Morgan Matson – Amy & Roger’s Epic Detour

I knew in that instant the trip had suddenly gotten a lot more complicated.

Das war dann auch der Moment, wo mir klar war, das Ende ist vorhersehbar. Was auch stimmte. Aber der Weg dorthin war einfach magisch. Zufriedenstellend in jeder Hinsicht.

Die Kurzfassung: Amy soll gemeinsam mit Roger, den sie angeblich aus der Kindheit kennt, das Auto ihrer Mutter von Kalifornien nach Connecticut fahren. Amy selbst fährt eines Unfalls wegen nicht Auto. Sie ist nicht begeistert von der Aussicht, vier Tage lang mit einem Unbekannten in einem Auto eingesperrt zu sein. Aber natürlich entwickelt sich alles in eine gute Richtung. Es stellt sich heraus, dass nicht nur Amy mit sich zu kämpfen hat. Ihre Familie ist zerbrochen während Roger an der fehlgeschlagenen Beziehung zu Hadley knabbert.

Strange perfume lingered in the air, things were put in the wrong place, and a few more of the memories that resided in the walls seemed to have vanished.

Amy zweifelt an sich selbst. Ein schönes Symbol ist ihr Zimmer im Haus, das sie nun verlassen soll: die Immobilienmaklerin hat daraus ein Mädchenzimmer gemacht. Amy vergleicht sich mit der Amy! die sie sein könnte. Oder von der sie glaubt, dass sie es eben niemals schaffen wird, so zu sein.

… it seemed like the room had become a version of myself that I would never live up to.

Tatsächlich entdeckt Amy auf der Reise eine andere Version von sich, die sie auch sein könnte. Es ist schön zu lesen, wie sie sich Stück für Stück verändert. Anhand der Menschen, die sie trifft, werden neue Teile von Amy enthüllt, die der Leser noch nicht kennt und sie selbst zu vergessen oder zu verdrängen scheint.

I looked down at all the beautiful things that were suddenly mine and realized that Bronwyn hadn’t given me clothes – she’d taken away my camouflage. She’d made it impossible to keep hiding.

Schaut man genau hin, findet man auch allgemeine Lebensweisheiten (aka Kalendersprüche), die nicht nur in einer Trauerphase helfen, sondern prinzipiell irgendwohin tätowiert gehören. Tomorrow will be better.

Und die Musik … Natürlich brauchen Roger und Amy Musik für ihre Tour durch Amerika. Die Kapitel werden begleitet von Roger’s Playlists und später kommen auch Amys Musicals dazu. Bei jeder Playlist war zumindest ein Song einer mir bekannten (aber im hiesigen Mainstream völlig unbekannten) Band dabei, was mich jedes Mal in quiekenden Jubel ausbrechen ließ. Jack’s Mannequin – Miss California. The All-American Rejects – Drive Away. New Found Glory – Familiar Landscapes. We Are Scientists – Nobody Move, Nobody Get Hurt. Quietdrive – Time after time (nicht meine Lieblingsnummer und schon gar nicht mein Lieblingscover, aber Quietdrive!!!). Fall Out Boy – Sugar, we’re goin’ down (nach dem 4. FOB-Album noch immer ein all-time-favourite). The Fray – Where The Story Ends. Und dann schließlich Amis Musical-Playlist. Wicked. Spring Awakening. Avenue Q. Ich möchte mir bei Gelegenheit noch die kompletten Playlisten anhören, eventuell reiche ich Youtube-Playlists nach (hat das schon jemand gemacht vielleicht? jemand hat!)

Dieser kommt zwar nicht in der Songliste vor, aber als Staatsmotto: Per aspera ad astra. Ein Song von Acceptance, den ich auf Youtube nicht finden konnte. Und außerdem das Staatsmotto von Kansas. Through adversity to the stars. Und offenbar auch der Universität Klagenfurt. Wieder was gelernt.

What I wanted was some kind of guarantee, and he couldn’t give that to me. Nobody could.

Am Ende war ich dermaßen in die Story gefallen, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte und die zweite Hälfte praktisch an einem Tag weggelesen hab. Was mir jetzt fast schon wieder leid tut, weil so gut unterhalten werde ich in nächster Zeit vermutlich nicht mehr. Es kann einfach nicht viele Geschichten geben, die SO gut sind. Ein Kandidat für das Buch des Jahres, möglicherweise bereits das Buch des Sommers.

