vater geworden ist. Er hat eine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen und lebt nun als Frau. Als ob diese Konstellation nicht schon genug für ein einziges Leben wäre, entstammt diese Person auch noch einer jüdischen Familie, hat im 2. Weltkrieg in Ungarn überlebt und sich danach in Dänemark, Brasilien und Amerika ein neues Leben aufgebaut. Und hat Jahrezehnte später ihre Familie verlassen und ist in ihre ungarische Heimat zurückgekehrt. Dass es der Autorin gelungen ist, all diese Facetten in ein Bild zu fassen, ist allein schon eine Meisterleistung.

„Identity is“–she deliberated–„it’s what society accepts for you. You have to behave in a way that people accept, otherwise you have enemies. That’s what I do – and I have no problems.“

Die Erzählung wechselt von persönlichen Momenten wie etwa intimen Kindheitserinnerungen zu Rückblicken in die Zeit des 2. Weltkriegs. Der Vater soll seine Eltern vor der Deportation ins KZ bewahrt haben. Die Autorin forscht nach entfernten Verwandten und findet neue Perspektiven auf die Erzählungen ihres Vaters, aber oft auch die Bestätigung seiner Geschichten, an denen sie zweifelt. Das ist nicht der Vater, den sie in Erinnerung hat. Sie beschreibt einen Kennenlernprozess, wie er nur möglich ist, wenn sich zwei Menschen tatsächlich aufeinander einlassen. Ein Aufeinandereinlassen, dass dem Vater erst möglich ist, da er nun als Frau lebt.

„Before, I was like other men“, she said. „I didn’t talk to other people. Now I can talk to anybody.“

Neben der familiären, persönlichen Ebene scheut die Autorin aber auch nicht vor der politischen Ebene zurück. Sie untersucht nicht nur die Situation der ungarischen Juden während des 2. Weltkriegs sondern analysiert auch die sich im neuen Jahrtausend entwickelnde Rechtsregierung unter Viktor Orban. Die Parallelen, die sich dabei auftun, sollten uns um die Freiheitsrechte jedes Einzelnen fürchten lassen. Es geht dabei nicht nur um Antisemitismus oder Vorurteile gegen LGBT+ Personen. Jeder ungarische Bürger ist davon betroffen und genau diese politische Richtung vertritt jetzt auch die österreichische Regierung.

„Hungary is a very normalizing society, more than others, and it’s definitely not inclusive“, she told me. „Hungary has this very tragic self view–’We are special because we are the losers of history’. And that self-pitying mentality doesn’t lend itself to being welcoming to people who are different.“

Dieses Buch ist keine einfache Lektüre, aber die intensive Auseinandersetzung mit dem Konzept Identität (was macht die Identität eines Menschen aus? Religion, Geschlecht, Herkunft? welche Faktoren bestimmen eine jüdische Identität, eine weibliche, eine ungarische?) ist jeden einzelnen Buchstaben wert.

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Roman

Ashley Shelby – South Pole Station

Who needed a mirror when the only thing reflected was loss after loss?

Die Protagonistin Cooper kämpft mit dem Selbstmord ihres Bruders und ihrem Leben allgemein. Sie bewirbt sich für ein Kunststipendium für einen Aufenthalt auf der Wissenschaftsstation am Südpol. Dort findet sie ein interessantes Soziotop aus Ingenieuren, Wissenschaftlern und anderen Künstlern vor. Es entspinnt sich eine Entwicklung auf unterschiedlichen Ebenen, in Rückblenden werden auch die Geschichten erzählt, die andere Bewohner auf die Forschungsstation gebracht haben. Darin enthüllen sich die verschiedenen Motive, die Menschen haben können, um sich für ein Leben in einer derart unwirtlichen Umgebung zu entscheiden.

Der Roman ist deshalb so spannend, weil es der Autorin gelungen ist, nicht nur auf die emotionalen Entwicklungen zu fokussieren, sondern auch zu erklären, warum viele gesellschaftliche Prozesse so funktionieren, wie sie es tun. Ein Klimawandel-Skeptiker kommt ebenfalls auf die Forschungsstation und wird von allen „ernsthaften“ Wissenschaftlern gemobbt. In seiner Vorgeschichte werden dann auch die politischen Hintergründe aufgedeckt, die ihn zu dem gemacht haben, was er geworden ist: ein Wissenschaftler, der sich kaufen lässt, weil ihm keine andere Wahl mehr geblieben ist.

