Martin Gregor-Dellin – Richard Wagner

Kugelflower

Wagner ging auf den Fluchtplan ein, und Abraham Müller, dieser wunderliche Königsberger Mephisto, den ein Faustus-Autor in Wagners Lebensgeschichte hineingeschmuggelt zu haben scheint und der daraus alsbald für immer verschwinden wird, reichte ihm noch einmal hilfreich die Hand.

Lebensgeschichten sollten eigentlich eine spannende Materie sein und ich finde es immer wieder interessant, in das Leben eines „echten Menschen“ einzutauchen anstatt in die Gefühlswelten von Romanfiguren. Leider gerät Martin Gregor-Dellins Beschreibung der Lebenswelt Richard Wagners über alle Maßen trocken. Poetische Anwandlungen wie das folgende Zitat mischen sich nur äußerst spärlich in die detaillierte Beschreibung der Lebenswelt des Komponisten.

Die Seligkeit solcher Produktivität spannte ihn wie einen Bogen. Das Bewusstsein zu leben griff so tief in ihn, dass er sich vorkommen musste wie mit leerem Magen vor einer brechend vollen Tafel.

Man fragt sich unvermittelt, wie intensiv der Autor in das Leben des Autors eintauchte. Immer wieder ergibt sich der Eindruck, die Freunde des Komponisten wären ihm schon persönliche Freunde geworden. Zeitgenossen wie Friedrich Nietzsche und Thomas Mann webt er in die Geschichte ein, als würden sie täglich bei ihm zum Kaffee vorbeikommen.

Doch nicht das war das eigentlich Neue am Lohengrin. Wenn Thomas Mann schwärmend von der blau-silbernen Schönheit der Lohengrin-Musik sprach, so bezeichnete er damit unbewusst den Schritt vom Tannhäuser zum Lohengrin: die Entdeckung der Farbe. Wagner erschloss sich die koloristische Dimension der Musik und der Instrumentierung.

Für Gregor-Dellin scheinen nicht nur Wangers musikalische Ergüsse den Maßstab darzustellen. Auch seine Aufzeichnungen zur Gestaltung des Theaters an sich kommen ausführlich zur Sprache. Wagner war offenbar nicht nur ein genialer Komponist sondern gleichfalls ein Bühnen-Perfektionist in einer Art und Weise, die Stanley Kubrick Jahrzehnte später auf seine Filme anwandte. (Kürzlich hörte ich die Anekdote, dass er einen geplanten Film vor seinem Tod nicht mehr drehen konnte, weil er unbedingt mit dem Setting angemessenem Kerzenlicht drehen wollte und es damals keine Kameratechnik gab, die seinen Ansprüchen genügte. Er gab dafür die Entwicklung einer Speziallinse in Auftrag und wollte mit dem Film warten, bis seine Vorstellungen technisch umgesetzt werden konnten.) Auch Wagners Bühnenkonstruktionen dürften die Maßstäbe der damaligen Zeit sowohl in finanzieller Hinsicht als auch in ihrer Dimension gesprengt haben.

Erstaunlich ist nur, wie unbemerkt ihm blieb, dass er die Utopie verfehlte: er schuf gar nicht das Drama der Zukunft, das eine griechische Klassik evoziert, sondern episches Theater. Seine Helden sind nicht eigentlich Dramenfiguren, das unterscheidet ihn sehr von Shakespeare und Verdi.

Und dann finden sich bisweilen auch noch Perlen, die direkt einem Standard-Artikel, der sich mit der experimentellen Inszenierung einer Wagner-Oper beschäftigt, entstammen könnten.

Der große Vergessenmacher seiner selbst erneuerte sich aus dem, was andre längst vergessen hatten, und stellte sich aus den Antagonismen seines Lebens stets wieder her zu lebenden Bildern aus Ästhetik, Philosophie und Politik: zur gefälligen Bedienung. Die dogmatischen Wagnerianer waren desavouiert, bevor sie noch recht Tritt gefasst hatten.

Und ich möchte nicht verhehlen, dass ich angesichts dieses langatmigen Werkes wieder mal Verständnis empfinde für die Internetgeneration, die selten etwas Längeres als durchschnittliche Wikipedia-Artikel liest. Biografien eignen sich wohl kaum als Material für Leseeinsteiger.

Kurt Vonnegut – Cat’s Cradle

Regen im Wiener Prater, Regenschirme, Riesenrad, Atmosphäre

„That’s why she married him. She said his mind was tuned to the biggest music there was, the music of the stars.“ He shook his head. „Crap.“

I guess „Cat’s Cradle“ can be called an American classic. It starts as an attempt to write a strange biography about the so called father of the atomic bomb (fictional Felix Hoenikker). The narrator is on a journey to find the family and visit people who worked with him. His journey leads him to the country San Lorenzo where he not only finds a strange kind of love but also the Hoenikker family in all their strangeness.