William McBrien – Cole Porter

Grossmugl Herbst made with CAM+

Be a clown, be a clown,
All the world loves a clown

Dass diese Feststellung aus einem Cole-Porter-Song nicht stimmt, hat mir der Mann bewiesen, der in einem Fast-Food-Restaurant mit Grabesstimme verkündet: „Hoffentlich kommt kein Clown.“

Ähnlich amüsante (und vermutlich weit spannendere) Anekdoten hat auch die Cole-Porter-Biographie von William McBrien zu bieten. Der Autor vertieft sich in die Lebenswelten des populären Komponisten seiner Zeit und lässt auch seine privaten Probleme nicht außer Acht. Das Verhältnis zu seiner Frau Linda – die Ehe mehr eine Freundschaft als eine richtige Ehe –, seine wechselnden Beziehungen zu Männern, seine gesundheitlichen Probleme nach einem Sturz vom Pferd, die schließlich nach Jahren der Schmerzen zum Verlust des Beins führten.

But then, this is not a review for stupid people. Such would not understand the weltschmerz that must have led the writer of those lines to only seem to scoff at Manhattan by calling it a dirty town, while he really was choking back a wave of deep emotion that insisted on finding expression in the use of “dear” and “old”.

McBrien zitiert unter anderem aus den damaligen Kritiken zu Porters Werken, die ich nicht nur wegen der fantasievollen Schreibe der amerikanischen Rezensenten spannend finde, sondern auch wegen dem wiederholten Einwurf von deutschen Worten, die sich in den amerikanischen Sprachgebrauch eingeschlichen haben wie etwa in diesem Beispiel ”Weltschmerz“. Auch der „Zeitgeist“ begegnet uns immer wieder in allen möglichen Zusammenhängen.

He startet writing a song by selecting a title. “From this title I work out the psychology of the tune. Next I write a lyric backwards, and in this way build it up to a climax … if I can’t find a good climactic line I throw out the tune.“

Auch die Arbeitsweise des Komponisten wird thematisiert. Dies ist vor allem für andere Kreative interessant, ich finde es immer wieder spannend, über die Arbeitsweise anderer zu lesen. Die Enthüllung, dass Cole Porter für seine Texte Reimwörterbücher zu Hilfe nahm, überrascht und beruhigt gleichzeitig. Wenn ein großer Komponist wie Cole Porter manchmal Schwierigkeiten hatte, die Teile zusammenzusetzen, kann das dem eigenen Kreativschaffen etwas den Druck nehmen.

The show opened in Philadelphia on December 2, 1948, and underwent scarcely any revisions. Five minutes of the book were cut to make room for extra choruses of “Brush Up Your Shakespeare“. “No rewriting of the libretto or songs; no songs added or dropped; no trying out of songs in different places … It is the only musical in the history of American musicals that can claim this heavenly distinction.

Ein langes Kapitel befasst sich mit dem größten Hit Cole Porters, dem heute noch oft gespielten Kiss Me, Kate. Ich selbst habe in den letzten Jahren drei Inszenierungen dieses Klassikers gesehen und diese scheinen das obige Zitat zu bestätigen. Die deutsche Version „Schlag nach bei Shakespeare“ wird in jeder Inszenierung bis aufs Mark ausgereizt. Ohne die Gangster würde diese Komödie nicht nur nicht funktionieren, sie wäre wohl niemals über eine Off-Broadway-Bühne hinausgekommen. Meine Beobachtungen haben auch ergeben, dass das Publikum bei diesem Stück häufig aus Nostalgiegründen kommt. Kaum jemand kennt die Geschichte nicht, man kommt eher, um die bekannten Melodien wie das auch außerhalb der Musicalwelt weithin bekannte „Wunderbar“ live gespielt und gesungen zu hören und in Erinnerungen zu schwelgen. Kein anderes Cole-Porter-Musical hat einen ähnlichen Klassiker-Status erreicht, am häufigsten kann man im deutschsprachigen Raum noch Anything Goes sehen.

Really, until Rodgers and Hammerstein, if you had to change a scene, a girl could come out in front of the curtain and sing anything or dance anything … Porter created all of his songs to spring naturally out of the book.

Cole Porter liebte das Theater. Er schuf nicht nur fantastische Melodien, die heute noch verzaubern sondern veränderte mit seinen Werken auch die Musicalwelt an sich. Es wäre zu hoffen, dass heutige Intendanten sich ein Beispiel nehmen und einige seiner weniger bekannten Werke wieder ausgraben und ihnen so zu neuem Leben verhelfen. Nicht, dass My Fair Lady ein schlechtes Stück wäre. Aber es braucht auch mutige Theatermacher, die den Beweis antreten, dass das Musical auch abseits der ausgetretenen Pfade spannende Stücke und Melodien zu bieten hat. Cole Porters unbekannte Werke wiederzuentdecken, wäre da auch einmal ein spannender Ansatz.