Die Autorin erklärt auch viele Bezüge, die nicht auf der Hand liegen, ohne dabei überheblich zu wirken. Ein Wissenschaftler beschreibt Kunst als einfach: man müsse nur ein Subjekt präsentieren und dann ein Statement dazu machen. Viele selbst ernannte Künstler handhaben das vermutlich tatsächlich so und die Frage bleibt offen, woran sich dann „echte“ Kunst überhaupt noch erkennen lässt. Sie untersucht aber auch die Motive eines weiteren Forschers, der sich auf eine Theorie konzentriert, die von seinen Kollegen angezweifelt wird, jedoch auf wissenschaftliche Art und nicht auf der persönlichen Ebene, auf der dem Klimawandelskeptiker begegnet wird. Hier lässt sich auch der Unterschied zwischen Glauben und Wissen analysieren. So lange eine wissenschaftliche Theorie unbewiesen ist (also entweder bewiesen oder widerlegt), stellt sie kein Wissen dar. Kann sie deshalb wie eine religiöse Glaubensfrage behandelt werden?

„I don’t believe it“, he said. „That’s not how science works. But I find it compelling enough to devote my life to it.

Nachtrag: Eine aktuelle Podcast-Folge zum Thema Klimawandel hat Tim Pritlove beim Forschergeist veröffentlicht.

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Roman

Iris Hanika – Wie der Müll geordnet wird

Hierbei handelt es sich um ein Leseexperiment. Beim Ausleihen in der Bücherei Wien druckt der Ausleihcomputer immer völlig unnötig einen Registrierkassenbeleg aus. Manchmal findet sich dann so ein Registrierkassenbeleg von anderen Personen in einem Buch. Bisher habe ich die immer weggeworfen, diesmal auch, aber vorher habe ich mir noch eines dieser Bücher ausgeliehen.

Wie weit ist es von mir bis zum Blockwart?, fragte er sich gleich weiter, wo fängt der Faschismus an, und ist Müllaufräumen vielleicht an sich schon eine präfaschistische Tätigkeit?

Und das Ergebnis ist … zwiegespalten. Die erste Hälfte ist so langatmig, dass ich kaum Lust hatte, die wenige Zeit, die mir im Dezember zum Lesen blieb, mit diesem Buch zu verbringen. Der erste Teil erzählt aus der Sicht von Adrian, der ein übersteigertes Bedürfnis nach der Einhaltung der Mülltrennung hat und ansonsten sich bemüht, nur nichts Sinnvolles mit seinem Leben zu machen. Dieser Geisteszustand wird lang und breit erklärt, bis Adrian schließlich eine Art Tagebuch, ein orangefarbenes Heft aus dem Restmüll zieht. Es gehört eigentlich ins Altpapier, doch Adrian nimmt es mit nach Hause, um es zu lesen.

Sie wusste ja nicht, dass Adrian sowieso nicht auf Gesichter reagierte und es darum völlig egal war, welches sie gerade machte. Er sprach mechanisch weiter.

In diesem Heft materialisiert sich nun eine zweite Person, die ihre Geschichte in Bruchstücken erzählt, die von Adrians Kommentaren unterbrochen werden. Es folgt … ein Zeitsprung ins Jahr 1990, Berlin nach dem Mauerfall. Und hier wird die Geschichte plötzlich interessant. Ein paar lebendige Figuren, die tatsächlich einen Charakter und ein Ziel im Leben haben, bevölkern die Geschichte und das Chaos kommt quasi von allein. Die Verbindung wird klar, als der jüngere Adrian auftaucht. In diesem jüngeren Adrian zeigen sich deutlich autistische Züge, die das Verhalten des älteren Adrian, der die Mülltonnen durchsucht, um den Müll zu sortieren, verständlicher macht. Den Geschichten der Nebenfiguren geht es leider nicht so gut, zu viele Fragen bleiben unbeantwortet.