In San Lorenzo the narrator is getting to know a religion named „Bokononism“. It’s illegal but eventually he finds out that everyone on the island follows the mysterious man named Bokonon who is chased by San Lorenzos president Papa Monzano.

While writing this I have to say that it’s worthless to describe the storyline. If you can live with strange stories that don’t care about limits imposed by sheer physics. The story introduces a lot of interesting theories about religion and politics and Bokonon’s quotes have the qualities of the wisdom of a true spiritual leader.

Peculiar travel suggestions are dancing lessons from God.

It was the first book that I read on the iPad Kindle App and the experience was satisfying. I love the „popular highlights“ functions of the Kindle App and the possibility to add my own notes and copy these. Although I had to type the quotes because it’s not possible to copy text from the book. But at least I can add my own notes right on the iPad and copy them to MarsEdit for the blog post afterwards. And of course the built-in dictionary is wonderful for reading books in a foreign language. I think I’ll try a spanish book soon.

„Everything must have a purpose?“ asked God.
„Certainly“, said man.
„Then I leave it to you to think of one for all this,“ said God. And He went away.

Etgar Keret – Pizzeria Kamikaze / Der Busfahrer, der Gott sein wollte

FlowerPower(c)jusone/SXC

„Sag mal“, forschte Uzi nach, „stimmt das, was gesagt wird, dass sie dir bei euch, bevor du so eine Aktion startest, siebzig geile nymphomanische Jungfrauen in der nächsten Welt versprechen? Nur für dich, Solotanz?“ – „Tun sie“, erwiderte Nasser, „und schau dir an, was daraus wird. Ich bin auf Alkohol herabgesackt.“ – Dann warst du am Ende also der Depp, Nasser“, sagte Uzi schadenfroh. „Bei Gott“, Nasser nickte, „und du, was haben sie dir versprochen?“

Es wird an der Zeit, wieder mal ein uneingeschränktes Loblied zu singen und niemand hätte es mehr verdient, als der geniale Etgar Keret. Allein schon die Idee, eine Geschichte in einer Welt spielen zu lassen, die nur von Selbstmördern bevölkert wird. Menschen, die aus einer ihnen unwirtlich gesinnten Welt fliehen, landen in einer Welt, die auch um nichts besser ist und noch dazu zusammen mit lauter Menschen, die ebenfalls keinen Sinn im Leben sehen. Wer würde sich da nochmal umbringen? Freundschaften entwickeln sich, die Bewohner dieses seltsamen Ortes werden schubladisiert nach der Art, in der sie sich töteten und demnach Körperschäden erlitten. Am besten haben es da die unversehrten Tablettenopfer. Als ob diese schräge Welt nicht schon genug wäre, bevölkert Keret diese auch noch mit Persönlichkeiten, die allesamt mehr oder weniger plausible Gründe zum Selbstmord hatten, und schickt diese in Situationen, die sie mit dem trockensten Humor bewältigen, den die Welt außerhalb Großbritanniens jemals erlebt hat.

Viele der weiteren Kurzgeschichten sind so kurz wie prägnant und amüsieren oder verstören, jedoch kaum etwas dazwischen. Je nachdem, welches Gefühl sich der Autor gerade ausgesucht hat, genau mit diesem lässt er den Leser zurück. Brutal oder poetisch beschreibt er menschliche Abgründe und scheiternde Existenzen. Ohne jedoch zu vergessen, dem Leser hin und wieder einen Lichtblick zu erlauben: Nicht alles auf der Welt ist schlecht. Betrachtet man das Leben und die Gesellschaft mit dem notwendigen Schuss schwarzen Humors, lässt sich aus jeder noch so sauren Zitrone ein sensationelles Gefühl ziehen. Pflichtlektüre. Punkt.

Weitere Informationen: Etgar Keret – personal websitePerlentaucherLyrikwelt

Colin Cotterill – Dr. Siri sieht Gespenster

Puppe(c)oliviaebe/SXC

Er überquerte die staubige Kreuzung in der Dorfmitte und schlenderte zum Fluss hinunter. Dort angekommen, folgte er dem Wasserlauf, der sich cremigbraun dahinwälzte wie zähflüssiger Milchkaffee. Er achtete sorgfältig auf seine Schritte, um nicht versehentlich auf eine Hundefurzblume zu treten. Die sinkende Sonne wanderte am anderen Ufer vor sich hin und verschwand immer wieder hinter Bäumen. Die tristen Hügel vor den Toren Luang Prabangs waren mit frisch gedroschenen Feldern übersät, die von fern wie schmerzhafte Hautverpflanzungen aussahen.

