CN: Nationalsozialismus, Gewalt, Folter, Konzentrationslager, Mord, Novemberprogrome, Antisemitismus, Ableismus, Zwangssterilisation
Deutschlands innere Feinde geben keine Ruhe, und auch der äußere Feind hebt immer wieder drohend sein Haupt und mahnt uns, wachsam zu sein.
Lange Monate habe ich auf den letzten Roman der Rath-Reihe gewartet. Und ich kann nur sagen, dass Volker Kutscher einen großartigen Abschluss seiner Reihe abgeliefert hat. Bei diesem historischen Hintergrund kann es natürlich kein Happy End geben (wer die anderen Bücher kennt, wird hier kaum einen Spoiler sehen). Und doch bringt gerade das allerletzte Kapitel einen Handlungsstrang zwar nicht mit Gerechtigkeit zum Abschluss, aber zumindest mit Vergeltung.
Volker Kutscher lässt seine Protagonist:innen immer wieder fassungslos beobachten (oder erleben), wie im neuen Deutschland plötzlich keine Gesetze mehr zu gelten scheinen. Das beginnt bei Fritze, der nicht mitmachen will, als seine HJ-Schar einen jüdischen Fußballverein aufmischen soll.
Nicht gegen Wehrlose, nicht gegen Menschen, die überhaupt nichts verbrochen hatten. Gegen den inneren Feind gehe es, hatte Scharführer Kramer gesagt, aber wie konnte ein jüdischer Fußballverein, der sich an alle Gesetze hielt, der innere Feind sein?
Das betrifft aber auch Charly, die nach dem Verrat eines Kollegen in einem Straflager landet, wo sie anstatt eines Anwalts einen Peitschenhieb ins Gesicht erhält. Von höchster Stelle wird sie nach einigen Wochen nicht nur aus der Lagerhaft befreit sondern auch wieder als Kommissarin in der Weiblichen Kriminalpolizei beschäftigt. Eine sehr unerwartete Wendung.
Ja, er wollte zurück nach Hoboken, dort mit Marion und seinem Bruder endlich wieder leben, in einem freien Land mit Rede- und Pressefreiheit. In einem Land, wo niemand die Wahrheit als Lügenhetze oder Greuelpropaganda bezeichnete.
Gereons Bruder Severin ist ebenfalls wieder in Deutschland, um dem sterbenden Vater die letzte Ehre zu erweisen. Er wird aufgrund seiner Ähnlichkeit mit Gereon nach dem Begräbnis verhaftet, was jedoch erst aufgedeckt wird, als der einarmige Erzfeind Tornow Rath verhören will und sofort feststellt, dass es nicht der gesuchte Rath ist. Auch Severin ist fassungslos angesichts der Behandlung, die ihm als unbescholtenem, amerikanischem Staatsbürger zuteil wird. Seine Empörung wird ihm zum Verhängnis. Dass Severin sich nach den USA zurücksehnt, wo Rede- und Pressefreiheit gilt, hat angesichts der heutigen politischen Lage einen besonders bitteren Beigeschmack.
Auf der Uhlandstraße herrschte eine seltsame Stimmung. Die Geräuschkulisse war anders als sonst, und sie fragte sich, was da so anders war. Aus der Ferne Gejohle, scheppernde, klirrende Geräusche. Brandgeruch in der Luft. Die Stimmung, gerade noch lebensfroh in der Bar, hatte plötzlich etwas Apokalyptisches.
Das Buch endet mit der Reichskristallnacht den Novemberpogromen. (Ich lese gerade auf Wikipedia, dass der Begriff Reichskristallnacht als euphemistisch kritisiert wird, ich habe es in der Schule noch so gelernt.) In vielen kurzen Kapiteln wird beschrieben wie die Protagonist:innen, aber auch viele Nebenfiguren, die in diesem Buch eine Rolle spielten, diese dramatische Wendung der Weltgeschichte erleben. Hier wird noch ein anderer Aspekt deutlich, der sich ebenfalls in die Fassungslosigkeit angesichts des Erlebten einreiht: Die gleichgültige Reaktion der arischen Nachbarn angesichts der Gewalt gegen ihre jüdischen Mitbürger. („Die Lehmanns haben nicht aufgemacht.“)
Andreas Preusse hat in seinem Schreibgewitter ebenfalls eine Rezension zum Buch geschrieben, die ich erst jetzt gelesen habe. Seiner Bewertung und Argumentation stimme ich zu, er benennt viele Einzelheiten, die ich selbst besonders gelungen finde.
Die Tötung ist keine reine Rache-Szene á la Italo-Western, sondern ein Sinnbild der fortschreitenden Enthemmung, die von den Nazis auf gewöhnliche Bürger ausstrahlt.
(Andreas Preusse, Schreibgewitter)
Nicht zustimmen kann ich jedoch seinem Kritikpunkt, dass Gereon Rath in den letzten beiden Büchern in den Hintergrund getreten sei. Für mich war Charly schon seit dem Beginn der Reihe als Persönlichkeit gleich wichtig wie Gereon. Zuerst hat sie hauptsächlich sein Privatleben beeinflusst, aber in den späteren Romanen auch immer mehr in den Kriminalfällen mitgemischt. Da Gereon in die USA geflohen ist und für tot erklärt wurde, ist es nur folgerichtig, dass er sich nicht mehr offen in das Geschehen einmischen kann. Gereon hat sich lange gleichgültig gegenüber dem neuen Regime verhalten, während Charly von Anfang an dagegen war. Für mich war es total logisch, dass sie nicht aufgibt und bis zum Ende für die Menschlichkeit und gegen die unmenschliche Gewalt des Nationalsozialismus kämpft.