Am Rande: ein interessantes Phänomen des Kindle Books zeigt sich hier erstmals: der Autor hat seine Quellen ausführlich dokumentiert, in einem Papierbuch werden diese Quellen üblicherweise mit kleiner Schrift am Ende des Buches zusammengepfercht. Da dürfte beim Umwandeln ins eBook-Format wohl etwas schief gegangen sein, denn die Quellenangaben im eBook umfassen die letzten 20% des Buchs.

Martin Gregor-Dellin – Richard Wagner

Kugelflower

Wagner ging auf den Fluchtplan ein, und Abraham Müller, dieser wunderliche Königsberger Mephisto, den ein Faustus-Autor in Wagners Lebensgeschichte hineingeschmuggelt zu haben scheint und der daraus alsbald für immer verschwinden wird, reichte ihm noch einmal hilfreich die Hand.

Lebensgeschichten sollten eigentlich eine spannende Materie sein und ich finde es immer wieder interessant, in das Leben eines „echten Menschen“ einzutauchen anstatt in die Gefühlswelten von Romanfiguren. Leider gerät Martin Gregor-Dellins Beschreibung der Lebenswelt Richard Wagners über alle Maßen trocken. Poetische Anwandlungen wie das folgende Zitat mischen sich nur äußerst spärlich in die detaillierte Beschreibung der Lebenswelt des Komponisten.

Die Seligkeit solcher Produktivität spannte ihn wie einen Bogen. Das Bewusstsein zu leben griff so tief in ihn, dass er sich vorkommen musste wie mit leerem Magen vor einer brechend vollen Tafel.

Man fragt sich unvermittelt, wie intensiv der Autor in das Leben des Autors eintauchte. Immer wieder ergibt sich der Eindruck, die Freunde des Komponisten wären ihm schon persönliche Freunde geworden. Zeitgenossen wie Friedrich Nietzsche und Thomas Mann webt er in die Geschichte ein, als würden sie täglich bei ihm zum Kaffee vorbeikommen.

Doch nicht das war das eigentlich Neue am Lohengrin. Wenn Thomas Mann schwärmend von der blau-silbernen Schönheit der Lohengrin-Musik sprach, so bezeichnete er damit unbewusst den Schritt vom Tannhäuser zum Lohengrin: die Entdeckung der Farbe. Wagner erschloss sich die koloristische Dimension der Musik und der Instrumentierung.

Für Gregor-Dellin scheinen nicht nur Wangers musikalische Ergüsse den Maßstab darzustellen. Auch seine Aufzeichnungen zur Gestaltung des Theaters an sich kommen ausführlich zur Sprache. Wagner war offenbar nicht nur ein genialer Komponist sondern gleichfalls ein Bühnen-Perfektionist in einer Art und Weise, die Stanley Kubrick Jahrzehnte später auf seine Filme anwandte. (Kürzlich hörte ich die Anekdote, dass er einen geplanten Film vor seinem Tod nicht mehr drehen konnte, weil er unbedingt mit dem Setting angemessenem Kerzenlicht drehen wollte und es damals keine Kameratechnik gab, die seinen Ansprüchen genügte. Er gab dafür die Entwicklung einer Speziallinse in Auftrag und wollte mit dem Film warten, bis seine Vorstellungen technisch umgesetzt werden konnten.) Auch Wagners Bühnenkonstruktionen dürften die Maßstäbe der damaligen Zeit sowohl in finanzieller Hinsicht als auch in ihrer Dimension gesprengt haben.

Erstaunlich ist nur, wie unbemerkt ihm blieb, dass er die Utopie verfehlte: er schuf gar nicht das Drama der Zukunft, das eine griechische Klassik evoziert, sondern episches Theater. Seine Helden sind nicht eigentlich Dramenfiguren, das unterscheidet ihn sehr von Shakespeare und Verdi.

Und dann finden sich bisweilen auch noch Perlen, die direkt einem Standard-Artikel, der sich mit der experimentellen Inszenierung einer Wagner-Oper beschäftigt, entstammen könnten.

Der große Vergessenmacher seiner selbst erneuerte sich aus dem, was andre längst vergessen hatten, und stellte sich aus den Antagonismen seines Lebens stets wieder her zu lebenden Bildern aus Ästhetik, Philosophie und Politik: zur gefälligen Bedienung. Die dogmatischen Wagnerianer waren desavouiert, bevor sie noch recht Tritt gefasst hatten.

Und ich möchte nicht verhehlen, dass ich angesichts dieses langatmigen Werkes wieder mal Verständnis empfinde für die Internetgeneration, die selten etwas Längeres als durchschnittliche Wikipedia-Artikel liest. Biografien eignen sich wohl kaum als Material für Leseeinsteiger.

