Susi Nicoletti – Nicht alles war Theater

Theater ist für mich Therapie. Wenn ich Text lerne, eine Rolle erarbeite, mich in eine andere Figur – im wahrsten Sinne des Wortes – versetze, verdränge ich meine privaten Sorgen und Probleme.

Mir war Susi Nicoletti nur ein vager Begriff. Als meine Theaterzeit (als Zuschauer versteht sich, nicht auf der Bühne) begann, neigte sich ihre Karriere bereits dem Ende zu. Bekannt war mir jedoch, dass Pia Douwes, Wiens erste Musical-Elisabeth, bei Susi Nicoletti Schauspielunterricht hatte. Sie erwähnte das auch in dem Interview, das ich 2005 für Blickpunkt Musical mit ihr führte. Diese Lehrtätigkeit wiederum erwähnt Susi Nicoletti in ihren von Gaby von Schönthan aufgezeichneten Erinnerungen nur kurz. Sie hat jedoch eine deutliche Vorstellung davon, wie unterrichtet werden soll(te).

Wir sind sehr wohl mitverantwortlich, was aus Menschen wird, die wir unterrichten. Haben Sie außer ihrer Begabung und dem erlernten Handwerk die Kraft, die Disziplin, die starken Nerven und die Gesundheit, die ständige Neugierde, etwas Neues auszuprobieren – und auch den Willen, freiwillig und selbstverständlich, ohne Druck, gelassen auf viel Privatleben zu verzichten?

Ihre Biografie ist ein enorm spannendes Zeitdokument. Neben launigen Anekdoten (bei ihrer ersten Hochzeit etwa rief der Pfarrer beim entscheidenden Satz falsche Namen auf – eine Geschichte für die Ewigkeit) entfaltet sich die geschichtliche Entwicklung des letzten Jahrhunderts. Der Leser erlebt den Anschluss Österreichs an Deutschland aus der Perspektive einer arrivierten Schauspielerin. Ihre Existenz ist im Vergleich zu vielen anderen großteils gesichert, doch dazu ist sie ständig unterwegs zwischen Arbeit und Familie.

Bei Fliegeralarm Ruhe bewahren. Es ist Vorsorge getroffen, dass alle Besucher Platz in den Luftschutzräumen finden. Richtungspfeile beachten. Die Sitzplätze ohne Hast verlassen und allen Anordnungen der Luftschutzorgane Folge leisten. Garderobe wird erst nach der Entwarnung ausgegeben.

In ihren Erzählungen aus der Kriegszeit erscheint zuerst faszinierend, wie lange der Theaterbetrieb aufrechterhalten wurde. Obwohl die Lebensmittel und Heizmaterial bereits knapp wurden, obwohl bereits jederzeit Fliegeralarm drohte, im Theater wurde gespielt. Einerseits muss es immer noch ausreichend Menschen gegeben haben, die es sich leisten konnten, in diesen entbehrungsreichen Zeiten Geld für Unterhaltung auszugeben. Andererseits sollte das Volk unterhalten und abgelenkt werden, um den Kriegszustand nicht zu hinterfragen. Truppenbetreuung, Lazarettbetreuung – Schauspieler waren weiterhin gefragt. Erst im August 1944 wurde die Schließung aller Theater angeordnet. Die Alliierten befanden sich bereits an allen Fronten im Vormarsch.

Ich habe eine – für mich sehr angenehme – Einstellung meinen Gefühlen gegenüber. Wenn eine Beziehung gut und tief und echt ist, muss der Betreffende nicht unbedingt „zum Angreifen“ nahe sein. Meine Gefühle haben absolut nichts mit Entfernung zu tun. Beziehungen sind unabhängig von Zeit und Raum.

Vor dem Leser liegen die Erinnerungen einer alten Dame, die ein bewegtes Leben hinter sich hat. Es erscheint nur logisch, dass sie auf lange Zurückliegendes milde zurückschaut (Claus Peymann – Burgtheaterdirektor 1986–1999 – jedoch ausgenommen). Mir stellt sich die Frage, ob ein Mensch mit so einer Einstellung zu den eigenen Gefühlen geboren werden kann oder ob sich dies im Verlauf des Lebens ergibt. Als stets berufstätige Schauspielerin, „Einspringerin vom Dienst“, wie sie selbst sagt, und in Kriegszeiten Alleinunterhalterin ihrer Familie war sie naturgemäß oft von ihren Kindern getrennt. Auch von ihrer zweiten Ehe mit Ernst Haeussermann beschreibt sie hauptsächlich ihrer beider Arbeit und die Organisation des Lebens darum herum. Erst als sie von seiner Krebserkrankung erzählt (die sie ihm bis zu seinem Tod erfolgreich verschwiegen hat!), spürt man die Belastung, ja, auch die Trauer um diesen Menschen, der sie einen Großteil ihres Lebens begleitet hat.

