Sarah Kuttner – Mängelexemplar

Regenbogen über Großmugl Umgebung

Trotzdem bin ich ganz verliebt in mein In-Therape-Sein. Ich glaube fest an das Prinzip: Leiden für den Erfolg, bin zuversichtlich und rede viel mit Freunden, von denen sich sogar ein bis zwei als alte Hasen auf diesem Gebiet entpuppen. Wir veranstalten stundenlange Hobbypsychologentreffs.

Wer ohne Vorkenntnisse in diesen Roman startet, erwartet am Anfang eine typische Frauen-Coming-of-Age-Geschichte. Caro steckt in einer lieblosen Beziehung und weiß das auch selbst, nur fehlt ihr der Mut zur Trennung, zum Alleinsein. Beruflich läuft es auch gerade nicht so gut, eine Veränderung muss her. Als ihr schließlich die Trennung vom kaltherzigen Philipp gelingt, wird die Angst vor dem Alleinsein zu einer allgemeinen Angst inklusive Panikattacken. Der erste Weg führt zur Psychotherapie, wo sich Caro noch in ihrer Therapiebedürftigkeit gefällt und tapfer Witze über ihr angeknackstes Selbst reißt.

Kann ich nicht, will ich nicht. Ich kann akzeptieren, dass andere Menschen tatsächlich gern Pizza mit Ananas essen oder R’n’B mögen oder Drogen nehmen. Aber dass sie Freunden nicht zuhören können oder wollen, unbeirrbar pessimistisch sind und nicht bereit, zu geben, was sie nehmen, akzeptiere ich nicht. Das ist einfach falsch.

Die Analyse der Therapeutin scheint zu helfen, doch schließlich muss Caro doch zugeben, dass sie Hilfe braucht und zu ihrer Mutter ziehen. Allein kommt sie in ihrer Wohnung nicht zurecht. Ständig versucht sie, tapfer zu sein, will nicht zugeben, dass sie alleine nicht klarkommt. Schließlich verschreibt ihr ein Psychiater Antidepressiva, die gegen die Angstanfälle helfen sollen.

Aber er hat recht. Vielleicht ist das die einzige Form, etwas wirklich zu akzeptieren: nicht mehr drüber nachdenken. Sich helfen lassen und die Verantwortung abgeben. Sich mit dem Ist-Zustand abfinden. Nicht mehr kämpfen.

Ein langer Weg liegt vor Caro, es scheint ihr besser zu gehen, doch immer wieder holt die Krankheit sie ein. Ein Übergangsmann hilft ihr weiter, doch nur kurzfristig. Doch letztendlich kann erst die Erkenntnis, dass man sich mit der Krankheit abfinden, sie akzeptieren muss, den Aufbruch in ein neues Leben ermöglichen. Ein Augen öffnender Roman, der psychische Krankheiten für viele Außenstehende verständlicher machen kann.

Thomas Stangl – Ihre Musik

Klagenfurt

Ich erkenne nichts Eigenes in dem Zimmer, nur die ineinander übergehenden, ineinander auslaufenden Räume, der Wohnraum und das Schlafzimmer so langgezogen und leer wie der Vorraum, keine Bücher, keine Zigaretten und Aschenbecher, keine Kugelschreiber, keine Notizen; Worte und Beschreibungen, Verdopplungen und Verschiebungen halten diese Figur nicht mehr zusammen.

Dieser Schreibstil, der Gedanken abbildet: furchtbar anstrengend zu lesen, aber ganz besonders beliebt bei (selbst ernannten) Literaturkritikern. Es entfaltet sich so schnell, dass man sich irre konzentrieren muss und doch passiert fast nichts (zumindest nichts Konkretes). Vieles bleibt der Interpretation des Lesers überlassen. Die Entfaltung der Gedanken ruft zur Entfaltung der eigenen Gedanken auf.

Sie steht in der Mitte des Bahnsteigs, lang bevor der Zug einfährt. Ihre Haut ist durchscheinend, sie bewegt ganz leicht, wie zu einer nur für sie hörbaren Musik (da sind nur dann und wann die verschiedensprachigen Unterhaltungen um sie, unverständliche Lautsprecherdurchsagen, Möwenschreie vom Himmel her), die Hände, als würde sie die Falten eines unsichtbaren weißen Kleides vor ihren Schenkeln glätten, sie weiß jetzt, wie es ist, nicht mehr da zu sein.

Genau genommen könnte man diesen Roman auch kriminalistisch analysieren. Die Spaziergänge führen durch die Wiener Leopoldstadt und auch mal darüber hinaus. Wer die Gegend kennt, kann viele der erwähnten Plätze wieder erkennen und möglicherweise den Wegen der Protagonistin folgen.

Im Augarten sind jetzt schon die Krähen angekommen und legen jeden Abend und jeden Morgen einen dichten schwarzen Schleier und aus vielfältigen Klängen gewebte mächtige Schallteppiche über die kahl werdenden Bäume und die Kieswege, sie geht außen an der Mauer entlang und dann an immer schäbiger werdenden Läden vorbei die Taborstraße bis zum Ende hoch.

