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Memoir

Maury Laura Philpott – I Miss You When I Blink

My mind seeks the tidiness of a question answered. An agenda complete. A box checked. That’s what harmony feels like in my brain.

In vielen Erzählungen dieses Memoirs habe ich mich selbst wiedergefunden. Das zeigt sehr schön, dass Menschen viel gemeinsam haben können, obwohl ihre persönliche Vorgeschichte und ihre aktuellen Lebensumstände komplett unterschiedlich sind. Natürlich gibt es übergeordnete Ähnlichkeiten: Mittelklasse, weiße Hautfarbe, freiberufliche Arbeit mit Text/in den Medien. Aber auch bei der generellen Einstellung zum Leben konnte ich einige Gemeinsamkeiten erkennen.

I sense the ticking of an invisible stopwatch in everything I do, because life’s to-do list never seems to get shorter, which means the only hope for feeling some sense of progress is to get through it without delay.

Die Autorin erzählt Begebenheiten aus ihrem Leben, reflektiert über ihre eigenen Handlungen, Entscheidungen und Beweggründe. In mehreren Episoden beschreibt sie ihre Freude am Organisieren, am Aufbrechen von Aufgaben in kleine Teile, die dann erledigt und abgehakt werden können. Die Geschwindigkeit unserer Gesellschaft gibt uns oft das Gefühl, jeden Moment unseres Tages bestmöglich nutzen zu müssen. Aber die Liste der zu erledigenden Dinge wird niemals vollständig abgearbeitet sein. Das wäre das Ende des Lebens. Eine bewusste Reflexion über die Dinge und Menschen, die uns wirklich wichtig sind, kann uns daher eher zu einem Zustand von Zufriedenheit und Harmonie führen, als ein weiteres erledigtes To-do.

I used to think that if only I could make everything perfect, then I could relax and have fun.

Sie beschreibt auch diesen mir sehr gut bekannten gedanklichen Prozess: Wenn ich nur endlich [hier einsetzen, was wir bisher nicht geschafft haben], dann könnte ich endlich [was wir gern wären, aber bisher nicht sind]. Dieser Gedanke hält uns in einem ewig unfertigen Zustand. Wenn wir endlich diese eine Sache geschafft haben (in den Fällen, die tatsächlich realistisch betrachtet zu schaffen sind), dann werden wir uns für einen Moment erleichtert/glücklich/am Ziel fühlen. Dieses Gefühl flaut jedoch zu schnell ab und schon taucht die nächste unerledigte Sache am Horizont auf. Das Leben ist nicht teleologisch. Das Leben ist ein Prozess und wenn wir das Leben als ständige Veränderung akzeptieren können, vermindert das den Druck, etwas anderes sein oder tun zu müssen. (Deshalb geht mir auch die religiöse Idee, Gott als Veränderung zu betrachten, aus Octavia E. Butlers Parable-Serie nicht aus dem Kopf. Meine Gedanken dazu hier: Parable of the Sower. Parable of the Talents.)

If figuring out what step to take next meant we immediately had to figure out every step afterward, too, then taking the next step would be impossible.

Dieses Zitat hat mich gerade in der aktuellen Situation sehr angesprochen. Wir leben in einer Zeit der Unsicherheit, wir wissen nicht, wie sich die Situation um Covid19 weiter entwickeln wird. Selbst diejenigen von uns, die sich in einer unkritischen Situation befinden (was in meiner hier angewandten Definition auf alle zutrifft, die gesund sind, ein sicheres Zuhause haben und ausreichend finanzielle Mittel, um keine unmittelbaren Existenzängste haben zu müssen), schauen mit einer gewissen Skepsis in die Zukunft. Alle Einschätzungen darüber, wie wir in 3 Wochen, 3 Monaten oder 3 Jahren leben werden, sind von so vielen Faktoren abhängig, dass jede langfristige Planung völlig unmöglich erscheint.