Selbst ohne jegliches Interesse am Theater kann eine Leserin in diesem Buch die Geschichte einer starken Frau finden, der es in schwierigen Zeiten gelungen ist, sich selbst zu verwirklichen und gleichzeitig für ihre Familie zu sorgen. Wer sich auch noch für das Theater interessiert, findet viele interessante Details und Anekdoten, wie die Folgende über das 1924 neu eröffnete Theater in der Josefstadt:

Die Sensation bildete der große Luster aus Murano-Glas von Lobmeyer ausgeführt, der in der Höhe der ersten Galerie hängend zu Beginn des Spieles unter langsamem Verlöschen des Lichtes, sechs Meter zur Decke emporschwebt. Diesen Lüster gibt es heute noch, und es ist ein einmaliger Eindruck, wenn diese schimmernde Murano-Pracht im sich verdunkelnden Zuschauerraum in die Höhe schwebt.

Diane Setterfield – The Thirteenth Tale

The kind of story that looks like real life. Or rather what people imagine real life to be, which is something rather different.

Noch eine Empfehlung aus der Ecke Problems of a book nerd. Wie schwer bin ich dieses Buch reingekommen … es erzählt die Geschichte der Leserin und Schreiberin Margaret Lea, die mit ihrem Vater in dessen Buchhandlung aufwächst und einzig und allein an Büchern Freude findet. Margarete Beziehung zu ihrer Mutter ist zerrüttet. Die Gründe dafür erschließen sich erst Stück für Stück. Am Anfang fühlt sich die Geschichte an wie die verstaubten Regale in der Buchhandlung, in der kaum Leben ist und in der sich Margaret vor der Welt sicher fühlt.

Aus ihrer sicheren Welt wird sie herausgerissen von der Autorin Vida Winter, die Margaret in einem geheimnisvollen Brief zu sich zitiert, damit sie ihre Biografie schreibt. Margaret zögert, findet jedoch in den Büchern von Vida Winter, die sie vorher nicht kannte, Geschichten, die ihr Rätsel aufgeben. Als sie die Autorin kennenlernt, gibt diese ihr nicht weniger zu denken. Margaret ist skeptisch, ob Vida Winter ihr nun die Wahrheit über ihr Leben erzählen wird, denn bisher hat sie für jeden Journalisten eine neue Geschichte ihres Lebens erfunden. Doch schon bald ist die Geschichte er Familie für Margaret interessanter als ihr eigenes Leben.

The mind plays all sorts of tricks, gets up to all kinds of things while we ourselves are slumbering in a white zone that looks for all the world like inattention to the onlooker.

Erst etwa bei der Hälfte hat mich die Geschichte wirklich angefangen zu interessieren. Oben habe ich im Prinzip nur die Einleitung beschrieben. Die Geschichte der Autorin Vida Winter, ihre Kindheit, die Geschichte ihrer Schwester und der anderen Menschen in ihrem Leben ist interessant. Es gelingt auch, die Fäden in die Gegenwart zu spinnen und die Nachkommen sinnvoll mit ihrer Geschichte zu verknüpfen. Aber im Prinzip ist die Vergangenheit das Spannende. Immer wieder wird Mysteriöses angedeutet, da fühlt sich Margaret von einem Schatten verfolgt, da bleibt bis zum Schluss unklar, wie der Brand des Hauses zustande kam und wer daran die Schuld trug. Die Genauigkeit, mit der die Fragen zum Ende hin aufgearbeitet und aufgelöst werden, vermisse ich oft in anderen Romanen, an dieser Stelle war es gegen Ende hin dann fast schon wieder langweilig. Die Protagonistin Margaret Lea hat mich seltsam kalt gelassen. Natürlich liebt sie Bücher, natürlich lieben wir alle Bücher, natürlich können Worte unser Schutzschild sein. Aber deshalb gleich das Leben ungenutzt vorbeiziehen lassen? Es könnte das Extreme sein, das mich abstößt. Das Unausgewogene an Margaret Leas Leben, die Besessenheit von der Geschichte ihrer Auftraggeberin, die sie daran hindert, ein eigenes Leben zu leben. Eine fesselnde Geschichte nonetheless. Kein Favorit für mich. Aber trotzdem. Ein Roman, den man guten Gewissens weiterreichen kann.