Eric-Emmanuel Schmitt – Mein Leben mit Mozart

Salzburg(c)michaelaw/SXC

Man verlässt nicht einfach eine Welt, auf der man so wunderbare Dinge hören kann, man bringt sich nicht so einfach um auf einer Erde, die solche und andere ähnliche Früchte hervorbringt.

Eric Emmanuel-Schmitt begleitet mich schon länger und auch mit diesem dünnen Band trifft er wieder mitten ins Herz. Er beschreibt in Briefform, wie Mozart ihm durch schwierige Momente seines Lebens geholfen hat. Er beschreibt hingebungsvoll seine Liebe zur Musik, speziell zur Musik von Mozart und wie sie sein Leben immer wieder in positiver Weise beeinflusst hat.

Dass Musik einem das Leben erleichtern kann, dürfte außer Frage stehen, auch, dass uns Musik in schwierigen Situationen wie ein Freund zur Seite steht, möchte ich einfach mal behaupten. Natürlich muss man sich heute die Frage stellen, welche Musik noch die Qualität erreichen kann, die es dazu braucht. Kann das „Getöse“, das sich so viele Jugendliche täglich in die Ohren dröhnen, auch eine derartige Funktion erfüllen? Oder dient sie nur dazu, sich von der Umwelt abzuschotten? Die wenigsten von uns haben die Zeit, sich hinzusetzen und ohne Ablenkung einer Oper oder einem Klavierkonzert zu lauschen.

Aber trotzdem habe ich selbst immer wieder das Gefühl, dass Musik unser Leben besser macht. Wenn man einen Song hört, der einen aus der Arbeit herausreißt, der die Seele dermaßen anspricht, dass die Musik sich vom Hintergrund in den Vordergrund des Bewusstseins drängt. Und das muss jetzt nicht Mozart sein. Mein aktueller Favourite: das neue Yellowcard-Album When you’re through thinking, say yes. Anspieltipp: Soundtrack.

Was ich da höre, ist kein Instrument, es ist das Erbeben einer Seele. Die Stimme eines Kindes übertönt allen Lärm und alles Getöse der Welt. Sie ist es. Die Frau, die ich geliebt habe, ist mit ihrem zarten Gesicht und ihren leuchtenden Augen mit einem Mal wieder gegenwärtig. Sie sieht mich liebevoll an. So finden wir einander wieder.

Tony Parsons – Als wir unsterblich waren

Rock(c)Friedrich Hillenbrand/PIXELIO

„Ja, schon gut“, sagte sie. „Aber hey, es wäre so wie in On the Road. Sal Paradise und Dean Moriarty, du weißt schon.“ Sie dachte, dass ihn das überzeugen würde. Sie wusste, wie sehr er dieses Buch liebte.

Tony Parsons entpuppt sich überraschenderweise als Multitalent. Hier entfaltet sich ein Punk Rock Epos, das die Geschichte dreier Freunde erzählt, deren Leben sich in einer Nacht vollkommen verändert. Als die Nacht (des 16. August 1977, die Nachricht von Elvis Tod verbreitet sich wie ein Lauffeuer) beginnt, arbeiten alle drei bei The Paper und haben mit ihrem Leben weiter nichts vor, als von Party zu Party zu ziehen und den rivalisierenden Jugendgruppen aus dem Weg zu gehen, die hinter ihnen her sind, um sie zu verprügeln. Trotz allem kennen diese Musikkritiker nicht nur die neue Musik, sondern können sich (auf Speed) sogar für eine Puccini-Arie begeistern.

Aber irgendwas in dem über die Ruinen wehenden Puccini sagte Terry, dass er sie wollte und nur sie die eine war und er nur diese eine wollte. Er stand auf und gesellte sich zu seinen Freunden am Fenster. „Es ist die Arie aus Madame Butterfly“, sagte Leon. „Es geht um dieses japanische Mädchen und wie sie sich in diesen Amerikaner verliebt, einen Kapitän oder so – keine Ahnung. Er fährt dann zurück in seine Heimat und heiratet eine andere. Aber sie liebt ihn noch. Und sie sagt, dass ihre Liebe eines schönen Tages zurückkommen wird.“

Drogenverherrlichung findet natürlich in gewisser Weise statt, es entspricht dem Zeitgeist, eine solche Geschichte kann ohne Drogen schwerlich auskommen. Auf unaufdringliche Weise gelingt es Parsons jedoch auch, zu zeigen, dass Drogen unweigerlich zum Absturz führen und man sich an einem Punkt entscheiden muss, sein Leben zu ändern. Dies zeigt sich eindrucksvoll an den drei Protagonisten Ray, Terry und Leon, die sich letztendlich für neue Wege entscheiden.

