Alexandra Tabor – Minigolf Paradiso

Wer Kobolde heraufbeschwört, darf sich nicht wundern, wenn ein kleiner Metal-Troll dabei rausspringt.

Einer meiner liebsten Unterhaltungspodcasts ist Die Wrintheit von Holger Klein und Alexandra Tobor. Sehr gut unterhalten hat mich dann auch Alexandra Tobors zweiter Roman Minigolf Paradiso. Seit Langem habe ich mal wieder ein Buch gekauft, nur um der Autorin mal extra etwas zurückzugeben für die vielen unterhaltsamen Stunden.

Die Geschichte ist ein wilder Road Trip mit allerlei Irrungen und Wirrungen. Die jugendliche Malina hadert mit ihrer Mutter, die die polnische Herkunft verleugnet und die Familiengeschichte unter den Teppich kehrt. Als die Eltern auf Urlaub fahren, entdeckt Malina auf einer alten Videokassette einen Hinweis auf den möglichen Aufenthaltsort des totgeglaubten Großvaters. Mangels anderer Verpflichtungen macht sie sich auf, die Familiengeschichte selbst aufzudecken und etwas über ihre Herkunft herauszufinden. Auf der Reise trifft sie Elvis, riesige Plüschbären, Metal-Trolle, verständnisvolle Nonnen und zuletzt auch den Cousin, mit dem sie als Kind vor dem Auswandern gespielt haben soll.

Truth be told: Am meisten Spaß dürften diejenigen mit diesem Buch haben, die jetzt Mitte 30 sind und ihre Jugend in den 90er-Jahren verlebt haben. Das Buch ist gespickt mit Trivia aus der Zeit, die im Betreuten Lesen noch zusätzlich mit weiteren Details ergänzt werden. Bei mir hat der Nostalgiefaktor voll eingeschlagen und in Kombination mit dem flüssigen, originellen Schreibstil liest sich das Buch wie eine Tafel Trauben-Nuss-Schokolade. Empfehlung!

„Dann weißt du ja, dass es manchmal besser ist, irgendwas zu wissen, als gar nichts. Ganz egal, ob es stimmt oder nicht. Das Leben ist zufällig und chaotisch. So etwas wie einen Sinn gibt es nicht. Aber das ist eine sehr grausame Erkenntnis. Sie kann uns in den Wahnsinn treiben. Wenn ich den Leuten Sagen erzähle, die sie mir ihren Ahnen verbinden, gebe ich ihnen ein kleines Stück Kontrolle über ihr Leben zurück.“

Astrid Rosenfeld – Adams Erbe

„Adam, wie könnte mich das langweilen? Das sind die Momente, die zählen. Davon hat man immer nur eine Handvoll.“

Was wie eine scheinbar harmlose Familiengeschichte beginnt, entpuppt sich langsam als Blick auf die Schrecken der Nazizeit. Doch Hauptthema ist stets die Liebe. Wir lernen erst Edward Cohen kennen, seine Mutter, seine Großmutter Lara, die uns später in der Rückblende als resolute junge Frau begegnen wird. Ein faszinierender Kunstgriff, den Menschen, den man schon als Großmutter kennt, plötzlich als jungen Menschen beschrieben zu sehen. Diese Großmutter Lara erkennt in Edward stets die Ähnlichkeit zu seinem Großonkel Adam, dessen Schicksal Großvater Moses niemals verwinden konnte. Edward wächst im Schatten dieser Ähnlichkeit auf, doch niemand erzählt Edward die Geschichte dieses Adam. Nach dem Tod der Großmutter findet Edward ein Buch, das Licht auf Adams Geschichte wirft.

Hitler war die Sphinx unter unseren Nazis. Seine schwammigen Gesichtszüge schienen sich jeder Deutung zu entziehen. Wir hatten mittlerweile zumindest eine Theorie über den Führer aufgestellt. Wir waren uns sicher, dass er heimlich trank, obwohl immer behauptet wurde, dass er wie ein Asket lebte.

Auch Adam hat eine resolute Großmutter, Edda, die ihm nicht nur beibringt, in den Gesichtern der Leute zu lesen, um so festzustellen, ob man ihnen vertrauen kann. Nein, Edda ist Adams Hauptbezugsperson, denn seine Mutter weint stets um die toten Männer, erst Adams Vater, der gebrochen aus dem Krieg zurückgekehrt ist, dann den Doktor, der sie verlässt, bevor die Schrecken der Nazizeit tatsächlich beginnen. Edda ist es auch, die Adam schließlich die Flucht nach Polen ermöglicht. Denn Adam sucht Anna, in die er verliebt ist und die nach Polen deportiert wurde. Seine Familie hingegen plant die Emigration nach London.

Wie nimmt man Abschied von einer Dame mit Blau-schwarzen Haaren, die einen die Freiheit gelehrt hat? Wie sagt man adieu zu einer Frau in rotem Samt, die einen blutrünstigen Tyrannen in einen komischen Säufer verwandeln kann?

Adams Geschichte führt ihn nach Polen, wo er als Rosenzüchter seine jüdische Herkunft verbergen muss. Die Suche nach Anna bleibt vorerst erfolglos. Doch Adams gesamtes Leben ist nur von der Suche nach Anna beherrscht. Obwohl er sie schon so lange nicht mehr gesehen hat, bleibt Annas Leben sein einziges Ziel. Immer wieder muss er von seiner Liebe erzählen, den ein anderes Leben kennt er nicht. Zuletzt führt ihn die Suche nach Anna ins Warschauer Ghetto, ein Schicksal, dessen Ende man sich denken kann. Der Autorin gelingt es dabei, so eindrückliche Bilder zu schaffen. Das Findelkind Herakles hat noch nie in seinem Leben eine echte Blume gesehen und will Adam nicht glauben, dass Blumen nicht aus Papier sind. „Du bist verrückt.“ Er kennt nur die Realität des Ghettos und wird zeit seines Lebens die Wunder der Welt niemals sehen.

Auch wenn Adams Geschichte zu keinem Happy End führt, so führen doch die letzten leuchtenden Seiten die Liebesgeschichte zu einem versöhnlichen Ende. Denn Adam hat sein Leben der Liebe gewidmet. Und auch wenn er es nicht weiß, hat er auf seine Art alles richtig gemacht.