Meryle Secrest – Somewhere For Me: A biography of Richard Rodgers

He said years later that he had only to walk into a theatre to find himself in a good mood. „If I’m unhappy,“ he said, „it takes my unhappiness away; if I’m happy, I get happier.“ His granddaughter Nina Beaty said, “He invented a special world. In anything to do with musicals, he lived in full color; the grass was green, the sky was blue, the birds sang and the butterflies flitted about. The real world was black and white to him, and not pretty at all.“

Auch Richard Rodgers Leben bietet ausreichend Anknüpfungspunkte für Mergle Secrest, um eine spannende Lebensgeschichte zu erzählen. Seine Entwicklung zum erfolgreichen Komponisten, seine Zusammenarbeit mit dem zunehmend alkoholabhängigen und unzuverlässigen Lorenz Hart. Nach dessen Tod entwickelt sich die Zusammenarbeit mit Oscar Hammerstein zur erfolgreichsten Arbeitsphase seiner bisherigen Karriere. Mit Oklahoma!, South Pacific und The Sound of Music entsprangen dieser Partnerschaft einige der bekanntesten Musicalklassiker, die auch heute noch beliebt sind.

Doch die Autorin spart auch die privaten Details nicht aus und beleuchtet Rodgers’ Beziehung zu seiner Frau und seinen Kindern und erwähnt auch seine zahlreichen außerehelichen Liebschaften. So ergibt sich ein differenziertes Portrait des bekannten Komponisten, das meine Erwartungen bestens erfüllt hat. Eine Biografin, die ihr Handwerk versteht.

Martin Gregor-Dellin – Richard Wagner

Kugelflower

Wagner ging auf den Fluchtplan ein, und Abraham Müller, dieser wunderliche Königsberger Mephisto, den ein Faustus-Autor in Wagners Lebensgeschichte hineingeschmuggelt zu haben scheint und der daraus alsbald für immer verschwinden wird, reichte ihm noch einmal hilfreich die Hand.

Lebensgeschichten sollten eigentlich eine spannende Materie sein und ich finde es immer wieder interessant, in das Leben eines „echten Menschen“ einzutauchen anstatt in die Gefühlswelten von Romanfiguren. Leider gerät Martin Gregor-Dellins Beschreibung der Lebenswelt Richard Wagners über alle Maßen trocken. Poetische Anwandlungen wie das folgende Zitat mischen sich nur äußerst spärlich in die detaillierte Beschreibung der Lebenswelt des Komponisten.

Die Seligkeit solcher Produktivität spannte ihn wie einen Bogen. Das Bewusstsein zu leben griff so tief in ihn, dass er sich vorkommen musste wie mit leerem Magen vor einer brechend vollen Tafel.

Man fragt sich unvermittelt, wie intensiv der Autor in das Leben des Autors eintauchte. Immer wieder ergibt sich der Eindruck, die Freunde des Komponisten wären ihm schon persönliche Freunde geworden. Zeitgenossen wie Friedrich Nietzsche und Thomas Mann webt er in die Geschichte ein, als würden sie täglich bei ihm zum Kaffee vorbeikommen.

Doch nicht das war das eigentlich Neue am Lohengrin. Wenn Thomas Mann schwärmend von der blau-silbernen Schönheit der Lohengrin-Musik sprach, so bezeichnete er damit unbewusst den Schritt vom Tannhäuser zum Lohengrin: die Entdeckung der Farbe. Wagner erschloss sich die koloristische Dimension der Musik und der Instrumentierung.