Doch als er über die Kampfzonen blickte, die sich rund um die Dogs auftaten, und er all die Tage und Nächte ohne Schlaf auf sich lasten spürte, war es unmöglich, etwas anderes zu empfinden als eine Art erschöpfter Melancholie.

Während Terry und Leon dem jeweiligen perfekten Mädchen hinterherjagen, steht Ray vor der Aufgabe, noch in dieser Nacht John Lennon zu interviewen oder sein bisheriges Leben als Journalist bei The Paper geht den Bach runter. Das Happy End lässt sich im Gefühl zwar bereits frühzeitig erahnen, wie es sich jedoch letztendlich ergibt und dass Terry in dieser Angelegenheit zum Deus ex machina wird, der nicht nur seine eigenen Probleme in neue Bahnen lenkt sondern damit auch Ray zum großen Erfolg verhilft, ist eine schöne Wendung, die den Leser zu frieden zurücklässt. Auch Leon landet am Ende bei Jack Kerouac (der obige Absatz bezog sich auf Terry, der sich letztendlich zu einem neuen Leben gezwungen sieht). Leon erkennt auf die scheinbar schwerste und doch auch einfachste Weise, dass sein Leben so nicht weitergehen kann und es Zeit wird, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Es waren die letzten Tage des Trampens. Lastwagenfahrer und Vertreter, die noch nie von Jack Kerouac oder On the Road gehört hatten, nahmen einen jungen Mann ohne Geld und mit rausgestrecktem Daumen schon mal mit, uns sei’s nur, um ein wenig Gesellschaft zu haben oder um etwas Gutes zu tun in einer schlechten Welt.

Ein wehmütiges und doch hoffnungsvolles Portrait des Erwachsenwerdens.

Fußnote: Der englische Titel „Stories we could tell“ trifft es meines Erachtens viel besser

Weitere Informationen: Tony Parsons Kolumne beim Daily MirrorRezension der Süddeutsche Zeitung

John Robb – Punk Rock

Gitarre(c)OliverHaja/PIXELIO

Unsere Generation war glücklich: Wir sahen die Welt so, wie sie war. Das öffnete uns die Augen. Wir sangen über das Bedürfnis, da rauszukommen, frei von Unterdrückung zu sein. Wir waren in der Lage, uns selbst auszudrücken und nahmen uns von überall Isnpiration – alles, was sich zu der Zeit abspielte, war miteinander verbunden.

Obwohl ich die Generation Punk Rock selbst bei weitem verpasst habe, fand ich diese Chronik des Punk Rock, die John Robb mit viel Gefühl fürs Wesentliche zusammengestellt hat, sowohl interessant als auch inspirierend. Er hat sich die Mühe gemacht, mit allen Protagonisten des Genres zu sprechen, die noch am Leben sind und die er ausfindig machen konnte. Und das sind ziemlich viele.

So wird das Buch zu einem ziemlichen Wälzer, wenige Schwarz-Weiß-Abbildungen lockern die Collage aus Interviewschnipseln auf. Oft genug verliert der Leser, der nicht alle Beteiligten aus eigener Erfahrung zumindest aus den Medien kennt, etwas den Überblick, zu welcher Band die Befragten gehören, wird nur beim ersten Auftauchen des Namens erwähnt, die Menge an Namen muss man sich mal merken können. Noch dazu wo die Bandmitglieder durchaus auch mal die Band wechseln, neu gründen, neu benennen und / oder sich mit anderen Musikern zusammentun.

Was bleibt, ist eine spannende Collage einer Umbruchsphase, die sowohl im musikalischen Bereich als auch im Style und in der Jugendkultur im Allgemeinen viele neue Impulse hervorbrachte. Gleichzeitig können die damaligen Bands und Stilikonen als Wegbereiter für die heutigen Punk-, Post-Punk- und Alternative-Rock-Bands gelten. Auch die Freiheiten der heutigen Jugend basieren zum Teil auf dem Kampf um Individualität, den die Jugendlichen damals führten.

Speziell für mich interessant war auch die Geschichte vom letzten Konzert der Sex Pistols mit Glen Matlock, das im Paradiso in Amsterdam stattfand. Dort habe ich im September ein großartiges Lifehouse-Konzert besucht und auch die Location ist heute noch ein sehr besonderer Veranstaltungsort für Konzerte, der Punk-Spirit scheint dort noch zu leben, auch wenn die Konzerte heute zweifellos zivilisierter ablaufen als damals. In Amsterdam werden nicht mal die Taschen der Konzertbesucher auf Waffen überprüft, keinerlei Kontrollen (mit Ausnahme des Tickets) sind notwendig.