Genau genommen ist das aber immer so, es ist uns im Alltag (wie wir ihn vor der Krise erlebt haben) nur nicht so bewusst. Katastrophen können jederzeit völlig unerwartet eintreffen und unsere Pläne durcheinander werfen. Dagegen hilft nur eine gelassene Einstellung zum Leben und die Flexibilität, auf neue Situationen zu reagieren und uns so schnell wie möglich darauf einzustellen. Wenn wir die aktuelle Situation dafür nutzen, diese Fähigkeiten bewusst zu trainieren, können wir persönlich gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.

When I feel pressure to do the one exactly right thing – which I feel all the time because I am human and a perfectionist – I remember all the selves I simultaneously have been, am, and will be. I miss you when I blink means I know all my selves are here with me, and I know we can do this.

Isolation Tag 16. 29. März 2020

Nach einem gefühlsmäßigen Einbruch am Anfang der Woche (ausgelöst durch von anderen vorgebrachte düstere Erwartungen für die fernere Zukunft) hat sich eine Art Isolationsalltag eingestellt. Ich achte auf Routinen, plane Spaziergänge und Mahlzeiten, habe mit Yoga-Videos auf Youtube begonnen. 

Gestern war ich insgesamt über sieben Stunden online mit Menschen im Gespräch. Das ist nicht dasselbe wie das persönliche Beisammensein und natürlich langfristig auch nicht genug. Aber es wird auch so langsam zu einer Gewohnheit. 

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Roman

Charlotte Roche – Schoßgebete

So ist man doch, wenn man wirklich liebt, man ist ja dann nicht selbstsicher und sagt sich: Klar, kein Problem, du kommst sowieso wieder.

Gerade wird mir klar, dass auch das literarische Umfeld, in dem ein Buch gelesen wird, beeinflusst, wie es wahrgenommen wird. Wenn ich My Year of Rest and Relaxation nicht direkt im Anschluss an A Little Life gelesen hätte, wäre ich vielleicht anders damit umgegangen. Mit Schoßgebete habe ich vor einigen Wochen an einem „verlorenen“ Abend begonnen, an dem ich mich zu keiner „anspruchsvollen“ Lektüre mehr aufraffen konnte. Beendet habe ich es nun in diesem Umfeld, wo sich erstaunliche Parallelen zu My Year of Rest and Relaxation auftun, die mir vor einer Woche gar nicht auffallen hätten könnten und in ein paar Wochen vielleicht schon nicht mehr aufgefallen wären.

Die erzählende Protagonistin stellt ein Klischeebild einer modernen Frau dar: unsicher, perfektionistisch, die eigenen Bedürfnisse verleugnend, um ihrem Mann zu gefallen. Aus feministischer Sicht ließe sich hier einiges kritisieren und zerpflücken, aber hier ist (zumindest mir) so deutlich klar, dass es sich um eine Paraodie handelt, dass ein „Ernstnehmen“ gar nicht in Frage kommt. Die Autorin macht sich lustig darüber, wie die Gesellschaft den Frauen vorgaukelt, wir müssten ständig perfekt gepflegt sein, uns vegetarisch oder noch besser vegan ernähren, ein umweltschonendes Elektroauto fahren und für den Partner jederzeit sexuell verfügbar sein.

Wenn ich mich aber darauf konzentrieren kann, was Gutes zu machen, zum Beispiel Vegetarierin zu werden, dann geht es mir besser.

Ein großes Thema ist auch das Verhältnis zur abwesenden Mutter, geprägt von einem Autounfall, bei dem zwei Brüder der Autorin ums Leben gekommen sind, die Mutter jedoch schwer verletzt überlebt hat. Hier bricht das parodistische Narrativ etwas, die Erzählung untersucht, wie die Beziehung der eigenen Mutter das weibliche Rollenerleben prägen kann, im positiven wie im negativen Sinn. Weibliches Konkurrenzdenken kommt in der Rolle der nur am Rande erwähnten Freundin der Protagonistin zum Ausdruck. Über allem schwebt jedoch immer das Streben nach Perfektion, nach Fehlerlosigkeit oder zumindest dem Verstecken der eigenen Mängel dort, wo niemand anders sie sehen kann. Ein Unterfangen, das unwiderruflich zum Scheitern verurteilt ist.