Für Gregor-Dellin scheinen nicht nur Wangers musikalische Ergüsse den Maßstab darzustellen. Auch seine Aufzeichnungen zur Gestaltung des Theaters an sich kommen ausführlich zur Sprache. Wagner war offenbar nicht nur ein genialer Komponist sondern gleichfalls ein Bühnen-Perfektionist in einer Art und Weise, die Stanley Kubrick Jahrzehnte später auf seine Filme anwandte. (Kürzlich hörte ich die Anekdote, dass er einen geplanten Film vor seinem Tod nicht mehr drehen konnte, weil er unbedingt mit dem Setting angemessenem Kerzenlicht drehen wollte und es damals keine Kameratechnik gab, die seinen Ansprüchen genügte. Er gab dafür die Entwicklung einer Speziallinse in Auftrag und wollte mit dem Film warten, bis seine Vorstellungen technisch umgesetzt werden konnten.) Auch Wagners Bühnenkonstruktionen dürften die Maßstäbe der damaligen Zeit sowohl in finanzieller Hinsicht als auch in ihrer Dimension gesprengt haben.

Erstaunlich ist nur, wie unbemerkt ihm blieb, dass er die Utopie verfehlte: er schuf gar nicht das Drama der Zukunft, das eine griechische Klassik evoziert, sondern episches Theater. Seine Helden sind nicht eigentlich Dramenfiguren, das unterscheidet ihn sehr von Shakespeare und Verdi.

Und dann finden sich bisweilen auch noch Perlen, die direkt einem Standard-Artikel, der sich mit der experimentellen Inszenierung einer Wagner-Oper beschäftigt, entstammen könnten.

Der große Vergessenmacher seiner selbst erneuerte sich aus dem, was andre längst vergessen hatten, und stellte sich aus den Antagonismen seines Lebens stets wieder her zu lebenden Bildern aus Ästhetik, Philosophie und Politik: zur gefälligen Bedienung. Die dogmatischen Wagnerianer waren desavouiert, bevor sie noch recht Tritt gefasst hatten.

Und ich möchte nicht verhehlen, dass ich angesichts dieses langatmigen Werkes wieder mal Verständnis empfinde für die Internetgeneration, die selten etwas Längeres als durchschnittliche Wikipedia-Artikel liest. Biografien eignen sich wohl kaum als Material für Leseeinsteiger.

Meryl Secrest – Stephen Sondheim: A Life

Taenzer am Meer(c)rob_j_uk/SXC

One of Sondheim’s first acts on joining the Hammerstein househould was to teach Ockie how to play chess. He said, “The first time we played, I taught him the rules and of course I beat him. The second time I beat hime, but not as easily as the first time. The third time I set up something like a two- or three-move-trap, which was as far as I could go, and he started to move a piece, and in chess the rule is you haven’t completed the move until you have actually taken your finger off the piece. He moved a piece forward, and thought about it, and looked at me, and took it back. And then he moved another piece. I said, ‘Gosh, you’re getting good. You saw what I was setting up,’ and he said, ‘No, I heard your heart beating.'”

This book seems more like a piece of fiction than the story of a real American. It seems Meryle Secrest must have spent years doing interviews with people who knew and know him. She did lots of interviews with Sondheim himself. The personal view of the author gives distinction to the story of the famous composer.

A footnote to that is that about ten years ago, when I was in London for some purpose, I had a call from P. L. Travers, who said, ‘Mr. Sondheim, I would like you to adapt Mary Poppins for the stage,’ and I said, ‘Funny you should call, because when I was nineteen years old this is exactly what I did’. She was astonished; I was flattered and astonished.

The small anecdotes – like the one above about Mary Poppins – show a very differentiated character. Meryle Secrest has done a terrific job in combining the episodes to a picture of a very creative but also very insecure man who is questioning himself and his work again and again.

What I’m doing when I’m writing is acting. That’s whay the best playwrights, with the exception of Chekhov and a couple of others, have been actors. And so I’m able to infuse myself. So when I’m writing the sond ‘Finishing the hat’ [from Sunday in the park with George], half of it is writing about what I, Steve, feel, and the other is what Seurat feels. And I’m aware of both going on at the same time. … I think all writers get attracted to stories that resonate in them.

Deutsche Zusammenfassung: Diese Biographie liest sich mehr wie ein Roman als wie die Geschichte eines lebendigen Amerikaners. Meryle Secrest scheint Jahre damit verbracht zu haben, Menschen zu interviewen, die Stephen Sondheim kannten und kennen. Viele Interviews mit Stephen Sondheim selbst geben der Geschichte des Komponisten eine klare Richtung. Die Autorin kombiniert die Episoden zu einem komplizierten Bilder eines kreativen, aber auch unsicheren Mannes, der sich selbst immer wieder hinterfragt.