Und fürs Protokoll – nochmal Jack Kerouac (sichtlich sehr populär in Amerika, auch in der Punk Rock Generation):
Meine Eltern wünschten, ich würde der Leiter von IBM werden; stattdessen bekam ich einen Job, in dem ich Autos hin- und herkutschierte. Keine Ahnung, ob das von Bernies Einfluss herrührte oder ob ich gerade „On the road“ gelesen hatte – aber ich hatte einen Job, wo ich Autos beförderte und parkte. Dabei konnte ich in Lederjacke und mit schwarzer Sonnenbrille rumlaufen und Autos parken wie Neal Cassady. (Tony James)

Rob Sheffield – Love is a mix tape

Tape(c)me, myself and I/PIXELIO

Falling in love with Renée was not the kind of thing you walk away from in one piece. I had no chance. She put a hitch in my git-along. She would wake up in the middle of the night and say things like “What if Bad Bad Leroy Brown was a girl?” or “Why don’t they have commercials for salt like they do for milk?” Then she would fall back to sleep, while I would lie awake and give thanks for this alien creature beside whom I rested.

This might be the saddest love story ever told. But it might also be the a great illusion. It’s easy to idealize a person that’s no longer with us, in fact it’s the only thing you can do.

As far as mix tapes go, “Big Star: For Renée” is totally unimaginative. It’s basically just one complete album on each side of a tape. But this is the tape that changed everything.

Everybody wants to find a love like that. Nobody wants to loose it. Just go read this love story and listen to Wavorly: A Summer’s Song.

She had more energy than anybody I’d ever met. She was in love with the world. She was warm and loud and impulsive. One day, she announced she had found the guitar of her dreams at a local junk shop. I said, “You don’t even play the guitar.”

And Don’t Stop Believing.

Olaf Jubin – Entertainment in der Kritik

TimesSquare(c)TiM-Caspary/PIXELIO

„Die Erfahrung, dass ein persönlich empfundenes Schicksal mit dem Schicksal anderer Menschen übereinstimmt, hat etwas Tröstliches. Es lindert den Druck, den wir immer dann spüren, wenn wir meinen, mit unseren Erfahrungen ganz allein zu sein. Die kommunizierende Kraft des Theaters hebt das Gefühl, ein isoliertes Schicksal zu erleiden, weitgehend auf.“ (Hans Joachim Schäfer)

1.152 Seiten. Dreieinhalb Jahre. Den Großteil dieser Zeit ist dieses Werk natürlich halb gelesen irgendwo in der Wohnung herumgegammelt, weil mich die Trockenheit dieser Untersuchung teilweise wirklich körperlich niedergeschlagen hat. Als Abendlektüre vor dem Schlafengehen eignet sich eine Studie zum Thema Musicalkritiken natürlich ebensowenig als wie zur Unterhaltung an einem lauen Sommerabend. Daher habe ich wie gesagt seit März 2007 kontinuierlich an diesem Werk gelesen und für den zweiten Teil habe ich nicht mal mehr so lange gebraucht (was möglicherweise an den Tabellen der Auswertung lag, die ich mir nicht alle im Detail angesehen habe).

Olaf Jubin ist mit dem Genre Musical sichtlich innig verbunden. Jedem Kapital stellt er den Titel eines Musicalsongs zur Überschrift. Das klingt jetzt nicht so gigantisch, wenn man sich jedoch vor Augen führt, dass seine Überschriften oft bis zur siebten oder achten Ebene gehen und er in den Quellenangaben akribisch Songtitel, Stück, Komponist und Lyricist aufführt, so kann man da schon mal Anerkennung zollen.

Als ganz großen Kritikpunkt muss ich die übertriebene Wertlegung auf gender-neutrale Berufsbezeichnungen anführen. Nach meiner Meinung kann man sich auch als Frau als Journalist oder Mitarbeiter angesprochen fühlen und die Beeinträchtigung des Leseflusses stört mich hier vielmehr als eine möglicherweise fehlende weibliche Berufsbezeichnung. Die letzten 50 Seiten des Werkes wären möglicherweise weggefallen (was wiederum Papier sparte), hätte man sich solche Orgien erspart:

Wenn er/sie allerdings nicht gerade die Finanzierung eines Stückes in Angriff nimmt, reduziert selbst ein(e) etablierte(r) ProduzentIn weitestgehend seinen/ihren Mitarbeiterstab und zwar auf eine(n) GeschäftsführerIn, eine(n) Assistenten/Assistentin und eine(n) LektorIn, der/die nach potentiellen Stücken Ausschau hält.

