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Rachel Friedman – The Good Girl’s Guide to Getting Lost

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You can’t get lost when you have nowhere to be.

Für Reisegeschichten habe ich im vergangenen Jahrzehnt ein besonderes Faible entwickelt. Nachzulesen, wie andere Menschen unterwegs sind und wie sie sich dadurch verändern, gefällt mir sowohl in Fiktion (zB Amy & Roger’s Epic Detour) als auch in Non-Fiktion (zB Travelling with Ghosts).

Auch mit diesem Reisebericht hatte ich viel Spaß. Die Autorin erzählt, wie sie, anstatt ihre Ausbildung fortzusetzen und/oder Karriere zu machen, sich dafür entscheidet, zuerst möglichst viel von der Welt zu bereisen. Ich hab sehr viel von mir in ihr wiederentdeckt, wie zum Beispiel die Einfachheit, mit der damals die Schule zum Erfolg führte. Der Pfad war vorgezeichnet und es war immer klar, was zu tun ist.

He shrugs. “I have to do something.” We all do. It’s what is expected. Besides, we have healthcare to worry about. And student debt. And making a contribution to society, making our parents proud, making something of ourselves that we can hopefully believe in.

Viele junge Menschen wissen nicht, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen wollen. Darüber habe ich gerade erste letzte Woche selbst nachgedacht (also darüber, wie das bei mir damals war …). Ich wollte nie bewusst das werden, was ich heute bin, aber durch meine Entscheidungen in kleineren Lebensbereichen habe ich trotzdem entschieden, was ich werden will (und vor allem was nicht).

Die Zeiten, in denen ich mich low-budget in einem klapprigen Bus vom einen billigen Hostel zum Nächsten hätte transportieren lassen, hat es nie gegeben. In der Beschreibung von Rachel Friedmans ersten Hostel-Erfahrungen habe ich meine gesamten diesbezüglichen Befürchtungen wieder von Neuem erlebt. In der Beschreibung ihrer Reise durch Südamerika war mir auch oft nicht klar, worum es eigentlich noch geht. Auch wenn sie ihre Reiseroute offensichtlich nicht nach Instagram-ability ausgetüftelt hat, ist ein Hang zum Außergewöhnlichen (Paragliding, etc.) zu sehen. Vielleicht gehört das zu diesem Travel Life dazu? Immer auf der Jagd nach dem nächsten Kick zu sein?

Most days travel is thrilling: it’s new and exciting and challenging, and you want to take it all on. But some days, as in any place you happen to be, you’re tired and blue.

Die Autorin spart die schwierigen Momente des Reisens nicht aus. Sie erzählt davon, wie sie ausgeraubt wird und mit einer Magenverstimmung darnieder liegt. Wie Moskitos jeden Zentimeter ihres Körpers verwüsten und unvorhergesehene Ereignisse ihre Reise immer wieder verzögern.

It is a moment of pure travel pleasure. Carly already knew she was nowhere near finished having adventures, and right then I knew I wasn’t, either. This is what I wanted for myself, for there to be more days with the possibility of getting to hand-feed wild monkeys in the future, not fewer of them. This was my real world.

Und dann gibt es die guten Momente in dieser Geschichte, wo mir wieder mal schmerzlich bewusst wurde, welche Möglichkeiten auf Erfahrungen ich im vergangenen Jahr verloren habe. Meine erste Reise außerhalb von Europa musste verschoben und schlussendlich storniert werden, alle kleineren geplanten Reisen in den Nachbarländern sind auf unbestimmte Zeit nicht möglich. Manchmal wünsche ich mich einfach nur woanders hin. Und hoffe darauf, dass dieser lange Verzicht dazu führen wird, dass wir unsere Möglichkeiten und Privilegien mehr zu schätzen wissen.

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Roman

Tomás Eloy Martínez – Santa Evita

In diesem Bezirk Mittelsex in New Jersey ist Evita eine vertraute Figur, aber die Geschichte, die man von ihr kennt, ist die des Musicals von Tim Rice. Vielleicht weiß niemand hier, wer sie wirklich war; die Mehrheit vermutet in Argentinien eine Vorstadt von Guatemala City. Aber bei mir zu Hause schwebt Evita, ihr Wind ist da; jeden Tag hinterlässt sie ihren Namen im Feuer.

Auch mir war Eva Duarte de Perón lange Zeit aus dem Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice bekannt. Weil ich mehr Fakten erfahren wollte, habe ich mir dieses Buch aus einem Erbe behalten, dann stand es mehrere Jahre im Regal. Eigentlich hielt ich es für eine Biografie, das ist es jedoch nicht. Der Autor selbst bezeichnet es als einen Roman, beim Lesen wirkt es jedoch abwechselnd wie ein mysteriöser Krimi und eine Sammlung von Anekdoten.

Mit jugendlichem Fieber lernte ich das Schreiben, meinen Beruf, neu. Santa Evita sollte ein Roman werden? Ich wusste es nicht, und es war mir auch egal. Es entglitten mir das Konzept, die Sicherheit der Perspektiven, die Gesetze von Raum und Zeit.

Das Buch beginnt wie das Musical mit der sterbenden Evita. In den weiteren Kapiteln beschreibt der Autor dann hauptsächlich die Erlebnisse des Obersts, der Evitas Leiche begraben soll. Dass die Leiche einen langen Weg zu ihrem endgültigen Bestattungsort unternahm, ist eine wahre Geschichte und in Kurzform auch auf der Wikipedia nachzulesen:

So wurde Eva Peróns Leichnam heimlich 1956 nach Mailand ausgeflogen und unter dem Namen Maria Maggi de Magistris bestattet. Im September 1971 brachte man ihn nach Madrid. 1974 ließ ihn Isabel Perón, die dritte Frau des Staatspräsidenten, nach Argentinien zurückbringen, und im Jahre 1976, am 22. Oktober, erfolgte die Beisetzung im Familiengrab der Duartes auf dem Friedhof La Recoleta in Buenos Aires.

Die Wiener Zeitung widmete dem Thema im Sommer 2012 einen Artikel.

Der Autor macht aus diesem wahren Kern jedoch Stück für Stück einen Kriminalroman. Er beschreibt die Ungeheuerlichkeiten, die der Leiche unterwegs angetan werden (an diesen Stellen hofft man, dass alle Details erfunden sind) und den Fluch, den diese Frau (in späteren Kapiteln wird sie zumeist nur noch Person genannt) angeblich über alle mit ihr in Kontakt kommenden Menschen bringt.

Je länger ich gelesen habe, umso anstrengender fand ich diese Schreibweise, so zu tun, als beruhe ALLES auf wahren Begebenheiten, wo doch der Autor viele Details der Gefühlswelten der betroffenen Personen unzweifelhaft erfunden haben MUSS. Trotzdem sticht es aus der Reihe der Romane gerade durch diesen Punkt hervor und entfaltet auf diese Weise eine eigene mysteriöse Aura. Gerade dieser Konflikt, dass man als Leser nicht weiß, wo hört die Wirklichkeit auf, muss den Autor an der Geschichte gereizt haben. Eine Empfehlung kann ich nicht aussprechen, aber es ist auf jeden Fall eine Rarität in der diesjährigen von der Reading Challenge geprägten Buchauswahl.

So erlischt die Vergangenheit, sagte ich mir. Immer kommt und geht sie, ohne sich darum zu kümmern, was sie zurücklässt.

Reading Challenge: A book based on a true story

RANDNOTIZ: Das von mir eingereichte Problem ist #895 auf Problems of a Book Nerd!