Der unverwüstliche Pathologe Dr. Siri wird von einem neuen Abenteuer überwältigt. In diesem lernt er nicht nur den ehemaligen König kennen und wird als Schamane Yeh Ming wiederum von Geistern verfolgt. Auch seine Assistentin Dtui, die heimlich für ein Medizinstipendium büffelt, muss sich mit allerlei Geistern und Wertigern herumschlagen. Über den gemütlichen und spannenden Stil Colin Cotterills muss ich nach der ersten Rezension nicht mehr viel sagen. Die bekannten und sympathischen Figuren begegnen uns wieder und ein paar geisterbewohnte Puppen zeigen mehr Persönlichkeit als so mancher Mensch im kommunistischen Regime in Laos.

Diese Geste kannte er von dem kahlköpfigen König in dem Hollywoodfilm, der Siam beleidigt und die Pathet Lao deshalb über die Maßen begeistert hatte.

Und nicht nur mir ist die Hundefurzblume (die nicht existiert, was eine kurze Google-Suche offensichtlich macht) ins Auge gestochen. Auch die Deister- und Weserzeitung lobt die sprachliche Gewandtheit des Autors.

Weitere Informationen: Deister- und WeserzeitungKrimi-Couch.deLiteraturblog Duftender Doppelpunkt

Paolo Giordano – Die Einsamkeit der Primzahlen

Viola(c)gklinek/SXC

Es waren die anderen, die zuerst bemerkten, was Alice und Mattia selbst erst viele Jahre später begreifen sollten. Sie lächelten nicht und blickten in verschiedene Richtungen, als sie das Zimmer betraten, doch sie hielten einander fest an den Händen, und so war es, als flössen ihre Körper durch die sich berührenden Arme und Finger unablässig ineinander über.

Alice und Mattia sind Außenseiter – beide leiden unter einem Kindheitstrauma und haben Schwierigkeiten, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Das führt sie schließlich zusammen. Beide haben keine anderen Bezugspersonen und sind so gewissermaßen aufeinander angewiesen. Mattia hat als Kind seine Zwillingsschwester Michela im Park zurückgelassen und leidet deshalb an unüberwindbaren Schuldgefühlen. Alice erlitt bei einem Skiunfall eine Beinverletzung und hinkt seither. Ihre Komplexe bekämpft sie durch Magersucht. Mattia öffnet sich schließlich und erzählt Alice von seiner verlorenen Schwester. Kurz darauf nimmt er eine Stelle im Ausland an und lässt Alice zurück.

So saß er da und verlor langsam den Kontakt zu dem Geschriebenen; die Symbole, die kurz zuvor noch durch die Bewegung seines Handgelenks aufs Papier geflossen waren, kamen ihm nun fremd vor, erstarrt in einem Raum, zu dem ihm der Zugang verwehrt war. Im Dunkel des Zimmers füllte sich sein Kopf wieder mit düsteren, bedrängenden Gedanken, und meistens griff er dann zu einem Buch, schlug es an einer beliebigen Stelle auf und begann zu lernen.

Alice arbeitet in einem Fotogeschäft und heiratet den jungen Arzt Fabio. Als dieser jedoch Kinder haben möchte, zerbricht die Beziehung. Der Kontakt zwischen Alice und Mattia ist langsam abgerissen. Als Alice jedoch glaubt, Mattias Schwester gesehen zu haben, ruft sie ihn zurück und Mattia kommt prompt.

So sah man es in Filmen, und so geschah es in der Wirklichkeit, tagtäglich. Die Menschen nahmen sich, was sie haben wollten, klammerten sich an die meist wenigen Gemeinsamkeiten und bauten darauf ihr Leben auf. Hier bin ich, musste er zu Alice sagen oder wieder gehen, abreisen mit dem ersten Flug, verschwinden, zurück an jenen Ort, wo er in all den Jahren keinen festen Grund unter die Füße bekommen hatte.

Die düstere Stimmung dieses Romans reicht bis zur letzten Seite, ein Happy-End ist den beiden einsamen Protagonisten nicht vergönnt. Bis ins kleinste Detail beschreibt er die Abgründe, die sich in den Seelen seiner Personen auftun. Auch wenn beide schließlich einen Weg finden, ein scheinbar normales Leben zu führen, bleiben ihre Beziehungen zu anderen Menschen stets oberflächlich und unbefriedigend. Ein trauriges Stück, das unsere Gesellschaft widerspiegelt, in der unangepasste Menschen kaum eine Chance haben.

Weitere Informationen: Paolo Giordano @ Wikipediaaus.gelesenRezension und ausführliche Inhaltsangabe von Dieter Wunderlich