Auch ich habe einen neuen Blick gewonnen: auf den Teil des Donaukanals an der Hollandstraße, den ich so oft auf dem Weg zur Arbeit sehe. Man sollte sich wohl öfter mal hinsetzen und die Stadt und das Leben wirklich wahrnehmen anstatt nur daran vorbeizulaufen.

Die Stufen und die Zillen (wenn sie hinuntergeht, die Hollandstraße entlang und nach der Ampel die Treppe am Kanal abwärts, Schritt für Schritt, ans Geländer gestützt, schwer atmend) sehen aus wie sie vor über sechzig Jahren ausgesehen haben; als wäre nichts geschehen, sie weiß jetzt, dass nichts geschehen ist und die unberührte Welt keinen Halt bietet, die Haut der Dinge ist ohne Erinnerung wie ihre eigene Haut ohne Erinnerung ist, keine Empfindung zurückbehalten hat.

Marc Levy – Zurück zu dir

Man sagt, um von einer Liebesgeschichte geheilt zu werden, braucht man die halbe Zeit ihrer Dauer. Dann, eines Morgens, wacht man auf, und die Last der Vergangenheit ist wie durch Zauberhand verschwunden.

Die Liebesgeschichte zwischen Arthur und Lauren, die in „Solange du da bist“ ein so überraschendes und unbefriedigendes Ende fand, findet in „Zurück zu dir“ seine Fortsetzung. Aber auch diesmal gibt es keinen einfachen Weg für die beiden und Arthurs Freund Paul hat auch so einiges durchzustehen. Mit Arthurs neuer Nachbarin Miss Morrison gibt es außerdem einen wirklich interessanten Charakter, der etwas Leben in die stückweise doch sehr trockene Hin-und-Her-Geschichte bringt. Sie ist es auch, die Laurens Mutter letztendlich dazu bewegt, ihrer Tochter die Wahrheit über das Koma zu sagen.

Ich hatte nicht das Glück, Kinder zu haben, und im Gegenteil zu dem, was ich vorhin gesagt habe, um mich gelassen zu geben, können Sie sich nicht vorstellen, wie sehr mir das fehlt. Aber wegen der vielen Beziehungen glaubte ich mich nicht in der Lage dazu – das zumindest war meine Entschuldigung, um mich nicht mit meinem Egoismus konfrontiert zu sehen.

Natürlich wird die Geschichte in der Fortsetzung nicht wirklicher und der erste Teil hatte schon deutlich mehr den Effekt des Originellen zu bieten. Aber immerhin ist es ihm gelungen, den Geist seiner Charaktere einzufangen und ein weiteres Hohelied auf die Liebe zu dichten.

José Saramago – Die Stadt der Blinden

Spielfiguren symbolisieren Gesellschaft (c) Stephanie Hofschlaeger/PIXELIO

Man kann vorher nie wissen, wozu die Menschen fähig sind, man muss warten, der Zeit Zeit geben, die Zeit bestimmt, die Zeit ist der Partner, der auf der anderen Seite des Tisches spielt und alle Karten des Spiels in der Hand hält, an uns ist es, uns das Spiel des Lebens auszudenken, unseres Lebens.

„Die Stadt der Blinden“ beschreibt eine Utopie. Ein Autofahrer erblindet von einer Sekunde auf die andere. Wie sich schnell herausstellt, ist die unbekannte Krankheit hoch ansteckend und binnen weniger Stunden erblinden immer mehr Menschen. Die Regierung steckt die ersten Erblindeten in Quarantäne, um das Ausbreiten der Krankheit zu verhindern. Wie man sich vorstellen kann, gelingt dies nicht, auch unter den Soldaten, die die Quarantäne bewachen sollen, erblinden immer mehr Personen.

In der Quarantäne zeigen sich Stück für Stück alle gesellschaftlichen Probleme, die sich beim Zusammenleben von vielen Blinden auf engem Raum ergeben. Die Einzige, die noch sehen kann, die Frau des Augenarztes, verbirgt dies, um bei ihrem Mann bleiben zu können und ihm dadurch das Leben zu erleichtern. Mit jedem Tag fällt es ihr schwerer, als Einzige sehen zu können. Negative Charaktereigenschaften treten durch die Blindheit zutage, auch unter den Blinden gibt es schlechte Menschen, die der Hunger und schließlich die nackte Gier zum Äußersten treibt.

Da Saramago seine Dialoge nicht trennt und die Aussagen der verschiedenen Personen oft nur durch Beistriche trennt, fragt man sich immer wieder, wer eigentlich gerade spricht. Es mag sein persönlicher Stil sein, auf die Dauer wird es aber doch etwas anstrengend zu lesen. Und trotzdem gibt diese Art der Sprache, die mehr Gedanken als tatsächlichen Gesprächen ähnelt, dem Gesellschaftsportrait eine Eindringlichkeit, die ohne diesen Stil vielleicht nicht möglich wäre. Eine packende Beschreibung unserer Zivilisation und Gesellschaft, so real, dass man erst recht Angst vor dem tatsächlichen Katastrophenfall bekommt.