Im ersten Band erläutert Olaf Jubin erst das Genre und dann die beiden zu untersuchenden Komponisten. Dabei stellt er allerhand interessante Überlegungen zum Thema an und wirft geradezu mit Fachwissen und Recherchen um sich.

Das Genre erzielt also Komplexität durch das Zusammenspiel seiner verschiedenen Bestandteile, von denen jeder für sich genommen – und das gilt besonders für das Buch – diese Eigenschaft nur bedingt aufweisen kann: „Simple characters in a musical book can be full and memorable because they have the richness of music, song, and dance to make them alive in performance.“

Aus meiner Erfahrung war ich eigentlich seit langem der Ansicht, dass ein Musical nicht wirklich gut werden kann, wenn die zugrunde liegende Geschichte nicht passt. Hier wird jedoch die These geäußert, dass die Charaktere erst durch das Zusammenspiel aus Tanz und Gesang Komplexität gewinnen. In weiterer Folge wird auch erläutert, dass Uneinigkeit darüber herrscht, ob Musiknummern die Handlung weitertreiben sollen. Brechen die Charaktere überleitungsfrei in Gesang aus, scheinbar ohne einen Anlass, ist das immer wieder Anlass zur Kritik und ergibt im Allgemeinen einen Bruch der Handlung. Andere Journalisten wiederum erwarten Gesang und Geschichte getrennt. Als Überbegriff wird der Begriff „book trouble“ eingeführt:

Aaron Frankel erläutert, dass darunter in erster Linie ein wie auch immer gearteter Bruch zwischen Dialogstellen und Musiknummern gemeint ist: „,Book trouble’ only means that the elements not put to music fail in craft or in imagination to match those which are. The drop from one energy level to the other shows through.“

In weiterer Folge stellt Olaf Jubin im ersten Band die zu besprechenden Komponisten Stephen Sondheim und Andrew Lloyd Webber vor und wirft einen detaillierten Blick auf deren Karriere bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Werkes (2003, heute also schon etwas angestaubt).

Der zweite Band beschäftigt sich dann mit der intensiven Untersuchung der Kritiken zu Werken von Sondheim und Lloyd Webber. Dabei widmet sich der Autor sehr detailliert den Fragen der Inhalte der Kritiken beispielsweise welche Mitwirkende genannt werden, werden diese bewertet, wie wird das Werk selbst bewertet, welchen Mitwirkenden wird die größte Wichtigkeit beigemessen und vieles mehr. Ins Auge fällt immer wieder, dass Olaf Jubin mit dem Fachwissen der deutschsprachigen Journalisten zum Thema Musical ganz und gar nicht zufrieden ist. Bemerkungen wie diese fallen öfter:

Die wenigen konkreten Gegenüberstellungen beschränken sich zudem auf lediglich vier der insgesamt 19 Sondheim-Musicals im Sample, und diese vier waren alle in Deutschland oder Österreich zu sehen, während Verweise auf Werke des amerikanischen Komponisten, die bislang nur am Broadway und/oder im West End gespielt wurden, völlig unterbleiben. Derartige Verweise würden größeres Fachwissen erfordern, als die meisten deutschsprachigen RezensentInnen mitbringen.

Hier kann ich natürlich nicht umhin, anzumerken, dass Olaf Jubin die Arbeitsbedingungen der deutschsprachigen MusicaljournalistInnen sichtlich nicht bekannt sind. Um Werke von Stephen Sondheim, die in Europa bisher nicht zur Aufführung kamen, zu sehen, bleibt dann wohl nur eine regelmäßige Reise nach New York, was die meisten Arbeitgeber wohl kaum finanzieren werden und vor allem für den freien Journalisten, der seine Reisen selbst finanzieren muss, nicht machbar ist. In den Tageszeitungen gibt es überdies selten Journalisten, die sich nur mit dem Thema Musical beschäftigen. Da diese auch Fachwissen zu anderen Theatergattungen besitzen müssen, kann man ihnen wohl kaum mangelndes Fachwissen in diesem speziellen Bereich zum Vorwurf machen.

Gerade für Journalisten aus diesem Bereich stellt dieses Werk trotzdem eine interessante Betrachtung der eigenen Arbeit dar. Man hinterfragt möglicherweise seine eigenen Strukturen, die sich im Laufe der Jahre der Arbeit von selbst ergeben. Ist dem Komponisten mehr Bedeutung einzuräumen als dem Textdichter? Gerade im deutschsprachigen Raum hat man es außerdem oft mit Übersetzungen zu tun, wo man sich vielleicht öfter die Mühe machen sollte, das Originallibretto intensiver mit dem deutschen Text zu vergleichen. Aus Zeitgründen ist dies leider allzu oft nicht möglich. In jedem Fall muss der Leser auf 1.152 Seiten irgend etwas finden, was ihm zur Fortbildung gereicht, man sollte sich jedoch darauf gefasst machen, bisweilen etwas Flüssigkeit zum Begießen vorrätig zu halten, damit die Trockenheit nicht allzu sehr staubt.