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Krimi Roman

Marc Elsberg – Zero

„Privatsphäre!“, lacht Vi. „Darf ich dich an deine Kollegen gestern erinnern? An flächendeckende Überwachungskameras in London und vielen anderen Landesteilen? Ganz zu schweigen von der Totalüberwachung durch die Geheimdienste? Google, Facebook und alle anderen Datensammler? Privatsphäre!“, lacht sie noch einmal, diesmal lauter.

Den Krimi hat Marc Elsberg nicht neu erfunden. Der Plot lässt sich herunterbrechen auf ein Unternehmen, das auf eine vermeintliche Goldgrube stößt, mit Blick auf Geld und Macht alle ethischen und rechtlichen Bedenken über Bord wirft und schließlich mit den Konsequenzen in Form einer neugierigen Journalistin konfrontiert wird, die die ganze Geschichte an die Öffentlichkeit bringen will, was wiederum den Unternehmenserfolg gefährdet. Also macht sich das Unternehmen bzw. seine Mitarbeiter noch mehr strafbar, indem es versucht, das Aufdecken seiner Fehler mit allen Mitteln zu verhindern.

Was jedoch sehr wohl neu ist, ist die Perspektive auf die gegenwärtige Überwachungsgesellschaft. Das obige Zitat verdeutlicht eindrucksvoll, dass im Moment eine Generation heranwächst, die auf Privatsphäre keinen Wert mehr legt. Überwachung ist allgegenwärtig und wir können uns ihr nicht entziehen. Was soll also Jugendliche davon abhalten, sich von einem Angebot verlocken zu lassen, dass ihnen vormacht, sie könnten selbst über ihre Daten bestimmen? Das ihnen sogar anbietet, ihre Daten zu kaufen? Tatsächlich bezahlen Milliarden von Menschen schon jetzt mit ihren Daten für Gratisdienste wie Facebook oder Google Mail. Wie würde es aber erst aussehen, wenn eines dieser Unternehmen seinen Nutzern nicht nur (relativ wertlose) Dienste zur Verfügung stellen würde, sondern ihnen tatsächlich Geld für ihre Daten zahlte?

„Du meinst, wenn ich heute keinen Grund habe, mich zu verstecken, vielleicht denke, dass ich nicht interessant genug bin, um meine Spuren verwischen zu müssen, mache ich dabei den großen Fehler, nicht an ein unbestimmtes ,Morgen’ zu denken, wo alles ganz anders aussehen kann …“, überlegt Cyn.

Dem Autor gelingt es, die aktuellen Fragen im Themenbereich Privatsphäre und Überwachung so zu erklären, dass sie auch der mit dem Thema weniger vertraute Leser nachvollziehen kann. Im Großen und Ganzen leben wir heute in einer Gesellschaft der Meinungsfreiheit, die Grenzen des Legalen und Illegalen sind klar. Können wir uns aber auch darauf verlassen, dass uns etwas, das wir heute für legal und richtig halten, nicht in 10 Jahren zur Last gelegt wird? Unternehmen haben auf Facebook heute bereits die Möglichkeit, Stellen- oder Wohnungsanzeigen nur den Personengruppen anzeigen zu lassen, die sie tatsächlich auch ansprechen möchten, eine Praktik, die diversen Diskriminierungsgesetzen widerspricht. Versicherungsunternehmen äußern vermehrt den Wunsch, den Fahrstil ihrer Kunden zu überwachen und versprechen dafür günstigere Premien. Natürlich nur für die braven Kunden, die sich auf Schritt und Tritt überwachen lassen.

