Neil Gaiman – Coraline

‘Because,’ she said, ‘when you’re scared but you still do it anyway, that’s brave.’

Eigentlich hätte das mein Reisebuch sein sollen, aber irgendwie ergab es sich dann, dass ich gar nicht so viel Zeit hatte und mit dem schon drei Tage vorher begonnenen Kindle-Buch The Elegance of the Hedgehog erst nach der Rückkehr fertig wurde. Für die Reise hätte dieses Märchen (?) sowieso nicht ausgereicht. Obwohl es inhaltlich sehr gut als Reisebegleiter gepasst hätte.

Das Buch erzählt wie Coraline aus Neugierde durch eine verbotene Tür geht und sich plötzlich in einer Parallelwelt wiederfindet, in der sie lauter Schattengestalten aus der ihr bekannten Welt begegnet. Anstatt Augen tragen sie Knöpfe im Gesicht. Die Illustrationen im Buch lassen bereits erahnen, was Tim Burton aus dieser Geschichte machen könnte.

Coraline will nach einer kurzen Zeitspanne, in der ihr diese Welt viel interessanter vorkommt als ihre eigene, nicht nur schnell zurück, sie muss auch noch ihre Eltern befreien. Dabei stößt sie auch noch auf drei andere Seelen, die ihre Parallelmutter (the other mother) entführt hat. Dabei kommt immer wieder das Thema Mut zur Sprache. In einer gefährlichen Situation dürfen wir nicht erstarren, sondern müssen handeln. In einer bedrohlichen Situation sind wir nicht verloren, solange wir einen klaren Kopf behalten und den Mut nicht verlieren. Angst kann hilfreich sein, solange wir nicht zulassen, dass sie uns lähmt. Ein plakatives, aber wahres Motiv.

It is astonishing just how much of what we are can be tied to the beds we wake up in the morning, and it is astonishing how fragile that can be.

Katja Lange-Müller – Drehtür

Zu helfen weckt ein seltsames Verlangen in dir, aber eines, das gestillt werden kann, so betörend, dass du es wieder tun willst und wieder und immer wieder. … Wenn du zum Helfen berufen oder eben ermächtigt bist, ist es tröstlich und herausfordernd, jemandem zu begegnen, dem es schlechter geht als dir selbst, am besten viel schlechter.

Die Autorin Katja Lange-Müller untersucht in diesem Buch das sogenannte Helfersyndrom. Ihre Protagonistin Asta wurde aus ihrem Helferjob zwangsbeurlaubt, steht nun am Flughafen außerhalb der Drehtür und weiß nicht weiter. Sie beobachtet die Menschen am Flughafen, bis sie einen findet, der sie an jemanden aus ihrer Vergangenheit erinnert. Asta selbst scheint keine Bedürfnisse zu haben. Sie hätte in diesem Moment alle Möglichkeiten, ihr Leben neu zu beginnen, aber sie schafft es nicht, ihren Fokus von anderen Menschen zu lösen und auf sich selbst zu richten.

Immerhin, die Kranken, zur Not auch die Überlebenskranken, bieten dir, Schwester, Pfleger, Arzt, das Größte und Großartigste, meinetwegen Geilste von allem: die Macht, zu helfen, die Hilfsmacht also, und eine noch mächtigere, mitunter sogar übermächtige Macht, die, Respekt zu erfahren – und Bewunderung, rückhaltlose Bewunderung, von allen Seiten.

Anderen Menschen zu helfen, ist niemals völlig altruistisch. Es beinhaltet immer auch das gute Gefühl, etwas Wertvolles für die Gesellschaft oder zumindest für einen einzelnen Menschen geleistet zu haben und damit eine Legitmation der eigenen Person. Auf der einen Seite wäre es fatal, wenn dieses Bedürfnis, Selbstlegitimation aus der Hilfe für andere zu gewinnen, von einem Tag auf den anderen versiegen würde. Wo wäre unsere Gesellschaft ohne Menschen, die helfen, die auf den eigenen Vorteil vergessen, die ihre eigenen Bedürfnisse für einen Zeitraum zurückstellen, um anderen einen Fortschritt oder in manchen Fällen auch das simple Überleben zu ermöglichen? Gleichzeitig darf das Helfen nicht zum Selbstzweck werden. Wer sich selbst in der Unterstützung anderer Menschen verliert, wird eines Tages zusammenbrechen. Eine schwierige Balance, die die Autorin in diesem Roman auf geschickte und literarisch ansprechende Weise analysiert.