Meryl Secrest – Stephen Sondheim: A Life

Taenzer am Meer(c)rob_j_uk/SXC

One of Sondheim’s first acts on joining the Hammerstein househould was to teach Ockie how to play chess. He said, “The first time we played, I taught him the rules and of course I beat him. The second time I beat hime, but not as easily as the first time. The third time I set up something like a two- or three-move-trap, which was as far as I could go, and he started to move a piece, and in chess the rule is you haven’t completed the move until you have actually taken your finger off the piece. He moved a piece forward, and thought about it, and looked at me, and took it back. And then he moved another piece. I said, ‘Gosh, you’re getting good. You saw what I was setting up,’ and he said, ‘No, I heard your heart beating.'”

This book seems more like a piece of fiction than the story of a real American. It seems Meryle Secrest must have spent years doing interviews with people who knew and know him. She did lots of interviews with Sondheim himself. The personal view of the author gives distinction to the story of the famous composer.

A footnote to that is that about ten years ago, when I was in London for some purpose, I had a call from P. L. Travers, who said, ‘Mr. Sondheim, I would like you to adapt Mary Poppins for the stage,’ and I said, ‘Funny you should call, because when I was nineteen years old this is exactly what I did’. She was astonished; I was flattered and astonished.

The small anecdotes – like the one above about Mary Poppins – show a very differentiated character. Meryle Secrest has done a terrific job in combining the episodes to a picture of a very creative but also very insecure man who is questioning himself and his work again and again.

What I’m doing when I’m writing is acting. That’s whay the best playwrights, with the exception of Chekhov and a couple of others, have been actors. And so I’m able to infuse myself. So when I’m writing the sond ‘Finishing the hat’ [from Sunday in the park with George], half of it is writing about what I, Steve, feel, and the other is what Seurat feels. And I’m aware of both going on at the same time. … I think all writers get attracted to stories that resonate in them.

Deutsche Zusammenfassung: Diese Biographie liest sich mehr wie ein Roman als wie die Geschichte eines lebendigen Amerikaners. Meryle Secrest scheint Jahre damit verbracht zu haben, Menschen zu interviewen, die Stephen Sondheim kannten und kennen. Viele Interviews mit Stephen Sondheim selbst geben der Geschichte des Komponisten eine klare Richtung. Die Autorin kombiniert die Episoden zu einem komplizierten Bilder eines kreativen, aber auch unsicheren Mannes, der sich selbst immer wieder hinterfragt.

Tom Reynolds – I Hate Myself And Want To Die

Ist «Hold My Hand» für die meisten Musikfans eine Art sündige Schlemmerei, als würde man im vegetarischen Restaurant einen Big Mac bestellen, stürzten bei den meisten Leuten die Serotoninwerte in den Keller wie abgeschossene Tontauben, als «Let Her Cry» ins Radio kam und das protzige Musikvideo dazu bei MTV lief (damals, als bei MTV noch Musikvideos liefen).
Let Her Cry – Hootie & the Blowfisch

Meine Theorie: Frauen fühlen sich betrogen oder klagen, während Männer einfach nur so schnell wie möglich Schluss machen wollen. Frauen weben zarte Netze poetischer Leidenschaft, mit der sie das Publikum in den Bann zu schlagen hoffen, während Männer sich auf einfache Urteile verlassen, die sogar ihr Hund verstehen würde.
Brick – Ben Folds Five

Eigentlich ist dem kaum etwas hinzuzufügen. Eine Sammlung tatsächlich deprimierender Songs, wobei ich auch zugeben muss, dass ich nur die wenigsten kannte, weil die meisten davon lange vor meiner Geburt veröffentlicht wurden und möglicherweise in Mitteleuropa überhaupt nie den Bekanntheitsgrad erreicht haben, den sie in Amerika hatten.

Trotzdem handelt es sich bei diesem Werk um ein amüsant geschriebenes Buch, das einen trotz des deprimierenden Themas (:-) durchaus streckenweise durch seine trockene Betrachtungsweise erheitern kann. Man sollte halt nicht in die Luft gehn, wenn einer der eigenen Lieblingssongs in Grund und Boden gestampt wird. Und ich mag halt Evanescence, Nine Inch Nails und Bonnie Tyler!