Auch die politische Perspektive wird angesprochen. Mittels Microtargeting können politische Parteien auf Facebook gezielt Werbung schalten, die ihre relevanten Zielgruppen anspricht. Und sie können auch verhindern, dass andere Menschen diese Posts sehen können, selbst, wenn sie über den direkten Link verfügen. Somit stellt Facebook umfassende Möglichkeiten zur Verfügung, den Wahlkampf und damit den Ausgang einer Wahl zu manipulieren. Kann in so einem Fall von freien Wahlen gesprochen werden? Wie frei kann eine Wahl überhaupt noch sein, wenn die Wähler nur einen auf ihre eigenen Lebensumstände zugeschnittenen Teil der Wahlinformation zu sehen bekommen? Selbst eine auf traditionelle Weise durchgeführte Papierwahl wird somit schon vor dem Weg zur Wahlurne durch gezielte (Falsch-)Informationen manipuliert. Alle diese Szenarien waren bereits real, als Zero 2014 erstveröffentlicht wurde. Auch wenn die Datenbrille sich (noch) nicht durchsetzen konnte, hat die Technologie den Roman längst überholt.

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Graphic Novel

Alison Bechdel – Are You My Mother?

Das Buch hätte definitiv einen längeren Eintrag verdient, aber dazu würde es 2017 nicht mehr kommen, daher besser kurz als viel zu spät.

In ihrem ersten Buch Fun Home erzählte die Autorin von der Beziehung zu ihrem Vater, von seiner lange unterdrückten Homosexualität, die letztendlich mutmaßlich zu seinem Selbstmord führte und der Entdeckung ihrer eigenen sexuellen Identität. In dieser Fortsetzung (?) beschreibt sie großteils Träume, Therapiesitzungen und Ergebnisse ihrer psychologischen Recherchen, in denen sie sich intensiv mit dem Verhältnis zu ihrer Mutter auseinandersetzt. Sie vertiefte sich intensiv in die Schriften Donald Winnicotts, der wichtige Beiträge auf dem Gebiet der Mutter-Kind-Beziehung geleistet hat.

Immer wieder hatte ich beim Lesen das Gefühl, das ich ohne eigene vertiefte Recherche zu diesen psychologischen Themen die erzählte Geschichte nicht vollständig erfassen kann. Gleichzeitig fehlt mir aber nicht nur die Zeit, sondern auch noch die Geduld, diesen Theorien hinterherzurennen, bei der jeder zweite Link auf der Wikipedia zu einem völlig anderen Gebiet führt. Anstatt der Genrebezeichnung a comic drama könnte auch eine laienpsychologische Beziehungsanalyse auf dem Titel stehen. Vielleicht steht das tatsächlich bald auf dem Titel der deutschen Übersetzung … nein, steht es nicht. Der Titel der deutschen Übersetzung lautet übrigens Wer ist hier die Mutter? Was meines Erachtens nach eine vollkommen andere Aussage tätigt als der Originaltitel.

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Roman

Katharina Bivald – Ein Buchladen zum Verlieben

Er versuchte, sich in der allerhintersten Ladenecke zu verstecken und literarisch interessiert zu wirken. Er wusste nicht so ganz, wie man das machte, aber er versuchte es mit gerunzelter Stirn und intensivem Starren auf die Buchrücken.

Ein absolutes Wohlfühlbuch für den finsteren und kalten November. Natürlich ist das eine absurde Geschichte, natürlich ist das Ende ab einem gewissen Zeitpunkt vorhersehbar. Aber die Autorin hat sich bemüht, der Geschichte Raum zum Entfalten zu geben und die Liebe nicht völlig aus dem Nichts vom Himmel fallen zu lassen. Einige Nebenstränge sind ebenfalls vorhanden, die deutlich weniger vorhersehbar sind und für allerhand komische Momente sorgen. Viele Literaturreferenzen lassen den Buchliebhaber schmunzeln. Die Gedanken der verstorbenen Amy (kein Spoiler, das passiert quasi auf den ersten Seiten …) über das Werk des schwedischen Krimiautors Stieg Larsson etwa sind äußerst unterhaltsam.

Amüsieren kann man sich dann auch noch über die Angewohnheit deutschsprachiger Verlage, möglichst blumige Titel zu verwenden. Die schwedische Originalausgabe heißt übersetzt: „Die Leser von Broken Wheel empfehlen“. Wäre jetzt auch nicht direkt meine Wahl, klingt aber deutlich weniger nach lauem Liebesroman als der deutschsprachige Titel.

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Erfahrungsbericht

Caitlin Doughty – Fragen Sie Ihren Bestatter

Es war, als hätte ich mein Leben lang nur Zugriff auf ein beschränktes Gefühlsspektrum gehabt, als wäre ich wie eine Flipperkugel zwischen den Engen der Skala hin und her geschnellt. Bei Westwind wurde meine emotionale Bandbreite schlagartig erweitert. Ich erlebte Augenblicke der Euphorie und der Verzweiflung, die ich nie für möglich gehalten hätte.

Die Autorin schafft es sehr geschickt, ihre persönlichen Erfahrungen als Mitarbeiterin im Krematorium in eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem kulturellen Phänomen des Bestattungswesens zu verpacken, ohne dabei den Humor zu verlieren. Diese Form der (sachlichen) Beschäftigung mit einem bestimmten Thema anhand eigener Erfahrungen gefällt mir zunehmend besser. Caitlin Doughty hat keine Scham dabei, sich als unerfahrene Kremationsmitarbeiterin auch selbst auf die Schaufel zu nehmen, und beschreibt hingebungsvoll all ihre Zweifel an ihren eigenen Fähigkeiten und den Mechanismen der amerikanischen Bestattungskultur. Von der Kremierung Obdachloser auf Staatskosten bis zur Einbalsamierung prominenter Menschen vor der Bestattung auf einem Nobelfriedhof (in Kalifornien gibt es sowas selbstverständlich) ist alles dabei.

Wenn man das Thema wirklich an sich heranlässt, dann kommt man nicht umhin, sich zu fragen, was man eigentlich über die Bestattungskultur im eigenen Land weiß. Ich selbst war als Studierende zuletzt auf einem Begräbnis, wobei ich zugeben muss, dass mir damals mehr die gesellschaftlichen Erwartungen an mich Sorge bereiteten als die Trauer um die zu Begrabende (es handelte sich um eine nahe Verwandte meines damaligen Lebensgefährten). Der grundlegende Ablauf einer traditionellen Bestattung auf einem katholischen Friedhof mit vorangehender Trauerfeier und darauf folgendem Leichenschmaus ist mir ein Begriff, jedoch fehlt mir jegliche Vorstellung davon, welche Möglichkeiten neben dieser traditionellen Variante in Österreich sonst noch möglich sind.

Tatsächlich habe ich vor einigen Monaten ein handschriftliches Testament verfasst, das dafür sorgen soll, im Falle meines plötzlichen Ablebens nicht mit mir verwandte Menschen mit einem Teil meines Erbes zu bedenken. Was mit meinem Körper dann geschehen soll, war mir jedoch damals nicht in den Sinn gekommen, und ist mir auch heute noch gleich. Wenn meine Familie sich einen Ort wünscht, an dem sie mich besuchen kann, soll sie diesen haben. Ob das nun ein Platz im Familiengrab ist oder eine Urne hinter einer Steinwand oder ein Baum, den sie auf einer Lichtung im Wald pflanzen, scheint für mich selbst keinen großen Unterschied zu machen. Diese Dinge sind wichtig für die Hinterbliebenen. Aber nicht für den Verstorbenen, der sich zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon an einem ganz anderen Ort befindet. Wo auch immer das dann sein mag …

Der Sinn von Kultur besteht darin, Antworten auf die großen Fragen der Menschheit zu liefern: Leben und Tod. Als jungem Mädchen hatte mir meine Kultur zwei Dinge weiszumachen versucht: zum einen, dass es für uns alle am besten ist, den Tod im Verborgenen zu halten – eine fette Lüge, wie ich während meiner Arbeit bei Westwind begriffen hatte, einem Bestattungsunternehmen, das letztlich auch nur Teil jener großen Verschwörung war, den Tod komplett unter den gesellschaftlichen Teppich zu kehren.

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Roman

Glennon Doyle Melton – Love Warrior

As I took on these roles, I kept waiting for that day when I could stop acting like a grown-up because I’d finally be one. But that day never came. My roles hung on the outside of me like costumes.

Diese Parnassus-Empfehlung ist nicht mehr ganz taufrisch und daher inzwischen auch in der Bücherei Wien angekommen. Die Lektüre hat mich zuerst etwas ratlos zurück gelassen. Viele Teile waren mir schlicht zu esoterisch (durch Yoga endlich ein Körpergefühl gefunden), manche zu hysterisch (Pornografie ist der Teufel), gleichzeitig steht es mir nicht zu, die Erfahrungen und Emotionen anderer Personen zu bewerten. Dass die Autorin ihren persönlichen Entwicklungsprozess in die Öffentlichkeit trägt, zeugt von großem Mut.

In vieler Hinsicht kann dieses Buch als Zeugnis dafür herhalten, dass ein Mensch es schaffen kann, aus einer scheinbar unlösbaren Katastrophe gestärkt hervorzugehen und daraus zu lernen. Viele Menschen dürften sich in einzelnen Situationen wiederfinden und können daraus möglicherweise etwas für den eigenen Lebensweg und den Umgang mit schwierigen Lebenssituationen mitnehmen. Am Ende war auch für mich eine Erkenntnis dabei, die ich auf meine persönliche Situation anwenden konnte, wenn auch nicht ganz so plakativ wie die Tatsache, dass Yoga beim Atmen hilft.

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Memoir

Heather Harpham – Happiness: The Crooked Little Road to Semi-Ever After

She was an older woman with cobalt eyes, and no children, who gave her maternal love to all. Could I be that?

In den Parnassus Books Empfehlungen tauchen immer wieder Beispiele aus dem Memoir-Genre auf. Mir ist das erst letztes Jahr bewusst aufgefallen, es erscheint mir aber noch immer, als sei das eher ein Element amerikanischer Kultur und im deutschsprachigen Raum kaum präsent. Oder suche ich nur an den falschen Stellen? Hat jemand Empfehlungen für original deutschsprachige Beispiele aus dem Memoir-Genre?

Das obige Zitat stammt aus den ersten Kapiteln, in denen die Autorin Heather noch damit ringt, wie sie mit der überraschenden Schwangerschaft umgehen soll. Der Kindsvater kann sich ein Leben mit Familie nicht vorstellen. Heather entscheidet sich für das Kind und die Trennung. Nach der Geburt wird eine undefinierbare Krankheit festgestellt. Lange Zeit ist nicht klar, wie dem Baby zu helfen ist, ob es überleben wird. Eine Unsicherheit, mit der die Eltern für Jahre werden leben müssen.

It wasn’t that he didn’t want to be there; it was that he had to be there als who he was.

Die Autorin beschreibt also ihren eigenen Weg und teilt ihre Erfahrungen als Mutter, die schon während der Schwangerschaft allein ist, als Mutter eines kranken Kindes, als Mutter, die dem Vater erst wieder Platz einräumen muss. Später als Mutter eines schwer kranken Kindes, das mit dem Tod ringt, und auch als Mutter, deren Kind überlebt hat, während andere Mütter ihre Kinder verloren haben. Sie beschreibt, wie die Sorge um das kranke Kind alle anderen Gefühle verdrängt, wie darunter die Beziehung zum Geschwisterkind und zum Kindsvater leiden.

Any kind of life, if you live it long enough, becomes routine.

Es sind persönliche Erfahrungen, die die Autorin teilt, vielleicht macht diese Tatsache das Buch so mitreißend und gleichzeitig beängstigend. Es erlaubt dem Leser einen Blick in die Gefühlswelt einer Situation, die die meisten Menschen selbst nicht erleben (müssen). Es erinnerte mich an die vielen anderen Leben, die für jeden von uns möglich gewesen wären, für die wir uns jedoch nicht entschieden haben. Manche davon sind verloren, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Viele andere sind jedoch immer noch möglich.

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Roman

Hansjörg Schertenleib – Nachtschwimmer

Zwei jugendliche Liebende. Die eine mit einem offensichtlichen Problem (ihre prekären Lebens- und Familienverhältnisse), das sich als wesentlich ernster herausstellt, als zuerst klar ist, der andere mit einer tiefer liegenden Krise (Schuldgefühle wegen des Unfalltods des kleinen Bruders).

Gibt es einen Moment, in dem eine Entscheidung einfach unausweichlich wird? Oder ist es eigentlich jeden Tag eine neue Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben? Oder ist es erst eine Entscheidung, wenn die Entscheidung für das Gehen ausfällt?